Gleich wie der Regen

BWV 018 // zu Sexagesimae

für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Flauto dolce I+II, Fagott, Viola I-IV und Continuo

Die Kantate «Gleich wie der Regen und Schnee vom Himmel fällt» ist zweifellos ein Unikum im Bachschen Œuvre. Fällt schon ihre Textvorlage mit dem langen Gleichnis vom Sämann als eröffnendem Dictum, mit nur einer einzigen Arie sowie einer gleichfalls ausgedehnten Litanei als Mittelsatz völlig aus dem Rahmen, so hat Bach dies mit einer Instrumentalbesetzung aus allein vier Bratschen noch auf die Spitze getrieben. Selbst als er die aus Weimar mitgebrachte Komposition wahrscheinlich 1724 in Leipzig erneut aufführte, korrigierte er diese exzentrische Instrumentierung nicht zugunsten des gewöhnlichen Streichersatzes mit Violinen, sondern verlieh ihr durch zwei mitlaufende Blockflöten nur eine dezente Aufhellung.

J.S. Bach-Stiftung Kantate BWV 18

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Werkeinführung
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Reflexion
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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Nuria Rial

Tenor
Makoto Sakurada

Bass
Dominik Wörner

Chor

Sopran
Susanne Frei, Leonie Gloor, Guro Hjemli, Jennifer Rudin

Alt/Altus
Antonia Frey, Olivia Heiniger, Damaris Nussbaumer, Lea Scherer

Tenor
Marcel Fässler, Nicolas Savoy, Walter Siegel

Bass
Fabrice Hayoz, Philippe Rayot, William Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Viola
Susanna Hefti, Renate Steinmann, Martina Bischof, Joanna Bilger

Violoncello
Maya Amrein

Violone
Iris Finkbeiner

Fagott
Nikolaus Broda

Flauto dolce
Armelle Plantier, Gaëlle Volet

Orgel
Norbert Zeilberger

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Karl Graf, Rudolf Lutz

Reflexion

Referent
Hans Jecklin

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
13.02.2009

Aufnahmeort
Trogen

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Textdichter Nr. 2
Zitat aus Jesaja 55, 10-11

Textdichter Nr. 3, 4
Erdmann Neumeister (1671-1756)

Textdichter Nr. 5
Lazarus Spengler, 1524

Erste Aufführung
Sonntag Sexagesimae,
24. Februar 1715, Weimar

Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk

Da sich das vertrackte Bibelwort für einen Chorsatz kaum eignete, stellte Bach der Kantate eine Sinfonia voran, die an die Klangwelt des 6. Brandenburgischen Konzertes erinnert und die trotz des fahlen f-Molls und des etwas bärbeissigen Ritornells vor allem in den verschlungenen Soloepisoden die warme Klangwelt der Bratschen (und Blockflöten) auskostet. Im folgenden Bassrezitativ versucht Bach, das etwas trockene Evangelium durch abbildende Figuren («feuchtet die Erde») sowie die Einbeziehung arioser Passagen zu beleben. Dass das gepredigte Wort auf fruchtbaren Boden fällt, lässt das anschliessende Rezitativ unmittelbar hörbar werden. Getragen von einer expressiven Streicherbegleitung, öffnet der Tenor förmlich sein Herz, um den göttlichen Samen darin aufgehen zu lassen. Dies ist jedoch nur der Beginn für einen der formal erstaunlichsten Sätze im Bachschen Kantatenwerk. Im beständigen Wechsel verschiedener Tempi, Besetzungen und Bewegungsformen entwickelt sich eine ausgemachte Litanei, die hier jedoch nicht liturgisch gebändigt, sondern in all ihren textlichen Kontrasten ausgedeutet wird. Vor allem die von furiosen Continuoläufen begleiteten Bittrufe des Soprans entfalten mitsamt ihrer vierstimmigen Beantwortung eine schier unglaubliche Dramatik – hinter der altertümlichen Besetzung der Kantate verbirgt sich eine zutiefst moderne Musik! Bachs Vertonung macht damit schlagartig deutlich, welche Sprengkraft dem von seinem Textdichter Erdmann Neumeister um 1700 entwickelten Konzept «Geistlicher Kantaten statt einer Kirchen-Music» innewohnte und warum traditionsbewusste Theologen heftig gegen eine derart operistische Kompositionsweise wetterten.

