Ihr werdet weinen und heulen

BWV 103 // zu Jubilate

für Alt und Tenor, Vokalensemble, Tromba, Flauto piccolo, Streicher und Continuo

Dass die in Bachs Zeit allmächtige Kirche einst eine verfolgte Sekte war, ruft das Libretto der Kantate BWV 103 «Ihr werdet weinen und heulen, aber die Welt wird sich freuen» eindringlich in Erinnerung.

J.S. Bach-Stiftung Kantate BWV 103

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Werkeinführung
Reflexion

Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Alt/Altus
Stefanie Irányi

Tenor
Andreas Weller

Chor

Sopran
Susanne Frei, Guro Hjemli, Jennifer Rudin, Noëmi Tran-Rediger

Alt/Altus
Jan Börner, Antonia Frey, Olivia Heiniger, Lea Scherer

Tenor
Clemens Flämig, Nicolas Savoy, Walter Siegel

Bass
Fabrice Hayoz, Philippe Rayot, William Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Plamena Nikitassova, Martin Korrodi, Fanny Pestalozzi, Ildiko Sajgo, Olivia Schenkel

Viola
Susanna Hefti, Martina Bischof

Violoncello
Maya Amrein

Violone
Iris Finkbeiner

Oboe d’amore
Luise Baumgartl, Thomas Meraner

Fagott
Susann Landert

Trompete/Tromba
Patrick Henrichs

Flauto piccolo
Armelle Plantier

Orgel
Norbert Zeilberger

Cembalo
Thomas Leininger

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Karl Graf, Rudolf Lutz

Reflexion

Referent
Berthold Rothschild

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
23.04.2010

Aufnahmeort
Trogen

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Textdichter Nr. 1-5
Christiane Mariana von Ziegler (1695-1760)

Textdichter Nr. 6
Paul Gerhardt (1607-1676)

Erste Aufführung
Sonntag Jubilate,
22. April 1725

Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk

Auch die Denkfigur, dass noch das grösste Unglück und selbst der Spott der Umwelt erst hinzunehmen sind, bevor Erleichterung Platz greifen kann, gehört zur menschlichen Erfahrungswelt wie zum Kernbestand der tröstlichen Botschaft. Bach hat für diese spiegelbildliche Aussage des Eingangschores eine gegensätzliche Sprache gefunden, die das «Weinen und Heulen» in eine chromatisch absteigende Seufzerkette mit «teuflischem» Tritonussprung kleidet, während die Schaden-«Freude» der Welt sich in garstig voranstürmenden Concertorhythmen äussert. Das ausdrucksstarke h-Moll verleiht dem Satz eine ernste Grundfarbe, während Oboen d‘amore und Piccoloflöte die Vergänglichkeit aller irdischen Zustände einschliesslich des Leides hervorheben. Die Umkehrung der Textglieder im Schlussabschnitt hat Bach detailgetreu aufgegriffen; zuvor jedoch wird in acht berührenden Takten (Adagio e piano) reinherzigem Mitleid Raum gegeben. Diese dem Singbass übertragene Passage wirkt wie eine brüderliche Umarmung im Moment tiefster Verzweiflung und fast als Vorgriff auf das «Deutsche Requiem» des Bachverehrers Johannes Brahms («Ihr habt nun Traurigkeit»), der diese bereits 1831 in Berlin gedruckte Kantate zweifelsohne kannte.

Das Tenorrezitativ zeichnet zunächst die auf den Beter eindringende Klageflut nach, macht dann jedoch die Ferne Jesu als jenen Übelstand aus, der mehr als konkrete Verfolgungen das Leiden an Herz und Seele ausmacht. Dieser Rückgriff auf die Abschiedsreden des Johannesevangeliums bindet den Satz an die Perikope unseres Sonntags, der aufgrund seines altkirchlichen Introitus etwas irreführend als «Jubilate» bezeichnet wird, während seine Lesetexte ebenso wie die ihm gewidmeten Bachkantaten (BWV 12, 103, 146) eher Klage und Weltabwendung ausdrücken.

