Herr Gott, dich loben wir

BWV 016 // zum Neujahr

für Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II, Oboe da caccia, Corno da caccia, Streicher und Basso continuo

Ein Gotteslob zum Jahresbeginn sollte stets in gemessener Dankbarkeit zurückblicken und zugleich hoffnungsvoll bittend nach vorne schauen. Bachs vor fast genau 300 Jahren im Januar 1726 uraufgeführte Kantate BWV 16 macht dies mit einem doppelten Eingangschor musikalisch erlebbar: Eine kraftvoll-archaische Vertonung des deutschen Te Deum «Herr Gott, dich loben wir» wird von der Tutti-Arie «Laßt uns jauchzen» abgelöst, die im tänzerischen Rundgesang der Stimmen und Instrumente beschwingte Zuversicht ausstrahlt. Eindringliche Rezitative und eine apart instrumentierte Tenorarie bitten dann in Jesu Namen um Frieden, Seelenruhe, guten Regen und alles, was Mensch, Land und Gemeinde sonst noch brauchen.

Das Werk im Kirchenjahr

Perikopen zum Sonntag

Perikopen sind die biblischen Lesungen zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr, für die J. S. Bach komponierte. Weitere Infos zu Perikopen

Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. Meine Seele soll sich rühmen des Herrn, dass es die Elenden hören und sich freuen. Preiset mit mir den Herrn und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen.

Ehe denn aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben, der da sollte offenbart werden. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christum, dass wir durch den Glauben gerecht würden. Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister. Denn siehe auch unter Ratswechsel ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christum Jesum. Denn wie viel euer auf Christum getauft sind, die haben Christum angezogen. Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu. Seid ihr aber Christi, so seid ihr ja Abrahams Same und nach der Verheissung Erben.

Und da acht Tage um waren, dass das Kind beschnitten würde, da ward sein Name genannt Jesus, welcher genannt war von dem Engel, ehe denn er im Mutterleibe empfangen ward.

Video

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Alt/Altus
Annekathrin Laabs

Tenor
Florian Sievers

Bass
Matthias Helm

Chor

Sopran
Lia Andres, Noëmi Sohn Nad, Simone Schwark, Susanne Seitter, Noëmi Tran-Rediger, Mirjam Wernli

Alt
Anne Bierwirth, Antonia Frey, Alexandra Rawohl, Jan Thomer, Lisa Weiss

Tenor
Clemens Flämig, Zacharie Fogal, Christian Rathgeber, Sören Richter

Bass
Jean-Christophe Groffe, Fabrice Hayoz, Serafin Heusser, Israel Martins, Simón Millán

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Patricia Do, Elisabeth Kohler Gomes, Olivia Schenkel, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Matthias Jäggi

Violoncello
Martin Zeller, Hristo Kouzmanov

Violone
Markus Bernhard

Oboe
Andreas Helm, Thomas Meraner

Fagott
Susann Landert

Kontrafagott
Ester van der Veen

Horn
Stephan Katte

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Reflexion
Florian Werner

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
23.01.2026

Aufnahmeort
Trogen AR // evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
1. Januar 1726 in Leipzig

Dichter unbekannt
Satz 1: Martin Luther, 1529
Sätze 2–5: Georg Christian Lehms, 1711
Satz 6: Paul Eber, um 1570

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Am Neujahrstag wurde mit dem Beginn des Jahres auch die Beschneidung Christi gefeiert (Lk. 2.21); als Epistel kam die paulinische Interpretation der Taufe als Akt der Befreiung und Erneuerung hinzu (Gal. 3.23–29). In der Kantate «Herr Gott, dich loben wir» zum Jahresbeginn 1726 aber hat Bach darauf keinerlei Bezug genommen, sondern sich textlich für eine «NachmittagsAndacht auf den Neujahrstag» des Dichters Georg Christian Lehms entschieden, die aus dessen 1711 gedruckten «Gottgefälligen Kirchenopfer» stammt. In ihr wird dankbar zurückgeblickt und zugleich hoffnungsvoll nach vorne geschaut. Die vor fast genau 300 Jahren im Januar 1726 erstaufgeführte Kantate BWV 16 macht diesen zweifachen Blick mit einem doppelten Eingangschor musikalisch erlebbar, der vielleicht sogar den Wandel vom strengen Gottesverständnis des Alten Testamentes zur Gottesliebe verkörpert, welche das neugeborene Jesuskind in die Welt gebracht hat. Ihm kommt eben auch ein im Text genanntes «neues Lied» zu. Entsprechend wird eine kraftvoll-archaische Vertonung des deutschen Te Deum «Herr Gott, dich loben wir» von der Tutti-Aria «Laßt uns jauchzen» abgelöst, die im tänzerischen Rundgesang der Stimmen und Instrumente beschwingte Zuversicht ausstrahlt. Eindringliche Rezitative und eine apart instrumentierte Tenorarie bitten dann in Jesu Namen um Frieden, Seelenruhe, guten Regen und alles, was Mensch, Land und Gemeinde sonst noch brauchen.

