Wär Gott nicht mit uns diese Zeit

BWV 014 // zum 4. Sonntag nach Epiphanias

für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Corno, Oboe I + II, Streicher und Basso continuo

Die 1735 als Nachzügler dem Bach’schen Choraljahrgang von 1724/25 hinzugefügte Kantate über Luthers Psalmlied «Wär Gott nicht mit uns diese Zeit» (BWV 14) gehört zu Bachs spätesten Kompositionen für den Leipziger Gottesdienst. Dass anders als bei den Kantaten der frühen Leipziger Jahre nicht nur die Partitur, sondern auch die meisten Stimmen von Bachs eigener Hand stammen, könnte darauf hindeuten, dass sich im Zuge seiner partiellen Distanzierung vom wöchentlichen Dienstbetrieb auch gewisse Arbeitsroutinen seiner bewährten «Schreiberwerkstatt» verändert hatten. Die Kantate profitiert dennoch sowohl von Bachs reichhaltiger kompositorischer Erfahrung wie von seinen Mitte der 1730er Jahre erweiterten stilistischen Interessen. Entsprechend verknüpft insbesondere der von Singstimmen mit verdoppelnden Instrumenten bestrittene g-Moll-Eingangschor eine motettische Anlage von ausgeprägter fugenmässiger Komplexität mit einer empfindsam rhythmisierten Linienführung der Einzelstimmen. In experimenteller Weise ist auch der Sopran in die verschlungene Kontrapunktik einbezogen, während der eigentliche Cantus firmus wortlos vom Horn und zwei Oboen vorgetragen wird. Wie unterschiedlich sich das menschliche Vertrauen auf Gottes schützende Macht äussern kann, wird in den beiden Arien offenbar, die aus der von fern hörbaren Präsenz der himmlischen Heerscharen Trost ob der eigenen Schwäche ziehen sowie aus dem eindringlichen Zuspruch zweier Oboen innerliche Kraft schöpfen.

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Joanne Lunn

Tenor
Sören Richter

Bass
Dominik Wörner

Chor

Sopran
Alice Borciani, Cornelia Fahrion, Olivia Fündeling, Susanne Seitter, Noëmi Sohn Nad, Baiba Urka

Alt
Laura Binggeli, Antonia Frey, Francisca Näf, Alexandra Rawohl, Simon Savoy

Tenor
Clemens Flämig, Zacharie Fogal, Joël Morand, Sören Richter

Bass
Fabrice Hayoz, Grégoire May, Daniel Pérez, William Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Eva Borhi, Lenka Torgersen, Peter Barczi, Christine Baumann, Ildikó Sajgó, Judith von der Goltz

Viola
Martina Bischof, Matthias Jäggi, Sarah Mühlethaler

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Guisella Massa

Oboe
Andreas Helm, Thomas Meraner

Corno
Stefan Katte

Fagott
Gilat Rotkop

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Eduard Käser

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
18.02.2022

Aufnahmeort
Trogen (AR) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
30. Januar 1735, Leipzig

Textdichter
Martin Luther (Sätze 1 und 5), unbekannt (Sätze 2–4)

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

1. Chor 

Wär Gott nicht mit uns diese Zeit,
so soll Israel sagen,
wär Gott nicht mit uns diese Zeit,
wir hätten müssen verzagen,
die so ein armes Häuflein sind,
veracht’ von so viel Menschenkind,
die an uns setzen alle.

