Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut

BWV 117 // unbekannte Bestimmung

für Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Traversflöte I+II, Oboe I+II, (Oboe d’amore), Streicher und Basso continuo

«Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» gehört zu einer Gruppe von vier Choralkantaten aus der Zeit um 1730, die «per omnes versus» komponiert sind und damit allein auf dem Liedtext ohne freie Umdichtungen beruhen. Da bisher kein Leipziger Aufführungskontext namhaft gemacht werden konnte, gewinnt die These einer Zweckbestimmung für den Weissenfelser Hof – von dem Bach 1729 den Titel eines externen Kapellmeisters ohne reguläre Dienstpflicht erhalten hatte – eine gewisse Plausibilität. Dazu würde der geschmeidige Ton passen, der sowohl die umrahmenden Tuttisätze mit ihrer von Flöten und Oboen getragenen luftigen Eleganz als auch die abwechslungsreich disponierten Rezitative und Arien auszeichnet. Dass sämtliche Liedstrophen mit der Devise «Gebt unserm Gott die Ehre» enden, stellte Bach vor eine bravourös gemeisterte Herausforderung variativer Verklammerung.

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Alt/Altus
Annekathrin Laabs

Tenor
Jan Kobow

Bass
Markus Volpert

Chor

Sopran
Jessica Jans, Jennifer Ribeiro Rudin, Simone Schwark, Noëmi Sohn Nad, Baiba Urka, Mirjam Wernli

Alt
Antonia Frey, Francisca Näf, Alexandra Rawohl, Jan Thomer, Sarah Widmer

Tenor
Clemens Flämig, Achim Glatz, Tobias Mäthger, Nicolas Savoy

Bass
Jean-Christophe Groffe, Johannes Hill, Grégoire May, Daniel Pérez, William Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Patricia Do, Claire Foltzer, Elisabeth Kohler, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Matthias Jäggi, Stella Mahrenholz

Violoncello
Martin Zeller, Hristo Kouzmanov

Violone
Markus Bernhard

Traversflöte
Tomoko Mukoyama, Rebekka Brunner

Oboe/Oboe d’amore

Clara Espinosa, Amy Power

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Caroline Schröder Field

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
21.10.2022

Aufnahmeort
Trogen (AR) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
im Jahr 1731 – Schlosskirche in Weissenfels

Textdichter
Johann Jakob Schütz

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Der gesamte Text von Bachs Kantate «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» (BWV 117) beruht auf dem gleichnamigen neunstrophigen Lied von Johann Jakob Schütz (1640–1690). Sie gehört zu einer Gruppe von vier Choralkantaten aus der Zeit um 1730, die «per omnes versus» komponiert sind und den integralen Liedtext ohne freie Umdichtungen wiedergeben. Da bisher kein Leipziger Aufführungskontext nachgewiesen werden konnte, gewinnt die These einer Zweckbestimmung für den Weissenfelser Hof – von dem Bach 1729 den Titel eines externen Kapellmeisters ohne reguläre Dienstpflicht erhalten hatte – einige Plausibilität. Die neuere Forschung vermutet daher eine Entstehung als Geburtstagsmusik für Herzog Christian von Sachsen-Weissenfels, dem Bach 1713 bereits seine Jagdkantate (BWV 208) sowie weitere Gratulationsmusiken gewidmet hatte. Dazu würde der geschmeidige Ton passen, der sowohl die Tuttisätze mit ihrer von Flöten und Oboen getragenen luftigen Eleganz als auch die abwechslungsreich disponierten Rezitative und Arien auszeichnet. Dass sämtliche Liedstrophen mit der Devise «Gebt unserm Gott die Ehre» enden, stellte Bach vor die Herausforderung variativer Verklammerung, der auch die rahmende Wiederholung des Eingangschores auf den Text der letzten Liedstrophe dient. Dass Bach mit dieser Kantatengruppe ausgerechnet in und für Weissenfels die dank der Textreform des dortigen Superintendenten Erdmann Neumeister nach 1700 auseinandergegangenen Traditionen der alten Kirchenmusik samt Choral und «Concerto-Aria»-Rahmenanlage sowie der modernen opernhaften Formen Rezitativ und Arie miteinander versöhnt, gehört zu den reizvolleren Pointen der mitteldeutschen Musikgeschichte.

