Singet dem Herrn ein neues Lied

BWV 225 // Motette

für Vokalensemble, Oboe I+II, Taille, Theorbe, Streicher und Basso continuo

Mozart und Mendelssohn hat sie begeistert, und seit jeher ist sie ein Paradestück der Leipziger Thomaner und der besten Chöre weltweit: Bachs grosse doppelchörige Motette «Singet dem Herrn». Sie gehört zu seinen beschwingtesten Kompositionen und ist zugleich ein Prüfstein der sängerischen Virtuosität im Ensemble. Ob es sich bei der aus Bibeltext, Choralstrophen und freier Dichtung bestehenden mehrteiligen Vertonung um eine musikalische Neujahrsgabe, ein Stück zu einer Friedensfeier oder doch um eine externe Auftragsarbeit handelt, bleibt eine spannende Frage. Nach barockem Usus werden die Singstimmen in unserer Aufführung von Streichern und Holzbläsern verstärkt.

Das Werk im Kirchenjahr

Komponiert

Motette

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
Download (PDF)

Akteure

Chor

Sopran
Lia Andres, Cornelia Fahrion, Delia Haag, Katharina Held, Stephanie Pfeffer, Simone Schwark, Mirjam Striegel

Alt
Antonia Frey, Nanora Büttiker, Katharina Guglhör, Laura Kull, Simon Savoy, Lea Scherer, Jan Thomer, Sarah Widmer

Tenor
Clemens Flämig, Zacharie Fogal, Achim Glatz, Klemens Mölkner, Joël Morand, Sören Richter

Bass
Fabrice Hayoz, Serafin Heusser, Christian Kotsis, Julian Redlin, Peter Strömberg, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer

Viola
Susanna Hefti

Violoncello
Hristo Kouzmanov

Violone
Shuko Sugama

Oboe
Clara Espinosa Encinas, Elena Branno

Fagott
Gilat Rotkop

Taille
Amy Power

Theorbe
Elias Conrad

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Reflexion
Hartmut Rosa

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
14.11.2025

Aufnahmeort
Trogen AR // evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Entstehungszeit
um 1726–1727

Text
Satz 1: Psalm 149, 1–3; Satz 2: Nun lob, mein Seel, den Herren von Johann Gramann (Entstehungszeit um 1530; Erstdruck 1540, nach Psalm 103), Strophe 3, in Verbindung mit dem Gedicht Gott, nimm dich ferner unser an (Verfasser unbekannt); Satz 3: Psalm 150, 2 und 6

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Mozart und Mendelssohn hat sie begeistert, und seit jeher ist sie ein Paradestück der Leipziger Thomaner und der besten Chöre weltweit: Bachs grosse doppelchörige Motette «Singet dem Herrn ein neues Lied» BWV 225. Vom Schriftbefund her um 1726/27 entstanden, gehört sie zu seinen beschwingtesten Kompositionen und ist zugleich Prüfstein der sängerischen Virtuosität im Ensemble. Nicht ohne Grund schreibt allerdings der Bachforscher Klaus Hofmann in seiner Monografie zu den Motetten des Meisters: «Viel Rätselraten hätte Bach der Nachwelt ersparen können, hätte er sich nur eine Minute Zeit genommen … und den Anlass der Entstehung vermerkt». Ob es sich bei der aus Bibeltexten (Psalmen 149, 1–3 und 150, 2;6), Choralstrophen (Johann Gramann, «Nun lob, mein Seel, den Herren», Str. 3, nach Ps. 103) und freier Dichtung bestehenden mehrteiligen Vertonung um eine musikalische Neujahrsgabe, ein Stück zu einer Friedensfeier oder eine externe Auftragsarbeit handelt, bleibt deshalb trotz mancher Hypothesen eine offene Frage. Während Bachs Motetten spätestens im 19. Jahrhundert als Spitzenwerke des unbegleiteten A-capella-Chorgesangs galten und damit das nur vermeintlich «alte» Klangideal von Knabenchören prägen halfen, wurden sie in Bachs Zeit durch verdoppelnde Instrumentalstimmen gestützt und konzertant eingefärbt. Diesem auch in Bachs OEuvre belegten Usus folgend, treten den Singstimmen in unserer Aufführung Streicher und Holzbläser zur Seite.