Die nach diesem Kraftakt unerlässliche Affektstillung leistet die kurze Sopranarie «Mein Seelenschatz ist Gottes Wort». Dass Bach seine vier Violen hier unisono spielen lässt, ist daher kaum als hintersinniger Bratschenwitz misszuverstehen, sondern dient der Erzeugung einer andächtig-gesammelten Stimmung, die selbst der entschlossenen Weltverachtung des Textes eine gewisse Gemütsamkeit abgewinnt. Der Schlusschoral – eine Strophe des bekannten Liedes «Durch Adams Fall ist ganz verderbt» – gibt im Medium des Gemeindegesangs nun auch eine kollektive Antwort auf das im Gleichnis vom Sämann unterbreitete Angebot. Durch die mitwirkenden Bratschen und Blockflöten erhält der Satz jedoch eine für «Sünd und Schuld» angemessene dunkle und fragile Klangfarbe.

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Die Kantate bezieht sich auf das Gleichnis vom vier fachen Acker und seine Auslegung (Lukas 8, 4–15). Das Wort Gottes wird mit der ausgestreuten Saat verglichen: Manches fällt auf den Weg, auf felsigen Boden oder in die Dornen, manches aber auf guten Boden, wo es gedeiht und Frucht bringt.

Für diese frühe Kantate, die Bach als 29-Jähriger komponierte, verwendet er ein altertümliches Ensemble mit vierfach besetzten Bratschen und Celli, ohne Geigen und ohne Holz- und Blechbläser. Für eine spätere Aufführung in Leipzig setzte er dann zur Aufhellung des Klangbilds zwei Blockflöten hinzu. In Trogen wird die Leipzigerfassung gespielt.

1. Sinfonia

1. Sinfonia
Der einleitende Instrumentalsatz im Stil eines italienischen Konzerts basiert auf einem festen Fundament, ein in den ersten Takten exponiertes Bassmotiv wird durch den ganzen Satz hindurch oftmals wiederholt und mit einem ständig variierten «Ueberbau» versehen.

2. Rezitativ (Bass)

Gleich wie der Regen und Schnee
vom Himmel fällt
und nicht wieder dahin kommet,
sondern feuchtet
die Erde und macht sie fruchtbar
und wachsend,
dass sie gibt Samen zu säen
und Brot zu essen:
also soll das Wort,
so aus meinem Munde gehet,
auch sein; es soll nicht wieder
zu mir leer kommen,
sondern tun, das mir gefället,
und soll ihm gelingen,
dazu ich’s sende.

2. Rezitativ
Der Bass als die Stimme Christi trägt das Prophetenwort aus dem Jesajabuch vor: Das Wort Gottes verhallt nicht im Leeren, sondern zeigt Wirkung.

3. Rezitativ (Tenor, Bass) und Chor

Mein Gott, hier wird mein Herze sein:
ich öffne dir’s in meines Jesu Namen;
so streue deinen Samen
als in ein gutes Land hinein.
Mein Gott, hier wird mein Herze sein:
lass solches Frucht und hundertfältig bringen.
O Herr, Herr, hilf! O Herr, lass wohlgelingen!
(chor)
Du wollest deinen Geist und Kraft zum Worte geben.
Erhör uns, lieber Herre Gott!
(bass)
Nur wehre, treuer Vater, wehre,
dass mich und keinen Christen nicht
des Teufels Trug verkehre.
Sein Sinn ist ganz dahin gericht’,
uns deines Wortes zu berauben
mit aller Seligkeit.
(chor)
Den Satan unter unsre Füsse treten.
Erhör uns, lieber Herre Gott!
(tenor)
Ach! Viel verleugnen Wort und Glauben
und fallen ab wie faules Obst,
wenn sie Verfolgung sollen leiden.
So stürzen sie in ewig Herzeleid,
da sie ein zeitlich Weh vermeiden.
(chor)
Und uns für des Türken und des Papsts
grausamen Mord und Lästerungen,
Wüten und Toben väterlich behüten.
Erhör uns, lieber Herre Gott!
(bass)
Ein andrer sorgt nur für den Bauch;
inzwischen wird der Seele ganz vergessen;
der Mammon auch
hat vieler Herz besessen.
So kann das Wort zu keiner Kraft gelangen.
Und wieviel Seelen hält
die Wollust nicht gefangen?
So sehr verführet sie die Welt,
die Welt, die ihnen muss
anstatt des Himmels stehen,
darüber sie vom Himmel irregehen.
(chor)
Alle Irrige und Verführte wiederbringen.
Erhör uns, lieber Herre Gott!

