Es erhub sich ein Streit

BWV 019 // Michaelisfest

für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Trompete I–III, Pauke, Oboe I + II, Streicher und Basso continuo

Der Michaelistag war im alteuropäischen Jahreskalender ein wichtiges Datum, das den Übergang zum Winterhalbjahr markierte; sein kämpferischer Lesetext vom grossen Engelskampf im Himmel hat die Tonsetzer des Barock zu besonders schlagkräftigen Vertonungen angeregt. Dazu gehört Bachs Michaeliskantate BWV 19, deren Eingangssatz ohne jedes Orchestervorspiel mit einer turbulenten Vokalfuge anhebt und diesen wuchtigen Duktus bis zum Schluss beibehält. Dass Gottes Engel auch tröstende Gewissheit schenken und durch Tod und Leben hindurchtragen können, machen die mit lieblichen Oboen d’amore sowie dem kantablen Trompetenchoral «Ach Herr, lass dein lieb Engelein» begleiteten Arien klangsinnlich erlebbar, ehe der von obligaten Bläserstimmen überwölbte Schlusschoral wie eine Einladung zur persönlichen Himmelsreise anmutet.

Video

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Julia Doyle

Alt/Altus
Jan Börner

Tenor
Georg Poplutz

Bass
Daniel Pérez

Chor

Sopran
Lia Andres, Guro Hjemli, Linda Loosli, Stephanie Pfeffer, Mirjam Wernli, Ulla Westvik

Alt
Laura Binggeli, Antonia Frey, Lea Pfister-Scherer, Simon Savoy, Lisa Weiss

Tenor
Clemens Flämig, Manuel Gerber, Tiago Oliveira, Sören Richter

Bass
Jan Börner, Jean-Christophe Groffe, Valentin Parli, Daniel Pérez, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Yuko Ishikawa, Petra Melicharek, Ildikó Sajgó, Rahel Wittling, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti,  Matthias Jäggi, Claire Foltzer

Violoncello
Martin Zeller, Bettina Messerschmidt

Violone
Markus Bernhard

Trompete
Patrick Henrichs, Benedikt Neumann, Pavel Janeček

Pauke
Martin Homann

Oboe/Oboe d’amore
Andreas Helm, Thomas Meraner

Taille
Laura Alvarado

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Philipp Theisohn

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
19.08.2022

Aufnahmeort
Teufen (AR) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
29. September 1726, Leipzig

Textdichter
Christian Friedrich Henrici (Picander, Sätze 1–6), Unbekannt (Satz 7)

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Der Michaelistag war im alteuropäischen Jahreskalender ein wichtiges Datum, das auch im Wirtschaftskreislauf den Übergang zum Winterhalbjahr markierte. Sein dramatischer Lesetext vom siegreichen Kampf des Erzengels Michael gegen den höllischen Drachen (Offenbarung 12, 7–12) hat die Komponisten des Barock zu besonders schlagkräftigen Vertonungen angeregt. Dazu gehört Johann Sebastian Bachs Michaeliskantate BWV 19, die am 29. September 1726 erstmals aufgeführt wurde. Das Libretto des unbekannten Textdichters, hinter dem man den späteren Nürnberger Pfarrer Christoph Birkmann (1703–1771) vermutet, stellt die Bearbeitung einer Michaelis-Dichtung von Bachs langjährigem Vorlagenschreiber Christian Friedrich Henrici (Picander) dar. Der wuchtige Eingangssatz ist ganz von der Atmosphäre des heilsentscheidenden Kampfes geprägt. Dass Gottes Engel auch tröstende Gewissheit schenken und durch Tod und Leben hindurchtragen können, machen hingegen die beiden Arien der Kantate klangsinnlich erlebbar, ehe der von obligaten Bläserstimmen überwölbte Schlusschoral wie eine Einladung zur persönlichen Himmelsreise anmutet. Dem im alten Leipzig zu Michaelis typischen Messetrubel stellt diese Kantate die Aufforderung zur inneren Einkehr und Rückbesinnung entgegen. Ihr Eingangschor erklang übrigens bereits 1819 und damit lange vor der Bach-Renaissance der Ära Mendelssohn nochmals als Sonntagsmusik in beiden Leipziger Hauptkirchen St. Nikolai und St. Thomas. Die Thematik des Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen den Mächten des Himmels und der Finsternis, passt gut zum inhaltlichen Bogen der Appenzeller Bachtage 2022 «licht und dunkel».

1. Chor

Es erhub sich ein Streit.
Die rasende Schlange, der höllische Drache
stürmt wider den Himmel mit wütender Rache.
Aber Michael bezwingt,
und die Schar, die ihn umringt,
stürzt des Satans Grausamkeit.

1. Chor – Der Eingangschor des unbekannten Textdichters paraphrasiert die Epistel des Michaelistages

«Und es erhub sich ein Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen; und der Drache stritt und seine Engel, und siegeten nicht, auch ward ihre Stete nicht mehr funden im Himmel. Und es ward ausgeworffen der grosse Drach, die alte Schlange, die da heisset der Teufel und Satanas» (Offenbarung 12, 7–9, Olearius-Bibel).

Bach hätte in seiner Vertonung dem Beispiel der Parallelvertonung seines Eisenacher Onkels Johann Christoph Bach folgen können, die mit einer geheimnisvollen Sinfonia samt nachfolgenden Trompetenfanfaren beginnt. Stattdessen löst er ohne Vorspiel eine dreiteilige Vokalfuge von dramatischer Atemlosigkeit aus, die die Zuhörenden förmlich in das endzeitliche Ringen hineinreisst.