1. Chor

Singet dem Herrn ein neues Lied, die Gemeine der Heiligen sollen ihn loben. Israel freue sich des, der ihn gemacht hat. Die Kinder Zion sei’n fröhlich über ihrem Könige, sie sollen loben seinen Namen im Reihen; mit Pauken und mit Harfen sollen sie ihm spielen.

1. Chor

Für den Eingangschor hat der unbekannte Librettist ein wörtliches Zitat aus Psalm 149,1–3 gewählt, mit dem die Gemeinde nicht nur zum Gotteslob mit freudigem Gesang ermuntert wird, sondern auch zum Tanz («Reihen») und zu festlicher Musik mit Pauken und Harfen. Als «Kinder Zions» ist das Gottesvolk angesprochen, mit dem «König» der Gott Israels gemeint. Die Komposition stellt zunächst die beiden Chöre in einem blockhaften Wechsel gegenüber, der das uralte Prinzip des antiphonalen Psalmgesangs zu neuem Leben erweckt, dabei aber in von Beginn an auffälliger Verzahnung das verbindende Element des vokalen Gotteslobs hervorhebt. Wie Bach anschliessend tonmalerische Effekte («mit Pauken und Harfen»), weiträumigen Fugenaufbau («Die Kinder Zions») und zunehmende innere Beschleunigung zu einem rauschhaften Abschluss führt, ist in der Geschichte der Gattung Motette ohne Beispiel. Wenn Mozart bei seinem legendenumwobenen Besuch in der Leipziger Thomasschule 1789 tatsächlich an diesem Stück etwas «zum Lernen» fand, dann war es womöglich diese simultane Beherrschung verschiedener Stilebenen und «Geschwindigkeiten».

2. Arie und Choral

Wie sich ein Vater erbarmet
Gott, nimm dich ferner unser an,
Über seine junge Kinderlein,
So tut der Herr uns allen,
So wir ihn kindlich fürchten rein.
Er kennt das arm Gemächte,

Gott weiß, wir sind nur Staub,
Denn ohne dich ist nichts getan
Mit allen unsern Sachen.
Gleichwie das Gras vom Rechen,
Ein Blum und fallend Laub.
Der Wind nur drüber wehet,
So ist es nicht mehr da,
Drum sei du unser Schirm und Licht,
Und trügt uns unsre Hoffnung nicht,
So wirst du’s ferner machen.
Also der Mensch vergehet,
Sein End, das ist ihm nah.
Wohl dem, der sich nur steif und fest
Auf dich und deine Huld verläßt.

2. Arie und Choral

In Arie und Choral, dem zweiten Satz, hat der Textdichter die Verszeilen aus der dritten und sechsten Strophe von Johann Gramanns Kirchenlied, das sich eng an die Worte des Psalms 103 anschliesst, mit kommentierend dazwischen geschobenen Zeilen des Gedichtes «Gott, nimm dich ferner unser an» (dessen Verfasser ebenfalls unbekannt ist) verbunden. Textlich wird so das Endlichkeitsbewusstsein («arm Gemächte», «Staub», «Laub», gemähtes und bald verwelkendes «Gras») mit ermunternden Kommentaren aufgehellt, das in die Schlusszeile mündet: «Wohl dem, der sich nur steif und fest/Auf dich und deine Huld verlässt». Der in ruhigem Duktus vorgetragene Wechsel von Liedzeilen und gebetsartiger Bekräftigung verleiht dem auf zwei Strophen ausgedehnten Mittelabschnitt ein litaneiartiges Gepräge, das für die häufiger geäusserte Vermutung einer Neujahrsmusik mit verantwortlich sein dürfte.

3. Chor

Lobet den Herrn in seinen Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. Halleluja!

