Zerreißet, zersprenget, zertrümmert die Gruft

BWV 205 // zum Namenstag des Professors August Friedrich Müller (Dramma per musica)

für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Trompeten I-III, Pauken, Horn I+II, Traversflöte I+II, Oboe I+II, Viola d’amore, Viola da gamba, Streicher und Basso continuo

Dass Bach nur für die Kirche, nicht aber für die – in Leipzig leider bereits vor seinem Amtsantritt bankrottgegangene – Opernbühne bestimmt gewesen sei, ist ein romantisches Vorurteil, das seinem Œuvre kaum gerecht wird. Während er seine dramatische Ader in den unter den Augen von Rat und Kirchenleitung dargebotenen gottesdienstlichen Kantaten nur wohldosiert ausleben konnte, boten ihm weltliche Auftragsarbeiten mit ihren allegorischen Figurenensembles dafür grössere Spielräume. Gerade das am 3. August 1725 zum Namenstag des Leipziger Hochschullehrers August Friedrich Müller entstandene «Zerreisset, zersprenget, zertrümmert die Gruft!» wurde nicht nur wörtlich als «Dramma per musica» bezeichnet, sondern reizt mit seiner Darstellung entfesselter Naturgewalten und heidnischer Göttercharaktere das szenische Potenzial der barocken Tonsprache voll aus. «Krachende Dächer» und elegant säuselnde Südwinde haben in dieser auf ein Libretto von Bachs Leipziger «Hausdichter» Picander zurückgehenden Komposition ebenso Raum wie rauschende «Vivat August!»-Rufe unter freiem Himmel, mit denen der beliebte Logikdozent auffällig nahe an den namensgleichen Landesvater rückte. Bachs in der Akademikerstadt Leipzig selbstverständliche Aneignung der antiken Mythologie macht eine neben der Bibelkenntnis unterschätzte Facette seiner Bildungsbiografie erlebbar.

Video

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Chor

Sopran
Alice Borciani, Cornelia Fahrion, Stephanie Pfeffer, Noëmi Sohn Nad, Alexa Vogel, Ulla Westvik

Alt
Anne Bierwirth, Antonia Frey, Alexandra Rawohl, Lea Scherer, Tobias Knaus

Tenor
Clemens Flämig, Zacharie Fogal, Joël Morand, Sören Richter

Bass
Jean-Christophe Groffe, Grégoire May, Daniel Pérez, Peter Strömberg, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Éva Borhi, Péter Barczi, Petra Melicharek, Ildikó Sajgó, Lenka Torgersen, Dorothee Mühleisen, Judith von der Goltz

Viola
Martina Bischof, Sonoko Asabuki, Matthias Jäggi

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Markus Bernhard

Viola da gamba
Rebeka Rusó

Traversflöte
Tomoko Mukoyama, Rebekka Brunner

Oboe
Philipp Wagner, Ingo Müller

Fagott
Susann Landert

Horn
Stephan Katte, Thomas Friedländer

Trompete
Jaroslav Rouček, Matthew Sadler, Alexander Samawicz

Pauke
Inez Ellmann

Cembalo
Thomas Leininger

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referentin
Arthur Godel

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
28.06.2024

Aufnahmeort
St. Gallen // Rudolf Steiner Schule

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
3. August 1725 – Leipzig

Textgrundlage
Christian Friedrich Henrici 1725

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

1. Chor der Winde

Zerreißet, zersprenget, zertrümmert die Gruft,
Die unserm Wüten Grenze gibt!
Durchbrechet die Luft,
Daß selber die Sonne zur Finsternis werde,
Durchschneidet die Fluten, durchwühlet die Erde,
Daß sich der Himmel selbst betrübt!

1. Chor der Winde

In diesem wuchtigen Perpetuum mobile wird die Energie der ihr Gefängnis sprengenden Winde eingefangen. Mit drei Trompeten, Pauken, je zwei Hörnern, Oboen und Flöten sowie verschiedenen Streichern mobilisiert dieser Eingangssatz wie die ganze Kantate eine von Bachs reichsten Besetzungen.

