Du Hirte Israel, höre

BWV 104 // zu Misericordias Domini

für Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II auch Oboe d‘amore I+II, Taille, Streicher und Basso continuo

Gerade weil man Bach im Zeitalter seiner romantischen Wiederentdeckung aufgrund seiner harmonischen Perfektion und kontrapunktischen Strenge lange eher schätzte als liebte, galt die lichte Hirtenmusik der bereits 1831 erstmals gedruckten Kantate 104 schon den Zeitgenossen Mendelssohns als ausnehmender Gegenbeweis. Vor allem die wiegenden Rhythmen und fliessenden Bewegungscharaktere des Eingangschors und der Bassarie entfalten im Zusammenspiel mit den pastoralen Holzbläsern eine entspannte Lieblichkeit, die im Vertrauen auf den guten Hirten die auch bei Bach oft als trügerisch und verworfen geschilderte Welt in ein tönendes «Himmelreich» verwandelt.

Das Werk im Kirchenjahr

Komponiert

zu Misericordias Domini

Nächster Termin am

19. April 2026

In 1 Tag


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Perikopen zum Sonntag

Perikopen sind die biblischen Lesungen zu den Sonn- und Festtagen im Kirchenjahr, für die J. S. Bach komponierte. Weitere Infos zu Perikopen

Der Herr ist mein Hirte; mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Strasse um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Denn dazu seid ihr berufen; sintemal auch Christus gelitten hat für uns und uns ein Vorbild gelassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fussstapfen; welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden; welcher nicht widerschalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da er litt, er stellte es aber dem heim, der da recht richtet; welcher unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden. Denn ihr waret wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht; denn er ist ein Mietling und achtet der Schafe nicht. Ich bin der gute Hirte und erkenne die Meinen und bin bekannt den Meinen, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stalle; und dieselben muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und wird eine Herde und ein Hirte werden.

Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Tenor
Charles Daniels

Bass
Peter Harvey

Chor

Sopran
Maria Deger, Susanne Seiter, Noëmi Tran-Redinger, Baiba Urka, Mirjam Wernli, Ulla Westvik

Alt
Nanora Büttiker, Antonia Frey, Stefan Kahle, Francisca Näf, Lisa Weiss

Tenor
Marcel Fässler, Zacharie Fogal, Florian Glaus, Sören Richter

Bass
Philippe Rayot, Christian Kotsis, Daniel Pérez, Peter Strömberg, William Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Lisa Herzog-Kuhnert, Elisabeth Kohler Gomes, Aliza Vicente, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Matthias Jäggi

Violoncello
Martin Zeller, Bettina Messerschmidt

Violone
Markus Bernhard

Oboe
Philipp Wagner, Clara Espinosa Encinas

Fagott
Gilat Rotkop

Taille
Katharina Arfken

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Reflexion
Wolfram Eilenberger

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
17.04.2026

Aufnahmeort
Trogen AR // evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
23. April 1724 in Leipzig

Textdichter
Unbekannter Dichter
Satz 1: Psalm 80, 2
Satz 6: Cornelius Becker 1598

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Während man Bach aufgrund seiner harmonischen Perfektion und kontrapunktischen Strenge gerade im Zeitalter seiner romantischen Wiederentdeckung mehr wertschätzte als liebte, galt die lichte Hirtenmusik der bereits 1831 gedruckten Kantate BWV 104 schon den Zeitgenossen Mendelssohns als überzeugender Gegenbeweis. Die wiegenden Rhythmen und fliessenden Bewegungscharaktere des Eingangschores und der Bass-Arie entfalten im Zusammenspiel mit den pastoralen Holzbläsern eine entspannte Lieblichkeit, die im Vertrauen auf den «guten Hirten» die auch bei Bach oft als trügerisch geschilderte Welt in ein tönendes «Himmelreich» verwandelt. Genau das ist das Thema von «Misericordias Domini», dem 2. Sonntag nach Ostern. Die ihm zugeordneten Bibelstellen handeln alle von diesem Motiv «Der Herr ist mein Hirte» – so im Psalm 23, im Evangeliumswort von Jesus als dem «guten Hirten» (Joh. 10, 12-16) und in der Epistel von «irrenden Schafen» und dem «Hirten der Seelen» (1. Petr. 2, 21-25). Der unbekannte Dichter schliesst diesen in sich stimmigen Kantatentext mit der 1. Strophe von Cornelius Beckers Choral «Der Herr ist mein getreuer Hirt» aus dem Jahr 1598 – einer Umdichtung des Psalms 23 zu einem bekannten Kirchenlied. Wie Bachs Zuhörer am 23. April 1724 in der Leipziger Nikolaikirche auf diese eingängige Musik des glaubenden Vertrauens reagiert haben, das wüssten wir allzu gern.

1. Chor

Du Hirte Israel, höre, der du Joseph hütest wie der Schafe, erscheine, der du sitzest über Cherubim.

