Das neugeborne Kindelein

BWV 122 // Sonntag nach Weihnachten

für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Blockflöte I–III, Oboe I+II, Taille, Streicher und Basso continuo

Bachs zahlreiche Kantaten für die Wochen zwischen Advent und Epiphanias akzentuieren unterschiedliche Aspekte dieser überreichen Fest- und Fastenzeit. Der Text der für Sonntag nach Weihnachten 1724 entstandenen Kantate BWV 122 stammt aus dem vierstrophigen Lied des Pfarrers und Liederdichters Cyriakus Schneegass (1546–1597). Es handelt sich um die kurzen, integral gesungenen Strophen 1 und 4 des Chorals sowie um Paraphrasen und Ergänzungen der Strophen 2 und 3 durch den unbekannten Librettisten. Man kann sie als einen empathischen Versuch Bachs hören, das zeitenwendende Geschenk der Christgeburt mit weihnachtlichen Blockflöten auch in den prosaischen Daseinsalltag des bevorstehenden neuen Jahres mitzunehmen. Entsprechend dominieren im sacht schwingenden Eingangschor elegische und zarte Züge, die die gesungene Botschaft als verinnerlichten Ausdruck von Freude und Geborgenheit erscheinen lassen. Die beiden Arien – darunter ein predigthaftes Basssolo und ein berührendes Choralterzett mit freien Texteinschüben – beschwören die Vorbildfunktion der von Gottes Gegenwart erfüllten Engel und finden Trost in der alle Anfechtung und alles Leid überwindenden Sendung des Gottessohnes.

Video

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Akteure

Solisten

Sopran
Mirjam Wernli

Alt/Altus
Lisa Weiss

Tenor
Raphael Höhn

Bass
Stephan MacLeod

Chor

Sopran
Linda Loosli, Jennifer Rudin, Susanne Seitter, Baiba Urka, Alexa Vogel, Maria Deger

Alt
Laura Binggeli, Antonia Frey, Lea Pfister-Scherer, Jan Thomer, Lisa Weiss

Tenor
Marcel Fässler, Raphael Höhn, Klemens Mölkner, Tiago Oliveira

Bass
Jean-Christophe Groffe, Fabrice Hayoz, Johannes Hill, Philippe Rayot, William Wood

Orchester

Leitung & Cembalo
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Andrea Brunner, Ildikó Sajgó, Olivia Schenkel, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Matthias Jäggi, Claire Foltzer

Violoncello
Martin Zeller, Hristo Kouzmanov

Violone
Markus Bernhard

Blockflöte
Annina Stahlberger, Teresa Hackel, Amy Power

Oboe
Amy Power, Ana Ines Feola

Taille
Ingo Müller

Fagott
Susann Landert

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Daniel Johannsen

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
17.12.2021

Aufnahmeort
St. Gallen (Schweiz) // Olma-Halle 2.0

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
31. Dezember 1724, Leipzig

Textdichter
Cyriakus Schneegass (Sätze 1, 4, 6), Unbekannt (Sätze 2, 3, 5)

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

1. Chor

Das neugeborne Kindelein,
das herzeliebe Jesulein
bringt abermal ein neues Jahr
der auserwählten Christenschar.

1. Chor

Die Eingangsstrophe des Chorals «Das neugeborne Kindelein» von Cyriakus Schneegass aus dem Jahr 1597 verbindet die Weihnachtsbotschaft mit der Neujahrsfeier – eine vielstimmige und festliche Übertragung der weihnachtlichen Symbolik jenes epochemachenden Neubeginns auf das anbrechende neue Jahr. Der kompakte Eingangschor mit seinen vergleichsweise fasslich gehaltenen Vokalpartien deutet auf Bachs Bemühen, seine Sängerknaben nach den anstrengenden drei Weihnachtstagen nicht gänzlich zu überfordern; der schwingende 3⁄8-Duktus verleiht dem Satz im Verein mit der abgedunkelten Moll-Tonalität eine zu diesem alten Lied passende elegische Sanftheit.

2. Arie — Bass

O Menschen, die ihr täglich sündigt,
ihr sollt der Engel Freude sein.
Ihr jubilierendes Geschrei,
daß Gott mit euch versöhnet sei,
hat euch den süßen Trost verkündigt.

2. Arie

Der Text der Bassarie des unbekannten Dichters ist eine etwas moralisch geratene Paraphrase der zweiten, doch eigentlich kindlich-freudigen Strophe des Schneegass-Liedes: «Des freuen sich die Engelein, / Die gerne um und bei uns sein, / Sie singen in den Lüften frei, / Dass Gott mit uns versöhnet sei.» Immerhin ist davon die Rede, Menschen sollten Freunde der Engel sein. Mit einer nachdrücklich bohrenden Begleitlinie beginnend, kommt die nur mit Bass und Continuo besetzte Arie als grummelnde Ermahnung daher, die sich im Mittelteil tröstlichen Tönen der Christfreude öffnet.