1. Chor

Die erste (und die dritte) Strophe dieses frühen, von Luther nach Psalm 124 gedichteten dreistrophigen Liedes bilden den Rahmen dieser späten Kantate Bachs für den 4. Sonntag nach Epiphanias (aufgeführt am 30. Januar 1735). Mit ihr endet der Weihnachtsfestkreis, der Blick wendet sich schon hin auf die Passions- und Leidenszeit. Das Thema deshalb: Gottvertrauen in schwierigen Zeiten, damals in Israel, später in den Bedrohungen der Reformationszeit. Dass Bachs Zeitgenossen dies hörend auf den Kontext des polnischen Thronfolgekrieges (1733–1738) übertrugen, ist durchaus denkbar. Anhand der latent archaischen Satzform einer nur instrumental verdoppelten Motette lässt Bach trotz der Geschmeidigkeit der vokalen Linienführung die Traditionstiefe der Luther’schen Psalmparaphrase ohrenfällig werden. Mit der ausserordentlichen Kunstfertigkeit des von Beginn an mit paarweisen Umkehrungen arbeitenden Kontrapunktes sowie der Zuweisung des eigentlichen Cantusfirmus-Vortrags an Oboen und Horn entwickelt Bach das Satzkonzept des Choraljahrgangs kreativ weiter und blickt bereits auf spätere Werke wie die «Kunst der Fuge» und das siebenstimmige Credo der h-Moll-Messe voraus.

2. Arie — Sopran

Unsre Stärke heißt zu schwach,
unserm Feind zu widerstehen.
Stünd uns nicht der Höchste bei,
würd uns ihre Tyrannei
bald bis an das Leben gehen.

2. Arie

Beim Text des zweiten (dritten und vierten) Satzes der Kantate handelt es sich um Paraphrasen der mittleren Strophe des Lutherliedes: hier das Motiv der Klage angesichts der eigenen Schwäche in existenziellen Bedrohungen und Dankbarkeit für Gottes Beistand. Nach dem kontrapunktischen Kraftakt des Eingangschores gibt sich die Sopranarie betont modern und zugänglich. Dass selbst die markanten Fanfarenklänge der mit einer obligaten Hornpartie ausgestatteten Arie als «zu schwach» bezeichnet werden, um dem Drohen des Feindes zu widerstehen, verleiht dem auf den allein rettenden Beistand des Höchsten verweisenden Textsinn eine reizvolle Pointe.

3. Rezitativ — Tenor

Ja, hätt es Gott nur zugegeben,
wir wären längst nicht mehr am Leben,
sie rissen uns aus Rachgier hin,
so zornig ist auf uns ihr Sinn.
Es hätt uns ihre Wut
wie eine wilde Flut
und als beschäumte Wasser überschwemmet,
und niemand hätte die Gewalt gehemmet.

3. Rezitativ

Das Rezitativ bezeichnet die Gefahren: die Rachgier und die gewalttätige Wut der Feinde, die «uns» wie eine unüberwindliche Flutwelle «überschwemmet», wenn Gott diese nicht «gehemmet» hätte. Die dramatisch-nautische Metaphorik ist angesichts des Evangelientextes für jenen Sonntag von der Stillung des Seesturmes (Matthäus 8, 23–27) ausgesprochen passend. Die im Text hervorgehobenen Wasserfluten deutet Bach im geschwinden Aufs und Abs der Generalbasslinie wirkungsvoll an. 

4. Arie — Bass 

Gott, bei deinem starken Schützen
sind wir vor den Feinden frei.
Wenn sie sich als wilde Wellen
uns aus Grimm entgegenstellen,
stehn uns deine Hände bei. 

4. Arie

Die Bassarie gibt der Dankbarkeit gegenüber Gott Ausdruck für seinen Schutz und seine helfende Hand angesichts von Turbulenzen der Gegenwart, wie es im Psalm 124, 6 heisst: «Gelobet sei der Herr, dass er uns nicht gibt zum Raube in ihre Zähne.» Trotz der lieblichen Klangfarbe der Oboen ist die Arie als Trio zweier imitierender Oberstimmen über einem emsig laufenden Bass von ausgemacht ernstem Charakter: Auch Gottes «starkes Schützen» erspart dem Menschen nicht die Vertracktheiten und Kämpfe eines allezeit angefochtenen Daseins. 

5. Choral

Gott Lob und Dank, der nicht zugab,
daß ihr Schlund uns möcht fangen.
Wie ein Vogel des Stricks kömmt ab,
ist unsre Seel entgangen.
Strick ist entzwei und wir sind frei,
des Herren Name steht uns bei,
des Gottes Himmels und Erden.