3. Rezitativ und Chor
In vier Abschnitten, abwechselnd vom Tenor und vom Bass vorgetragen, kommen die unterschiedlichen Ackerfelder aus dem Gleichnis zur Sprache. Am Schluss jedes Abschnittes singt jeweils der Chor eine Bitte um Hilfe und Erhörung aus der altchristlichen Litanei in der Übersetzung Luthers. Zuerst ist vom guten Land die Rede, dem der Dichter gleichen möchte und daher sein Herz dem Worte Gottes öffnet. Dann folgt der festgetretene Weg, auf dem die Vögel alle Samen auffressen, d.h. der Teufel das Wort von den Herzen der Menschen wieder wegnimmt und ihnen die Seligkeit raubt. Beim felsigen Boden, wo die Saat rasch aufgeht, aber bei der ersten Hitze gleich verdorrt, ist an eine Zeit der Verfolgung gedacht, in der manche Christen nach der ersten Begeisterung «wie faules Obst» wieder vom Glauben abfallen. Und mit der unter die Dornen geratenen Saat schliesslich sind jene Menschen gemeint, bei denen die Sorge um Reichtum und Genuss den Glauben erstickt.

4. Arie (Sopran)

Mein Seelenschatz ist Gottes Wort;
ausser dem sind alle Schätze
solche Netze,
welche Welt und Satan stricken,
schnöde Seelen zu berükken.
Fort mit allen, fort, nur fort!
Mein Seelenschatz ist Gottes Wort.

4. Arie
Der Text der einzigen Arie dieser Kantate, einer Sopranarie, konzentriert sich auf das Hauptthema, Gottes Wort. Alle andern Schätze sind trügerisch und können zu Fangnetzen des Bösen werden.
Verführerisch glitzern die trügerischen Schätze im hohen Register der vier Violen und Blockflöten. Bach nutzt einen damals auch in der Oper als Klangneuheit verwendeten Effekt, das einstimmige Spiel von Violen in hoher Lage, den ein Musiktheo­retiker der Zeit als «frembd und artig» klingend charakterisierte.

5. Choral

Ich bitt, o Herr, aus Herzens Grund,
du wollst nicht von mir nehmen
dein heilges Wort aus meinem Mund;
so wird mich nicht beschämen
mein’ Sünd und Schuld, denn in dein’ Huld
setz ich all mein Vertrauen:
Wer sich nur fest darauf verlässt,
der wird den Tod nicht schauen.

5. Choral
Als Schlusschoral wählte der Librettist die 8. Strophe des Liedes «Durch Adams Fall ist ganz verderbt» von Lazarus Spengler und bewies damit eine ausgesprochen glückliche Hand.

Reflexion

Hans Jecklin

«Trogen – Persepolis – Isfahan – und zurück zu Bach»

Gedanken zu einer globalen Spiritualität.