2. Rezitativ — Bass (Aeolus)

Ja! ja! Die Stunden sind nunmehro nah,
Daß ich euch treuen Untertanen
Den Weg aus eurer Einsamkeit
Nach bald geschloßner Sommerszeit
Zur Freiheit werde bahnen.
Ich geb euch Macht,
Vom Abend bis zum Morgen,
Vom Mittag bis zur Mitternacht
Mit eurer Wut zu rasen,
Die Blumen, Blätter, Klee
Mit Kälte, Frost und Schnee
Entsetzlich anzublasen.
Ich geb euch Macht,
Die Zedern umzuschmeißen
Und Bergegipfel aufzureißen.
Ich geb euch Macht,
Die ungestümen Meeresfluten
Durch euren Nachdruck zu erhöhn,
Daß das Gestirne wird vermuten,
Ihr Feuer soll durch euch erlöschend untergehn.

2. Rezitativ — Bass (Aeolus) und 3. Arie — Bass

Der mit vollem Instrumentarium auftretende Aeolus offenbart sich mit bildhaften Gesten als Herr der Jahreszeiten. Die Arie kommt als Lob der Zerstörung aus der Feder eines Komponisten der Ordnung daher – in der Besetzung zurückgenommen, feiert sie das «Durcheinander » der Herbststürme. Wenn die Götter lachen, wird es den Menschen bang …

3. Arie — Bass

Wie will ich lustig lachen,
Wenn alles durcheinandergeht!
Wenn selbst der Fels nicht sicher steht
Und wenn die Dächer krachen,
So will ich lustig lachen!

4. Rezitativ — Tenor

Gefürcht’ter Aeolus,
Dem ich im Schoße sonsten liege
Und deine Ruh vergnüge,
Laß deinen harten Schluß
Mich doch nicht allzufrüh erschrecken;
Verziehe, laß in dir,
Aus Gunst zu mir,
Ein Mitleid noch erwecken!

 

4. Rezitativ — Tenor und 5. Arie — Tenor

Der sanfte Südwind Zephyrus erscheint und erinnert an seine Verdienste. In der Arie verabschiedet er sich von den sommerlichen Hainen, wobei er sein baldiges «Schweigen» theatralisch inszeniert. Auch das zarte Klanggeflecht von Viola d‘amore und Viola da gamba im elegischen h-Moll vermag jedoch den strengen Aeolus nicht zu besänftigen.

5. Arie — Tenor

Frische Schatten, meine Freude,
Sehet, wie ich schmerzlich scheide,
Kommt, bedauret meine Schmach!
Windet euch, verwaisten Zweige,
Ach! ich schweige,
Sehet mir nur jammernd nach!

6. Rezitativ — Bass

Beinahe wirst du mich bewegen.
Wie? seh ich nicht Pomona hier
Und, wo mir recht, die Pallas auch bei ihr?
Sagt, Werte, sagt, was fordert ihr von mir?
Euch ist gewiß sehr viel daran gelegen.

6. Rezitativ — Bass

Dieser begrüsst nun die Göttinnen Pomona und Pallas, womit ländlicher Erntesegen und städtische Weisheit zum Vorbringen ihrer Argumente aufgefordert sind.

7. Arie — Alt

Können nicht die roten Wangen,
Womit meine Früchte prangen,
Dein ergrimmtes Herze fangen,
Ach, so sage, kannst du sehn,
Wie die Blätter von den Zweigen
Sich betrübt zur Erde beugen,
Um ihr Elend abzuneigen,
Das an ihnen soll geschehn.

7. Arie — Alt

Begleitet vom zarten Klang einer Oboe d’amore bietet Pomona die Wirkung «roter Wangen» auf, wobei die Metaphorik bewusst erotischen Liebreiz mit dem leuchtenden Bouquet eines Obstgartens verknüpft.

8. Rezitativ — Alt, Sopran

Alt
So willst du, grimmger Aeolus,
Gleich wie ein Fels und Stein
Bei meinen Bitten sein?

Sopran
Wohlan! ich will und muß Auch meine Seufzer wagen,
Vielleicht wird mir,
Was er, Pomona, dir
Stillschweigend abgeschlagen,
Von ihm gewährt.

{Sopran, Alt}
Wohl! wenn er gegen {mich, dich} sich gütiger erklärt.

8. Rezitativ — Alt, Sopran

Die hier mit ihrem Beiwort Pallas benannte Athene nimmt sich vor, es schlauer anzustellen, was Pomona mit Wohlwollen quittiert.

9. Arie — Sopran

Angenehmer Zephyrus,
Dein von Bisam reicher Kuß
Und dein lauschend Kühlen
Soll auf meinen Höhen spielen.
Großer König Aeolus,
Sage doch dem Zephyrus,
Daß sein bisamreicher Kuß
Und sein lauschend Kühlen
Soll auf meinen Höhen spielen.