3. Chor

Der abschliessende Chor der Motette greift auf die Worte des letzten Liedes aus dem Buch der Psalter zurück, auf Psalm 150, der das Lob in der 2. Strophe mit Gottes Taten und «seiner großen Herrlichkeit», d.h. seiner glanzvollen, überwältigenden Präsenz, begründet. In der 6. Strophe wird dann der Kreis der Angesprochenen ausgeweitet über das Gottesvolk hinaus: «Alles, was Odem hat, lobe den Herrn Halleluja!» Wie so oft auch in seinem vokalen Œuvre arbeitet Bach hier mit der Folge eines konzertant und doppelchörig aufgebrochenen Präludiums («Lobet den Herrn in seinen Taten») sowie einer auf kraftvollste Vierstimmigkeit verdichteten Fuge. Deren virtuos jubelnde «Alleluia»-Schussfahrt gehört sicher zu den eindrücklichsten Erfindungen Bachs und ist etwas, das gelernte Thomaner noch heute in jeder Lebenslage «herunterorgeln» können.

Reflexion

Hartmut Rosa

Schon wenn der erste Ton erklingt, beginnt der Raum zu atmen und zu leben, ist es wie ein Erschauern, wie ein Schweben, als ob ein Zauber uns ergreift. Ich weiss nicht, ob Sie das auch gerade so empfunden haben: dass sich etwas ändert, wenn plötzlich Musik im Raum ist, und natürlich erst recht, wenn solche Musik im Raum ist. Diese Erfahrung, dass sich etwas transformiert, kann man beinahe physisch fühlen und auch physisch nachvollziehen.

Der Raum beginnt zu atmen und zu leben. Atem und Leben sind zentrale Metaphern für uns – in meiner eigenen Theorie sind sie Metaphern der Weltbeziehung. Wir müssen atmen, wir atmen ununterbrochen Welt ein und wir atmen sie aus. Und wenn die Weltbeziehung schwierig wird, wenn wir im Hamsterrad gefangen sind oder im Aggressionsmodus zu der Welt kommen, dann sagen wir oft «ihm stockte der Atem» oder «ihr fiel das Atmen schwer».

Wenn es nun passiert, dass uns Musik zu ergreifen vermag, vielleicht wenn wir gar nicht mit ihr rechnen oder wenn es so schöne Musik ist, wie wir sie gerade gehört haben, dann spüren wir, dass sich in unserem Weltverhältnis etwas ändert in dem Sinn, dass in die Art, wie wir auf Leben und Welt bezogen sind, plötzlich eine Änderung kommt. Schon in der Renaissance gab es die Vorstellung, dass Musik unser Weltverhältnis verflüssigt.

Mein Kollege Lambert Wiesing, ein Philosoph aus Jena, unterscheidet ein lineares Weltverhältnis, und als Soziologe würde ich sagen, dass wir meistens darin gefangen sind. Die Welt steht uns hart gegenüber, voller Probleme und Aufgaben, Schwierigkeiten und Widerstände. Dann kann es passieren, dass wir in eine Kirche in Trogen kommen und uns solche Musik berührt. Und dann, könnte man mit Lambert Wiesing sagen, entsteht aus einem linearen Weltverhältnis ein malerisches Weltverhältnis. Plötzlich sind die Linien nicht mehr hart, nicht mehr Stein sozusagen, sondern es scheint eine Verflüssigung einzutreten. Musik macht für uns erahnbar, erfühlbar, dass wir auf andere Weise in die Welt gestellt, auf die Welt bezogen sein können.

Was dann entsteht, ist so etwas wie ein Atem. Der Atem ist nicht nur im Raum, er ist auch in uns. Wenn man sich von Musik ergreifen und berühren und verwandeln lässt, merken wir wirklich, dass wir auch anders atmen. Man könnte geradezu sagen, dass es in uns atmet. Man weiss dann gar nicht so genau, wer eigentlich der Akteur ist. Handle ich, indem ich Musik höre?

Musik hören ist ja etwas super Interessantes. Es ist grammatisch aktiv. Ich höre. Aber eigentlich bin ich das Opfer – ich bin passiv. Etwas geschieht mit mir. Ich kann es gar nicht mehr genau sagen. Etwas in mir und zwischen der Welt verändert sich. Man könnte es auch härter soziologisch sagen – was meine Studenten freuen wird – mit Karl Marx: Wir müssen «die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zwingen».