Als ich im September letzten Jahres hier in der Kirche in Trogen eine Aufführung dieses grossartigen Kantatenzykluses besuchte, um mich innerlich auf den heutigen Abend vorzubereiten, zog mich ganz unerwartet das grosse, den Kirchenraum abschliessende Chorgemälde in seinen Bann. Es ist die Darstellung der vier Erdteile durch Gruppen von Menschen aus Asien, Europa, Amerika und Afrika, die mich gleichermassen anzog und irritierte. Die unterschiedliche Herkunft der abgebildeten Menschen ist phantasievoll, wenn auch handwerklich etwas unbeholfen nachempfunden; den Ländern entsprechend, die sie repräsentieren, sind sie mit fremdländischen Gesichtszügen, exotischer Kleidung und extravagantem Kopfschmuck ausgestattet. Alle blicken sie in ehrfürchtiger Haltung auf zum über ihnen schwebenden Christus, der mit seiner linken Hand auf ein halb durch eine graue Wolke verborgenes, wohl die Gegenwart des Göttlichen symbolisierendes Licht verweist, und mit der rechten auf eine den Menschen zugewandte Schriftrolle: «Wendet Euch zu mir, Alle Enden der Erde, so wird Euch geholfen werden, denn ich bin Gott und sonst keiner», heisst es darauf, mit dem Verweis auf Kapitel 45, Vers 22 des Buches Jesaja.
Zunächst empfand ich das Gemälde als Ausdruck der Weltoffenheit der Familiendynastie der Zellweger; ihre weltweiten Handelsbeziehungen haben diesen Ort geprägt, und ihrer Grosszügigkeit ist auch die stattliche Kirche, in der wir uns heute Abend befinden, zu verdanken. Dann aber weckte der imperative Appell an die Gläubigen meinen Widerstand: Mehr noch als die allzu naive, ihrer Schattenseiten noch keineswegs bewusste Sicht auf die Globalisierung irritierte mich die Vorstellung der Globalisierung des Christentums über alle Verschiedenheiten der Kulturen hinweg. Damals sagte ich mir, dass ich in dieser Reflexion darauf zurückkommen wolle.
Sechs Wochen später verreisten wir in den Iran. In den ersten Tagen besuchten wir Persepolis, eine der grossartigen Residenzen des persischen Königsgeschlechts der Achämeniden, das zwischen dem 7. und 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung über ein bis dahin einzigartiges Weltreich herrschte. Das grosse Relief am Aufgang zur Haupthalle der Residenz stellt den Tributzug von Abgeordneten der vielen Völker des Reiches dar, wie sie am Neujahrsfest vor dem König vorbeidefilieren. Ihre jeweilige Zugehörigkeit ist an den Trachten und den mitgebrachten Gaben zu erkennen. Die dargestellten Menschen wirken aufrecht und selbstbewusst, keineswegs wie unterjochte Sklaven.
Ein uns bisher unbekanntes Symbol ziert das Zentrum des Reliefs und wiederholt sich über vielen Torbogen, Tür- und Fensteröffnungen: ein Vogel mit ausgebreiteten, gefiederten Flügeln und Schwanzfedern, jedoch mit menschlichem Kopf und Oberkörper. Als wir wenige Tage später die Heiligtümer der Zorastrier in Yazd besuchten, fanden wir die Erklärung: Der Vogelmensch steht für den allmächtigen Gott Ahura Mazda, dessen Spuren zu den arischen, indio-iranischen Nomadenstämmen Zentralasiens zurückführen. Aus deren in Feuerkult und Magie gründenden Religions- und Lebensformen mögen sich vor rund 3000 bis 4000 Jahren sowohl der auf den Veden gründende Hinduismus als auch der durch den Propheten Zarathustra begründete Zoroastrismus entfaltet haben.
In Isfahan, schliesslich, wurden wir ganz überraschend in einen stillen Hof geführt: Hier, in diesem kleinen Schrein mit seiner ganz besonders intimen Atmosphäre, befinde sich das Grab Jesaja, vernahmen wir mit grossem Erstaunen. Mehr darüber, wie der jüdische Prophet den Weg nach Isfahan gefunden habe, wusste uns niemand zu erklären. Jesaja in Isfahan?
