Wo Gott der Herr nicht bei uns hält

BWV 178 // zum 8. Sonntag nach Trinitatis

für Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Corno, Oboe I+II, Streicher und Basso continuo

Johann Sebastian Bach legt seiner Choralkantate zum 8. Sonntag nach Trinitatis, aufgeführt am 30. Juli 1724, das gleichnamige Psalmenlied von Justus Jonas «Wo Gott der Herr nicht bei uns hält» (1524) zugrunde. Dieses ist eine Umdichtung des Psalms 124 zu einem kämpferisch-frühreformatorischen Lied durch den Juristen, Humanisten, Dichter, Mitstreiter und auch Übersetzer Martin Luthers. Die Konsequenz und Dichte, mit der Bach die melodische Substanz dieses Liedes in beinahe allen Sätzen präsent hält, verleiht der Kantate einen nahezu «choralsinfonischen» Zug, lässt das altvertraute Singen als gemeinschaftsstiftende Dimension erkennen und legt so die zentrale Intention hinter Bachs Choralkantaten-Jahrgangsprojekt von 1724/25 offen. Dabei entwirft der von schroffen Orchestergesten und lautmalerischen Koloraturen geprägte Eingangschor Bachs ganz im Sinne des Psalms 124 ein Bild tapferen Ausharrens im entfesselten Sturm, das sich in der meisterlich kantigen und teils ebenfalls naturinspirierten Arienmotivik fortsetzt. Mit den in der Tenorarie enthaltenen Angriffen gegen die «taumelnde Vernunft» provoziert die Musik hingegen Fragen nach der Gewichtung von Rationalität und Vertrauen, denen auch wir uns stellen dürfen.

Video

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Alt/Altus
Margot Oitzinger

Tenor
Georg Poplutz

Bass
Peter Kooij

Chor

Sopran
Jennifer Ribeiro Rudin, Simone Schwark, Stephanie Pfeffer, Susanne Seitter, Mirjam Wernli, Baiba Urka

Alt
Antonia Frey, Stefan Kahle, Lisa Weiss, Laura Binggeli, Lea Scherer

Tenor
Clemens Flämig, Walter Siegel, Joël Morand, Manuel Gerber

Bass
Tobias Wicky, Christian Kotsis, Daniel Pérez, William Wood, Serafin Heusser

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Patricia Do, Elisabeth Kohler, Monika Baer, Aliza Vicente, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Stella Mahrenholz

Violoncello
Martin Zeller, Hristo Kouzmanov

Violone
Guisella Massa

Oboe
Katharina Arfken, Clara Espinosa Encinas

Fagott
Gilat Rotkop

Corno
Thomas Friedländer

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Thomas Hürlimann

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
18.08.2023

Aufnahmeort
Speicher (AR) // Evang. Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Komponist Interludium zu 7. Choral «Die Feind sind all in deiner Hand»
Thomas Leininger

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

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Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
30. Juli 1724, Leipzig

Textgrundlage
Justus Jonas (Sätze 1, 4, 7 nach Psalm 124); unbekannt (Sätze 2, 3, 5, 6)

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

1. Chor

Wo Gott der Herr nicht bei uns hält,
wenn unsre Feinde toben,
und er unser Sach nicht zufällt
im Himmel hoch dort oben,
wo er Israel Schutz nicht ist
und selber bricht der Feinde List,
so ist‘s mit uns verloren.

1. Chor

Der Eingangschor gibt kraftvoll die 1. Strophe des Jonas-Liedes wieder, das selber eine aktualisierende Neudichtung des Psalms 124 ist: «Wäre der HERR nicht bei uns / – so sage Israel –, / wenn Menschen wider uns aufstehen, / so verschlängen sie uns lebendig, / wenn ihr Zorn über uns entbrennt» – ein Stossgebet im Konditionalis sozusagen: Wenn Gott sein Volk nicht schützt, ist es verloren. Bach entfesselt dafür im Wechsel von Streichern und Oboen eine von scharfen Punktierungen und engschrittigen Sechzehntelketten vorangetriebene Atmosphäre heftiger Bedrängnis. Wirkungsvoll kontrastieren dabei blockhafte Liedzeilen sowie Passagen mit textausdeutend aufgebrochenen vokalen Unterstimmen («toben»).

