Es wartet alles auf dich

BWV 187 // zum 7. Sonntag nach Trinitatis

für Sopran, Alt und Bass, Vokalensemble, Oboe I+II, Streicher und Basso continuo

Leidenschaftliche Ungeduld verkörpert der Eingangschor der 1726 komponierten Kantate «Es wartet alles auf dich», deren Libretto vom Gegensatz zwischen der allzu menschlichen Sorge um das tägliche Brot und der gelassenen Zuversicht auf Gottes Fürsorge lebt. Entsprechend ist Bachs Komposition sowohl von strahlend-verzückten Kantilenen als auch von bildhaft-eindringlicher Wortvertonung geprägt.

J.S. Bach-Stiftung Kantate BWV 187

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Werkeinführung
Reflexion

Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Ulrike Hofbauer

Alt/Altus
Elvira Bill

Bass
Dominik Wörner

Chor

Sopran
Jessica Jans, Susanne Seitter, Noëmi Sohn Nad, Alexa Vogel, Anna Walker, Mirjam Wernli Berli

Alt/Altus
Antonia Frey, Stefan Kahle, Misa Jäggin, Francisca Näf, Damaris Rickhaus

Tenor
Manuel Gerber, Sören Richter, Nicolas Savoy, Walter Siegel

Bass
Matthias Lutze, Grégoire May, Daniel Pérez, Retus Pfister, Philippe Rayot

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Claire Foltzer, Dorothee Mühleisen, Olivia Schenkel, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Martina Zimmermann, Matthias Jäggi

Violoncello
Maya Amrein, Bettina Messerschmidt

Violone
Markus Bernhard

Oboe
Andreas Helm, Philipp Wagner

Fagott
Susann Landert

Orgel
Nicola Cumer

Cembalo
Thomas Leininger

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Karl Graf, Rudolf Lutz

Reflexion

Referent
Beat Kappeler

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
31.03.2017

Aufnahmeort
Trogen AR (Schweiz) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Textdichter Nr. 1
Psalm 104, 27-28

Textdichter Nr. 2, 3, 5, 6
Unbekannter Dichter

Textdichter Nr. 4
Matthäus 6, 31-32

Textdichter Nr. 7
Hans Vogel (1563)

Erste Aufführung
7. Sonntag nach Trinitatis,
4. August 1726

Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk

Die Kantate BWV 187 gehört mit ihrer auf je einen Bibelspruch des Alten und Neuen Testamentes gestützten zweiteiligen Form zu den typischen Schöpfungen des von Vorbildwerken Johann Ludwig Bachs mitgeprägten Jahrgangs III. Zugleich macht sie mit ihren ausgreifenden Formen und ihrer reifen Kompositionskunst deutlich, wie sehr sich Bachs Kirchenstil in den ersten Leipziger Jahren weiterentwickelt hatte.

Entsprechend exponiert der Eingangschor bereits im Vorspiel eine weiträumige Materialschichtung. Die Oboen treten dabei dem Streichersatz mit seinem von Continuo-Leitern gestützten energischen Kopfmotiv mal aufgeregt gestikulierend, mal motivisch gleichberechtigt gegenüber. Zugleich eignet der Musik eine an die Sequenzenfreude der Dresdener Hofkomponisten erinnernde Eleganz; dass Bach diesen Chor in den späten 1730er Jahren für das «Cum sancto spiritu» seiner Missa brevis g-Moll wiederverwendete, überrascht angesichts dieses pastosen Andachtsbildes kaum. Auch die Vokalbehandlung ist von grösster Flexibilität und struktureller Freiheit: Auf eine enggeführte Einsatzreihe, die drängendes Warten verkörpert, folgt ein den zweiten Textsatz («dass du ihnen Speise gibest») einführendes Doppelfugato, das einem expressiven nochmaligen Durchlauf des gesamten ersten Dictumsteils weicht. Nach einem Zwischenspiel mit reicher Klangschichtung und Stimmpolyphonie beginnt zu den Worten «Wenn du ihnen gibest, so sammlen sie» eine schulmässige Chorfuge, die mit ihren skandierenden Repetitionen und kantigen Kadenzabschlüssen sowie ihrem sukzessiv aufregistrierten Apparat beträchtliche Wirkung entfaltet. Mit einer effizient verdichteten Reprise beendet Bach einen Kantatensatz, der in seiner Verbindung von Kontrapunkt, Concerto und Kantabilität einem Höhepunkt seines Schaffens entspricht.