Zurück in der Schweiz fand ich den inzwischen eingetroffenen Kommentar zum Chorgemälde1. Zu meinem nicht geringen Erstaunen stellte ich gleich bei der ersten Durchsicht der Bildbeschreibung fest, dass der Mann mit Spitzhut und Hirtenhemd – ganz links in der asiatischen Gruppe – der mit der linken Hand so demütig auf das göttliche Licht zeigt, Kyros II., König der Achämeniden, darstellt: Kyros II., Begründer des ersten Weltreiches der Menschheitsgeschichte. Das Imperium der Achämeniden erreichte den Indus im Osten; im Westen schloss es Babylon, Palästina und zeitweilig Ägypten mit ein, und im Norden gehörten Kleinasien – die heutige Türkei – sowie Teile des Kaukasus und Zentralasiens mit dazu. Kyros muss ein weltoffener und für seine Zeit unvergleichlich toleranter Herrscher gewesen sein. Die von ihm um 530 vor unserer Zeitrechnung erlassene Verfassung, aus der ich hier zwei Abschnitte zitiere, gilt heute als wohl erste Erklärung der Menschenrechte:
«(…) verkünde ich, dass solange ich am Leben bin und Mazda mir die Macht gewährt, ich die Religion, Bräuche und Kultur der Länder, deren König ich bin, ehre und achte und auch nicht zulasse, dass meine Staatsführer und Menschen unter meiner Macht die Religion, Bräuche und Kultur meines Königreiches oder anderer Länder verachten oder beleidigen. Solange ich mit dem Segen von Mazda herrsche, werde ich nicht zulassen, dass Männer und Frauen als Sklaven gehandelt werden. Sklaverei muss auf der ganzen Welt abgeschafft werden. Ich fordere von Mazda, dass er mir bei meinen Aufgaben gegenüber den Völkern von Persien, Babylon und den Ländern in den vier Himmelsrichtungen zum Erfolg verhilft.»
Doch wie – in aller Welt – findet Kyros II. den weg in den Chor der Kirche Trogen? weil der im Chorgemälde gezeigte Vers aus jenem Teil des Buches Jesaja stammt – Kapitel 40–55 –, in dem Kyros II. als von Gott erwählter Befreier der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft im Zentrum steht. «Ich habe dich gebildet und zum Bundesmittler für das Menschengeschlecht, zum Lichte der Völker gemacht», sagt sein Gott zu ihm. Als «mein Hirte» spricht er ihn an. Daher wohl die Darstellung im Hirtenhemd, während die Spitzmütze an die Kopfdeckung der spitzhütigen Saken auf dem Relief   in Persepolis erinnert.
Die zweite Überraschung, die der Kommentar für mich bereithielt, war die Auffassung, dass dieser Teil des Buches Jesaja nicht dem jüdischen Propheten der Weissagungen zugeschrieben wird, sondern dem Deutero-Jesaja (einem zweiten Jesaja), der vermutlich 200 Jahre später lebte, eben zur Zeit der Eroberung Babylons durch Kyros II., die den in Gefangenschaft Nabonids lebenden Juden die Rückkehr nach Jerusalem ermöglichte. So haben wir in Isfahan das Grab dieses zweiten Jesaja besucht?
Es erfüllt mich immer wieder mit grossem Staunen, wenn sich so unvermutete Zusammenhänge offenbaren, wenn sich Elemente – wie von unsichtbarer Hand geordnet – zusammensetzen und Kreise sich zu schliessen scheinen.
Dieser zweite Teil des Buches Jesaja spricht von der Weisheit und Grösse Kyros II. als Herrscher und Heerführer. Anfänglich sind die Verse deutlich vom toleranten Geist Ahura Mazdas geprägt; vor allem gegen das Ende hin nimmt jedoch der gebietende, strafende und rächende Charakter Jahwes, des israelitischen Stammesgottes des ersten Testaments, überhand. Dieser Übergang scheint mir ein treffendes Beispiel zu sein für den Wandel der Gottesbilder durch die Kulturen und im Lauf der Zeiten.
Führen wir uns vor Augen, wie wir in wenigen Minuten, ausgehend vom Chorgemälde der Kirche Trogen, die arischen Stammesreligionen berührt haben, aus denen sich die Veden und der Zoroastrismus entfalteten, wie wir fast übergangslos zu den Worten des jüdischen Gottes gefunden haben, dessen Aufforderung an alle Enden der Erde, sich an ihn zu wenden, im Gemälde vor uns durch Christus übermittelt wird. wenn im 1. Buch Moses geschrieben steht «Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde», müssen wir uns heute wohl eher vorstellen, dass der Mensch Gott nach seinem Bilde schuf und sich Brücken zum Unerklärlichen in Form von Mythen baute; Brücken, die sich mit der Evolution des Bewusstseins nach und nach, und immer wieder neu, als Aberglauben entpuppen. Hier mitzuwachsen: Darin liegt eine grosse Aufforderung an die Religionen, ein Schlüssel auch zu mehr Frieden in dieser Welt.