Diese Theologie des Leidens wird in der Altarie unter Rückgriff auf die medizinische Metaphorik von «Arzt», «Wunden» und «Balsam» konkretisiert. Die über den Staccatobasstönen ausgespannte Oberstimme erhält dem behäbig fortschreitenden Satz eine gewisse Beweglichkeit, die durch den fragilen Klang der Piccoloflöte einen Zug ins Naive erhält. Dass diese merkwürdige Partie eines sakralisierten «Papageno» bei einer erneuten Aufführung 1731 der Querflöte oder Solovioline zugewiesen wurde, könnte insofern mit dem Bemühen zusammenhängen, dem Satz mehr Bodenhaftung und Eleganz zu verleihen.

Das Altrezitativ kontert die Gottesklage des Tenors mit der zuversichtlichen Annahme einer baldigen Wiederkunft. Bach greift dabei mit dem Umschlag der expressiv rezitierten «Traurigkeit» in ein beschwingt ausgeziertes «Freuden»-Melisma die von Kontrasten geprägte Welt des Eingangschores auf. Die Tenorarie «Erholet euch, betrübte Sinnen» gehört nicht zufällig zu den beliebtesten Kantaten-Encores des Thomaskantors. Als schmissige D-Dur-Bourrée konzipiert und über die Fanfarenmotivik hinaus mit einer echten Tromba aufwartend, verbindet sie einen geradlinigen und insofern «modernen» Ausdruckscharakter mit einer im Detail feinen Textdeutung («betrübte Sinnen», «allzu weh»). Dass Bachs dichte Satzkonzeption die heroentaugliche Partie nicht durchgängig zur Entfaltung kommen lässt, nimmt diesem Versuch einer zukunftsweisend populären Schreibweise nichts von seinem Charme.

Die abschliessende Liedstrophe fasst die Grunderfahrung der Kantate im Choraltext Paul Gerhards zusammen. Verlassenheit und Kummer sollen sich «in Freud und ewig Wohl verkehren» – ein Trostwort «ohn alle Maßen», das man aber zugleich als Beispiel jenes «deutschen Quietismus» ansehen kann, den der Philosoph Ernst Bloch nicht ohne Grund der lutherischen Reformation vorhielt. Zwar kann sich dieses demütige Zuwarten auf die (arg obrigkeitsfixierte) Sonntagsepistel aus dem 1. Petrusbrief berufen, einen Fingerzeig zur tätigen Linderung der irdischen Nöte sucht man in diesem Satz wie in der gesamten Kantate jedoch vergebens.

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Die Kantate nimmt Bezug auf das Sonntagsevangelium aus Johannes 16. Jesus spricht von seinem Abscheiden und Wiederkommen: «Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.»

1. Chor und Arioso (Bass)

Chor:
Ihr werdet weinen und heulen,
aber die Welt wird sich freuen.
Bass:
Ihr aber werdet traurig sein.
Chor:
Doch eure Traurigkeit soll in Freude
verkehret werden.

1. Chor und Arioso
Die Worte des Eingangssatzes sind dem Evangelium entnommen. Im eröffnenden Instrumentalsatz überrascht die Sopranblockflöte mit ihrem konzertanten Spiel, vermutlich eine Vorwegnahme von «aber die Welt wird sich freuen». Der Chor setzt mit einer Fuge ein und mit einer gespannten Tonfolge auf die Textworte «Ihr werdet weinen und heulen». Später unterbricht ein Bass-Rezitativ den Klang fluss mit den Worten «Ihr aber werdet traurig sein».

2. Rezitativ (Tenor)

Wer sollte nicht in Klagen untergehn,
wenn uns der Liebste wird entrissen?
Der Seelen Heil, die Zuflucht kranker Herzen
acht’ nicht auf unsre Schmerzen.

2. Rezitativ
«Der Liebste», d. h. Gottes geliebter Sohn, wird den Seinen entrissen. Das verleitet zum Vorwurf, er achte nun nicht mehr auf die Schmerzen der Leidenden.