Das vom Evangelium der «Speisung der Viertausend» wie von Psalm 104 inspirierte Bassrezitativ gibt sich der Betrachtung der Wunder der Schöpfung hin, gegenüber denen vergänglicher Mammon und irdische Ehre verblassen. In der Altarie «Du Herr, du krönst allein das Jahr mit deinem Gut» setzt Bach auf ein tanzartiges Modell mit fliessend synkopierten dreitaktigen Perioden, um die behagliche Freude an der göttlichen Fügung besingen zu können. Mit seinen hingetupften Akzenten und Pianowiederholungen wirkt der ganze Orchestersatz wie mit Dämpfer gespielt und empfunden, was den charmanten Textausdeutungen («träufelt») der Altstimme eine luftige Bühne bereitet.

Dagegen beginnt der zweite Kantatenteil mit einem Christuswort, das in gebotenem Ernst die kurzsichtige Daseinsvorsorge seiner Schäflein rügt. Entsprechend entwirft Bach eine am Ideal strikter Nachfolge ausgerichtete Invention aus Unisono-Violinen, Continuo und der typischen Jesus-Stimmlage Bass, die vor allem in der hochliegenden Führung des gegen «die Heiden» gerichteten B-Teils beträchtlich zu eifern vermag. Details wie das höhnische geigerische Nachäffen der auf Essen, Trinken und Kleidung gerichteten kleingläubigen Fragen beleben den Vortrag dieses Bibelworts ungemein.

Nach dieser harschen Kritik führt die Sopranarie in hellere Regionen. Weiche Punktierungen und beständig abgebremste Bewegungen der Oboe rufen ebenso wie der fast stehende Ouvertürengestus des Continuo die Atmosphäre einer unerwartet freundlich verlaufenen höfischen Audienz hervor. Dieser Gott ist ein mächtiger, aber gutherziger Fürst, der sich zu den Niedrigen neigt und dem man die Sorge um das zeitliche und ewige Wohl all jener, denen Bach so wunderschön den «Odem» leiht, getrost anvertrauen kann. Während dieser A-Teil dennoch von Zweifeln über die eigene Erwählung überschattet bleibt, werden im beschleunigten Poco-allegro-Abschnitt alle Bedenken verscheucht. Dass die Arie mit einer verkürzten Reprise ohne Textvortrag endet, bringt die entlastende Botschaft auf den Punkt – mag auch die Erinnerung an Not und Verzweiflung noch vorhanden sein, so macht doch des Himmelsfürsten vormundschaftlicher Schutz jede weitere Supplik unnötig. Bach nähert sich in dieser Arie einem an Händels «Neun deutsche Arien» und an Werke Graupners, Stölzels und Johann Ludwig Bachs erinnernden leichtfüssigen Stil; dass die Motivik der beiden Arien mit ihrem den Oktavraum füllenden und nach unten hin verlangsamten Themenkopf eng verwandt wirkt, verknüpft subtil beide Kantatenteile und damit die Bedeutungsschichten des Alten und Neuen Testamentes miteinander.

Das feierliche Accompagnato kommt im schimmernden Streicherglanz einem Gelöbnis gleich, alles «Grämen» hinter sich zu lassen. Dem kindlichen Vertrauen des Textes entspricht ein naiv-eindringlicher Gestus der Singstimme, die Bach gewiss einem seiner nahezu erwachsenen Diskantisten auf den Leib schrieb.