5. Choral

Die Kantate schliesst mit der integralen dritten Strophe des Lutherliedes, welche die Thematik des ganzen Liedes zusammenfasst: Lob und Dank für die Bewahrung und Befreiung aus Gefahren, nun auch ins Individuelle gewendet mit dem schönen Bild von der Seele, die den Netzen des Vogelfängers entkommt und frei ist.

Reflexion

Eduard Käser

«Wär Gott nicht mit uns diese Zeit…»

«Wär Gott nicht mit uns diese Zeit» ‒ im Text der Kantate fällt der Konjunktiv auf: «wäre», «hätte», «würde», «stünde». Der Konjunktiv drückt Zuspruch aus, Dank, Mutmachen, aber auch Auserwähltsein. Zudem könnte man darin eine Art von Gottesbeweis sehen: Gäbe es Gott nämlich nicht, dann wäre das Volk Israel – wie der Chor singt ‒ «längst nicht mehr am Leben». Nun ist es aber am Leben, also gibt es Gott, den Beschützer. Die Existenz der Israeliten ist «Evidenz» für Gottes Beistand. Das klingt plausibel, aber die Logik dieses Umkehrschlusses ist brüchig – und sie neigt auch zu Dogmatismus. Darauf möchte ich hier nicht eingehen. Glauben ist schliesslich keine Sache der «Evidenzbasierung».

Der Text sagt mir spontan aus einem anderen Grund zu. Ich liebe den Konjunktiv. Die Formel «Was wäre, wenn…?» oder «Was wäre, wenn nicht…?» gehört seit dem Studium der theoretischen Physik zu meinem Denkbesteck. Ich möchte mich deshalb – für Sie auf Anhieb vielleicht etwas ungewohnt – in der folgenden Viertelstunde etwas näher mit diesem wunderbaren Instrument des Konjunktivs befassen. Und es werden nicht grammatikalische Überlegungen sein.

***

Physikalisches zuerst. Die theoretische Physik treibt in ihren Modellen eigentlich immer ein Was-wäre-wenn-Spiel, sie jongliert mit Hypothesen. Heute im kosmischen Format. Warum ist die Welt so, wie sie ist? Die Physiker beantworten die Frage gern über den Umweg des Konjunktivs. Wie Sie wissen, geht das Standardmodell der Kosmologie von einem Urknall aus. Er stellt nichts anderes als eine primordiale Energiequelle dar. Aus ihr entstehen die Elementarteilchen, expandiert das Universum.

Und hier argumentieren die Physiker formal ganz ähnlich wie der Kantatentext. Sie sagen natürlich nicht: «Wär Gott nicht mit uns…», sie sagen: «Hätte am Anfang des Universums nicht ein ganz bestimmtes Verhältnis von Energiedichte und Expansionsrate bestanden, gäbe es keine Galaxien, Sterne, Planeten und Physiker, die über dieses Verhältnis rätseln.» Tatsächlich gab es in der Geschichte des Universums, vom Urknall bis zu uns heute in diesem Raum, eine ungeheure Zahl von unwahrscheinlichen Feinabstimmungen, sodass sich die Frage fast unweigerlich aufdrängt, ob denn all diese Unwahrschein­lichkeiten nur dem Zufall zu verdanken seien oder ob doch nicht so etwas wie eine unerforschliche Regie das Ganze gesteuert habe. Sie kennen wahrscheinlich die Debatte um das sogenannte Intelligent Design. Das ist zwar nicht mehr Stoff für die Physik, aber bei solchen Ursprungsfragen rutschen nicht wenige Physiker – ob sie wollen oder nicht ‒ von der Physik in die Metaphysik.