9. Arie — Sopran

Entsprechend legt sich Athene mit emsigen Violinkaskaden ins Zeug, wobei sie die männlichen Pendants gegeneinander ausspielt. Ob Aeolus zum Dank für seine anerkannte Oberhoheit Zephyrus‘ tändelnden Küssen länger Raum gibt? Bach hat diese bukolische Arie jedenfalls so geschätzt, dass er sie zum Lobe Jesu sogar in die geistliche Neujahrskantate BWV 171 transferierte.

10. Rezitativ — Sopran, Bass

Sopran
Mein Aeolus,
Ach! störe nicht die Fröhlichkeiten,
Weil meiner Musen Helikon
Ein Fest, ein‘ angenehme Feier
Auf seinen Gipfeln angestellt.

Bass
So sage mir:
Warum dann dir
Besonders dieser Tag so teuer,
So wert und heilig fällt?
O Nachteil und Verdruss!
Soll ich denn eines Weibes Willen
In meinem Regiment erfüllen?

Sopran
Mein Müller, mein August,
Der Pierinnen Freud und Lust

Bass
Dein Müller, dein August!

Sopran
Und mein geliebter Sohn,

Bass
Dein Müller, dein August!

Sopran
Erlebet die vergnügten Zeiten,
Da ihm die Ewigkeit
Sein weiser Name prophezeit.

Bass
Dein Müller! dein August!
Der Pierinnen Freud und Lust
Und dein geliebter Sohn,
Erlebet die vergnügten Zeiten,
Da ihm die Ewigkeit
Sein weiser Name prophezeit:
Wohlan! ich lasse mich bezwingen,
Euer Wunsch soll euch gelingen.

10. Rezitativ — Sopran, Bass

Athene zieht als Klimax des Dramas ihren letzten Trumpf, um den ungeduldigen und misogynen Aeolus zu überreden. Sie führt zu lieblichen Flötenklängen ein bevorstehendes Fest ins Spiel – als Aeolus begreift, dass es um Pallas’ gelehrten Ziehsohn «August Müller» geht, gibt er unverzüglich nach.

11. Arie — Bass

Zurücke, zurücke, geflügelten Winde,
Besänftiget euch;
Doch wehet ihr gleich,
So weht doch itzund nur gelinde!

11. Arie — Bass

Ein König muss auch in der Niederlage gross scheinen, und so geht Aeolus‘ Rückzugsbefehl mit kraftvollen Tromba- und Hornklängen einher.

12. Rezitativ — Sopran, Alt, Tenor

Sopran
Was Lust!

Alt
Was Freude!

Tenor
Welch Vergnügen!

alle
Entstehet in der Brust,
Daß sich nach unsrer Lust
Die Wünsche müssen fügen.

Tenor
So kann ich mich bei grünen Zweigen
Noch fernerhin vergnügt bezeigen.

Alt
So seh ich mein Ergötzen
An meinen reifen Schätzen.

Sopran
So richt ich in vergnügter Ruh
Meines Augusts Lustmahl zu.

Alt, Tenor
Wir sind zu deiner Fröhlichkeit
Mit gleicher Lust bereit.

13. Arie — Alt, Tenor

Alt
Zweig und Äste
Zollen dir zu deinem Feste
Ihrer Gaben Überfluß.

Tenor
Und mein Scherzen soll und muß,
Deinen August zu verehren,
Dieses Tages Lust vermehren.

{Alt, Tenor}
Ich bringe {die Früchte, mein Lispeln} mit Freuden herbei,

beide
Daß alles zum Scherzen vollkommener sei.

13. Arie — Alt, Tenor

Flötengirlanden und verschlungene Vokalkantilenen evozieren im wiegenden Dreiertakt den Vorausblick auf die Feierlichkeit in grünender Natur. Wohl dem, für dessen leibliches Wohl und geistreiche Unterhaltung so gesorgt ist!

14. Rezitativ – Sopran

Ja, ja! ich lad euch selbst zu dieser Feier ein:
Erhebet euch zu meinen Spitzen,
Wo schon die Musen freudig sein
Und ganz entbrannt vor Eifer sitzen.
Auf! lasset uns, indem wir eilen,
Die Luft mit frohen Wünschen teilen!

14. Rezitativ – Sopran

Pallas wendet sich nun an alle Umstehenden und lädt so zum eigentlichen Fest sowie allgemeinen Jubel des Schlusschores ein.