Der zweistrophige Schlusschoral nähert sich mit seinem Dreiertakt und seinen eleganten Durchgängen und Verzierungen einer vierstimmigen Arie an. Mit dem gesungenen Gratias endend, verknüpft er ganz auf der Linie des Kantatenlibrettos reformatorische Tradition und gabenbezogenes Tischgebet.

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Hintergrund des Kantatentextes ist das Sonntagsevangelium von der Speisung der Viertausend (Markus 8, 1–9), obwohl der unbekannte Dichter den Bericht nicht ausdrücklich erwähnt. Der erste Teil der Kantate preist Gott als den Geber aller guten Gaben. Der zweite Teil lädt zu Dankbarkeit ein und dazu, von falschem Sorgen abzusehen. Die Zweiteiligkeit der Kantate gab Bach die Möglichkeit, die jeweils einleitenden Bibelleitsprüche musikalisch ganz unterschiedlich auszugestalten.

Erster Teil

1. Chor

«Es wartet alles auf dich, daß du ihnen Speise
gebest zu seiner Zeit. Wenn du ihnen gibest,
so sammlen sie, wenn du deine Hand auftust,
so werden sie mit Güte gesättiget.»

1. Chor
Zum Eingang singt der Chor aus Psalm 104 die Verse 27 und 28. Der musikalisch reichhaltig ausgestaltete und formal als dreiteilige Rahmenform angelegte g-Moll-Satz verleiht allenthalben dem Gestus des drängenden Wartens Ausdruck. Orchestermaterial und Singstimmen durchdringen und inspirieren sich dabei in einer meisterhaften Weise, die selbst die ausgreifende Fuge des Mittelteils organisch in den Gesamtablauf einbettet.

2. Rezitativ (Bass)

Was Kreaturen hält das große Rund der Welt!
Schau doch die Berge an, da sie bei tausend gehen;
was zeuget nicht die Flut? Es wimmeln Ström
und Seen.
Der Vögel großes Heer zieht durch die Luft zu Feld.
Wer nähret solche Zahl,
und wer vermag ihr wohl die Notdurft abzugeben?
Kann irgendein Monarch nach solcher Ehre streben?
Zahlt aller Erden Gold ihr wohl ein einig Mal?

2. Rezitativ
Verse aus Psalm 104 sind auch in dieses Rezitativ eingeflossen, das in einer kaum enden wollenden Aufzählung den Reichtum der göttlichen Schöpfung preist.

3. Arie (Alt)

Du Herr, du krönst allein das Jahr mit deinem Gut.
Es träufet Fett und Segen
auf deines Fußes Wegen,
und deine Gnade ists, die allen Gutes tut.

Zweiter Teil

3. Arie
Auch diese Arie ist aus dem Psalter geschöpft (Psalm 65, 12). Bach konzipiert dafür im warm leuchtenden B-Dur und im gemächlich voranschreitenden 3/8-Takt eine überaus behagliche Musik, die die Zufriedenheit mit dem überreichen Segen Gottes illustriert.

4. Arie (Bass)

«Darum sollt ihr nicht sorgen noch sagen:
Was werden wir essen, was werden wir
trinken? womit werden wir uns kleiden?
Nach solchem allen trachten die Heiden.
Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr
dies alles bedürfet.»

4. Rezitativ
Mit einem Zitat aus der Bergpredigt (Matthäus 6, 31–32) wird der zweite Teil der Kantate eröffnet, welcher «sub communione», d. h. während der Austeilung des Abend­mahls, musiziert wurde. Der Dichter sieht dieses Jesuswort in der Speisung der Viertausend bei Markus bestätigt. Bach kehrt für dieses sinnfällig dem Bass als Vox Christi übertragene Jesuswort zur g-Moll-Tonalität des Beginns zurück. Der relativ strenge und motivisch vorwärtsdrängende Triosatz aus Unisono-Violinen, Singstimme und Continuo betont gegenüber der Verheissung umfassender väterlicher Sorge den mah­nen­den Charakter, wie er in der Aufforderung beschlossen liegt, das Streben nach irdischen Gütern hinter sich zu lassen.

