Lobet Gott in seinen Reichen

BWV 011 // zu Himmelfahrt

für Sopran, Alt, Tenor und Bass Vokalensemble, Trompete I–III, Pauke, Traversflöte I+II, Oboe I+II, Streicher und Basso continuo

Die vielfach als Oratorium bezeichnete Himmelfahrtskantate «Lobet Gott in seinen Reichen» gehört zu Bachs reifsten und einprägsamsten Kirchenkompositionen. Dem festlichen Anlass entsprechend, setzt der von schmissigen Trompetentönen eröffnete Eingangschor ein entfesseltes Musizieren des grossbesetzten Orchesters und der Singstimmen frei, das sich in den empfindsamen Abschiedsklagen und der zunehmenden Himmelsleichtigkeit der Rezitative und Arien fortsetzt und vom federnden Konzertieren des figurierten Schlusschorals gekrönt wird. Dass Bach wie schon im Weihnachtsoratorium auch für seine Himmelfahrtsmusik ältere Meistersätze mit heranzog, merkt man der neuen Werkfassung nirgends an. Mit der Altarie «Ach bleibe doch, mein liebstes Leben» schuf er auf der Basis des gleichen Vorlagenmaterials gar ein eigenständiges Gegenstück zum berühmten Agnus Dei der h-Moll-Messe.

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Mirjam Wernli

Alt/Altus
Jan Börner

Tenor
Zacharie Fogal

Bass
Tobias Wicky

Chor

Sopran
Cornelia Fahrion, Linda Loosli, Simone Schwark, Susanne Seitter, Alexa Vogel, Anna Walker

Alt
Nanora Büttiker, Antonia Frey, Stefan Kahle, Francisca Näf, Sarah Widmer

Tenor
Clemens Flämig, Manuel Gerber, Joël Morand, Walter Siegel

Bass
Johannes Hill, Christian Kotsis, Valentin Parli, Serafin Heusser, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Eva Borhi, Peter Barczi, Christine Baumann, Petra Melicharek, Dorothee Mühleisen, Ildikó Sajgó, Judith von der Goltz

Viola
Martina Bischof, Sonoko Asabuki, Matthias Jäggi

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Markus Bernhard

Trompete
Patrick Henrichs, Peter Hasel, Klaus Pfeiffer

Pauke
Martin Homann

Traversflöte
Tomoko Mukoyama, Sarah van Cornewal

Oboe
Katharina Arfken, Philipp Wagner, Clara Espinosa

Fagott
Gilat Rotkop

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Jean-Paul Deschler

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
13.05.2022

Aufnahmeort
Teufen (AR) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
19. Mai 1735, Leipzig

Textdichter
Unbekannter Dichter (Sätze 1, 3, 4, 7b, 8)
Lukas 24, 50/51 (Satz 2)
Apostelgeschichte 1, 9 & Markus 16, 19 (Satz 5)
Johann Rist (Satz 6)
Apg. 1, 10/11 (Satz 7a)
Luk. 24, 52 & Apg. 1, 12 (Satz 7c)
Gottfried Wilhelm Sacer (Satz 9)

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Die Himmelfahrtskantate «Lobet Gott in seinen Reichen» – aufgrund der in den Rezitativen durchlaufenden biblischen Erzählung verschiedentlich auch als Oratorium bezeichnet – stammt wohl erst aus dem Jahr 1738 und gehört damit zu Bachs reifsten und zugleich einprägsamsten Kirchenkompositionen. Sie ordnet sich in Bachs Mitte der 1730er Jahre manifestes Bemühen ein, für die grossen Hochfeste repräsentative Evangelienmusiken zu schaffen. Dabei griff er wie im Falle des bekannteren Weihnachtsoratoriums auch hier teilweise auf ältere Parodievorlagen – etwa die Thomasschulkantate «Froher Tag, verlangte Stunden» von 1732 – zurück. Mit der Altarie «Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben» gelang Bach dabei auf der Basis des gleichen Ausgangsmaterials ein eigenständiges Gegenstück zum berühmten Agnus Dei der h-Moll-Messe. Dem festlichen Anlass entsprechend, setzt der von kraftvollen Trompetentönen eröffnete Eingangschor ein entfesseltes Musizieren des grossbesetzten Orchesters und der Singstimmen frei, das sich in den empfindsamen Abschiedsklagen und der zunehmenden Himmelsleichtigkeit der Rezitative und Arien fortsetzt und vom federnden Konzertieren des figurierten Schlusschorals gekrönt wird.