1. Chor

Herr Gott, dich loben wir,
Herr Gott, wir danken dir.
Dich, Gott Vater in Ewigkeit,
ehret die Welt weit und breit.

1. Chor

Der Kantatentext Georg Christian Lehms’ (BWV 16) beginnt feierlich mit der ersten Strophe des von Martin Luther ins Deutsche gebrachten altkirchlichen Lobliedes «Te Deum laudamus»: «Herr Gott, dich loben wir». Über einem kämpferisch rhythmisierten Continuo-Ritornell erhebt sich die vom Sopran vorgetragene und vom Horn verstärkte archaisch-modale Liedmelodie, während sich die von Streichern und Oboen im Wesentlichen nur verdoppelten vokalen Unterstimmen in kraftvollen Vorimitationen ergehen.

2. Rezitativ — Bass

So stimmen wir
bei dieser frohen Zeit
mit heißer Andacht an
und legen dir,
o Gott, auf dieses neue Jahr
das erste Herzensopfer dar.
Was hast du nicht von Ewigkeit
vor Heil an uns getan,
und was muß unsre Brust
noch jetzt vor Lieb und Treu verspüren!
Dein Zion sieht vollkommne Ruh,
es fällt ihm Glück und Segen zu;
der Tempel schallt
von Psaltern und von Harfen,
und unsre Seele wallt,
wenn wir nur Andachtsglut in Herz und Munde führen.
O, sollte darum nicht
ein neues Lied erklingen
und wir in heißer Liebe singen?

2. Rezitativ — Bass

Im Bass-Rezitativ wird das traditionelle Gotteslob des «Te Deum» dichterisch von Lehms fortgeführt und inhaltlich abgestimmt auf das Neujahrsfest: Die frohe Zeit des neu beginnenden Jahres wird mit dankbarem Rückblick auf den erfahrenen Segen und im Vorblick mit dem Begriff der «Treue» Gottes angesprochen: «O, sollte darum nicht / ein neues Lied erklingen / und wir in heißer Liebe singen?».

3. Aria tutti — Chor und Bass

Chor
Laßt uns jauchzen, laßt uns freuen:
Gottes Güt und Treu
bleibet alle Morgen neu.

Bass
Krönt und segnet seine Hand,
ach so glaubt, daß unser Stand
ewig, ewig glücklich sei.

3. Aria tutti — Chor und Bass

Der Chor beantwortet die Frage des Rezitativs mit einem freudigen «Laßt uns jauchzen», das dank seiner mit breiter Brust vorgetragenen Dreiklangbrechungen zu Beginn eher nach Tanzboden als nach Orgelempore klingt, bevor Bach die Textur beinahe unmerklich in fugenmässige Richtungen verschiebt. Die wiederholt eingeschobenen eleganteren Passagen für Solobass bekräftigen dies nach Art eines anstimmenden Vorsängers fast ein wenig beschwörend: «Ach so glaubt, daß unser Stand / ewig, ewig glücklich sei.»

4. Rezitativ — Alt

Ach treuer Hort,
beschütz auch fernerhin dein wertes Wort,
beschütze Kirch und Schule,
so wird dein Reich vermehrt,
und Satans arge List gestört;
erhalte nur den Frieden
und die beliebte Ruh,
so ist uns schon genug beschieden,
und uns fällt lauter Wohlsein zu.
Ach! Gott, du wirst das Land
noch ferner wässern,
du wirst es stets verbessern,
du wirst es selbst mit deiner Hand
und deinem Segen bauen.
Wohl uns, wenn wir
dir für und für,
mein Jesus und mein Heil, vertrauen.

4. Rezitativ — Alt

Im Alt-Rezitativ wird eine Wunschliste im Hinblick auf das Wohlergehen im neuen Jahr vorgebracht: Gott möge sein Wort, die Kirche, die Schule beschützen, das Reich «vermehren», den Satan «stören», den Frieden erhalten, das Land «wässern» und «verbessern». Die Gemeinde selber wird vom Dichter zu Gottvertrauen ermahnt: «Wohl uns, wenn wir dir für und für, / mein Jesus und mein Heil, vertrauen.»