5. Arie (Sopran)

Gott versorget alles Leben,
was hienieden Odem hegt.
Sollt er mir allein nicht geben,
was er allen zugesagt?
Weicht, ihr Sorgen, seine Treue
ist auch meiner eingedenk
und wird ob mir täglich neue
durch manch Vaterliebs Geschenk.

5. Arie
Mit dieser Arie wechselt der Text in die Ich-Form: Warum sollte ich allein von Gottes Güte ausgeschlossen sein? Für diese etwas gestelzte Poesie hat Bach im Rahmenteil eine expressive Melodik sowie die atmende Kan­tilene von Sopran und Oboe gewählt, die hörbar die Wärme und Fülle der göttlichen Liebe evozieren. Der geschwindere Mittelteil spricht hingegen von der Entschlossenheit, alle Sorge und Verzagtheit abzuwerfen.

6. Rezitativ (Sopran)

Halt ich nur fest an ihm mit kindlichem
Vertrauen und nehm mit Dankbarkeit,
was er mir zugedacht,
so werd ich mich nie ohne Hülfe schauen,
und wie er auch vor mich die Rechnung hab gemacht.
Das Grämen nützet nicht, die Mühe ist verloren,
die das verzagte Herz um seine Notdurft nimmt;
der ewig reiche Gott hat sich die Sorge auserkoren,
so weiß ich, daß er mir auch meinen Teil bestimmt.

6. Rezitativ
Es geht um Vertrauen und Dankbarkeit und um die Gewissheit, dass «der ewig reiche Gott […] mir auch meinen Teil bestimmt». Die Ausgestaltung als Accompagnato-Rezitativ mit begleitenden Streicherstimmen verleiht dem Satz musikalisch Gewicht und inhaltlich eine beträchtliche Gefasstheit.

7. Choral

1.
Gott hat die Erde zugericht’,
läßts an Nahrung mangeln nicht;
Berg und Tal, die macht er naß,
daß dem Vieh auch wächst sein Gras;
aus der Erden Wein und Brot
schaffet Gott und gibts uns satt,
daß der Mensch sein Leben hat.
2.
Wir danken sehr und bitten ihn,
daß er uns geb des Geistes Sinn,
daß wir solches recht verstehn,
stets in sein’ Geboten gehn,
seinen Namen machen groß
in Christo ohn Unterlaß:
so singn wir recht das Gratias.

7. Choral
Die Strophen 4 und 6 des Liedes «Singen wir aus Herzensgrund» von Hans Vogel beschliessen die Kantate. Die in Bachs Kantaten nicht so häufige Zweistrophigkeit des Schlusschorals hebt dessen Charakter als gemeindliche Zusammenfassung einer Kantate hervor, die allenthalben von der Fülle der göttlichen Zuwendung redet. Die in die instrumentale Oberstimme eingearbeiteten Verzierungen verleihen dem Satz dabei einen latent verzückten und gewissermassen «mannatrunkenen» Charakter.

Reflexion

Beat Kappeler

Die Gesellschaft als Schöpfer

Längst hat die Gesellschaft die göttliche Ordnung ersetzt und will sich selbst gerne als Schöpfer von Reichtum und Wohlstand sehen. Die Kantate «Es wartet alles auf dich» (BWV 187) zeigt den weiten Weg, den wir zurückgelegt haben und ermahnt uns zugleich, nicht einer überzogenen Idee von Gerechtigkeit zu huldigen.