2. Choral und Rezitativ — Alt

Was Menschenkraft und -witz anfäht,
soll uns billig nicht schrecken
;
denn Gott der Höchste steht uns bei
und machet uns von ihren Stricken frei.
Er sitzet an der höchsten Stätt,
er wird ihrn Rat aufdecken.

Die Gott im Glauben fest umfassen,
will er niemals versäumen noch verlassen;
er stürzet der Verkehrten Rat
und hindert ihre böse Tat.
Wenn sie’s aufs klügste greifen an,
auf Schlangenlist und falsche Ränke sinnen,
der Bosheit Endzweck zu gewinnen;
so geht doch Gott ein ander Bahn:
er führt die Seinigen mit starker Hand
durchs Kreuzesmeer in das gelobte Land,
da wird er alles Unglück wenden.
Es steht in seinen Händen.

2. Choral und Rezitativ — Alt

Der 2. Satz bringt nach den Choralzeilen jeweils kommentierende (tropierende) Rezitativeinschübe der Altstimme, in denen die Thematik des Sonntagsevangeliums – Gefahr und Warnung vor Feinden (Mt. 7, 15–23) – umschrieben und verdeutlicht wird, dies in der Gewissheit: «Es steht in seinen Händen.» Wie Bach die erste Choralzeile in mehrfacher Verkleinerung in ein ostinates Begleitmotiv verwandelt, ist organistisches Handwerk und grosse Kunst zugleich.

3. Arie — Bass

Gleichwie die wilden Meereswellen
mit Ungestüm ein Schiff zerschellen,
so raset auch der Feinde Wut
und raubt das beste Seelengut.
Sie wollen Satans Reich erweitern,
und Christi Schifflein soll zerscheitern.

3. Arie — Bass

In der bewegten Bassarie geht es musikalisch wie textlich um die ungestümen «Meereswellen», die durch Feinde verursachten Stürme und Ängste, welche dem Schifflein Christi – der jungen Reformation – arg zusetzen. Um die meerestypische Spannung von spiegelnder Weite und aufgetürmten Wellen einzufangen, stellt Bach der kreisenden Unisono-Violinstimme liegende Dreiachtelgruppen des Continuo gegenüber: Hinter der sicheren Ruhe lauern Wogen der Anfechtung, die das eigene Lebensboot wie die Kirche des Fischers Petrus zum Kentern bringen können.

4. Choral – Tenor

Sie stellen uns wie Ketzern nach,
nach unserm Blut sie trachten;
noch rühmen sie sich Christen auch,
die Gott allein groß achten.
Ach Gott, der teure Name dein
muß ihrer Schalkheit Deckel sein,
du wirst einmal aufwachen.

4. Choral

Der folgende Satz ist wiederum ein integrales Zitat der 4. Strophe des Jonas-Chorals, in welchem aktualisierend die Bedrohung und Diffamierung des Reformationsaufbruchs als Ketzerei kraftvoll angesprochen wird, dies in der Hoffnung, dass Gott aufwachen und eingreifen werde. Die kernige Choralstimme wird von einem Triosatz arbeitsamer Kurzmotive begleitet, dem der warme Oboenklang die ärgste textliche Schärfe nimmt.

5. Choral und Rezitativ — Alt, Tenor, Bass

Auf sperren sie den Rachen weit,

Bass
nach Löwenart mit brüllendem Getöne;
sie fletschen ihre Mörderzähne
und wollen uns verschlingen.

Tenor
Jedoch,
Lob und Dank sei Gott allezeit;

Tenor
der Held aus Juda schützt uns noch,
es wird ihn’ nicht gelingen.

Alt
Sie werden wie die Spreu vergehn,
wenn seine Gläubigen wie grüne Bäume stehn.
Er wird ihrn Strick zerreißen gar
und stürzen ihre falsche Lahr.

Bass
Gott wird die törichten Propheten
mit Feuer seines Zornes töten,
und ihre Ketzerei verstören.
Sie werdens Gott nicht wehren.