Musik hat diese Kraft, das erst einmal im Erleben, in der Art, wie wir auf Welt und Leben bezogen sind, erfühlbar zu machen. Und Johann Sebastian Bach weiss das natürlich, das ist keine Frage. Schon wenn der erste Ton erklingt, beginnt der Raum zu atmen und zu leben. Das ist nicht unbedingt Hochkultur, das ist Reinhard Mey. Welch ein Geschenk ist ein Lied! Man könnte natürlich sagen, welch ein Geschenk ist eine solche Motette. Weil nicht nur Reinhard Mey diese Erfahrung kennt, dass uns Musik auf diese Weise berührt und verwandelt, sondern erst recht Johann Sebastian Bach.

Singet, singet. Wir haben das vorhin auch bei der Einführung gehört. Erstaunlich, dass Bach das sozusagen auch ganz lang auf einer Silbe macht. Melismen nennt man das, habe ich gelernt. Sogar auf einen Buchstaben über verschiedene Töne hinweg wird dieses Singen auch als eine erfahrene Weltbeziehung lebendig. Weil das Singen diese Fähigkeit hat, uns in Resonanz zu bringen. Der Chor weiss das übrigens ganz bestimmt und die Musiker und Musikerinnen auch.

Aber wir wissen das auch als Zuhörende. Ich fand es faszinierend vorhin in der Einführung, da war die Rede vom zweiten Satz, wo die Chöre einander begegnen. Da hat Clemens, jetzt weiss ich den Nachnamen nicht mehr, Clemens hat gesagt, das geht gar nicht, ohne dass man hört. Es ist ein hörendes Singen, hat er gesagt. Und ich glaube, wenn wir uns als Zuhörende berühren lassen, dann ist es auch ein singendes Hören. Wir fangen sozusagen an, mitzusingen, und es entsteht eine Wechselbeziehung. Im Singen entsteht eine Resonanzbeziehung entlang vieler Achsen. Ich will jetzt nicht die gesamte Resonanztheorie entfalten, das kann ich schlecht in einer Viertelstunde, ich habe darüber 900 Seiten geschrieben, wenn es Sie interessiert.

Aber die Grundform ist: da berührt uns etwas, und etwas in uns antwortet darauf. Etwas in uns beginnt zu atmen und zu leben. Und damit transformiert sich die Art und Weise, wie ich auf diese Welt, auf dieses Leben und auch auf mich selbst bezogen bin. Das sind die Grundelemente einer Resonanzbeziehung. Etwas berührt mich, etwas erreicht mich.

Im Singen ist es so, das ist zumindest der hörende Anteil. Und der jubilierende oder manchmal auch klagende Anteil des Orchesters. Etwas affiziert mich, berührt mich. Und etwas in mir antwortet. Ich nenne das eine Antwortbeziehung oder die Emotion, heisst ja wörtlich emovere. Etwas fällt in mich hinein, Affizierung, emovere. Etwas bewegt sich heraus. Es kommt zu einer Wechselbeziehung, in der sich die Dinge verwandeln, in der sich etwas in mir verwandelt und in meiner Wahrnehmung der Welt sich etwas verwandelt. Also singendes Hören und hörendes Singen.

Natürlich kannte ich diese Motette nicht so gut. Eigentlich kannte ich sie kaum. Aber ich fand es toll, diesem Auftrag zuzusagen, ich finde dieses Bach-Projekt hier ganz toll. Und natürlich kenne ich vieles von Bach und spiele die einfacheren Sachen gerne auf der Orgel, wenn auch schlecht. «Jesus bleibet meine Freude» zum Beispiel. Da habe ich mich schon oft gewundert. Ich kann das unendlich lange spielen, also von mir aus sogar stundenlang. Wenn ich hinten fertig bin, will ich vorne wieder anfangen.

Und deshalb bin ich auf die Idee gekommen, dass Bach die einzige Glücksdroge ist, deren Glücksfaktor sozusagen nie nachlässt. Also habe ich mich mit Freude in diese Motette gestürzt und mich gefragt, wo das eigentlich herkommt. Was macht man? Man greift zu Google. Und dann dachte ich, aha, ich kannte das Kirchenlied, aber die Motette kannte ich nicht so gut. Also habe ich gegoogelt. Psalm 98, «Singet dem Herrn ein neues Lied». Das geht aber weiter, «denn er tut Wunder». Und dann habe ich mich gefragt, wieso hat Bach das Wunder weggelassen? Ist irgendwie komisch.