Recht viel verspricht der Text der Kantate Es wartet alles auf dich (BWV 187) – «Es träufet Fett und Segen, (…) und deine Gnade ist’s, die allen Gutes tut». Dies nicht nur für alle, sondern auch für einzelne: «(…) sollt er mir allein nicht geben, was er allen zugesagt?»
Kindliches Vertrauen nennt die Kantate selbst diesen unbedingten Glauben an Vorsehung immerzu, für alle und für mich. Man hat mich wohl eingeladen, um einen Kontrapunkt zu setzen, als Ökonom, aus soziologischer und aus politologischer Sicht. Denn auch Tiefgläubige wissen, dass in den 300 Jahren seit Bach die Wissenschaften von der Gesellschaft und der Natur sich anheischig machen, die Welt abschliessend zu erklären. Sie bieten eine wissenschaftlich steuerbare Gesellschaft an, welche die gleiche Fülle gewährleistet, die Bachs Kantate von Gott zu erhalten hofft. Schon beim grossen Aufschwung dieser Wissenschaften vor hundert Jahren hat Max Weber dies «die Entzauberung der Welt» genannt.
Auch Gläubigen ist bewusst, dass das Wissen und die Technik vieles rein innerweltlich erklären. Ich will das gerne etwas ausführen, aber in der gewohnten Demut des Ökonomen eine vielleicht unerwartete Wende dazu anbieten.
So weiss die Ökonomie um das Auf und Ab der Konjunkturen, wie Geld wirken soll, und die Betriebswirtschaft kennt tausend Handgriffe, um die Fülle der Güter aus den automatisierten Anlagen strömen zu lassen und in die Supermärkte zu verteilen. Nicht nur Fett, wie die Kantate wünscht, sondern Joghurts in dreissig Varianten finden wir dort, täglich, immer. Stockt der Güterfluss einmal, so ruft man nach Ankurbelung durch die Budgettechniken des Staates, im Klartext, nach Defiziten, um die Nachfrage zu steuern. Ebenso drehen die Notenbanken an der Geldpresse, um die Fülle aus Furche, Fabrik und Finanzfirmen strömen zu lassen. Ein dicker Titel in der sonst liberalen deutschen Wochenzeitung Die Zeit nach der grossen Ankurbelung in der Finanzkrise 2008 lautete: «Danke Staat». Das tönt fast blasphemisch hier in diesem sakralen Raum und angesichts des in der Kantate geäusserten Glaubens, «Gott (…) läßt’s an Nahrung mangeln nicht». Es zeigt aber den weiten Weg, den wir geschritten sind.

«Die Lücken schliessen»
Soziologie und Sozialpolitik kümmern sich sodann darum, Ungleichheiten zwischen den Menschen zu erklären und auszubügeln. Dass jeder in seinem Stand stehen, arbeiten und zufrieden sein solle, war bis vor gut zweihundert Jahren ausgemacht. Die meisten schickten sich darin. Die Soziologie aber zeigt nun, wie der Platz in solchen Schichten recht erklärbar ist – er hängt ab vom Zugang zur Bildung, vom Wohnort, vom Geschlecht, vom erworbenem oder ererbtem Vermögen, und wie die Verfassung die Macht zuteilt. Kurz, der Stand ist nicht natur- oder gottgegeben, sondern zugeteilt, erworben, verworfen, ermöglicht oder verhindert. So kann sich aber der Mensch, so können sich Gruppen in einer offenen Gesellschaft heute bewegen, und die Gesellschaft als Schöpfer soll ermöglichen, fördern, umverteilen. Zum Anwalt in solchen gesellschaftlichen Anliegen wurde der Staat, und er greift in den meisten westlichen Ländern nach einem Drittel bis zur Hälfte der Einkommen, und mit Sozialpolitik schüttet er es wieder rundum aus. Ich habe noch vor vierzig, fünfzig Jahren als junger Bürger, Journalist, Verbandsleiter den Ruf erlebt (aber nicht immer mitgemacht), «die Lücken zu schliessen» – bis nicht nur Betriebsunfälle, Invalidität und Alter obligatorisch versichert waren, sondern auch Krankheit, Mutterschaft, Arbeitslosigkeit, Pensionen, und bis durchlässige Bildungszüge, und Stipendien, Krippen, hohe Sozialhilfe eingerichtet wurden. «Wer nähret solche Zahl (…)?», fragt die Kantate, und wir wissen: es ist der Staat, es sind wir alle wieder als seine Beitragszahler.
Diese Schilderung, diese leise Kritik mag man von einem Ökonomen erwarten. Das ist unser tägliches Brot, und wir leben nicht schlecht davon. Also auch wir nähren uns nicht wie die Lilien des Feldes gemäss Bergpredigt und Kantate, sondern sehen uns vor und stellen Rechnung.