1. Chor
Versus 1

Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut,
dem Vater aller Güte,
dem Gott, der alle Wunder tut,
dem Gott, der mein Gemüte
mit seinem reichen Trost erfüllt,
dem Gott, der allen Jammer stillt.
Gebt unserm Gott die Ehre!

1. Chor

Die erste Strophe des integral übernommenen Lobliedes von Johann Jakob Schütz (1673) ist das Eingangstor für eine neunfache Entfaltung des «Moseliedes»: «Denn ich will den Namen des HERRN preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre!» (5. Mose 32, 3). Gründe für dieses Lob werden genannt (Güte, Wunder, Trost), und es endet mit einem deutsch wiedergegebenen «Soli Deo Gloria», das alle weiteren acht Strophen beschliessen wird. Schwungvolle Rhythmen und galante Anflüge prägen einen Orchestersatz, der mit seiner lichten Klanggestalt sowie seiner faktischen Dreistimmigkeit ausgeprägt fasslich daherkommt. Dazu passt der meisterlich kompakte Chorsatz, der von den aufwendigen Vorimitationen vieler Leipziger Choralkantaten nur zurückhaltend Gebrauch macht.

2. Rezitativ — Bass
Versus 2

Es danken dir die Himmelsheer,
o Herrscher aller Thronen,
und die auf Erden, Luft und Meer
in deinem Schatten wohnen,
die preisen deine Schöpfersmacht,
die alles also wohl bedacht.
Gebt unserm Gott die Ehre!

2. Rezitativ

Das Bassrezitativ beginnt mit dem Hinweis auf das himmlische und irdische Lob der Schöpfermacht Gottes – mit Anklängen an viele Motive in Psalmen und Choraltexten. Die Befestigung der Choralsubstanz im Eingangschor erlaubt es Bach nun, sich melodisch davon zu lösen. Dafür bekommt die abschliessende Devise «Gebt unserm Gott die Ehre» in einem ausgedehnten Arioso besonderes Gewicht.

3. Arie — Tenor
Versus 3

Was unser Gott geschaffen hat,
das will er auch erhalten;
darüber will er früh und spat
mit seiner Gnade walten.
In seinem ganzen Königreich
ist alles recht und alles gleich.
Gebt unserm Gott die Ehre!

3. Arie

Nach dem Thema Schöpfung besingt die Tenorarie Gottes Erhaltung all dessen, was er geschaffen hat, das Walten seiner Gottesgnade «von früh bis spat». Zwei traulich duettierende Oboen d’amore und die elegische Kantabilität der nach e-Moll versetzten Arie verleihen dieser Aussage jene demütige Haltung, die einem über sein wahres «Königreich» sinnierenden Fürsten geziemt.

4. Choral
Versus 4

Ich rief dem Herrn in meiner Not:
Ach Gott, vernimm mein Schreien!
Da half mein Helfer mir vom Tod
und ließ mir Trost gedeihen.
Drum dank, ach Gott, drum dank ich dir;
ach danket, danket Gott mit mir!
Gebt unserm Gott die Ehre!

4. Choral

Der Choral individualisiert das Thema, hier wird der frühe und innige Pietismus des Liederdichters Schütz, des Spener-Freundes, hörbar. Er erzählt von einem Stossgebet in der Not, das erhört wurde, von der Hilfe, vom erfahrenen Trost, und endet mit überschwänglichem Dank und Lobpreis. Autographe Korrekturen des Satzbeginns zeigen Bachs Bemühen, den auch durch die Rückung nach G-Dur mit plötzlicher Wucht einsetzenden Liedsatz geschmeidig einzuführen.

5. Rezitativ — Alt
Versus 5

Der Herr ist noch und nimmer nicht
von seinem Volk geschieden,
er bleibet ihre Zuversicht,
ihr Segen, Heil und Frieden;
mit Mutterhänden leitet er
die Seinen stetig hin und her.
Gebt unserm Gott die Ehre!