Dann habe ich weitergesucht und herausgefunden, was wir vorhin auch gehört haben, das ist wahrscheinlich nicht Psalm 98, sondern 149,1. Fängt auch so an: «Singet dem Herrn ein neues Lied». Und passt textlich auch viel besser. Aber da gibt es etwas anderes, das auffällt, das fängt nämlich mit Halleluja an.

Dann dachte ich, komisch, entweder hat er das Wunder weggelassen oder das Halleluja. Wie konnte Bach das tun? Aber eigentlich will ich Ihnen sagen, dass er weder das Wunder noch das Halleluja weggelassen hat, sondern dass er es uns vor Augen führt.

Und wie macht er das? Erst einmal natürlich, indem er sozusagen das Singen betont. Singen und den Chor natürlich singen lässt und uns hörend mitsingen lässt. Und Singen setzt alle Resonanzachsen in Beziehung. Vor allen Dingen, wenn man es so macht wie Bach. Was sind die Resonanzachsen? Erstens mit den anderen Menschen. Ein Chor kann nicht singen, auch ein Orchester kann nicht spielen, und Chor und Orchester können schon gar nicht zusammengehen, wenn sich nicht eine feine Resonanz ausbildet zwischen denen, die musizieren und denen, die singen.

Das ist der hörende Anteil. Du musst beim Spielen, beim Musizieren, permanent hörend sein. Soziologisch nenne ich das eine «mediopassive Weltbeziehung». Du bist ganz passiv, du bist ganz hörend, du wirst in gewisser Weise zum Ohr. Wie wir von Mozart vorher gehört haben, seine Seele war ganz im Ohr, er ist ganz hörend.

Aber gleichzeitig bist du auch singend, wenn du im Chor singst oder sogar, wenn du singend zuhörst. Das heisst, wir sind aktiv, wir setzen uns in eine Resonanzbeziehung mit den anderen, die hier musizieren. Dabei entsteht auch eine feine Wechselwirkung – das weiss jeder, der Musik macht oder auch nur Musik hört – mit dem Raum, mit dem materialen Raum, mit dem Gebäude, mit dem Stein, mit dem Holz, mit dieser wunderschönen Kirche. Da entsteht eine gefühlte leibliche Resonanz, übrigens auch mit unserem Körper.

Das nenne ich die materiale Resonanzachse. Jene zwischen den Menschen ist die horizontale oder die soziale. Und dann entsteht natürlich, schon durch den Text in diesem Fall – aber ich will gleich zeigen, warum auch noch darüber hinaus – eine vertikale Resonanzbeziehung. Vertikal heisst, wir fühlen uns im tiefsten Grund unserer Existenz angesprochen.

Während ich sonst immer nur teilweise agiere – ich muss kaufen, ich muss arbeiten, ich muss erledigen, ich muss die Steuererklärung ausfüllen –, bin ich eigentlich nie als Person im tiefsten Seelengrund gemeint. Aber Musik und natürlich auch die Psalmen oder die Bibel, sie fragen: Was liegt denn am Grund deiner Existenz? Was ist deine Grundbeziehung zum Universum, zur Welt, zum Kosmos?

Wie immer Sie das nennen, ich nenne es die vertikale Resonanzachse, die da in Schwung versetzt wird. Nicht nur durch das Nachdenken. Ich glaube, dass es nicht der theoretische Gehalt des Textes ist, der uns da in eine Resonanz bringt, sondern es ist dieses verflüssigende Weltverhältnis, dieses Aufrufen der letzten Dinge, des Vaters, der über uns wacht, aber auch der Blume, die zertreten wird oder abfällt. Ich habe letzten Sonntag im Dom St. Blasien, da hing diese grosse Gaia, wie sie nur noch in der Frauenkirche hing, und die passt wunderschön in diesen Domraum. Da hat man eben Brahms’ Deutsches Requiem aufgeführt, und ich dachte auch, der Text ist ja fast identisch oder jedenfalls habe ich mich daran erinnert, denn alles Fleisch, es ist wie Gras. Offensichtlich war ich nicht der Erste, der draufkam, wir haben das schon gehört. Ich will auch gleich nochmal darauf zurückkommen.

