Messe F-Dur

BWV 233 //

für Sopran, Alt und Bass, Vokalensemble, Corno I+II, Oboe I+II, Streicher und Basso continuo

Die Missa in F-Dur BWV 233 gehört zu einem Korpus von vier auf Kyrie und Gloria beschränkten Kurzmessen, die Bach in den späten 1730er-Jahren überwiegend aus bearbeiteten Spitzenstücken älterer geistlicher und weltlicher Kantaten zusammenstellte und die wohl mindestens auch für den Leipziger lutherischen Gottesdienst bestimmt waren. Dieser liturgische Bezug wird im auf ein Weimarer Vorbild zurückgehenden Kyrie dank der eingearbeiteten Abendmahlseinleitung «Christe, du Lamm Gottes» besonders ohrenfällig, während die obligaten Hörner dem Gloria und Cum sancto spiritu konzertanten Glanz verleihen. Die drei zentralen Arien für Bass, Sopran und Alt kosten dann in nobler Instrumentierung und kontrastreichen Bewegungsgesten den emotionalen Reichtum und die geistliche Tiefe des Messformulars Satz für Satz aus.

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Werkeinführung
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Reflexion
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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Jessica Jans

Alt/Altus
Jan Börner

Bass
Jonathan Sells

Chor

Sopran
Simone Schwark, Mirjam Wernli, Lia Andres, Cornelia Fahrion, Susanne Seitter, Noëmi Sohn Nad

Alt
Tobias Knaus, Antonia Frey, Lisa Weiss, Lea Scherer, Francisca Näf

Tenor
Sören Richter, Christian Rathgeber, Klemens Mölkner, Zacharie Fogal

Bass
Philippe Rayot, Christian Kotsis, Israel Martins, Tobias Wicky, Daniel Pérez

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Éva Borhi, Lenka Torgersen, Christine Baumann, Petra Melicharek, Ildikó Sajgó, Judith von der Goltz, Aliza Vicente

Viola
Sonoko Asabuki, Lucile Chionchini, Matthias Jäggi

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Markus Bernhard

Oboe
Katharina Arfken, Philipp Wagner

Fagott
Susann Landert

Corno
Stephan Katte, Thomas Friedländer

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Jörg Frey

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
14.09.2023

Aufnahmeort
St. Gallen // Kathedrale

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Bearbeitung «Christe, du Lamm Gottes» BWV 619 (aus dem Orgelbüchlein), In Canone alla Duodecima 
Rudolf Lutz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung

1738/1739 – Leipzig

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Anders als etwa Zwingli mit seiner radikalen Konzentration auf den Predigtgottesdienst hat Martin Luther bei seiner Liturgiereform die Messe zwar im reformatorischen Geist neu interpretiert, sie in ihren Kernbestandteilen jedoch beibehalten. Daher komponierte Bach neben der Frühfassung der h-Moll-Messe (BWV 232) auch vier ebenfalls auf Kyrie und Gloria beschränkte sogenannte «Kurzmessen», zu denen die Missa in F-Dur BWV 233.2 gehört. Sie stammt aus den späten 1730erJahren, besteht wie die gesamte Werkgruppe überwiegend aus bearbeiteten Spitzenstücken älterer geistlicher und weltlicher Kantaten und war wohl für den sehr altkirchlich ausgestalteten lutherischen Gottesdienst in Leipzig bestimmt. Dieser liturgische Bezug wird im auf ein Weimarer Vorbild zurückgehenden Kyrie dank der eingearbeiteten Abendmahlseinleitung «Christe, du Lamm Gottes» besonders ohrenfällig, während die obligaten Hörner den Sätzen Gloria und Cum sancto spiritu konzertanten Glanz verleihen. Die drei zentralen Arien für Bass, Sopran und Alt kosten in nobler Instrumentierung und kontrastreichen Bewegungsgesten den emotionalen Reichtum und die geistliche Tiefe des Messformulars Satz für Satz aus.

Kyrie

1. Chor

Kyrie eleison,
Christe eleison,
Kyrie eleison.

1. Chor

Die Messliturgie beginnt mit dem altgriechischen Ruf Kyrie eleison – «Herr, erbarme dich», der die Verletzlichkeit des Menschen und das auf Christus bezogene Vertrauen in Gottes Zuwendung ausdrückt (vgl. bspw. Mt. 9, 27, Mt. 15, 22, Mt. 17, 15). Die Wiederverwendung des Weimarer dreiteiligen Kyrie BWV 233a zeigt den weiten Fokus, den Bach seiner mit den Messeinrichtungen verbundenen Materialsichtung zugrunde legte, und bezeugt zugleich sein in den 1730er-Jahren verstärktes Interesse am alten Kontrapunktstil (Stile antico). Mit der (hier textlosen) Einbeziehung des Abendmahlsliedes «Christe, du Lamm Gottes» legt Bach zudem eine musikalische Auslegung der lutherischen Lehre von der Realpräsenz Christi in Gottesdienst und Eucharistie vor.

Gloria

2. Chor

Gloria in excelsis Deo,
et in terra pax hominibus bonae voluntatis.
Laudamus te, benedicimus te,
adoramus te, glorificamus te.
Gratias agimus tibi propter magnam gloriam tuam.