1. Chor

Lobet Gott in seinen Reichen,
preiset ihn in seinen Ehren,
rühmet ihn in seiner Pracht;
sucht sein Lob recht zu vergleichen,
wenn ihr mit gesamten Chören
ihm ein Lied zu Ehren macht!

1. Chor

Der unbekannte Textdichter hat für diese späte Himmelfahrtskantate einen glanzvollen Eingangschor geschrieben, eine Aufforderung zu Lob, Preis und Ehre Gottes, den Bach – der Thematik der Thronbesteigung Christi entsprechend – in hinreissende Musik gesetzt hat. Der gesamte Satz ist von den Trompetenfanfaren und rauschenden Oktavdurchläufen des Beginns über die kecken Synkopen des Mittelteils bis zum vorgezogenen Da-capo-Vokaleinsatz auf freudige Wirkung und eine gerade ausgelassene Klanglichkeit hin berechnet.

2. Rezitativ — Tenor

Der Herr Jesus hub seine Hände auf und segnete seine Jünger, und es geschah, da er sie segnete, schied er von ihnen.

2. Rezitativ

Friedrich Smend und nach ihm Martin Petzoldt haben darauf hingewiesen, dass die biblischen Rezitative vermutlich aus Johann Bugenhagens (1485–1558) Harmonisierung der vier Evangelien zu einem Bibeltext stammen – der Himmelfahrtsbericht hier aus Lukas 24, 5. Dass Jesu unmittelbar bevorstehender «Abschied» eine Himmelsreise darstellen wird, wird vom Generalbass dabei gewissermassen deutend «ausgeplaudert».

3. Rezitativ — Bass

Ach, Jesu, ist dein Abschied schon so nah?
Ach, ist denn schon die Stunde da,
da wir dich von uns lassen sollen?
Ach, siehe, wie die heißen Tränen
von unsern blassen Wangen rollen,
wie wir uns nach dir sehnen,
wie uns fast aller Trost gebricht.
Ach, weiche doch noch nicht!

3. Rezitativ

Das Bassrezitativ versetzt die Hörer gefühlsmässig in die Situation der Jünger, die von der persönlichen Gegenwart Jesu nicht Abschied nehmen wollen. Dieser emotionale Umschlag wird durch den dissonanten Einsatz zweier Traversflöten mit ihrer fahlen Klangfarbe wirkungsvoll vorbereitet. Bachs Sprachvertonung ist dabei von einer zu Herzen gehenden Plastizität.

4. Arie — Alt

Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben,
ach, fliehe nicht so bald von mir!
Dein Abschied und dein frühes Scheiden
bringt mir das allergrößte Leiden,
Ach ja, so bleibe doch noch hier;
sonst werd ich ganz von Schmerz umgeben.

4. Arie

In der Arie wird die Klage des Rezitativs von der Altstimme weitergeführt: «Ach ja, so bleibe doch noch hier; sonst werd ich ganz von Schmerz umgeben.» Über der fast nur aus angetupften Stütztönen bestehenden Continuolinie ergehen sich unisono geführte Violinen und die an sie motivisch anschliessende Altstimme im Auf und Ab einer anrührenden Klage.

5. Rezitativ — Tenor (Evangelist)

Und ward aufgehaben zusehends und fuhr auf gen Himmel, eine Wolke nahm ihn weg vor ihren Augen, und er sitzet zur rechten Hand Gottes.

5. Rezitativ

Am Evangeliumstext im Tenorrezitativ sieht man schön, wie die Zusammenstellung in Bugenhagens Evangelienharmonie (siehe Hinweis zu 2. Rezitativ) Apostelgeschichte 1, 9, Lukas 24, 51 und Markus 16, 19 zu einem Text verbindet.

6. Choral

Nun lieget alles unter dir,
dich selbst nur ausgenommen;
die Engel müssen für und für
dir aufzuwarten kommen.
Die Fürsten stehn auch auf der Bahn
und sind dir willig untertan;
Luft, Wasser, Feuer, Erden
muss dir zu Dienste werden.