3. Arie (Alt)

Kein Arzt ist außer dir zu finden,
ich suche durch ganz Gilead;
wer heilt die Wunden meiner Sünden,
weil man hier keinen Balsam hat?
Verbirgst du dich, so muß ich sterben.
Erbarme dich, ach, höre doch!
Du suchest ja nicht mein Verderben,
wohlan, so hofft mein Herze noch.

3. Arie
Die Klage wird mit Worten des Propheten Jeremia (18,22) ausgedrückt: «Ist denn kein Balsam mehr in Gilead? Ist kein Arzt mehr dort? Warum will nicht heilen die Wunde der Tochter meines Volkes?» Die Altstimme verflicht sich mit einer kunstvollen Flautopiccolo- Stimme, die Stimmung ist sehnsüchtig und innig.

4. Rezitativ (Alt)

Du wirst mich nach der Angst
auch wiederum erquicken;
so will ich mich zu deiner Ankunft schicken,
ich traue dem Verheißungswort,
daß meine Traurigkeit
in Freude soll verkehret werden.

4. Rezitativ
Der glaubende Mensch traut dem Versprechen Christi, dass sich die Trauer in Freude verwandeln wird.

5. Arie (Tenor)

Erholet euch, betrübte Sinnen,
ihr tut euch selber allzu weh.
Laßt von dem traurigen Beginnen,
eh ich in Tränen untergeh.
Mein Jesus läßt sich wieder sehen,
o Freude, der nichts gleichen kann;
wie wohl ist mir dadurch geschehen,
nimm, nimm mein Herz zum Opfer an.

5. Arie
Der Vorwurf, Christus kümmere sich nicht um die Leiden der Menschen, erweist sich als unhaltbar. Der Glaube «sieht» in geistlichem Schauen den auferstandenen Christus. Es gilt, ihm das Herz zu schenken und nicht sich selber «allzu weh» zu tun. Trompetenklang verbindet sich mit der Freude auf das Wiedersehen mit Jesus.

6. Choral

Ich hab dich einen Augenblick,
o liebes Kind, verlassen;
sieh aber, sieh, mit großem Glück
und Trost ohn alle Maßen
will ich dir schon die Freudenkron
aufsetzen und verehren.
Dein kurzes Leid soll sich in Freud
und ewig Wohl verkehren.

6. Choral
Eine Strophe aus Paul Gerhardts Lied «Barmherz’ger Vater, höchster Gott» bildet den zusammenfassenden Schluss der Kantate. Sie enthält ein Zitat aus Jesaja 54, 7: «Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit grosser Barmherzigkeit will ich dich sammeln.»

Reflexion

Berthold Rothschild

«Befreiung von der Religion ist Befreiung von der Illusion»

Zuviel Vernunft lässt neue Illusionen entstehen, die den Menschen irgendwann einmal an seinen Ausgangspunkt zurückführen könnten, als er arm, nackt, hilflos und sterblich war. Gedanken zur Kantate «Ihr werdet weinen und heulen».

