Herr Gott, dich loben wir
BWV 016 // zum Neujahr
für Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II, Oboe da caccia, Corno da caccia, Streicher und Basso continuo
Ein Gotteslob zum Jahresbeginn sollte stets in gemessener Dankbarkeit zurückblicken und zugleich hoffnungsvoll bittend nach vorne schauen. Bachs vor fast genau 300 Jahren im Januar 1726 uraufgeführte Kantate BWV 16 macht dies mit einem doppelten Eingangschor musikalisch erlebbar: Eine kraftvoll-archaische Vertonung des deutschen Te Deum «Herr Gott, dich loben wir» wird von der Tutti-Arie «Laßt uns jauchzen» abgelöst, die im tänzerischen Rundgesang der Stimmen und Instrumente beschwingte Zuversicht ausstrahlt. Eindringliche Rezitative und eine apart instrumentierte Tenorarie bitten dann in Jesu Namen um Frieden, Seelenruhe, guten Regen und alles, was Mensch, Land und Gemeinde sonst noch brauchen.
Das Werk im Kirchenjahr
Perikopen zum Sonntag
Perikopen sind die biblischen Lesungen zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr, für die J. S. Bach komponierte. Weitere Infos zu Perikopen
Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. Meine Seele soll sich rühmen des Herrn, dass es die Elenden hören und sich freuen. Preiset mit mir den Herrn und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen.
Ehe denn aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben, der da sollte offenbart werden. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christum, dass wir durch den Glauben gerecht würden. Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister. Denn siehe auch unter Ratswechsel ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christum Jesum. Denn wie viel euer auf Christum getauft sind, die haben Christum angezogen. Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu. Seid ihr aber Christi, so seid ihr ja Abrahams Same und nach der Verheissung Erben.
Und da acht Tage um waren, dass das Kind beschnitten würde, da ward sein Name genannt Jesus, welcher genannt war von dem Engel, ehe denn er im Mutterleibe empfangen ward.
Chor
Sopran
Lia Andres, Noëmi Sohn Nad, Simone Schwark, Susanne Seitter, Noëmi Tran-Rediger, Mirjam Wernli
Alt
Anne Bierwirth, Antonia Frey, Alexandra Rawohl, Jan Thomer, Lisa Weiss
Tenor
Clemens Flämig, Zacharie Fogal, Christian Rathgeber, Sören Richter
Bass
Jean-Christophe Groffe, Fabrice Hayoz, Serafin Heusser, Israel Martins, Simón Millán
Orchester
Leitung
Rudolf Lutz
Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Patricia Do, Elisabeth Kohler Gomes, Olivia Schenkel, Salome Zimmermann
Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Matthias Jäggi
Violoncello
Martin Zeller, Hristo Kouzmanov
Violone
Markus Bernhard
Oboe
Andreas Helm, Thomas Meraner
Fagott
Susann Landert
Kontrafagott
Ester van der Veen
Horn
Stephan Katte
Cembalo
Thomas Leininger
Orgel
Nicola Cumer
Musikal. Leitung & Dirigent
Rudolf Lutz
Werkeinführung
Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter
Reflexion
Reflexion
Florian Werner
Aufnahme & Bearbeitung
Aufnahmedatum
23.01.2026
Aufnahmeort
Trogen AR // evangelische Kirche
Tonmeister
Stefan Ritzenthaler
Regie
Meinrad Keel
Produktionsleitung
Johannes Widmer
Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz
Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz
Textdichter
Erste Aufführung
1. Januar 1726 in Leipzig
Dichter unbekannt
Satz 1: Martin Luther, 1529
Sätze 2–5: Georg Christian Lehms, 1711
Satz 6: Paul Eber, um 1570
Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen
1. Chor
Herr Gott, dich loben wir,
Herr Gott, wir danken dir.
Dich, Gott Vater in Ewigkeit,
ehret die Welt weit und breit.
1. Chor
Der Kantatentext Georg Christian Lehms’ (BWV 16) beginnt feierlich mit der ersten Strophe des von Martin Luther ins Deutsche gebrachten altkirchlichen Lobliedes «Te Deum laudamus»: «Herr Gott, dich loben wir». Über einem kämpferisch rhythmisierten Continuo-Ritornell erhebt sich die vom Sopran vorgetragene und vom Horn verstärkte archaisch-modale Liedmelodie, während sich die von Streichern und Oboen im Wesentlichen nur verdoppelten vokalen Unterstimmen in kraftvollen Vorimitationen ergehen.
2. Rezitativ — Bass
So stimmen wir
bei dieser frohen Zeit
mit heißer Andacht an
und legen dir,
o Gott, auf dieses neue Jahr
das erste Herzensopfer dar.
Was hast du nicht von Ewigkeit
vor Heil an uns getan,
und was muß unsre Brust
noch jetzt vor Lieb und Treu verspüren!