Aber ich meine, dass wir hier in eine Resonanz kommen mit der Frage, was liegt am Grund meiner Existenz. Man kann sagen, was ist der Sinn meines Daseins. Aber es geht mir nicht nur um die kognitive Sinnfrage, sondern um die Frage, wie stehe ich in dieser Welt und zu dieser Welt. Und da finde ich diesen zweiten Satz überaus interessant, weil er uns eben beides gibt.

Ich nenne das soziologisch die Oasenerfahrung und die Wüstenerfahrung. Die Wüstenerfahrung scheint offensichtlich zu sein in dieser Hinsicht, denn alles Fleisch, es ist wie Gras oder wie es hier heisst, «Gott weiß, wir sind nur Staub, (…) Gleichwie das Gras vom Rechen, Ein Blum und fallend Laub. Der Wind nur drüber wehet, So ist es nicht mehr da».

Wir sind eigentlich nichts. Wir sind prekär in eine gefährliche Welt gestellt, und von uns wird nichts bleiben. Diese Erfahrung nenne ich eine Wüstenerfahrung und ich glaube, wir machen sie alle. Und übrigens finde ich das auch grossartig, dass man nicht genau weiss (so habe ich es jetzt wahrgenommen): Ist es eigentlich eine Neujahrsmotette, die die Möglichkeit des Neuen feiert, die ich übrigens in der Resonanz sehen würde. Denn in dieser Wechselbeziehung, in diesem Verflüssigen des Weltverhältnisses liegt der Moment, in dem Neues geboren werden kann.

Deshalb glaube ich, dass es nicht nur ein Heilmittel, ein Schmerzmittel ist, dass wir die Motette hören und danach weitermachen wie vorher, das ist leider nicht unwahrscheinlich. Aber wir machen hier vielleicht auch die Erfahrung, dass eine andere Weise des In-der-Weltseins, des Auf-Welt-bezogen-Seins möglich ist. Diese Oasenerfahrung verbindet sich hier – Oasenerfahrung heisst, dass da einer ist, der uns hört und der uns sieht, der uns bei unserem Namen gerufen hat, der uns den Atem des Lebens eingehaucht hat. Das kommt in diesem Vaterbild – gleich wie ein Vater sich um seine jüngsten Kindlein kümmert – ich weiss nicht mehr genau, wie es heisst, aber Sie wissen es, Sie haben es gehört.

Das ist ein ganz starkes Bild. Da ist einer, der hat dich bei deinem Namen gerufen, der wacht über dir. Und ich glaube, es geht nicht um die Theorie und es geht nicht mal so sehr darum, ob ich das glaube oder nicht glaube. Es geht um diese Erfahrung. Ich bin nicht christlich aufgewachsen, eher hinduistisch, was ich auch interessant finde, aber ich habe mich immer gewundert, weil ich das gerne mit Johannes 1,1 in Verbindung bringe, «Am Anfang war das Wort». Ich glaube, es muss heissen: Am Anfang war der Ruf, und dann ist es dasselbe, was die Hindus sagen, «das Universum ist Klang», am Anfang ist das, was uns anruft, singet sozusagen.

Doch jetzt nochmal zurück zu dem Vater. Ich habe mich gewundert, wieso mich der Aaronitische Segen immer stark berührt hat. Ich würde sagen, das ist das, was mich auf mindestens einer Ebene wirklich zum Christen gemacht hat. «Der Herr segne euch und behüte euch. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden.»

Ich dachte immer, als Soziologe könne ich dazu nichts sagen. Ich weiss auch nicht, was mir das theoretisch sagt, aber ich weiss, was für eine Beziehungsidee entsteht, was für eine Erfahrung, was für eine lebendige Form des Mit-dem-Urgrund-der-Welt-verbunden-Seins. Und dann hat mir mal jemand gesagt, das hänge vielleicht damit zusammen, dass es unsere Kindheitserfahrung ist: die Mutter oder der Vater – hier ist es der Vater, aber es könnte vielleicht auch eher die Mutter sein, und es ist auch ganz egal –, die sich über die Wiege beugen und die uns das Gefühl geben, dass da einer ist, der uns sieht und hält und trägt in unserem Urgrund, der sich über uns beugt und uns Wärme gibt und Nahrung und Verbundenheit. Das ist eine menschliche Urerfahrung.