Welchen Sinn hat eine Reflexion über eine Bachkantate, zumal von einem, der das ist, wofür diese Kantaten wohl geschrieben worden sind: ein einfacher Sünder und ein dankbarer Konsument kultureller Vermächtnisse, einer also, der sich einzig und allein auf seine laienhaften Impressionen verlassen muss? Was sind überhaupt Reflexionen? Dem Wortsinne entsprechend sind es «Wieder-Verbeugungen» oder «Zurecht-Biegungen», und damit ist wohl gemeint, dass man einem Inhalte zum zweiten Mal die Reverenz erweist – also nicht nur ein spontanes Denken, sondern ein Nachdenken.
Ähnliches drückt übrigens auch das Wort «Religion» aus: etwas Wiedergebundenes nämlich – der in seiner Geburt «entbundene» Mensch lässt sich «wieder-binden», «zurückbinden». Menschen begeben sich in eine Bindung und in eine Abhängigkeit – die im Idealfalle frei gewählt ist. Eine Unterwerfung also, die Frauen und Männer auf sich nehmen, weil sie sich ohne diese Unterwerfung, trotz aller Autonomie, noch ohnmächtiger fühlen würden. Denn – so Sigmund Freud – «(…) die Götter (behalten) ihre dreifache Aufgabe: die Schrecken der Natur zu bannen, mit der Grausamkeit des Schicksals wie es sich im Tode zeigt, zu versöhnen und für die Leiden und Entbehrungen zu entschädigen, die dem Menschen durch das kulturelle Zusammenleben auferlegt werden (…)».
Die Kantaten Bachs – so ist vielen gelehrten Kommentaren zu entnehmen – sind grossartige Leistungen, die immer auch diese Abhängigkeit und Ergebenheit ausdrücken wollen. Sie sind Ausdruck eines unübertrefflich ernsthaften Künstlers in seiner Aufgabe, um nicht zu sagen: seiner Sendung als Musikdirektor und Kantor im Leipzig des 18. Jahrhunderts, die Bindungen des Menschen an seinen Gott zu verdeutlichen, es sind «Predigten in Tönen». Der protestantische Kirchenkalender, die sogenannte Perikopenordnung, schreibt für jeden Sonntag des Kirchenjahres eine Besinnung auf passende Texte vor, die dann von den jeweiligen Kantoren in Hymnen und Lieder übersetzt werden. Zuerst also war immer der Text, war das Wort – dann kam die Musik dazu.
Zu Bachs Zeiten war der Kirchgang eine religiöse Pflicht. Musik und Texte dienten der Erbauung, der Ermahnung oder dem Lobe eines gewaltigen Gottes. Heute aber werden, wenn überhaupt, die Kirchen nur noch aufgesucht, um mittels ihrer Architektur oder den grossartigen Musikwerken – als Relikte einer früheren Zeit? – kulturell und musikalisch inspiriert, von den Lasten des Lebens wohltuend abgelenkt zu werden. Wird hier also einem Anachronismus gehuldigt, der die Menschen die Ambivalenz zwischen modernem Unglauben und archaischem Glaubenswunsch besser ertragen lässt?
Die Kantate «Ihr werdet weinen und heulen» mutet in ihrem Text wie ein starkes Stück wohlgemeinter Züchtigung an. Zuerst wird all das Schreckliche verkündet, der Mensch zur hilflosen und winselnd-kläglichen Kreatur gemacht, damit er nachher umso demütiger und dankbarer auf seine Erlösung hoffen und dafür beten kann. Das Prinzip von Peitsche und Zuckerbrot kommt hier zur Anwendung. Wie anders war es doch vor einem Monat in der Trogener Kirche, als die Kantate «Wie schön leuchtet der Morgenstern» aufgeführt wurde. Sie stand ganz im Dienste der Hoffnung der Morgenröte nach dunkler Nacht – bei Johann Sebastian Bach und den Musikerinnen und Musikern der Schola Seconda Pratica unter der Leitung von Rudolf Lutz wie auch bei Elisabeth Bronfen in ihrer klugen Reflexion.
Stets ist es die Musik, die mich ergreift. Der eigentliche Anlass oder der Inhalt, über dem die Musik sich ursprünglich aufbaute, spielt eine viel geringere Rolle. Der zugehörige Text aber, sofern er hinter der gewaltigen Musik überhaupt verständlich bleibt, erscheint – anders als die Musik – wie «von damals», «barock» eben, «barock» auch im Sinne des Vergangenen.
