Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen

BWV 215 // Festmusik für das kurfürstlich sächsische Haus

für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Trompete I–III, Pauke, Oboe und Oboe d’amore I+II, Traversflöte I+II, Streicher und Basso continuo

Im Umfeld des 1733 eingetretenen Herrscherwechsels am sächsisch-polnischen Hof scheute der in Leipzig beruflich festgefahrene Bach weder Kosten noch Mühen, um sich die Gunst des Königshauses und womöglich einen Kapellmeistertitel zu verdienen. Ausdruck dieses Strebens sind etliche Festkantaten zu Ehren der Herrscherfamilie, zu denen die am 5. Oktober 1734 im Fackelschein auf dem Leipziger Marktplatz dargebotene Gratulationsmusik BWV 215 gehört. Da sich der neue König August III. in Polen erst noch militärisch durchsetzen musste, sind Libretto und Kantate neben Verweisen auf den Musensitz Leipzig auch von kriegerisch-diplomatischen Metaphern durchzogen. Vor allem der doppelchörige Eingangssatz «Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen» entfaltet ausserordentlichen Glanz. Bach hat ihn später nochmals zum Osanna der h-Moll-Messe umgestaltet, wie er auch eine Arie unserer Huldigungskantate in das nur wenig später vollendete Weihnachtsoratorium aufnahm.

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Miriam Feuersinger

Tenor
Daniel Johannsen

Bass
Peter Kooji

Chor

Sopran
Lia Andres, Simone Schwark, Susanne Seitter, Noëmi Sohn, Alexa Vogel, Mirjam Wernli

Alt
Laura Binggeli, Antonia Frey, Tobias Knaus, Lea Pfister-Scherer, Alexandra Rawohl, Jan Thomer

Tenor
Marcel Fässler, Manuel Gerber, Tobias Mäthger, Joël Morand, Christian Rathgeber, Nicolas Savoy

Bass
Jean-Christophe Groffe, Johannes Hill, Daniel Pérez, Retus Pfister, Philippe Rayot, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Elisabeth Kohler, Olivia Schenkel, Marita Seeger, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Stella Mahrenholz

Violoncello
Daniel Rosin, Hristo Kouzmanov

Violone
Markus Bernhard

Trompete
Lukas Gothszalk, Peter Hasel, Klaus Pfeiffer

Pauke
Martin Homann

Oboe, Oboed’amore
Katharina Arfken, Philipp Wagner

Traversflöte
Tomoko Mukoyama, Sarah van Cornewal

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Anselm Hartinger, Rudolf Lutz

Reflexion

Referent
Anselm Hartinger

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
25.06.2021

Aufnahmeort
St. Gallen (Schweiz) // Olma-Halle 2.0

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
5. Oktober 1734, Leipzig

Textdichter
Johann Christoph Clauder

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Die Kantate BWV 215 entstand 1734 anlässlich eines Messebesuchs von Kurfürst Friedrich August II. und seiner Frau Maria Josepha als Huldigungsmusik adliger Universitätsstudenten. Auf einen Fackelzug am Abend des 5. Oktober, der am «schwarzen Bret» der Universität begann und durch Teile der Innenstadt führte, schloss sich die Festmusik vor den Fenstern des königlichen Logis am Marktplatz an. Das von Johann Christoph Clauder gedichtete Libretto wurde dem Herrscherpaar anschliessend als gedruckte Prachtausgabe übergeben. Es nimmt neben der Huldigung aus der Perspektive der sächsischen Untertanen auf die kriegerischen Ereignisse rund um die polnische Königserhebung Friedrich Augusts Bezug. Dieser war ein Jahr zuvor am 5. Oktober 1733 seinem verstorbenen Vater August dem Starken auch in diesem Wahlreich nachgefolgt, musste sich aber gegen den von Frankreich unterstützten Rivalen Stanislaus Leszczynski erst durchsetzen. Passend zur raumgreifenden Aufführungssituation, in die auch der Balkon des Rathauses einbezogen wurde, entwarf Bach unter erheblichem Zeitdruck und in partieller Wiederverwendung älterer Vorlagen eine aufwendige Festmusik, die neben einem grossbesetzten Orchester einen achtstimmigen Doppelchor mobilisierte. Dieser Eingangssatz wurde später für das «Osanna» der h-Moll-Messe neubearbeitet, wie auch die Arie Nummer 7 am Jahreswechsel 1734/35 mit neuem Text in das Weihnachtsoratorium einging. Dass der 67-jährige Senior der Leipziger Ratsmusik, der Trompeter Johann Gottfried Reiche, am Folgetag unerwartet verstarb, wurde vom Stadtchronisten Riemer auf die «Strapazzen des Blasens» und den «Fäckel Rauch» zurückgeführt und dürfte nach mehr als einem Jahrzehnt der Zusammenarbeit für Bach ein beträchtlicher Verlust gewesen sein.