5. Arie — Tenor

Geliebter Jesu, du allein
sollst unser Seelen Reichtum sein.
Wir wollen dich vor allen Schätzen
in unser treues Herze setzen,
ja, wenn das Lebensband zerreißt,
stimmt unser gottvergnügter Geist
noch mit den Lippen sehnlich ein:
Geliebter Jesu, du allein
sollst unser Seelen Reichtum sein.

5. Arie — Tenor

Die Tenor-Arie vertieft den persönlichen Glauben mit einem zweimaligen: «Geliebter Jesu, du allein / sollst unser Seelen Reichtum sein» – dies im Blick aufs Diesseits und aufs Jenseits. Die versponnenen melodischen Linien der in den verschiedenen Wiederaufführungen alternativ für Oboe da caccia oder «Violetta» bestimmten instrumentalen Begleitstimme schwelgen in einem stillen inwendigen Glück, in dem sich ebenso wie in der sonoren Mittellage die Gott und die Menschen verbindende Rolle Jesu abzeichnet. Entsprechend legt auch die Singstimme jedes tenorale Pathos ab und stimmt mit lebenslang ausdauernder Krippenseligkeit in dieses zarte Liebeslied ein, das zudem noch die Kritik an einem äusserlich verstandenen Reichtum mit dem Lobpreis gewollter Bescheidenheit verbindet.

6. Choral

All solch dein Güt wir preisen,
Vater ins Himmels Thron,
die du uns tust beweisen
durch Christum, deinen Sohn,
und bitten ferner dich,
gib uns ein friedlich Jahre,
vor allem Leid bewahre
und nähr uns mildiglich.

6. Choral

Der Textdichter Lehms setzt ans Ende seiner Kantate die letzte Strophe aus Paul Ebers Neujahrslied «Helft mir Gotts Güte preisen» aus dem Jahr 1570 – eine auf Gottvater und Sohn bezogene Doxologie (formelhaftes Gotteslob) mit der abschliessenden Bitte: «gib uns ein friedlich Jahre, / vor allem Leid bewahre / und nähr uns mildiglich.»

Reflexion

Florian Werner

Heute schon gelobt?
Zur Kantate BWV 16: «Herr Gott, dich loben wir»

Florian Werner

Heute schon gelobt?

Zur Kantate BWV 16: «Herr Gott, dich loben wir»

Eine Pranke. Die krallenbesetzte Tatze eines Bären. Sie schwebt in der Luft, zum Schlag bereit, unmittelbar daneben befindet sich der Kopf eines kleinen Jungen. Er grinst. Offenbar ahnt er noch nichts von der Gefahr, die neben seiner Wange droht. Offenbar weiss er nichts von dem gewaltigen Hieb, den er gleich versetzt bekommen wird und der mit dem Begriff «Ohrfeige» nur unzureichend umschrieben sein dürfte. Wahrscheinlich ist er sich keiner Gefahr oder gar Schuld bewusst, ja vielleicht erwartet er sogar Zuspruch — denn unter ihm und der Pranke steht die Frage: «Haben Sie Ihr Kind heute schon gelobt?»

Das ist das Erste, was mir einfällt, wenn ich das Wort «loben» höre. Es handelt sich um einen Aufkleber, er prangte in meiner Kindheit auf der Heckklappe des Autos eines Nachbarn, direkt neben dem Sticker mit dem stilisierten Cannabis-Blatt und dem warnenden Slogan «Drogen töten!» Anders als der Anti-Drogen-Sticker war der schwarzpädagogische Aufkleber sicher ironisch gemeint — ein «Seitenhieb» gegen die Auswüchse der anti-autoritären Erziehung. Kindliche Selbstbestimmung? Positive Verstärkung? Ach was! Kinder brauchen kein Lob, sie brauchen hin und wieder einen Satz heisser Ohren. Eine Backpfeife hat noch niemandem geschadet, und leichte Schläge gegen den Hinterkopf fördern das Denkvermögen.

Man muss dazu anmerken, dass ich in den Achtzigerjahren in einer Gegend von Süddeutschland aufgewachsen bin, die einer übersteigerten Lob-Affinität rundherum unverdächtig ist und deren anti-laudatorische Grundhaltung am besten in dem mundartlichen Merkspruch zusammengefasst ist: Ned gschompfa isch globt gnuag. Ich muss ausserdem anmerken, dass ich viele Jahre meiner ansonsten glücklichen Kindheit in einem protestantischen Knabenchor zugebracht habe, in dem zwar mehrmals pro Woche — in Proben, Konzerten und Gottesdiensten — der Allerhöchste nach Kräften gelobt wurde, in dem dieses Loben aber vor allem eine technische Angelegenheit war. Entscheidend war nicht das Gefühl der Dankbarkeit, der Herzensfülle oder des Loben-Wollens — entscheidend war, dass man die Diphthonge, anders als im Schwäbischen sonst üblich, weit offen artikulierte, dass man also nicht jåuchzen und prėisen sang, sondern ja-ochzen und prai-esen. Und: dass man die Vokale bei melismatischen Passagen beim Tonwechsel nicht aspirierte. Dass man also nicht lo-ho-ho-ho-hoben sang, sondern looooooooooben.