Und doch kann, wer darüber reflektieren will, nicht ignorieren, dass die Musik der Kantaten zu einem bestimmten Zwecke komponiert wurde und dass sie einen ganz spezifischen Text erhöhen oder vertiefen soll. Wie merkwürdig dies doch ist: Manchmal, wie in der Kantate «Wie schön leuchtet der Morgenstern» vor einem Monat, geht es um die reine Hoffnung, und heute in der Kantate «Ihr werdet weinen und heulen» steht die jähe Verzweiflung im Mittelpunkt. Beim Lesen und Hören dieser und so vieler anderer Bachkantaten fällt immer wieder auf, wie sehr in einem wahren Wechselbad von Verlassenheit und Geborgenheit jeweils das Elend der Menschen beschworen und ihr Jammer mit barock-bombastischer Verve besungen wird – und dies eindeutig immer mit dem Zwecke, die Erlösung umso herrlicher erstrahlen zu lassen, je tiefer sich der Abgrund aufgetan hat: «(…), / ich traue dem Verheissungswort, / dass meine Traurigkeit / in Freude soll verkehret werden.» Ist dies eine Spielart der «schwarzen Pädagogik»? Wird hier mit dem Elend gedroht, mit Krankheit und Verderben, um dann den einzig richtigen Weg zur Erlösung umso unverzichtbarer und umso gnadenvoller erscheinen zu lassen?
Doch hier und in vielen anderen Kantaten handelt es sich um ein Elend, dem mit keinem anderen Mittel als allein mit der göttlichen Gnade beizukommen ist: «Kein Arzt ist ausser dir zu finden, / ich suche durch ganz Gilead; / wer heilt die Wunden meiner Sünden, / weil man hier keinen Balsam hat?» Es ist das Elend von Schuld und Sünde, das Joch des angeklagten Gewissens und des Ungehorsams. Werden die Menschen heute von solchen Worten überhaupt noch berührt und gar zur ernsthaften Nachdenklichkeit verführt?
Die Musik, so schreibt George Steiner, wahrscheinlich einer der letzten noch lebenden universalgelehrten, sei weit natürlicher, entgrenzter und unfassbarer als das Wort. Das Wort hinke hintendrein und bleibe der Musik stets etwas schuldig. Dies sei allein deshalb der Fall, weil Musik gleichzeitig so vieles über alle Grenzen der Bedingtheit hinweg mitteilen könne, das Wort aber auf die zeitliche und lineare Abfolge seiner jeweiligen Wirkung begrenzt bleibe. Die Musik überspringe die Grenzen der Zeit, der Nation und der Sprachen – oder wie Nietzsche sagte, ohne Musik sei das Leben ein Irrtum. Das Wort hingegen sei genau und gegenwärtig, die Musik aber weit und oberhalb der Zeiten. Einzig im Gesang, so Steiner, im Liede und in der menschlichen Stimme kämen die beiden – Wort und Musik – wirklich zusammen und könnten so den Menschen in eine Art zeitlosen Urzustand versetzen – wie wir es manchmal physisch erfahren, wenn uns die gesungene Musik kalt den Rücken hinunterfährt. Im Gegensatz zum Wort kann Musik nicht wahr oder falsch sein. Sie kann höchstens für das Falsche und Herrschende benutzt und instrumentalisiert werden. Dies ist der Fall bei Militärmusik im Dienste der Kriegslust oder bei der schrecklich zynischen Aufgabe der Kammermusiker an der Rampe von Auschwitz.
Religion sei Opium für das Volk, soll Karl Marx gesagt haben – aber dies ist keineswegs der ganze Satz. Er lautet im Original: «Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.» und weiter heisst es bei Marx: «Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks.»
Sigmund Freud hat 1927 den Gedanken der Religion als Illusion in seinem Werk «Die Zukunft einer Illusion» wieder aufgenommen. Er betrachtet die Geschichte der menschlichen Illusionen als eigentliche Kulturleistung – im Sinne der Zähmung des chaotisch-Triebhaften. Er bezeichnet die Illusionen als «das vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen Inventars einer Kultur». Aber auch er wünscht sich, die Menschen von ihrer Illusion zu befreien und sie eher ihrer Vernunft zu übergeben – weil letztlich nur dieser zu vertrauen sei. Ob das wohl stimmt? Zweifel kommen auf bei der Betrachtung des Zustandes unserer Vernunft-Welt. Verhält es sich nicht vielmehr so, dass auch die absolute Herrschaft der Vernunft – und ist nicht der Markt eines ihrer bevorzugten Kinder? – eine noch grössere Illusion ist?