***

Bleiben wir auf weniger glitschigem Boden. Zum Beispiel auf dem Boden der Geschichte. Auch die Historiker stellen die Was-wäre-wenn-Frage. Zum Beispiel der Brite Niall Ferguson. Er hat die sogenannte «virtuelle Geschichte» in die Diskussion gebracht, also das Durchspielen von Szenarien und Abläufen, wie sie hätten geschehen oder nicht geschehen können. Was wäre, wenn man Jesus Christus nicht gekreuzigt hätte? Wahrscheinlich gäbe es keine Märtyrer, keine Kreuzzüge, keine Kirchenmusik, keine Bachkantate 14, keinen Vortrag in Trogen. Viele Historiker rümpfen die Nase. Das sei doch lächerliche, müssige Fiktion, und ohnehin bestünde ihr Geschäft primär in der Aufzeichnung dessen, was gewesen und geschehen sei. Aber der pfiffige Ferguson wollte genau dieses kanonische Selbstverständnis herausfordern. Historische Fakten sind nicht unerschütterlich, sie sind immer interpretiert, als wie objektiv man sie auch darstellt. Geschichtsschreibung ist letztlich Erzählung.

Die virtuelle Geschichte richtet sich also nicht gegen die Objektivität historischer Fakten, sondern gegen eine allzu rigide, eine «deterministische» historische Sicht der Dinge; gegen die Idee, wir könnten uns nicht den Verstrickungen der Ereignisse entwinden. Es musste nicht notwendig so kommen, wie es gekommen ist. Geschichte ist immer faktisch unterbestimmt. Wir wissen bestürzend wenig über die Vergangenheit. Und wir kompensieren dieses Unwissen mit Was-wäre-wenn-Denken. Man sollte das nur zugeben. Das kann Blockaden lösen, Horizonte öffnen. Was sich anders vorstellen lässt, lässt sich auch anders gestalten. Deshalb tut es der Historiografie gut, mit einer Prise Phantasie-Salz gewürzt zu werden.

***

Unser ganzes Leben besteht aus Was-wäre-wenn-Geschichten, im Philosophenjargon: aus kontrafaktischen Szenarien. Die Fähigkeit, zwischen dem Faktischen und dem Kontra­faktischen zu unterscheiden, dürfte ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen sein. Alle anderen Tiere nehmen wahr, was ist, wir nehmen auch wahr, was sein könnte. Wir leben immer in virtuellen Welten, auch schon vor dem Metaversum von Facebook. Das Was-wäre-wenn-Denken ist die Wurzel von Wissenschaft, Technologie, Literatur, überhaupt aller Kreativität und Kultur. Es kann faktenbasiert sein – oft eine Notwendigkeit ‒, es kann auch ohne Fakten auskommen oder sich gar gegen Fakten richten. Wir nennen dies neuerdings alternative Fakten. Ein Wörterbuch für Neologismen bezeichnet alternative Fakten als falsche Information, die sich als andere Sichtweise geltend macht. Alternative Fakten sind typische «Für-mich»-Fakten, solche, die meine Sichtweise bestätigen. «Die Erde ist flach»: falsch. «Für mich ist die Erde flach»: alternativ. Aber Vorsicht, die Floskel kann nach hinten ausschlagen. Dann lautet sie simpel: «Ich bin ein Flachkopf.»

Interessant in diesem Zusammen­hang ist, dass wir kontrafaktische Szenarien als halbreal erfahren. David Hume, einer der ersten kritisch-philosophischen Vermesser des menschlichen Ver­standes, bringt in seinem «Traktat über die menschliche Natur» das Beispiel eines Mannes im Eisenkäfig, der in luftiger Höhe an einem Turm sicher befestigt ist. Trotz der Sicherheit könne sich dieser Mann des Zitterns nicht erwehren. Warum nicht? Weil er sich durchaus vorstellen kann, hinunterzufallen. Unser Vorstellungsvermögen übersteigt immer die Grenzen der realen Situation. Und es kann uns zittern machen. Gefühle unterscheiden nicht zwischen Fakt und Fake. Deshalb zielen Desinformationskriege primär auf Emotionen. Wie ein anderer Brite, der Dichter T.S. Eliot, schrieb: «Die Menschheit erträgt nicht allzu viel Wirklichkeit.» Ich weiss nicht, aber ist das nicht die perfekte Charakterisierung unserer Situation heute?