15. Chor

Vivat August, August vivat,
Sei beglückt, gelehrter Mann!
Dein Vergnügen müsse blühen,
Daß dein Lehren, dein Bemühen
Möge solche Pflanzen ziehen,
Womit ein Land sich einstens schmücken kann.

15. Chor

Hier wird Musik Zeremoniell und Szene – in den lautstarken «Vivat»-Akklamationen ist der Widerhall der abendlichen Strassenflucht einkomponiert. Wie lebendig die Vorlesungen dieses «Augustus» der Leipziger Philosophie waren, darf man angesichts des etwas trockenen Mittelteils aber fragen.

Reflexion

Arthur Godel

Reflexion zur Kantate BWV 205 «Der zufriedengestellte Aeolus»

Bach als Lehrer

Mit unserer heutigen Kantate bedankten sich Leipziger Studenten bei einem geschätzten Lehrer, dem Rechts- und Philosophiedozenten August Friedrich Müller. Zu seinem 35. Namenstag (Augustus) bestellten sie beim ersten Komponisten der Stadt eine festliche Freiluftkantate. Wahrlich eine sympathische Dankesgeste!

Sie bringt mich zum Nachdenken über Bach als Lehrer. 27 Jahre wirkte er an der musikalischen Eliteschule der Handelsstadt Leipzig und als Komponist bleibt er einer der grossen Lehrer bis heute.

Ich fragte mich also:

  • Wie lernte Bach selber und wie lehrte er?
  • Was hat er uns, was hat er mich gelehrt?

Wie es bei mir begann

Bei mir begann es (ganz unbemerkt) mit Gounod! Als junger Geiger spielte ich sein «Ave Maria» und entdeckte erst später: das war mein erster Bach. Ich bin mit Mozart und Schubert aufgewachsen, Bach kam später. Was ich in meiner Jugend aus dem Radio in unserem Wohnzimmer an entromantisierter Barockmusik hörte, erhielt das Etikett «Nähmaschinen-Barock». Und so klang manches auch.

Zum Glück kam bald ein Rebell wie Harnoncourt und es kam die historisch-informierte, sog. authentische Spielweise. Es kam neues Leben in die Barockmusik. Wir alle verdanken der historischen Barock- und Bachforschung viel, und dank der Interpreten, die sich von ihr inspirieren liessen, hören wir Bach neu. Ich denke an Angela Hewitt, András Schiff, Nikolaus Harnoncourt, Rudolf Lutz und manche andere.

Über Vivaldi zu Bach

Mein Zugang zu Bach nahm allerdings noch einen Umweg, der über Vivaldi führte! Ich bekam als junger Musikstudent die Gelegenheit, Bachs «a-Moll-Konzert» als Solist zu spielen. Im grossen Saal des Grand-Hotels auf dem Seelisberg, direkt über dem Rütli, in dem Saal, wo später orange gewandete Gurus transzendentale Meditation lehrten.

Die Musik des «a-Moll-Konzerts» klang mir vertraut, denn ich hatte mich schon durch unzählige Vivaldikonzerte hindurchgegeigt. Später entdeckte ich dann, dass auch Bach seinen Vivaldi gründlich studiert und Vivaldis Violinkonzerte sogar in eine Einmannshow für einen Organisten verwandelt hatte. Den konzertanten Schwung vieler seiner Werke verdankte Bach den Italienern.

Am a-Moll-Violinkonzert berührte mich besonders der langsame Satz. Hier schwebt die Sologeige über einem festen, ostinaten Bass, frei wie ein Vogel am Firmament, das war höchst expressive Musik. Ich begegnete erstmals Bachs packender Ausdruckskraft, wie ich sie Jahre später in unserem Kantatenprojekt in einer überwältigenden Vielfalt erlebten sollte. Nicht die Gurus vom Seelisberg, sondern Bach führte mich zu einer Art transzendentaler Meditation – oder schlichter gesagt: zu erfüllter Innerlichkeit beim Hören seiner Musik.

Mehrstimmig für Violine solo

Beim Eintritt ins Konservatorium standen die Sonaten und Partiten für Violine solo auf dem Studienprogramm. Ich kam Bach näher, indem ich ihn spielte. «Musik interpretieren: Musik machen». Diesen Satz von Adorno fand ich immer wieder bestätigt (aus: Fragment über Musik und Sprache).