3. Rezitativ — Sopran

Die Engel, welche sich zuvor
vor euch als vor Verfluchten scheuen,
erfüllen nun die Luft im höhern Chor,
um über euer Heil sich zu erfreuen.
Gott, so euch aus dem Paradies
aus englischer Gemeinschaft stieß,
läßt euch nun wiederum auf Erden
durch seine Gegenwart vollkommen selig werden:
So danket nun mit vollem Munde
vor die gewünschte Zeit im neuen Bunde!

3. Rezitativ

Im Rezitativ werden dieselben Motive der zweiten Strophe des genannten Liedes nochmals aufgerufen, nun aber mit der theologischen Lehre vom Paradies, vom Fall und der Versöhnung durch Christus verbunden: Jetzt ist mit der Zeit des neuen Bundes wieder «englische Gemeinschaft», eine selige, engelgleiche Verbindung mit Gott möglich. Dass in die solistische Rezitation hinein ein dreistimmiger Blockflötensatz zeilenweise den Choral vorträgt, verleiht dem Satz eine pastorale Färbung, die an das von sorgsamen Händen behütete weihnachtliche Kerzenlicht erinnert.

4. Arie — Terzett (Sopran, Alt, Tenor)

Ist Gott versöhnt und unser Freund,
O wohl uns, die wir an ihn glauben,
was kann uns tun der arge Feind?
sein Grimm kann unsern Trost nicht rauben;
Trotz Teufel und der Höllen Pfort,
ihr Wüten wird sie wenig nützen:
das Jesulein ist unser Hort.
Gott ist mit uns und will uns schützen.

4. Arie

Im Terzett werden die vier Zeilen aus der dritten Strophe des Neujahrsliedes, in dem es um Errettung und die Gefährdung durch die Macht des Bösen geht, tropierend jeweils mit einer Zeile ergänzt. So wird etwa erläutert, was mit dem Vers «Das Jesulein ist unser Hort» gemeint ist: «Gott ist mit uns und will uns schützen.» Wie so oft bei Bach ist auch dieses Terzett von berückender Zartheit. Zum von einer schwingenden Basslinie getragenen beseelten Dialogisieren von Sopran und Tenor tritt der Alt mit dem von den Violinen verdoppelten Choral hinzu, der sich so als haltgebender Kraftquell erweist. So klingt eine durchaus leidgeprüfte Zuversicht, die sich ohne jeden Triumph vertrauend auf alles Kommende einlässt.

5. Rezitativ — Bass

Dies ist ein Tag, den selbst der Herr gemacht,
der seinen Sohn in diese Welt gebracht.
O selge Zeit, die nun erfüllt!
o gläubig’s Warten, das nunmehr gestillt!
o Glaube, der sein Ende sieht!
o Liebe, die Gott zu sich zieht!
o Freudigkeit, so durch die Trübsal dringt
und Gott der Lippen Opfer bringt!

5. Rezitativ

Das Bassrezitativ beginnt mit einer unverkennbaren Anspielung auf Psalm 118, 24: «Dies ist ein Tag, den selbst der Herr gemacht.» Es fasst die Weihnachtsbotschaft in einem fünffachen Ausruf und Jubel zusammen: erfüllte Zeit, gestillte Erwartung, sehender Glaube – alles Erfahrungen, auf die Menschen mit Liebe und Freude antworten sollen. Diesem verinnerlichten Leuchten des Textes hat Bach mit dem hinzugefügten obligaten Streichersatz eine klingende Krone aufgesetzt, die für Momente den durch den Glauben tatsächlich verwandelten Menschen greifbar macht.

6. Choral

Es bringt das rechte Jubeljahr,
was trauren wir denn immerdar?
Frisch auf! itzt ist es Singens Zeit,
das Jesulein wendt alles Leid.

6. Choral

Als kurzer, bündiger Abschluss wird die vierte Strophe des Liedes von Cyriakus Schneegass zu Gehör gebracht, in der die Botschaft des Weihnachtsfestes jubelnd in eine positive Perspektive für das ganze neue Jahr ausgeweitet wird: «Frisch auf! Itzt ist es Singens Zeit, das Jesulein wendt alles Leid.» Das vom vorangegangenen Rezitativ angekündigte «Lippen-Opfer» ist damit nichts anderes als der allen Gemeindegliedern offenstehende beherzte Choralgesang – welch verbindende liturgische Botschaft!

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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