Wenn wir uns den Wandel der Gottesbilder durch die Kulturen und ihre Geschichte vergegenwärtigen, wird schnell klar: ihr Hintergrund kann nur ein gemeinsamer sein. Das Absolute, der Urgrund allen Seins, ist nicht teilbar. Die Mystiker aller Religionen haben wohl ihre je eigenen Zugänge zum Urgrund entdeckt; und mögen sich diese Zugänge noch so sehr durch die Welt ihrer Bilder und Vorstellungen unterscheiden: In ihrer Essenz, dem Übergang von der Vielheit in die Einheit, entsprechen sie sich doch alle. Es geht um die Stille, um die Gegenwärtigkeit. wenn uns für einen Augenblick nichts von der Gegenwart trennt – keine Zukunft, keine Vergangenheit – leuchtet etwas in uns auf. Ein Gefühl des Glücks, ein Einssein mit dem Leben. Wir alle haben dies schon erlebt, erleben es immer wieder: In Momenten des Aufenthaltes in der Natur, im Ankommen auf dem Berggipfel, im Einklang mit nahestehenden Menschen, ja auch beim lang ersehnten ersten Bissen von dem so köstlichen Schokoladekuchen. Es ist die Natur unseres innersten Wesens, das uns dann zu erreichen vermag; weil unsere Aufmerksamkeit, vielleicht nur für einen Augenblick, nicht vom Gewebe des unfreiwilligen Denkens und Fühlens absorbiert ist. Nur: wenn wir dieses flüchtig erscheinende Glück jeweils nicht als unser eigenes erkennen und zu uns nehmen, sondern es an den äusseren Umständen festmachen, wird es zum Gegenstand unserer Sehnsucht nach ewiger Wiederholung im Aussen. Gehen wir jedoch einen anderen weg und achten darauf, solche Glücksmomente als Aufleuchten unseres innersten Wesens wahr und anzunehmen, werden wir uns nach und nach in einer immer tieferen Aufgehobenheit finden: in einer grenzenlosen, unbedingten Liebe, die ganz und gar uns meint.
Ist nicht diese Aufgehobenheit der Ort unserer tiefsten Sehnsucht; geliebt zu werden, so, wie wir sind? Meinten wir nicht schon immer diese Aufgehobenheit, dieses Geliebtsein ohne Bedingungen und Grenzen, wenn wir, oft unter Aufbietung aller Kräfte, danach strebten, Erwartungen zu erfüllen, in den Augen anderer erfolgreich und bewundernswert zu sein? Solange wir jedoch unsere Aufgehobenheit, auch unsere Sicherheiten an äusseren, ihrer Natur nach vergänglichen Phänomenen festmachen, sind Enttäuschungen unvermeidbar. So lange werden sie uns Schmerz bereiten, bis wir sie – oft erst im Rückblick – als Wegweiser zum wesentlichen erkennen und annehmen. Je tiefer wir im Eigenen verwurzelt sind, umso weniger werden wir auch ethisches Denken und Handeln an äussere Gebote und Erwartungen binden wollen; unsere ethische Orientierung entspringt ganz natürlich dem tiefen inneren wissen um das für uns und die anderen Stimmige.
Schauen wir aus dieser Perspektive auf die Welt, nehmen wir ihre Phänomene als alle mit allen verbunden wahr. Globalisierung offenbart sich als Erweiterung des menschlichen Bewusstseins im Sinne der Evolution; Solidarität und Mitverantwortung für das Ganze, dessen Teil wir sind, gehört unabdingbar dazu. Denn wir wissen: Es kann uns nur gut gehen, wenn es dem Ganzen gut geht.
Und damit komme ich zur heutigen Kantate. Dass der Text des ersten, die ganze Kantate prägenden Rezitativs, ebenfalls von diesem zweiten Jesaja stammt, den ich nun einmal den persischen nenne, ist ein weiterer Aspekt des kleinen Wunders – oder der Kette von Zufällen –, das mich in der Vorbereitung dieser Reflexion begleitete.