***

Humes Beispiel führt mich zu einem weiteren Aspekt des Was-wäre-wenn. Der Kantatentext sagt ja ausdrücklich: Wir Israeliten sitzen in der Bredouille, und was wäre, wenn Gott uns nicht beistünde. Diese Denkfigur geht also von der realen Bedrohung der Feinde aus: «Sie rissen uns aus Rachgier hin, so zornig auf uns ist ihr Sinn.» Nun gibt es die Umkehrung, die mit der imaginären Bedrohung spielt: Wir sitzen zwar nicht aktuell in der Bredouille, aber was wäre, wenn uns eine solche drohte? Mir scheint, wir müssen uns jetzt nach der Aufhebung der Pandemiemassnahmen unbedingt diese Frage angewöhnen. Die Denkfigur ist antik. Sie stammt aus der griechischen Schule der Stoiker und nennt sich Vorwegnahme des Schlimmen – praemeditatio malorum. Was wäre, wenn das Schlimme, das Schlimmstmögliche einträte? Was wäre, wenn neue Coronavarianten auftauchen würden?

Die Stoiker sahen darin nicht Angstmache, sondern im Gegenteil: eine Übung der Angstmilderung. Sich das Schlimme vorstellen bedeutet ganz einfach Wechsel von der Betroffenen- zur Beobachterperspektive. Ich gebe Ihnen ein Beispiel des Römers Seneca. Eines seiner berühmten Werke sind die Briefe an Lucilius, praktische Ratschläge an einen jüngeren Gesprächspartner. Der 24. Brief handelt von einem Rechtsstreit, in dem Lucilius sich vor der Vergeltung seines Widersachers fürchtet. Seneca empfiehlt den Perspektivenwechsel: «… ich will dich auf einem anderen Weg zur Seelenruhe führen. Wenn du dich aller Bekümmernis entledigen willst, so stelle dir alles, was du befürchtest, als wirklich bevorstehend vor; miss bei dir selbst die Grösse des Übels ab, was es auch sei, und bringe deine Furcht auf die Waage: Du wirst gewiss finden, dass entweder nicht wichtig oder nicht von Dauer ist, was du fürchtest.»

Anders gesagt: Wenn man sich das Schlimmste vorstellen kann, kann man sich auch Auswege vorstellen. Der Stoiker will sich nicht unnötig Sorgen aufhalsen – dann wäre er Neurotiker ‒, sondern die Wirklichkeit um das Imaginäre erweitern. Das Imaginäre schärft den Blick für das Wirkliche. Ali S. Khan, ehemaliger Direktor der amerikanischen Behörde zum Schutz der öffentlichen Gesundheit, wurde im Mai 2020 zur desaströsen Entwicklung von Covid-19 in den USA befragt. «War es ein Mangel an wissenschaftlicher Information oder ein Mangel an Geld?», wollte der Interviewer wissen. Khans Antwort: «Ein Mangel an Imagination.»

***

Kurz: Die Welt ist nicht einfach, was der Fall ist. Die Welt ist alles, was uns erwartet. Also mehr, als wir erwarten, erwarten können. «Diese Zeit…» ‒ die Zeit der Pandemie ‒ hat uns zur Genüge die unberechenbare Komplexität der Ereignisse und ihrer Folgen vordemonstriert. Lange war ungewiss, ob ich meine Reflexion hier in Trogen vortragen kann. Nun haben Sie sie gehört. Und wir könnten geneigt sein, dieses Geschehen auch im Sinne des Kantatentextes zu deuten, als «Wär nicht ein Gott mit uns…» ‒ Mir fehlt allerdings diese Gläubigkeit. Aber ich höre sie in Bachs Musik anklingen, als eine Art von Gelassenheit, von Weltdemut, vielleicht sogar von säkularer Religiosität. Eine innere Festigung aus dem Konjunktiv. Ich glaube, wir werden sie in Zukunft schwer benötigen.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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