5. Rezitativ

Das Altrezitativ betont die Wirkung der Gotteserfahrung: Segen, Heil und Frieden, spricht überraschend von Gottes «Mutterhänden», mit denen er «die Seinen» leitet. Erneut umgeht Bach durch freie Neuvertonung des Textes insbesondere den stentorhaften Beginn der ersten Liedzeile. Dafür tauchen die begleitenden Streicher die Altpartie in strahlendes D-Dur, eine tragende Stütze, von der sich Solostimme und Continuo im ariosen Devisenschluss duettierend lösen.

6. Arie — Bass
Versus 6

Wenn Trost und Hülf ermangeln muß,
die alle Welt erzeiget,
so kömmt, so hilft der Überfluß,
der Schöpfer selbst, und neiget
die Vateraugen denen zu,
die sonsten nirgend finden Ruh.
Gebt unserm Gott die Ehre!

6. Arie

Wer aber – so die Bassarie – dennoch Trost und Hilfe vermisst, dem wird versprochen, dass Gott, der Schöpfer, seine «Vateraugen» ihm zuwenden und Ruhe schenken wird. Bach überrascht durch kammermusikalische Töne, die im verhaltenen h-Moll Solovioline und Singbass über einem lapidaren Continuogerüst miteinander konzertieren lassen. Die komplexe Anlage rechnet hörbar mit virtuosen (Hof-) Musikern, um die zuweilen spröde Schönheit der Vertonung zum Leuchten zu bringen.

7. Arie — Alt
Versus 7

Ich will dich all mein Leben lang,
o Gott, von nun an ehren;
man soll, o Gott, den Lobgesang
an allen Orten hören.
Mein ganzes Herz ermuntre sich,
mein Geist und Leib erfreue sich.
Gebt unserm Gott die Ehre!

7. Arie

Darauf antwortet die Altarie mit einer Selbstaufforderung: Gott soll lebenslänglich geehrt und besungen werden, sodass Herz, Geist und Leib darüber von Freude erfüllt werden. Mit dem hymnischen Fluss dieses durch eine obligate Flöte bereicherten Tuttisatzes ist Bach ein berückender Wurf gelungen, der die zugrunde liegenden Tanzanlagen, Sequenzmodelle und galanten Wendungen in ein zart glühendes Herzenslob transformiert.

8. Rezitativ — Tenor
Versus 8

Ihr, die ihr Christi Namen nennt,
gebt unserm Gott die Ehre!
Ihr, die ihr Gottes Macht bekennt,
gebt unserm Gott die Ehre!
Die falschen Götzen macht zu Spott,
der Herr ist Gott, der Herr ist Gott:
Gebt unserm Gott die Ehre!

8. Rezitativ

Im Tenorrezitativ wird deutlich, dass der Liederdichter nicht schlechthin alle anspricht, sondern jene, die «Christi Namen» nennen und «Gottes Macht» bekennen – vielleicht findet sich bei Schütz schon hier sein späterer Hang zum Sektentum, der sich in seiner Abendmahlsverweigerung und seinem Bruch mit Spener zeigt: Er wollte nicht mit «Unwürdigen» zusammen feiern. Bachs Vertonung setzt im tenoralen Eifer diesen Mahncharakter eindrücklich um.

9. Chor
Versus 9

So kommet vor sein Angesicht
mit jauchzenvollem Springen;
bezahlet die gelobte Pflicht
und laßt uns fröhlich singen:
Gott hat es alles wohl bedacht
und alles, alles recht gemacht.
Gebt unserm Gott die Ehre!

9. Chor

Im Schlusschor erklingt die Aufforderung, freudig vor Gottes Angesicht zu treten, die Gebote zu halten und fröhlich zu singen, denn Gott habe «alles wohl bedacht und alles, alles recht gemacht»: Gebt unserm Gott die Ehre! Anfang und Ende fliessen hier sowohl musikalisch als auch textlich zusammen.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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