Vielleicht liegt es an dieser kindlichen Chor-Erfahrung, dass ich dem Loben allgemein und dem Gotteslob im Speziellen eher skeptisch gegenüberstehe. Und ganz bestimmt liegt es an dem beschriebenen anti-antiautoritären Aufkleber, dass mir das Loben stets als ein merkwürdig asymmetrischer Sprechakt erschienen ist. Damit gelobt werden kann, bedarf es immer einer Hierarchie, einer sozialen, beruflichen, familiären oder pädagogischen Ungleichheit. Ein Vater lobt seinen Sohn (oder auch nicht). Eine Chefin lobt ihre Angestellten, die Lehrerin ihre Schüler, der Trainer seine Mannschaft, der Dirigent (hoffentlich, wenn sie die Vokale nicht aspirieren!) seine Choristinnen und Choristen. Aber Gott? Warum zum Teufel sollte man Gott loben? Freut er sich darüber? Fühlt er sich dadurch in seiner Allmacht bestätigt? Hat er diese Art von Zuspruch von solch eitlen, sündhaften, über dem Grab geborenen, zum alsbaldigen Versterben, Verstauben und Verschwinden verdammten Wesen, wie wir Menschen es nun mal sind, etwa nötig? Mit welchem Recht, mit welcher Anmassung sollten wir jemandem, der so himmelhochweit über uns steht, Lob aussprechen? Kann man überhaupt nach oben loben?

Was mich zu einer weiteren Frage führt, die wir als moderne Menschen uns unweigerlich stellen müssen — nämlich ob es den, den wir zu loben meinen, überhaupt gibt. Und wenn es ihn gibt, ob er uns hören kann; und wenn er uns hören kann, ob er uns antwortet. Oder ob es sich bei dem, was wir «Gott» nennen, nicht vielmehr um eine gottförmige Leerstelle handelt, einen blinden Fleck am Firmament, einen Abgrund des Schweigens, wie ihn der französische Philosoph Bruno Latour beschreibt. «Der ‹Gott›, den man anrief, hat keine Hände, keine Augen, keine Ohren mehr, und sein Mund ist auf immer verschlossen», schreibt Latour: «Meine eigene Stimme höre ich, und nur sie, wenn ich sie einsam in der Kirche vernehmen lasse.» Die absurde Situation des modernen Menschen, so könnte man einen zentralen Satz des Existenzialismus umschreiben, besteht darin, dass der Mensch lobt und Gott schweigt.

Eine Klaue. Der gespaltene Huf einer Kuh. Gerade hat er den halbtonnenschweren Rahmen des Hausrinds mit einer entschlossenen Bewegung himmelwärts katapultiert, und nun scheint er für einen minimalen Moment zu schweben, scheint schwerelos in der Luft zu verharren — bevor die Schwerkraft doch ihren Tribut fordert und der Kuhfuss mitsamt der dazugehörigen Kuh und einem dumpfen Paukenschlag auf der Weide niedergeht. Die Erde könnte sich auftun unter dieser Wucht, aber sie bleibt verschlossen — stattdessen öffnet sich das Maul der Kuh und brüllt laut und vernehmlich: Muuuuuh!

Das ist das Zweite, was mir einfällt, wenn ich das Wort «loben» höre: Kühe — oder, wie sie im alemannischen und romanischen Sprachraum heute bisweilen noch gerufen werden: Loben. Genauer gesagt denke ich an Kühe, die über die Weide tollen, oder noch genauer: Kühe, die unter dem Einfluss von menschlichem A-capella-Gesang ekstatisch durch die Botanik springen, beflügelt von der Macht der Musik, begeistert von den herrlichen Akkorden, die ihre Hirten angestimmt haben. Ich meine den sogenannten Ranz des vaches oder Kuhreihen, der traditionell in der Schweiz gesungen wurde, um Kühe zum Melken zu rufen. Und auf die Gefahr hin, hier Eulen nach Athen oder besser: Kühe nach Trogen zu tragen und mich darüber hinaus durch falsche Aussprache zum Ochsen zu machen — will ich doch den Refrain des bekanntesten Kuhreihens zitieren: «Lyôba, lyôba, por aryâ!», ungefähr: «Kühe, Kühe, kommt zum Melken!»