1. Chor

Der unbekannte Librettist hat Psalm 23 für den krönenden Schluss der Kantate vorgesehen und wählt deshalb für den Anfangschoral Worte aus Psalm 80, 2: «Du Hirte Israel, höre». Haltgebende Basstöne, wiegende Achtelgruppen und zutraulich getupfte «Schwer-Leicht»-Akzente sorgen im Orchester für eine Aura maximaler Geborgenheit, die die Seelen der Zuhörenden im ¾-Takt dahinschweben lässt. Die oft paarig angeordneten Singstimmen fügen sich diesem Gestus organisch ein, der dennoch Raum für elegant eingeführte Fugenpassagen («der du Joseph hütest wie der Schafe») lässt und auch drängender Erwartung eine Stimme verleiht («höre!», «erscheine!»).

2. Rezitativ — Tenor

Der höchste Hirte sorgt vor mich,
was nützen meine Sorgen?
Es wird ja alle Morgen
des Hirtens Güte neu.
Mein Herz, so fasse dich,
Gott ist getreu.

2. Rezitativ — Tenor

Das Tenorrezitativ verwandelt die Bitte des Chorals in persönliche Gebetsworte, welche von Psalm 23 inspiriert sind. «Der höchste Hirte sorgt vor [= für] mich», denn «Gott ist getreu» – eine Schlüsselaussage, die Bach in einer ariosen Schlusswendung besonders hervorhebt.

3. Arie — Tenor

Verbirgt mein Hirte sich zu lange,
macht mir die Wüste allzu bange,
mein schwacher Schritt eilt dennoch fort.
Mein Mund schreit nach dir,
und du, mein Hirte, wirkst in mir
ein gläubig Abba durch dein Wort.

3. Arie — Tenor

Die im gespannten h-Moll angesiedelte Aria hingegen spricht von Erfahrungen der Gottesferne und Sehnsucht, von Entbehrungen einer «Wüstenwanderung», aber auch von dem gläubig-zutraulich geäusserten «Abba» (Vater im Sinne von Papa). Die aparte Klanglichkeit zweier Oboen d’amore sorgt im Verein mit den aufsteigenden Seufzerketten für einen Duktus angestrengter Gottessuche, deren angedeutetes «Schreien» von den Vertrauensseilen der kompositorischen Struktur in ein zuversichtliches Gebet überführt wird. Die vom Arientext nahegelegte Bewegung auch «schwacher Schritte» hin zu Gott wird durch die durchkomponierte Form ohne Da capo als unumkehrbar deutlich gemacht.

4. Rezitativ — Bass

Ja, dieses Wort ist meiner Seelen Speise,
ein Labsal meiner Brust,
die Weide, die ich meine Lust,
des Himmels Vorschmack, ja mein Alles heiße.
Ach, sammle nur, o guter Hirte,
uns Arme und Verirrte;
ach, laß den Weg nur bald geendet sein
und führe uns in deinen Schafstall ein!

4. Rezitativ — Bass

Im Bass-Rezitativ wird die Abba-Anrede der Arie zur «Seelen-Speise», zum «Labsal» und zum «Himmels-Vorschmack» – und nun ergänzt der Dichter das Gleichnis aus dem Evangelientext von Jesus, dem guten Hirten (Joh. 10), durch die Motive aus der Epistel (1. Petrus 2) von der Sammlung der «Verirrten» im «Schafstall» (der Kirche).

5. Arie — Bass

Beglückte Herde, Jesu Schafe,
die Welt ist euch ein Himmelreich.
Hier schmeckt ihr Jesu Güte schon
und hoffet noch des Glaubens Lohn
nach einem sanften Todesschlafe.

5. Arie — Bass

Die Bass-Arie bejubelt die «beglückte Herde» Jesu: Für sie ist die Welt «ein Himmelreich», denn hier schon schmeckt sie Jesu Güte (Abendmahl) und kann nach einem sanften Tod auf den «Glaubens-Lohn» hoffen. Die wiegende Bewegung des Eingangschors wird in einem mindestens ebenso schwingenden 12∕8-Siciliano aufgegriffen und im Sinne der gelingenden Beziehung zu Jesus als Hirte idealtypisch ausmusiziert. Die sonore Basslage des Vokalsolos wird mancher unter den Zuhörenden über das Berichten von seiner Präsenz hinaus als veritable Vox Christi wahrgenommen haben.

6. Choral

Der Herr ist mein getreuer Hirt,
dem ich mich ganz vertraue;
zur Weid er mich, sein Schäflein, führt
auf schöner, grünen Aue;
zum frischen Wasser leit er mich,
mein Seel zu laben kräftiglich
durchs selig Wort der Gnaden.

6. Choral

Die Kantate schliesst mit der 1. Strophe von Cornelius Beckers Choral «Der Herr ist mein getreuer Hirt» aus dem Jahr 1598, einer singbaren Umdichtung des bekannten Psalms 23.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
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