Dein Zion sieht vollkommne Ruh,
es fällt ihm Glück und Segen zu;
der Tempel schallt
von Psaltern und von Harfen,
und unsre Seele wallt,
wenn wir nur Andachtsglut in Herz und Munde führen.
O, sollte darum nicht
ein neues Lied erklingen
und wir in heißer Liebe singen?
2. Rezitativ — Bass
Im Bass-Rezitativ wird das traditionelle Gotteslob des «Te Deum» dichterisch von Lehms fortgeführt und inhaltlich abgestimmt auf das Neujahrsfest: Die frohe Zeit des neu beginnenden Jahres wird mit dankbarem Rückblick auf den erfahrenen Segen und im Vorblick mit dem Begriff der «Treue» Gottes angesprochen: «O, sollte darum nicht / ein neues Lied erklingen / und wir in heißer Liebe singen?».
3. Aria tutti — Chor und Bass
Chor
Laßt uns jauchzen, laßt uns freuen:
Gottes Güt und Treu
bleibet alle Morgen neu.
Bass
Krönt und segnet seine Hand,
ach so glaubt, daß unser Stand
ewig, ewig glücklich sei.
3. Aria tutti — Chor und Bass
Der Chor beantwortet die Frage des Rezitativs mit einem freudigen «Laßt uns jauchzen», das dank seiner mit breiter Brust vorgetragenen Dreiklangbrechungen zu Beginn eher nach Tanzboden als nach Orgelempore klingt, bevor Bach die Textur beinahe unmerklich in fugenmässige Richtungen verschiebt. Die wiederholt eingeschobenen eleganteren Passagen für Solobass bekräftigen dies nach Art eines anstimmenden Vorsängers fast ein wenig beschwörend: «Ach so glaubt, daß unser Stand / ewig, ewig glücklich sei.»
4. Rezitativ — Alt
Ach treuer Hort,
beschütz auch fernerhin dein wertes Wort,
beschütze Kirch und Schule,
so wird dein Reich vermehrt,
und Satans arge List gestört;
erhalte nur den Frieden
und die beliebte Ruh,
so ist uns schon genug beschieden,
und uns fällt lauter Wohlsein zu.
Ach! Gott, du wirst das Land
noch ferner wässern,
du wirst es stets verbessern,
du wirst es selbst mit deiner Hand
und deinem Segen bauen.
Wohl uns, wenn wir
dir für und für,
mein Jesus und mein Heil, vertrauen.
4. Rezitativ — Alt
Im Alt-Rezitativ wird eine Wunschliste im Hinblick auf das Wohlergehen im neuen Jahr vorgebracht: Gott möge sein Wort, die Kirche, die Schule beschützen, das Reich «vermehren», den Satan «stören», den Frieden erhalten, das Land «wässern» und «verbessern». Die Gemeinde selber wird vom Dichter zu Gottvertrauen ermahnt: «Wohl uns, wenn wir dir für und für, / mein Jesus und mein Heil, vertrauen.»
5. Arie — Tenor
Geliebter Jesu, du allein
sollst unser Seelen Reichtum sein.
Wir wollen dich vor allen Schätzen
in unser treues Herze setzen,
ja, wenn das Lebensband zerreißt,
stimmt unser gottvergnügter Geist
noch mit den Lippen sehnlich ein:
Geliebter Jesu, du allein
sollst unser Seelen Reichtum sein.
5. Arie — Tenor
Die Tenor-Arie vertieft den persönlichen Glauben mit einem zweimaligen: «Geliebter Jesu, du allein / sollst unser Seelen Reichtum sein» – dies im Blick aufs Diesseits und aufs Jenseits. Die versponnenen melodischen Linien der in den verschiedenen Wiederaufführungen alternativ für Oboe da caccia oder «Violetta» bestimmten instrumentalen Begleitstimme schwelgen in einem stillen inwendigen Glück, in dem sich ebenso wie in der sonoren Mittellage die Gott und die Menschen verbindende Rolle Jesu abzeichnet. Entsprechend legt auch die Singstimme jedes tenorale Pathos ab und stimmt mit lebenslang ausdauernder Krippenseligkeit in dieses zarte Liebeslied ein, das zudem noch die Kritik an einem äusserlich verstandenen Reichtum mit dem Lobpreis gewollter Bescheidenheit verbindet.
6. Choral
All solch dein Güt wir preisen,
Vater ins Himmels Thron,
die du uns tust beweisen
durch Christum, deinen Sohn,
und bitten ferner dich,
gib uns ein friedlich Jahre,
vor allem Leid bewahre
und nähr uns mildiglich.
6. Choral
Der Textdichter Lehms setzt ans Ende seiner Kantate die letzte Strophe aus Paul Ebers Neujahrslied «Helft mir Gotts Güte preisen» aus dem Jahr 1570 – eine auf Gottvater und Sohn bezogene Doxologie (formelhaftes Gotteslob) mit der abschliessenden Bitte: «gib uns ein friedlich Jahre, / vor allem Leid bewahre / und nähr uns mildiglich.»