Die älteste bekannte Version dieses Lieds stammt aus dem Jahr 1730 — die Kantate «Herr Gott, dich loben wir» ist also nur vier Jahre älter. Allerdings standen die Kuhreihen damals in zweifelhaftem Ruf: Angeblich lösten sie nämlich bei im Ausland dienenden Schweizer Söldnern akute Fälle von Heimweh aus. So schrieb der deutsche Arzt Johann Gottfried Ebel Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Buch «Schilderung der Gebirgsvölker der Schweiz»: «Wenn bei den schweitzerischen Regimentern in Frankreich der Kuhreihen gespielt oder gesungen wurde, so zerflossen die Alpensöhne in Thränen und fielen, wie von einer Epidemie ergriffen, haufenweise plötzlich in solche Heimsehnsucht, dass sie desertirten, oder starben, wenn sie nicht ins Vaterland gehen konnten.»

Und nicht nur Menschen — auch Schweizer Kühe wurden offenbar vor Sehnsucht wahnsinnig, wenn sie etwa in einen Nachbarkanton verpflanzt und dort mit einem Kuhreihen konfrontiert wurden. Ebel schreibt: «Wenn Kühe von Alpenzucht, aus dem Geburtslande entfernt, diesen Gesang hören, so scheinen ebenfalls alle Bilder ihres ehemaligen Zustandes plötzlich in ihrem Gehirn lebendig zu werden und eine Art von Heimweh zu erregen; sie werfen augenblicklich den Schwanz krumm in die Höhe, fangen an zu laufen, zerbrechen alle Zäune und Gatter, und sind wild und rasend. Dies ist der Grund, warum es in der Gegend von St. Gallen, wo häufig gekaufte, appenzellische Kühe auf Wiesen weiden, verboten ist, dort den Kuhreihen zu singen.»

Wild und rasend? Ich bin kein Kuhpsychologe, denke aber, dass Ebel die Körpersprache der Kühe hier allzu negativ interpretiert. Wer schon einmal Rinder gesehen hat, die im Frühling erstmals wieder auf die Weide dürfen, die nach der dunklen Jahreszeit mit grossen Kuhaugen die Sonne erblicken, die mit über den Winter steif gewordenen Fesseln erste entfesselte Schritte tun — der ahnt, dass hinter den Sprüngen der Kühe auch ganz andere Emotionen stecken können. Ist es nicht denkbar, dass die Rinder — sei es aufgrund des harmonischen Gesangs ihrer Hirten, der wiedergefundenen Weidefreiheit oder auch nur des üppigen Futterklees — einfach unbändige Freude empfinden? Spricht aus ihren Bocksprüngen nicht Bock auf Leben? Begeisterung? Dankbarkeit? Eine Herzensfülle, die keine noch so wohl artikulierten Worte auszudrücken vermögen? Ja, könnte es nicht sogar sein, dass die Loben durch ihr Verhalten den Schöpfer loben?

Vielleicht harrt hier eine Lösung für unser eingangs formuliertes Dilemma: dass es bisweilen so schwerfällt, Gott zu loben. Vielleicht ist unsere Sprache einfach zu abstrakt, zu blutleer und fleischlos und zahm für eine solche Aufgabe. Vielleicht sollten wir Loben gar nicht als verbalen Akt begreifen, sondern als körperliche Tätigkeit, etwas, das man nicht sagt, sondern tuttollend, trabend, tanzend, «poetry in motion», wie man im Englischen sagt, oder besser: «piety in motion», Glaube in Bewegung. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht — aber als ich eben zu Beginn der Bass-Arie den Chor gehört habe, wie er sang: «Lasst uns ja-ochzen, lasst uns froy-en!» — da sah ich vor meinem geistigen Auge ganz deutlich ekstatisch springende Kühe — und Menschen.

Ich will Sie nun keinesfalls dazu verleiten, während der nun folgenden zweiten Aufführung der Kantate durch die Kirche zu tanzen. Ich möchte Sie vielmehr dringend bitten, diesen Impuls bis zum Ende des Konzerts zu unterdrücken. Aber wenn Sie nachher durch das Portal auf den Landsgemeindeplatz hinaustreten — wenn Sie die Welt da draussen neu und beglückt erblicken wie Kühe nach einem langen Winter im Stall — dann lassen Sie Ihren Gefühlen ruhig freien Lauf, und machen Sie ein paar freudvolle, lebensbejahende, im besten Sinne des Wortes: lobende Luftsprünge.

Haben Sie Ihren Gott heute schon gelobt?

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
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