Jetzt also die Solosonaten, diese kunstvolle Mehrstimmigkeit für ein einstimmiges Instrument. Im nicht sehr umfangreichen Repertoire für Violine solo bleibt für mich Bachs «Chaconne» unübertroffen, eine Klangkathedrale in 64 Variationen. Die «Chaconne» ist teuflisch schwer. Ich wunderte mich nicht, als ich später erfuhr, dass Bach selber ein tüchtiger Geiger war – und er war auch in diesem Fall ein höchst produktiv Lernender. Das mehrstimmige Spiel auf dem einstimmigen Instrument hatten ein paar zeitgenössische Virtuosen schon weit getrieben; Bach allerdings komponierte damit als Erster wirklich grosse Musik.

Geniale Lernfähigkeit

So sehe ich ihn: Er lernte, wo immer er etwas Herausragendes fand:

  • als junger Organist und Komponist bei den altdeutschen Orgelmeistern Reincken und Buxtehude
  • später den konzertanten Stil bei Vivaldi
  • die musikalische Rhetorik bei Schütz
  • und zuletzt sogar bei seinen begabtesten Söhnen den neuen Stil der Empfindsamkeit!

Die Genialität Bachs beruht auch auf einer genialen Lernfähigkeit – und dem Ehrgeiz, die Vorbilder weiterzuentwickeln und zu übertreffen. Dazu setzte er sein scharfes musikalisches Denken ein.

Der rationale Bach

Bach war ein in hohem Masse rationaler Komponist. Ganz im Sinne von Kant erreichte er durch radikal selbständiges Denken hohe kompositorische Autonomie. Historisch einmalig ist die intellektuelle Tiefe, mit der ein Musiker die Bibel liest, und wie er seine Einsichten, seinen Glauben in sinnlich erlebbare, musikalische Bilder übersetzt – auf dem Hintergrund eines kunstvoll durchgearbeiteten Tonsatzes. Denken wir etwa an den Eröffnungschor der «Matthäuspassion», über den sich Bücher schreiben liessen, oder an die polyphonen Wunderwerke vieler Chorsätze in den Kantaten. Bach lotete alles damals musikalische Mögliche aus, erweiterte und variierte vielfach die Kantatenform und liebäugelt sogar mit der Oper, die es als Institution zu seiner Zeit in Leipzig gar nicht (mehr) gab. Ein Muster davon gibt die Kantate unseres heutigen Konzerts, ausdrücklich als «Dramma per musica» etikettiert.

Ordo und Harmonie

Den rationalen Bach musste auch ich erst entdecken. Mir half dabei ein Lehrer am Konservatorium, Peter Benary, Musikwissenschafter und Komponist aus Thüringen, also aus Bachs Gegend. Er zeigte uns zum Beispiel die Baupläne, die den Werken Bachs zugrunde liegen: Im Grossen etwa die axialsymmetrische Anordnung im Credo der «h-Moll-Messe», oder im Kleinen das ausbalancierte motivische Wechselspiel in den Inventionen.

Ich begriff nun, warum ich mich beim Anhören Bach’scher Musik so aufgehoben fühle, es ist diese über allem waltende Ordnung, die eine Harmonie ergibt. Im Verständnis der Zeit war sie das Abbild der göttlichen Ordnung, doch sie wirkt auch heute noch weiter bei einem gewandelten Weltbild. Warum das so ist, bleibt mir ein Rätsel, ist jedoch eine Tatsache.

Glücklich eine Zeit damals, die – wie es der Philosoph Leibniz ausdrückte – überzeugt war: «Gott hat die beste aller Welten durch seine Weisheit erkannt, durch seine Güte erwählt und durch seine Macht verwirklicht.» Es ist dieses Glück eines geordneten, harmonischen Universums, das wir in der Musik von Bach erleben und vielleicht auch suchen. Bevor wir wieder in eine ganz andere Welt zurückkehren …

Inventionen

Nochmals zurück ins Konservatorium: Von der Analyse ging der Unterricht einen Schritt weiter zur Praxis, und wir wurden aufgefordert, kurze Klavierstücke im Stile der zweistimmigen Bach’schen Inventionen zu schreiben. Da erst merkten wir, wie vorausdenkend Bach seine Themen gesetzt hatte, schon alle kontrapunktischen Spielarten im Blick, und wie elegant, ja ausdrucksvoll und nie schematisch er diese «Inventiones» entwickelt. Wie unbeholfen und eckig fielen unsere Versuche dagegen aus.

Die Inventionen (die Sie vielleicht auch einmal gespielt haben) schrieb Bach für den Klavier- und Kompositionsunterricht seines ältesten Sohns Wilhelm Friedemann.