5. Choral und Rezitativ — Alt, Tenor, Bass

Im 5. Satz tropieren Alt, Tenor, Bass abwechselnd die 5. Liedstrophe, in der die Bedrohung nochmals in dramatischen Bildern (Löwenrachen, Mörderzähne) vor Augen geführt und die Gewissheit verkündet wird, dass Gott alle Angriffe abwehren und die «törichten Propheten» vernichten werde. Die litaneiartige Wucht des vierstimmigen Liedvortrags ist ein in Bachs Rezitativsätzen selten eingesetztes wirksames Stilmittel.

6. Arie — Tenor

Schweig, schweig nur, taumelnde Vernunft!
Sprich nicht: Die Frommen sind verlorn,
das Kreuz hat sie nur neu geborn.
Denn denen, die auf Jesum hoffen,
steht stets die Tür der Gnaden offen;
und wenn sie Kreuz und Trübsal drückt,
so werden sie mit Trost erquickt.

6. Arie — Tenor

Der aufgrund solcher Gefahren eingeschüchterten und also «taumelnden Vernunft» wird eine kämpferische Theologie des Kreuzes Jesu gegenübergestellt – dieses habe die bedrängten Frommen «neu geborn», das Kreuz werde sie «mit Trost» erquicken. Bach kleidet die Vernunftkritik in eine kantige Streichermusik voller verwirrender Wendungen, denen der allen Schmucks entkleidete «Trost» als im Adagio zelebriertes Gnadengeschenk entgegengestellt wird.

7. Choral

1.
Die Feind sind all in deiner Hand,
darzu all ihr Gedanken;
ihr Anschläg sind dir, Herr, bekannt,
hilf nur, daß wir nicht wanken.
Vernunft wider den Glauben ficht,
aufs Künftge will sie trauen nicht,
da du wirst selber trösten.

2.
Den Himmel und auch die Erden
hast du, Herr Gott, gegründet;
dein Licht laß uns helle werden,
das Herz uns werd entzündet
in rechter Lieb des Glaubens dein,
bis an das End beständig sein.
Die Welt laß immer murren.

7. Choral

Als Abschluss wiederum der integrale JonasText mit den beiden Schlussstrophen des Chorals, der eine Widerstandsgewissheit und ein starkes Bekenntnis darstellt: Gott der Herr habe Himmel und Erde gegründet, der Glaube solle deshalb «bis an das End» beständig sein.

Reflexion

Thomas Hürlimann

Ich bin gern zu Ihnen gekommen, meine Damen und Herren – nicht nur, weil das musikalische Ereignis über alle Grenzen leuchtet, ich habe noch einen anderen Grund. Das Appenzell gehört zu meinem Kinderland, das ich in den Jahren vor der Primarschule mit meinem Onkel hügelauf, hügelab durchwandert habe. Wir trugen die gleiche Kluft. Auf dem Kopf, als Sonnenschutz, ein an den Ecken verzipfeltes Nastuch, Knickerbocker, Nagelschuhe, Rucksack, Wanderstock. Meinen Stock hatte der Onkel auf die halbe Länge verkürzt; in seinem Gesicht qualmte ein Rössli-Stumpen, in meinem platzte von Zeit zu Zeit die rote Blase eines Bazooka-Kaugummis. So tippelten wir von «Säntisblick» zu «Säntisblick», mein Onkel genehmigte sich jedes Mal einen Schnaps, und häufig nahm seine Leidenschaft, mich in die Geheimnisse der Mathematik einzuführen, im Lauf des langen Wandertags bedrohliche Formen an. Damals brachte ich mir anhand eines bebilderten Robinson-Buchs und mit der sanften Hilfe der Grossmutter das Lesen bei; ich begeisterte mich für abenteuerliche Meerfahrten und hatte für die «heilige Klarheit der Mathematik», wie sie der Onkel mit glasigen Augen beschwor, nichts übrig.

Eines Nachmittags ging es um die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Nach deren Gesetzen, behauptete der Onkel, würde uns hier, auf der Landstrasse nach Gontenbad, nur im «unwahrscheinlichsten Fall» ein Automobil mit einem Zuger Nummernschild begegnen. In meinem Heimatstolz verletzt, rief ich empört: «Das stimmt nicht!»