Checks and Balances
Doch gerade wer etwas tiefer in Ökonomie und Politik hineinsieht – und vor allem diese an der Geschichte misst – dem schwindet der Glaube, dass heute und hienieden innerweltlich alles in jener Fülle angerichtet und bewahrt werden kann, wie die Kantate es von Gott im Himmel erwartete. Ich könnte das Alte Rom anführen, dessen Ruinen allerorten bezeugen, dass grosse, wohlgeordnete Reiche untergehen können. Dem heutigen Italien, einem ehemaligen Industriestaat, geht es übrigens kaum besser. Die Jungen, die Arbeitslosen, sitzen vor bröckelnden Fassaden.
Näher bei uns ahnen wir, dass der Euro wanken könnte (und privat mache ich gerne Prognosen zu Dramatischerem). Denn zu meinen Lebzeiten zerfiel schon die Weltwährungsordnung des Dollars 1971, als die USA einfach kein Gold mehr für Dollarguthaben auszahlen wollten. Ungeheure Verluste, eine hohe Inflation waren die Folge, und seither schöpfen die Notenbanken enorme Geldmassen auf Papier, dann mit Elektronik. Währungen erscheinen zunehmend als Menschenwerk, sehr beliebig, ohne Eigenwert. Dennoch sind wir Bürger gezwungen, unsere Arbeit, unsere Pensionsansprüche, die Vermögenswerte gegen solche Geldzeichen einzutauschen. Die meisten Wertpapiere und Hauspreise des Westens sind durch Geldmengen und Tiefzinsen hochgeklettert und tragen keine Fallschirme. Die Staaten sind, bis auf wenige, die Schweiz und Schweden etwa, hochverschuldet in Papiergutschriften und werden diese auf rechtschaffene Weise nie mehr zurückzahlen können. Wenn man noch an etwas glauben kann, dann an den Zinseszins, der diese Trends unerbittlich ad absurdum treibt. Blosses Menschenwerk, innerweltlich fragil!
Dennoch, liesse man die Menschen für sich selbst arbeiten, sind sie arbeitsam und erfindungsreich, denkt der Ökonom. Mit Uber und anderen Apps bricht ein Zeitalter der neuen Selbständigen an, mit Robotern, Drohnen und dreidimensionalen Druckern ein beschwingtes Produzieren. Arbeit bleibt genug, denn Volkswirtschaft findet immer – trotz Elektronen – in der Fläche statt, es braucht Infrastrukturen, deren Wartung, Wohnraum, sodann Verteilung, Pflege, Dienste aller Art. Hoffen wir, dass diese reale Welt die Oberhand über frivoles Gelddrucken behält: nach dem zagenden ökonomischen Glauben gibt es doch noch etwas wie Hoffnung.
Entzaubert wurde auch das Wissen um die Politik. Frühere Staatskundebücher sahen in der Politik, in den Parteien, in den staatlichen Organen nur das allseitige Streben nach dem Allgemeinwohl. Das war Glaube, Hoffnung und falsche Liebe. Die heutige Politikbeobachtung der Angelsachsen zeigt, dass alle Politisierenden auch übliche Menschen mit Eigeninteresse sind (Lehre des Public Choice genannt). Parteien, Politiker, Lobbys, Parlamente, Verwaltungen maximieren genau so wie es Arbeitnehmer und Unternehmer in der Wirtschaft tun. Sie kungeln zusammen, um sich gegenseitig Vorteile zu Lasten Dritter zu zuschanzen. Nur perfekt austarierte Spielregeln und Organe können diesen Lauf der Dinge bremsen. Wir sehen erwartungsgemäss, wie der ruppige neue Präsident in den USA bereits durch Checks-And-Balances im Kongress ausgebremst wird. In der Schweiz setzt das Volk die Steuersätze in der Verfassung fest, es hat den Politikern eine Schuldenbremse verordnet, es kann Politiker durch Streichen oder Panaschieren von den Wahllisten kippen – das sind unsere Checks-And-Balances.
Doch die Einrichtungen unter uns Menschen sind nicht gefeit gegen Mängel. Schlechte Spielregeln zerstören Ordnungen. Auf dem Kontinent und bei dessen Politikern und Meinungsmachern ist die angelsächsische Nüchternheit der Politikgestaltung nicht angekommen. Deutschland hat seit 1992 in allen Entscheiden zu EU-Führung, Euro, Zentralbank, Hilfsfonds des Euro zugelassen, dass es von der Koalition der Schuldner überstimmt werden kann. Immer berauschten sich Deutsche, oft auch Franzosen in der Politik an Visionen und verloren den Tritt, gefährden dadurch aber den Euro und die Union. Gegenwärtig raunen deren Blätter wieder von der «Rückkehr der Politik». Bewahre – Menschenwerk, fragil und einsturzgefährdet!
Die Nüchternheit und der Rückbau von Regulierungen sind überlebenswichtig für einen Wohlstand selbstgesteuerter Bürger, Arbeitnehmer und Unternehmer. Das tönt uns vertraut. Das römische Reich hat es nicht geschafft, Frankreichs Ancien Régime auch nicht, des alten Russlands Zar ebenso wenig, und sein Ende ist jetzt hundert Jahre her. Ganze Staaten, weltliche Regierungen, die krisenbehafteten Einrichtungen des fürchterlichen 20. Jahrhunderts, und Verfassungen können irren.