Passionierter Pädagoge

Bach war ein passionierter Pädagoge und Systematiker, wie es typisch ist für die deutschen Barockkomponisten. Doch keiner seiner Zeitgenossen hat eine so grosse Reihe pädagogischer Werke geschaffen, die auch grosse Musik sind, wie zum Beispiel:

  • die Inventionen
  • das Wohltemperierte Klavier
  • das Orgelbüchlein (die grosse Schule der Choralbearbeitungen).

Diese drei Werksammlungen hat er bei seiner Bewerbung in Leipzig vorgelegt als Beleg für seine pädagogischen Fähigkeiten als Klavier- und Kompositionslehrer. Er zog in Deutschlands renommierteste Universitätsstadt. Die Aufklärer dort setzten ganz auf Pädagogik – Pädagogik als der beste Weg zur Selbstentfaltung und geistigen Unabhängigkeit. So auch der mit unserer Kantate geehrte Dozent August Friedrich Müller.

Bach blieb ein Leben lang sein eigener Lehrmeister, oder um es in der Sprache des Sports zu sagen, sein einziger Herausforderer. Als der bekannte französische Organist Marchand sich mit ihm messen sollte und Bach davon gehört hatte, verliess er fluchtartig das Feld. Ihm wurde rasch klar: Bach war und blieb eine eigene Klasse.

Stimmigkeit und Universalität

Die Technik des Kontrapunkts, deren unbestrittener Meister er war, blieb Inbegriff musikalischer Gelehrsamkeit weit über den Barock hinaus – von Mozart bis Mendelssohn, vom späten Beethoven bis Brahms und vielleicht bis heute. Es ist aber nicht allein die satztechnische Meisterschaft, welche die Komponisten und uns Heutige zu Bach zieht:

Es ist die Stimmigkeit seiner Musik.

Es ist die Universalität seiner Musik.

Sie spricht unmittelbar zu uns über die Jahrhunderte hinweg.

Und stellt die grossen, unbeantwortbaren Fragen.

Sie bleibt offen für neue Deutungen. 

Bachs gesamtes Vokalwerk

Die kaum ausschöpfbare Fülle Bachs erlebten wir im Laufe der Jahre in unserem grossen Bachprojekt. Uns wurde die Mehrdimensionalität und Tiefe seines vokalen Werks erschlossen: didaktisch, musikalisch und theologisch. Über 200 Kantaten, und jede immer wieder neu!

Selbst die barocken Kantatentexte, denen Bach seine Deutung mitgegeben hat, wurden für uns Schlüssel zu grossen Fragen. Dank unseren beiden «Lehrern», den vielseitig gebildeten Theologen Karl Graf und Niklaus Peter. Auch unsere Reflexionistinnen und Reflexionisten übernehmen einen Part. Ausgehend von einem Stichwort der Kantate schlagen sie eine Brücke in die Gegenwart, wie ich es heute mit dem Thema «Bach als Lehrer» versucht habe.

Mein Dank

Fünfzehn Jahre Bachkantaten durfte ich mit Ihnen zusammen erleben, es wurde die wertvollste Hörschule meines Lebens. Realisiert von einem passionierten Lehrer, einem Dirigenten, lieber Ruedi, der den Königsweg der musikalischen Didaktik Monat für Monat neu geht: die unmittelbare Verbindung von erklärendem Wort und erklingender Musik.

Fürwahr, deine Einführungen und vor allem deine Interpretationen bieten uns die Meisterklasse eines höchst vielseitigen Musikers. Du hast die Bach’sche Musiksprache intus und sprichst sie als Improvisator und Komponist.

Ein grosser Dank auch an euch alle, Sängerinnen und Sänger, Musiker und Musikerinnen, ihr erschliesst uns Bach mit grossem Können und Hingabe – der Funke springt auf uns über. Bach verstehen und geniessen bedingt Interpreten eurer Qualität!

Dennoch: Bei keinem anderen Komponisten habe ich das Gefühl, dass ich ihn noch lange nicht ganz begreife. Bach bleibt ein Lebensprojekt. Wir sind in guter Gesellschaft. Carl Friedrich Zelter, der musikalische Berater Goethes und Förderer Mendelssohns, beschäftigte sich ein Leben lang mit Bach. Er kam zum Schluss:

«Bach klar – doch letztlich unerklärbar.»

(Besten Dank an Kerstin Wiese vom Bach-Archiv Leipzig für die fachliche Überprüfung der Rede)

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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