Und Musik, sagt zum Beispiel Sloterdijk, Musik kann uns an diese Erfahrung erinnern, weil die Stimme «singet», heisst es, «und höret». Die Stimme, die wir hören – inzwischen gibt es gute Gründe in der Kinderentwicklungspsychologie, dass wir vermutlich schon als Embryonen fähig sind, die Stimme der Mutter oder des Vaters, jemand, der uns adressiert, zu erkennen. Und Sloterdijk schreibt, dieses Vibrieren in der Begrüssung ist das, was uns überhaupt erst zu Subjekten macht. Das ist die erste Form der Weltbeziehung. Jemand ruft mich, und ich gehe dem entgegen.

Diese Oasenerfahrung wird in dieser Motette sehr lebendig und stellt sie gegen die Wüstenerfahrung. Wir sind nur «Asch’ und Bein». Das hat mich übrigens auch stark an Gryphius erinnert, vermutlich weil die Verbindung Psalm 103 ist, wo das zum Ausdruck kommt. Bei Gryphius heisst es: «Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein». Und weiter: was sind wir anderes «als Schatten, Staub und Wind, als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t». Das ist eigentlich die gegenteilige Erfahrung, man könnte sie noch lange ausdehnen.

Jetzt habe ich nicht auf die Uhr geguckt, aber ich will noch unbedingt mit Ihnen den Gedanken teilen aus dem Rilke-Gedicht, die Sache mit dem Blatt, das fällt. Da muss man doch fast an Rilke denken, besonders jetzt im Herbst hier in Trogen.

«Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten.
Sie fallen mit verneinender Gebärde.»

Das ist die Wüstenerfahrung.

«Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.»

Ich bringe das mit Nietzsche in Verbindung, der sagt, lass uns die Wahrheit sehen. Wir sind «hinausgeschleudert» wie ein Stern in die öden Weiten des Weltenraumes. «Schreien wirst du einst, ich bin allein.»

Diese Erfahrung ist eben auch wahr, sie gehört zum Menschen wie auch diese Wüstenerfahrung. «Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. Und sieh dir andre an, es ist in allen.»

Ich finde, auch das ist in dem Text. Und die Chöre hören und antworten darauf. Und dann lautet die Schlusszeile: «Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.»

Es fällt uns modernen Menschen schwer zu sagen, ich habe die richtige Theorie, ich weiss, dass es nur vernünftig ist, das zu glauben oder das nicht zu glauben. Aber ich finde, in unserer Weltbeziehung hängt viel davon ab, ob wir diese Hand fühlen können oder ob wir sie nicht fühlen können. Ob wir sie denkmöglich werden lassen können oder nicht.

Ich glaube, dass wir als Kultur unbedingt den Sinn dafür brauchen. Ich glaube, dass beides wahr ist, wenn Sie mich fragen. Weiter kommen wir als Menschen vielleicht nicht. Aber wir dürfen diese Hand, die uns hält, unendlich sanft in ihren Händen hält, nicht vergessen und nicht ableugnen sozusagen.

Und die Musik lässt sie uns erfahren, auch dann, wenn wir sie kognitiv vielleicht nicht glauben können. Da ist etwas, was mich anruft, was mich trägt, auf das ich antworten kann. Diese Hand, die uns unendlich sanft in ihren Händen hält, die macht Bach im dritten Satz lebendig.

Da ist plötzlich das Halleluja, das vorne gefehlt hat. Und deshalb würde ich sagen, das Wunder, das vorne fehlt, er führt es uns in der Musik selber vor. Sodass in dieser wunderbaren Motette weder das Wunder noch das Halleluja fehlen.

Jetzt bin ich fast versucht, «halleluja».zu sagen. Vielen Dank fürs Zuhören. Vielen Dank.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.
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