Erst wurde der Onkel wütend, dann meinte er siegesgewiss: «Auf die Mathematik ist Verlass. Sollte tatsächlich ein Zuger Wagen vorbeikommen, kassierst du einen Fünfliber.»

Nach bangen Minuten des Wartens kroch eine Kolonne von drei vornehmen Cabrios heran, alle mit sportlich kostümierter Besatzung, Weisswandreifen und der vorderste Wagen mit einem gut sichtbaren Nummernschild: ZG, Zug, blau-weisses Wappen. Bevor sich der Onkel von seinem Schreck erholt hatte, passierte der zweite Wagen: ZG, Zug, das blau-weisse Wappen, gleich dahinter Wagen Nummer drei: ZG, Zug, das blau-weisse Wappen, und glauben Sie mir, wichtiger als das gewonnene Vermögen war das Erlebnis des Spielers, der von seinem Treffer ins pure Glück gestürzt wurde.

*

Viele Jahre später, ich war im Studium gescheitert, hatte ich in einem düsteren Lokal am Stuttgarter Bahnhof beim Pokern alles verloren. Hungrig, durstig, verzweifelt warf ich mich in der schäbigen Pension, wo ich ein Zimmer gemietet, allerdings noch nicht bezahlt hatte, auf die Matratze, nahm die verstaubte Bibel vom Nachttisch, schlug sie über mir auf – und herabflatterte ein ganzes Bündel schöner grüner Dollarscheine. Den Impuls, meinen Fund zu melden, unterdrückte ich ebenso wie die Versuchung, in die Pokerrunde zurückzukehren. Stattdessen besorgte ich mir Bier und Zigaretten und vertiefte mich ins Alte Testament, in die Bücher der Propheten. Wie ein Spieler auf das Glück setzt, sagte ich mir, setzt der Prophet auf das Unglück. Also musste da eine Art Verwandtschaft bestehen, und da Jesaja, Amos und Habakuk eine erstaunliche Trefferquote vorzuweisen hatten, liess sich bei ihnen bestimmt etwas lernen. Nun war ich nicht so naiv, ernsthaft zu glauben, durch das Bibelstudium zum Superspieler zu werden, der im Voraus weiss, auf welche Zahl die Roulettekugel klackern würde. Wenn dies möglich wäre, würden die Casinos von Rabbis und Pastoren, die dauernd die Bank sprengten, wohl nur so wimmeln. Nein, so lief es nicht. Aber was verlieh einem einfachen Hirten wie Jeremia die Sicht über den Rand der Gegenwart hinaus? Was war sein Geheimnis, sein Trick?

Eines Nachmittags weidete er unter stechender Sonne seine Herde. Miese Stimmung bei Hunden und Schafen. Der Boden versandet, nur einige dornige Büsche, an denen sie sich die Schnauzen blutig knabberten. Dass über ihnen der Herr sei, stand ausser Zweifel, schliesslich befand man sich in seiner Schöpfung, aber könnte es sein, fragte sich Jeremia, dass der Herr schläft? Und siehe da, im Augenblick, da er diesen Gedanken dachte, zeigte sich ihm ein Wacholderzweig. So wurde dem Jeremia offenbart: Gott ist wach.

*

Spielen, jeder Spieler weiss es, ist unvernünftig. So unvernünftig wie meine Behauptung, auf der Landstrasse nach Gontenbad würde ein Zuger Automobil auftauchen, so unvernünftig wie der Spruch des Propheten, demnächst würde es Schwefel regnen über Sodom. «Was ist, ist vernünftig», hält Hegel dagegen, und sämtliche Funktionäre dieser Welt dürften seine Ansicht teilen. Der unvernünftige Prophet und der unvernünftige Spieler jedoch halten sich an den Kantatentext, den Sie eben gehört haben: «Schweig, schweig, taumelnde Vernunft! Rede nicht.»