1. Chor

Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen,
weil Gott den Thron deines Königs erhält.
Fröhliches Land,
danke dem Himmel und küsse die Hand,
die deine Wohlfahrt noch täglich lässt wachsen
und deine Bürger in Sicherheit stellt.

1. Chor

Einer Dichtung, die den durch Gottes Fügung befestigten Königsthron als Zeichen des himmlischen Segens und Voraussetzung eines sicheren Lebens im Lande preist, stellt Bach eine Musik entgegen, die massive Klangentfaltung mit einem beschwingten 3∕8-Takt sowie einer eingängigen Da-capo-Anlage verbindet. Der vom Chor wiederholte Unisono-Beginn verkörpert über die Eröffnungsgeste hinaus die einmütige Treue der «Bürger-Untertanen» gegenüber ihrem katholischen Landesherrn. Dass Bach dafür einen aus dem Jahr 1732 stammenden Gratulationschor für August den Starken wiederverwendete («Es lebe der König, der Vater im Lande» BWV Anh. 11), ergäbe sowohl deklamatorisch wie dynastisch Sinn.

2. Rezitativ — Tenor

Wie können wir, großmächtigster August,
die unverfälschten Triebe
von unsrer Ehrfurcht, Treu und Liebe
dir anders als mit größter Lust
zu deinen Füßen legen?
Fließt nicht durch deine Vaterhand
auf unser Land
des Himmels Gnadensegen
mit reichen Strömen zu?
Und trifft nicht unsre Hoffnung ein,
wir würden noch zu unsrer Ruh
in deiner Huld, in deinem Wesen
des großen Vaters Bild und seine Taten lesen?

2. Rezitativ

Von Oboeneinwürfen begleitet, verknüpft das schmeichlerische Rezitativ Bilder der fussfälligen Unterwürfigkeit mit einem Verweis auf den verstorbenen Vorgänger und damit die erfolgreiche Sukzession.

3. Arie — Tenor

Freilich trotzt Augustus‘ Name,
ein so edler Götter Same,
aller Macht der Sterblichkeit.
Und die Bürger der Provinzen
solcher tugendhaften Prinzen
leben in der güldnen Zeit.

3. Arie

Die ausgedehnte Da-capo-Arie kleidet das Lob des «erhabenen» Herrschernamens in eine flüssige Musik aufstrebender Koloraturen, deren effektvolle Synkopen und pathetische Adagio-Schlüsse den höfischen Opernstil zitieren.

4. Rezitativ — Bass

Was hat dich sonst, Sarmatien, bewogen,
dass du vor deinen Königsthron
den sächsischen Piast,
des großen August‘ würdgen Sohn,
hast allen andern fürgezogen?
Nicht nur der Glanz durchlauchter Ahnen,
nicht seiner Länder Macht,
nein! Sondern seiner Tugend Pracht
riß aller deiner Untertanen
und so verschiedner Völker Sinn
mehr ihn allein,
als seines Stammes Glanz und angeerbten Schein,
fußfällig anzubeten hin.
Zwar Neid und Eifersucht,
die leider! Oft das Gold der Kronen
noch weniger als Blei und Eisen schonen,
sind noch ergrimmt auf dich, o großer König!
Und haben deinem Wohl geflucht.
Jedoch ihr Fluch verwandelt sich in Segen,
und ihre Wut
ist wahrlich viel zu wenig,
ein Glücke, das auf Felsen ruht,
im mindsten zu bewegen.

4. Rezitativ

Jetzt wird es politisch – obwohl jedermann wusste, dass der polnische Königstitel mit viel Geld erkauft und August ein schwacher Kompromisskandidat der umgebenden Grossmächte war, lässt das Rezitativ die edle Abkunft, Tugend und Tapferkeit des Prätendenten in hellstem Licht erstrahlen. Der Begriff «Sarmatien» bezieht sich auf eine Identitätskonstruktion des polnisch-litauischen Adels, der sich so als eigene Nation mit antiker Herkunft stilisierte; die Rede vom «sächsischen Piast» suggeriert eine Herrschaftskontinuität mit der bereits 1370 (!) ausgestorbenen Gründerdynastie des mittelalterlichen Polen.

5. Arie — Bass

Rase nur, verwegner Schwarm,
in dein eignes Eingeweide!
Wasche nur den frechen Arm,
voller Wut,
in unschuldger Brüder Blut,
uns zum Abscheu, dir zum Leide!
Weil das Gift
und der Grimm von deinem Neide
dich mehr als Augustum trifft.