Seit weit mehr als hundert Jahren ist festzustellen, dass der moderne Geist, die fortschrittliche Vernunft-Kultur, die Religion weitgehend aufgekündigt und sich ihrer Illusionen entledigt hat. «Gott ist nicht notwendig, um die Schuld zu schaffen oder zu strafen. Die Menschen genügen dafür», heisst es bei Albert camus. Tatsächlich sind die Kirchen leerer, die Gläubigen sind weniger und die Phrasen noch hohler geworden. Dies ist zumindest in unseren Breiten der Fall. Für die meisten von uns ist das Aufsuchen der Kirchen und Gotteshäuser zum leeren Ritual geworden oder, wie hier und heute, das Hören ihrer Gesänge und Hymnen zum kulturellen oder sozialen Akt. Wer aber mahnt die Menschen noch, wie es einst die Propheten taten? Wen flehen wir an, wenn es uns schlecht geht? Wohin richten wir in der Stunde des Elends unsere Gebete? Wer setzt die Schranken, die wir dann immer auch überspringen wollen? Wer lehrt uns zu leben und zu sterben? Was liegt da näher, als dort Schutz zu suchen, wo sich Allmacht bietet. Doch wer Schutz sucht bei den Mächtigen, der begibt sich in den Schlagschatten ihres Gesetzes und nimmt das Joch der Abhängigkeit auf sich.
Es ist deshalb kein Wunder, dass wir bereits begonnen haben, uns wieder zu fürchten vor jenen Menschen, die noch glauben wollen, glauben können, glauben müssen. Immer mehr empfinden wir ihr Sendungsbewusstsein und ihre oft fanatische Sicherheit bis hin zu ihrer religiösen Sterbensbereitschaft als Bedrohung. Oder ist es doch auch ein bisschen Neid? Dort, wo Menschen sich und ihr Leben früher dem Götzen der Nation geopfert haben, dort gibt es offenbar solche, die ihr Leben nun ihrem Glauben opfern wollen, manchmal sogar auch das Leben anderer Menschen.
Bei allen anderen aber hat sich die Überwindung der grossen Illusion, Religion genannt, verwandelt in andere Illusionen: in diejenigen der Selbstbestimmung des Menschen, der irdischen Gerechtigkeit, der Gleichberechtigung, der grenzenlosen Machbarkeit, der ubiquitären Erreichbarkeit, der globalen Vernetzung und des grenzenlos freien Willens. Einerseits gilt dies freilich nicht für alle Menschen dieses Planeten, andererseits ist zu fragen, ob all diese Errungenschaften, all diese ausgetauschten Illusionen nicht Stationen auf dem Wege eines Hans im Glück seien, der am Ende wiederum dort landet, wo er begonnen hat: arm, nackt, hilflos und sterblich …
Und so schliesst sich der Kreis unserer Überlegungen: denn dort, wo vor lauter Vernunft alle Illusionen verloren gehen, da wird’s uns ums Weinen und Heulen – denn, sagt Freud, «eine Illusion ist nicht dasselbe wie ein Irrtum (…), für sie bleibt charakteristisch die Ableitung aus menschlichen Wünschen». Ohne Wünsche aber, ohne Begehren gar – was bleibt da noch?
Was bedeuten nun diese Reflexionen für die Kantate «Ihr werdet weinen und heulen»? Hat sie nun durch die vielen Worte einen anderen und gültigeren Sinn bekommen? Mag der Leser hier den Versuch eines «friendly takeover» mit starken Worten und edlen Tönen erkennen. Oder vielleicht gilt doch eher, was der grosse Bachbewunderer Albert Einstein 1928 in einem Interview geäussert haben soll: «Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe? Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten!»

 

Literatur
• Albert Camus, La chute, Gallimard, Paris 1956
• Albert Einstein, Umfrage der «Illustrierten Wochenschrift», 1928, zit. nach http://de.wikiquote.org/wiki/Johann_Sebastian_Bach
• Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion, in: Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Bd. IVX, Frankfurt a. M. 1982
• Karl Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 1, Berlin (Ost) 1956–1990
• George Steiner, Errata – Bilanz eines Lebens, München 1999

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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