2. Rezitativ — Bass

Gottlob! der Drache liegt.
Der unerschaffne Michael
und seiner Engel Heer
hat ihn besiegt.
Dort liegt er in der Finsternis
mit Ketten angebunden,
und seine Stätte wird nicht mehr
im Himmelreich gefunden.
Wir stehen sicher und gewiß,
und wenn uns gleich sein Brüllen schrecket,
so wird doch unser Leib und Seel
mit Engeln zugedecket.

2. Rezitativ

Auch das Bassrezitativ folgt dem Text aus Off. 12 und 20. Es erzählt vom Sieg Michaels über den Satan, knüpft dann an Picanders Dichtung an: «Uns kann kein einige Gefahr/in dem Beruff erschrecken/Weil uns die Engel immerdar/Mit ihrem Schutz bedecken.» Der statuarische Duktus der Rezitation macht deutlich, dass dieses Kapitel der Heilsgeschichte abgeschlossen ist und alles Weitere von der Präsenz der Engel in der Gegenwart redet.

3. Arie — Sopran

Gott schickt uns Mahanaim zu;
wir stehen oder gehen,
so können wir in sichrer Ruh
vor unsern Feinden stehen.
Es lagert sich so nah als fern,
um uns der Engel unsers Herrn
mit Feuer, Roß und Wagen.

3. Arie

In der Sopranarie hören wir ein wörtliches Zitat aus Picanders Dichtung: Weil Gott «Mahanaim» (=Engelsheere) schicke, könne man ruhig vor Feinden stehen, denn der Erzengel Michael lagere sich «so nah als fern» «mit Feuer, Roß und Wagen». Im entspannten G-Dur strahlen die warmen Klänge der über dem Continuo duettierenden Oboen d’amore ebenso wie die davon merklich beflügelte Sopranpartie eine Zutraulichkeit aus, der man sich im Sinne eines kontinuierlichen «englischen» Schutzes gern überlässt.

4. Rezitativ — Tenor

Was ist der schnöde Mensch, das Erdenkind?
Ein Wurm, ein armer Sünder.
Schaut, wie ihn selbst der Herr so liebgewinnt,
daß er ihn nicht zu niedrig schätzet
und ihm die Himmelskinder,
der Seraphinen Heer,
zu seiner Wacht und Gegenwehr,
zu seinem Schutze setzet.

4. Rezitativ

Am Tenorrezitativ liesse sich zeigen, dass Picander seinerseits auf eine ältere Liedstrophe von Justus Gesenius zurückgegriffen hatte: Eine Reflexion auf des Menschen Schwäche und Sünde, aber auch auf die «Wacht und Gegenwehr» der Schutzengel. Durch die beigefügte Streicherbegleitung kann dieser als so fehlbar beschriebene Mensch hörbar am Glanz der Engel teilhaben.

5. Arie — Tenor

Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir!
Führet mich auf beiden Seiten,
daß mein Fuß nicht möge gleiten!
Aber lernt mich auch allhier
euer großes Heilig singen
und dem Höchsten Dank zu singen!

5. Arie

Die Tenorarie formuliert eine Bitte an die Engel um Beistand sowie den Wunsch, «euer großes Heilig» (das Trisgagion aus Jes. 6 und Off. 4) von ihnen singen zu lernen. In schwebendem 6∕8-Duktus gehalten, entwickelt dieses Gebet um Schutz und Begleitung eine zu Herzen gehende Inbrunst. Dass Bach dieses zarte Gebilde noch um einen wortlos vorgetragenen Sterbechoral ergänzt und er diesen ausgerechnet der sonst lärmenden Tromba überträgt, zeigt ihn als souveränen Meister einer deutenden Klangregie: «Ach Herr, laß dein lieb Engelein, am letzten End die Seele mein, in Abrahams Schoß tragen.»

6. Rezitativ — Sopran

Laßt uns das Angesicht
der frommen Engel lieben
und sie mit unsern Sünden nicht
vertreiben oder auch betrüben.
So sein sie, wenn der Herr gebeut,
der Welt Valet zu sagen,
zu unsrer Seligkeit
auch unser Himmelswagen.

6. Rezitativ

Das Rezitativ folgt wieder dem Picandertext mit seiner Aufforderung, die Engel zu lieben, sie nicht mit Sünden zu vertreiben, damit sie – wenn man der Welt «Valet» sagen und sterben müsse, auch unsere «Himmelswagen» seien.

7. Choral

Laß dein Engel mit mir fahren
auf Elias Wagen rot
und mein Seele wohl bewahren,
wie Lazrum nach seinem Tod.
Laß sie ruhn in deinem Schoß,
erfüll sie mit Freud und Trost,
bis der Leib kommt aus der Erde
und mit ihr vereinigt werde.

7. Choral

Die Kantate schliesst mit der neunten Strophe aus dem Lied «Freu dich sehr, o meine Seele», welche das Bild vom Himmelswagen aufgreift: im Wunsch nämlich, dereinst mit den Engeln auf Elias Feuerwagen in den Himmel zu schweben, jedenfalls bis zur Auferstehung mit der Wiedervereinigung von Seele und Körper… Eigenständig geführte Trompeten und Pauken verleihen dem innigen Liedvortrag Glanz und Tiefe.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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