Es braucht Mut
Die Beherrschung der Welt durch Ökonomie und Politik also muss hinter einer Erfahrung zurück treten, die ich nach fünfzig Jahren Beobachtung mache. Die Gesellschaft und ihre Wirtschaft funktionieren nur mit einem starken Bodensatz persönlicher und allgemein verbreiteter Charaktere. Dazu gehört Mut. So sagte der FBI-Direktor dem Präsidenten der USA vorletzte Woche, dass er Unwahres sage. Dazu gehört, was ich eine «Feed back»–Gesellschaft nenne. Immer wenn eine Regel nicht befolgt wird, sollen die Bürger zurück reagieren. Immer wenn etwas getan werden muss, sollen sie es selbst tun oder zurück melden: spontane Kooperation, «Collective Intentionality» also – wie in einem Orchester, wie bei diesen jungen Musikern heute Abend. Jeder spielt seinen Part, im Hinblick auf das schöne Ganze.
Schliesslich gehören Fanatiker, besonders religiöse Fanatiker ausgebremst und angehalten. Der ganze Vordere Orient brennt stattdessen. Unsere Gesellschaften hier müssen republikanische Nüchternheit in öffentlichen Belangen durchsetzen, bevor es zu spät ist und Gruppenrechte die allgemeinen Gesetze aushöhlen. Und wenn es gar nicht geht, setzt man sich auseinander, lässt einander aber die Freiheit, wie die Appenzeller 1597 sich in die Inneren und die Äusseren Rhoden teilten. Sie hieben sich nicht die Köpfe des Glaubens wegen ab, sondern wollten getrennt leben, aber eben leben und leben lassen.
Diese Qualitäten unter Menschen schaffen erst die Bahn für innerweltliche Ökonomie, für Soziales und Politik. Diese Qualitäten hätten auch den Beifall der Gläubigen zu Bachs Zeiten gefunden. Sie sind und waren die Grundlage für gutes und richtiges Leben. Ohne sie können Ökonomie und Politik wenig bieten, für sich alleine brauchen sie fast soviel innerweltlichen Glauben wie Bachs Glaube.
Es braucht Qualitäten, es braucht Haltung.

Literatur:
• Kappeler, Beat, Leidenschaftlich nüchtern. Für eine freie und vitale Gesellschaft, NZZ-Verlag, Zürich 2014
• Kappeler, Beat, Staatsgeheimnisse. Was wir wirklich über unseren Staat wissen sollten, NZZ-Verlag, Zürich 2016

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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