6. Choral

In der 4. Strophe von Johann Rists «Du Lebensfürst, Herr Jesu Christ» (1641) wird die Auffahrt Christi zur himmlischen Herrschaft besungen. Der mittige Einschub einer Liedstrophe verleiht der gesamten Kantate eine latente Zweiteiligkeit.

7a. Rezitativ — Tenor und Bass

Tenor (Evangelist)
Und da sie ihm nachsahen gen Himmel fahren, siehe, da stunden bei ihnen zwei Männer in weißen Kleidern, welche auch sagten:

Tenor und Bass
Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.

7b. Rezitativ — Alt

Ach ja! so komme bald zurück: Tilg einst mein trauriges Gebärden, sonst wird mir jeder Augenblick verhasst und Jahren ähnlich werden.

7c. Rezitativ — Tenor (Evangelist)

Sie aber beteten ihn an, wandten um gen Jerusalem von dem Berge, der da heißet der Ölberg, welcher ist nahe bei Jerusalem und liegt einen Sabbater-Weg davon, und sie kehreten wieder gen Jerusalem mit großer Freude.

7a–c

Zuerst wird der Bericht aus Apostelgeschichte 1, 10 nur vom Evangelisten (Tenor) gesungen, später verstärkt um die Bassstimme, welche die (in eine Frage gepackte) Verheissung der Wiederkunft Christi durch den Engel wiedergibt. Danach lässt die Altstimme den Emotionen freien Lauf – nur: Gibt diese «traurige Gebärde» eher korrekte Theologie oder wirkliche Sehnsucht wieder? Das Tenorrezitativ schliesslich gibt eine Zusammenstellung aus Lukas 24, 52a und b, dazwischen Apostelgeschichte 1, 12, welches die Reaktion der Jünger beschreibt. Bach erreicht in dieser mehrteiligen musikalischen «Scena» im Wechsel der Protagonisten und Affekte eine gestische Dichte, die die Kantate hier tatsächlich in die Nähe eines handlungsschildernden Oratoriums rückt.

8. Arie — Sopran

Jesu, deine Gnadenblicke
kann ich doch beständig sehn.
Deine Liebe bleibt zurücke,
dass ich mich hier in der Zeit
an der künftgen Herrlichkeit
schon voraus im Geist erquicke,
wenn wir einst dort vor dir stehn.

8. Arie

Die Sopranarie verinnerlicht zur tröstlichen Gewissheit, dass die Erfahrung der Gnade und Liebe Jesu hier schon durch die Zeit trägt und dort in künftiger Vollendung «erquickt». Indem die Komposition auf das übliche Generalbassfundament verzichtet und mit Unisonoflöten, Oboe und Sopran drei helle Stimmen über einer ebenfalls hochliegenden Bassettostütze der Streicher exponiert, nähert sie sich der erwünschten Himmelsleichtigkeit bereits mit musikalischen Mitteln an – einschliesslich eines tänzerischen 3∕8-Taktes, der zugleich das drängende Sehnen nach diesem erlösten Stand verkörpert.

9. Choral

Wenn soll es doch geschehen,
wenn kömmt die liebe Zeit,
dass ich ihn werde sehen
in seiner Herrlichkeit?
Du Tag, wenn wirst du sein,
dass wir den Heiland grüßen,
dass wir den Heiland küssen?
Komm, stelle dich doch ein!

9. Choral

Die Kantate schliesst mit der letzten Strophe von Gottfried Wilhelm Sacers «Gott fährt auf gen Himmel» (1665), mit der Frage nach Jesu Wiederkunft. Bach kleidet den kunstvoll aufgebrochenen Liedvortrag in einen mehrchörigen Orchestersatz ein, dessen synkopischer Drive die Himmelfahrt beinahe körperlich miterlebbar macht. Dabei bringt er das Kunststück fertig, eine eigentlich nach Moll orientierte Liedmelodie in einen strahlenden D-Dur-Kontext zu versetzen. Die konzeptionelle Parallele zum Schlusschoral des Weihnachtsoratoriums ist unüberhörbar.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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