Die Vernunft, am deutlichsten spricht es Kant aus, deckt nur jenen Teil der Wirklichkeit ab, die sie selbst geschaffen hat. Das betrifft weite Teile unseres Denkens, auch des Planeten, und im naturwissenschaftlichen Bereich, wo berechnet, vermessen, analysiert, seziert wird, ist die Methode angebracht. «Das wahre Sein des Menschen», sagt Hegel, «ist seine Tat.» Täterlogik, vernunftbestimmt. Allein den Wacholderzweig würde man so niemals erkennen. Er ist ein Wink, der aus anderen Dimensionen kommt. Aletheia, Wahrheit, definiert Heidegger als das, was sich «entbirgt». Was sich uns offenbart. Als Täter hat man da keine Chance. In der zupackenden Hand würde der Zweig verwelken; er ist ein Vorschein des Absoluten, er erblüht im staunenden Auge. Etwas Ähnliches erlebt der Spieler, wenn er gegen jede mathematische Wahrscheinlichkeit wettet und aus Fortunas Füllhorn eine volle Ladung abbekommt. Dann ist das wahre Sein des Menschen nicht Tätigkeit, sondern Staunen. Hinnehmen. Annehmen. Demütig und dankbar auf die Knie sinken, wenn aus der aufgeklappten Bibel der Geldsegen niedergeht. Oder wenn das dritte Cabrio mit dem Nummernschild ZG, Zug, blau-weisses Wappen, vorüberschnurrt. Da hat die Vernunft nichts mehr zu sagen. Da taumelt sie angesäuselt in den Strassengraben.

*

Bald nach Stuttgart befreite ich mich von meiner Spielleidenschaft, indem ich sie auf die Bühne auslagerte. Jahrelang beschäftigte ich mich mit Nestroy, bei dem die Glücksfee das höchste dramaturgische Prinzip darstellt, doch gelang es mir nie, seine Tricks aus dem Biedermeier in unsere durchrationalisierte Zeit zu übertragen. Erfolglos war ich auch, wenn ich in Prosatexte epiphanische Momente einfliessen liess. Meistens fielen sie in der Endfassung der Zensur zum Opfer, der Zensur meiner Vernunft.

Ich bin mir also bewusst, dass es nahezu unmöglich ist, mit Worten in Bereiche vorzudringen, die nicht von der Vernunft kolonialisiert wurden. Klar, in den Träumen geschieht das jede Nacht, aber eben, da erscheinen uns Gebilde, die im Erwachen platzen wie seinerzeit meine Kaugummi-Blase. Trotzdem möchte ich das Wagnis eingehen, denn die geheimnisvolle Tür, die der Kantatenautor und Bach am Schluss der Tenorarie evozieren, ist mir bekannt – nicht aus der Musik, aus dem Spital.

Es war in der Nacht vor einer lebensentscheidenden Operation. Ich lag, an Schläuche angeschlossen, in schweissfeuchten Kissen und starrte gebannt ins Dunkel. Dort, durch die breite Tür, würden sie mich morgen hinausrollen und im Warenlift in die Tiefe fahren, in den OP-Saal. Last exit? Eine Reise ohne Wiederkehr? Meine Finger waren ins Laken gekrallt, das Herz klopfte bis zum Hals – und sonderbar, auf einmal wurde ich ruhig. Wie es geschah, weiss ich nicht, ich kann nur sagen, dass es geschah. Es. Es geschah. Es vollzog sich. Das Krankenzimmer war auf einmal der Saal eines Museums, und das einzige Bild stellte in vollendeter Schönheit eine Tür dar. Es war die Tür, die ich eben noch angestarrt hatte, allerdings schloss sie mich nicht mehr in die Enge meiner Angst ein, sondern eröffnete mir einen unbekannten Raum. Es überkam mich ein Glück wie seinerzeit auf der Landstrasse nach Gontenbad. Oder wie im Stuttgarter Pensionszimmer, als der Dollarsegen auf mich niederging. Ich war jetzt ganz Spieler und ganz Prophet, der wusste: Du hast gewonnen, so oder so. Entweder wirst du nach der OP und einigen Tagen auf der Intensivstation in dieses Zimmer zurückkehren, oder hinter der Tür der Türen empfängt dich das Zeitlose.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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