5. Arie

Die Bassarie distanziert sich stürmisch vom «verwegnen Schwarm» der selbstzerstörerischen Widersacher. Wiewohl aus der Sicht eines fremden Herrscherhauses wenig glaubwürdig, weist das Motiv des Bruderkampfes auf die zu Polens späterem Untergang beitragenden Spaltungen hin.

6. Rezitativ — Sopran

Ja, ja!
Gott ist uns noch mit seiner Hülfe nah
und schützt Augustens Thron.
Er macht, dass der gesamte Norden
durch seine Königswahl befriedigt worden.
Wird nicht der Ostsee schon
durch der besiegten Weichsel Mund
Augustus‘ Reich
zugleich
mit seinen Waffen kund?
Und lässet er nicht jene Stadt,
die sich so lang ihm widersetzet hat,
mehr seine Huld als seinen Zorn empfinden?
Das macht, ihm ist es eine Lust,
der Untertanen Brust
durch Liebe mehr denn Zwang zu binden.

6. Rezitativ

Von ostinaten Flötenmotiven begleitet, macht das Rezitativ die Geographie zum Mittel des Herrschaftsdiskurses. Verweist doch die russischer Militärhilfe verdankte Eroberung der Ostseestadt Danzig auf das Problem eines Königs, der sich nur mit «Liebe» (= Allianzen) und kaum mit «Zwang» an der Macht halten konnte. Die nahebei mündende Weichsel steht hingegen als durch die Königsstädte Warschau und Krakau fliessender Strom für das gesamte «besiegte»Polen.

7. Arie — Sopran

Durch die von Eifer entflammeten Waffen
Feinde bestrafen,
bringt zwar manchem Ehr und Ruhm;
aber die Bosheit mit Wohltat vergelten,
ist nur der Helden,
ist Augustus‘ Eigentum.

7. Arie

Wo Vergebung als besondere Heldenqualität eines «Augustus» begriffen werden soll, heben zwei hohe Oberstimmen und der Verzicht auf eine tiefe Continuobegleitung die Sanftheit seines Jochs auch strukturell hervor. Als Bach diese Arie in Kantate V des Weihnachtsoratoriums für den Kontext des schurkischen Königs Herodes neubearbeitete, erhielt sie im Zuge ihrer Tieftransposition diese lastende Dimension zurück.

8. Rezitativ — Sopran, Tenor und Bass

Tenor
Lass doch, o teurer Landesvater, zu,
dass unsre Musenschar
den Tag, der dir so glücklich ist gewesen,
an dem im vorgen Jahr
Sarmatien zum König dich erlesen,
in ihrer unschuldvollen Ruh
verehren und besingen dürfe.

Bass
Zu einer Zeit,
da alles um uns blitzt und kracht,
ja, da der Franzen Macht
(die doch so vielmal schon gedämpfet worden)
von Süden und von Norden
auch unserm Vaterland mit Schwert und Feuer dräut
kann diese Stadt so glücklich sein,
dich, mächtgen Schutzgott unsrer Linden,
und zwar dich nicht allein,
auch dein Gemahl, des Landes Sonne,
der Untertanen Trost und Wonne,
in ihrem Schoß zu finden.

Sopran
Wie sollte sich bei so viel Wohlergehn
der Pindus nicht vergnügt und glücklich sehn!

Alle
Himmel! lass dem Neid zu Trutz
unter solchem Götterschutz
sich die Wohlfahrt unsrer Zeiten
in viel tausend Zweige breiten!

8. Rezitativ

Nun bringen sich die Gratulanten als «Musen-Schaar» in Erinnerung, womit sie den Leipziger Marktplatz zum Pindusberg des Gottes Apoll erheben. Wenn dann im Mittelteil die andauernden Kriegshändel mit den Franzosen erwähnt werden, lösen knallende Trompeten die Streicher und Holzbläser ab. In einem abschliessenden Terzett demonstriert der auf einen Hoftitel hoffende Bach hörbar seine elegante Feder.

9. Chor

Stifter der Reiche, Beherrscher der Kronen,
baue den Thron, den Augustus besitzt.
Ziere sein Haus
mit unvergänglichem Wohlergehn aus,
lass uns die Länder in Friede bewohnen,
die er mit Recht und mit Gnade beschützt.

9. Chor

Der nicht zufällig an die Lieto-fine-Tutti barocker Opern erinnernde Schlusschor zeigt, welche Prägnanz und melodische Schönheit Bach in der Auseinandersetzung mit den höfischen Gratulationslibretti der 1730er Jahre entwickelte.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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