«Gleichwie Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin kommet, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, also soll das Wort, so aus meinem Munde gehet, auch sein; es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, das mir gefället, und soll ihm gelingen, dazu ich’s sende.»
Jesajas Text entsprechend ist es Gott, der hier spricht. Aus der Sicht der Aufgehobenheit im Einen getraue ich mich zu sagen: Gott kann kein anderer sein. Ich bin es, und es ist meine Verantwortung, so aus dem Herzen zu sprechen, dass die Saat aufgeht, dass meine Worte Früchte tragen. wir dürfen diese Verantwortung nicht mehr an einen äusseren Gott delegieren; das ist für unsere Zeit nicht angemessen. Ich denke an Meister Eckhart: «Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund. Hier lebe ich aus meinem Eigenen, wie Gott aus seinem Eigenen lebt», sagte er in unerhörter Kühnheit für seine Zeit (und noch treffender an anderer Stelle: «Manche einfältigen Leute wähnen, sie sollten Gott so sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so: Gott und ich, wir sind eins.»). Es ist an uns, die Verantwortung für eine Sprache, die Früchte trägt, zu uns zu nehmen, wir können sie nicht delegieren. Denn, indem wir aus der innersten Aufgehobenheit denken, sprechen und handeln, verändern wir die Welt.
Teufel, Papst, Türken, Mammon, Wollust und Völlerei sind nichts anderes als unser eigenes inneres Schattenkabinett; auch sie gehören letztlich in unsere eigene Verantwortung. wenn wir sie an unser Herz nehmen, an ein aus dem Urgrund genährtes Herz, verlieren die Schatten ihre dämonische Gestalt; sie entwickeln sich zu hilfreichen, unsere Persönlichkeit bereichernden Qualitäten.
In diesem Sinne meine ich, es wäre kein gutes Rezept, mit Bach «Erhör uns, lieber Herre Gott!» zu singen und im Takt dazu «den Satan unter unsre Füsse (zu) treten». Tun wir dies, so wird uns der Satan über kurz oder lang im Aussen entgegentreten, und wozu dies führt, sehen wir mit einem Blick auf das aktuelle Geschehen in der Welt. Vor dem Dunkeln die Augen zu verschliessen, ist kein Weg mehr für den heutigen Menschen. wir können nicht anders, als – genauso wie das eigene Schattenkabinett – auch das grosse Welttheater an unser Herz zu nehmen. So entsprechen wir den Herausforderungen des Bewusstseinswandels: indem wir mit dem Herzen sehen, was die Weltsituation mit uns zu tun hat, was wir tun und was wir damit bewirken, um dann zu überlegen, ob wir das wirklich so wollen.
Zurück zu Bach. Alle grossen werke der Kultur, die uns berühren, stammen aus der Verbindung mit dem Urgrund allen Seins. Und wir haben es vorhin, in der ersten Aufführung der Kantate, hören können: Auch Bachs Musik ist Ausdruck dieses Urgrundes, umgesetzt durch die Einzigartigkeit von Bachs Person, seines Handwerks, seiner Kreativität. Um nichts anderes geht es, wenn Musiker musizieren. Die Beherrschung der Stimme oder eines Instruments und die Treue zum Notentext allein reichen nicht: Sie sind lediglich Voraussetzung. Die Musik braucht den Atem, den Puls des Lebens, und dieser entspringt derselben inneren Quelle, die auch Bach zu seiner Musik inspiriert hat.
So dürfen wir uns freuen auf die Wiederholung der Kantate. Bitte, unterbrechen Sie jetzt das im Raum entstandene Gewebe nicht mit einem Applaus. Die Musiker brauchen einige Minuten Zeit, um wieder bereit zu sein. Lassen Sie ihre Gedanken in der Stille nachschwingen. Vielleicht zeigt Ihnen das Chorgemälde noch eine andere Dimension? Ich danke Ihnen fürs Zuhören!

 

Literatur

  • Heidi Eisenhut, Renate Frohne, Eine Deutung des Chorgemäldes der reformierten Kirche Trogen, Kantonsbibliothek Appenzell AR, Trogen o. J.
    • Josef Quint (Hg.), Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate. Vom innersten Grunde, München 1955

 

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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