2. Chor

Das Gloria in excelsis Deo – «Ehre sei Gott in der Höhe» – stimmt in den Lobgesang der Engel aus der Weihnachtsgeschichte (Lk. 2, 13) ein und vertieft die Anbetung Gottes mit einem vierfachen Laudamus te, benedicimus te, adoramus te, glorificamus te. Mit kraftvollen Hörnerklängen und beträchtlichem orchestralem Drive ausstaffiert, gehört dieses Gloria zu den zugkräftigsten und im Tonfall höfischsten Sätzen der Werkgruppe.

3. Arie — Bass

Domine Deus, Rex coelestis,
Deus Pater omnipotens,
Domine Fili unigenite Jesu Christe,
Domine Deus, Agnus Dei, Filius Patris.

3. Arie

Das Domine Deus führt die Anbetung Gottes und Christi mit den Hoheitstiteln himmlischer Rex (König) und allmächtiger Pater (Vater), sodann mit den christologischen Titeln Filius unigenitus (eingeborner Sohn) und Agnus Dei (Lamm Gottes) fort. Die aus einem Dreiklangsaufstieg entwickelte Streicherbegleitung und die sonore Basspartie verkörpern priesterliche Würde und liebende Zuwendung in einem.

4. Arie — Sopran

Qui tollis peccata mundi,
miserere nobis,
suscipe deprecationem nostram.
Qui sedes ad dexteram patris,
miserere nobis.

4. Arie

Die Kernaussage: Christus, der gestorben und als Passahlamm die Sünde der Welt auf sich genommen hat, wird – als erhöhter, «zur Rechten des Vaters» sitzender Dominus – nochmals um Erbarmen angerufen… Dass dieses von einer solistischen Oboe begleitete Gebet aus der von Bach schon für die Missa in g-Moll BWV 235 herangezogenen Kantate «Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben» (BWV 102) hervorging, lässt der umfangreich überarbeitete Notentext mit seinem neuen Attacca-Einstieg kaum noch erkennen. Wiederum hat Bach bei seiner Übertragung eine vergleichbare Affektlage gewählt, die Aussage jedoch von resignierter Anklage («Weh der Seele») in bittende Demut verwandelt.

5. Arie — Alt

Quoniam tu solus sanctus,
tu solus Dominus,
tu solus altissimus Jesu Christe.

5. Arie

Dies, weil Jesus Christus solus sanctus (Heiliger), allein dominus (Herr), allein altissimus (Höchster) ist. Einen starken Emotionskontrast hat Bach bei der Neuaneignung der ebenfalls der Kantate BWV 102 entstammenden Arie «Erschrecke doch» zum dogmatisch berichtenden «Quoniam» gewagt, wobei die eifernde Tenorlage einer abgedunkelten Altpartie wich, während die violinistische Obligatpartie ihre zuweilen abgründige Virtuosität behielt.

6. Chor

Cum Sancto Spiritu
in gloria Dei Patris, amen.

6. Chor

Das Gloria endet trinitarisch mit der Anrufung des Spiritus Sanctus, der als «Heiliger Geist» (mit Christus zusammen) zur gegenwärtigen, glanzvollen Herrlichkeit Gottes des Vaters gehört. Mit der Übernahme des weihnachtlichen Kantatenchores «Dazu ist erschienen der Sohn Gottes» BWV 40/1 konnte Bach geschickt nochmals auf die bereits dort besetzten Hörner zurückgreifen und so seine «Missa alla caccia» in einer Mischung aus rauschender Klanglichkeit und gelehrter Vokalführung überzeugend abrunden.

Reflexion

Jörg Frey

Reflexion anlässlich der Aufführung der Messe in F-Dur (BWV 233) von Johann Sebastian Bach am Donnerstag, 14. September 2023, in der Kathedrale St. Gallen

Was für eine wunderbare Musik ist das, liebe Hör-Gemeinde! Eine Musik, die man kaum nüchtern geniessen kann, die mitreisst und in Ekstase versetzt – aus uns heraus, woanders hin. Ausser sich sein – ganz bei Gott und gerade darin ganz bei uns.

Das gilt nicht erst für die Musik Bachs, sondern auch schon für den Text, der darin zum Klingen kommt, besonders das Gloria, das uns nach dem Bittgebet des Kyrie eleison mit dem Jubel der Engel vereint. Wir kennen die Texte in Latein, aber natürlich sind sie zunächst griechisch gedichtet und gesungen und dann in vielen Sprachen in der Liturgie gebraucht worden, im Koptischen, Lateinischen und natürlich auch auf Deutsch. «Allein Gott in der Höh sei Ehr», in dieser Liedfassung hat es Martin Luther in seine «deutsche Messe» übernommen, und so erklingt es in jedem lutherischen Gottesdienst. Wir haben im Gloria Teil an einer fast zweitausendjährigen Geschichte des heiligen Ausser-sich-Seins, wir treten in die Fussstapfen, stimmen ein in den Gesang der Lobenden aller Sprachen und Generationen im höheren Chor.

Aber so einfach geht das nicht. Kann ich mich einfach aufschwingen, zum positiven Denken entschliessen und den Widrigkeiten unseres Lebens entfliehen? Ich glaube nicht. Wir können Gott nicht einfach loben, auch deshalb, weil unsere menschliche Sprache das Wesen Gottes nie angemessen erfassen kann. Die Tradition weiss, dass es da Hilfen braucht, das Geleit durch himmlische Mächte, Inspiration und auch Instruktion

Darum steht am Anfang der liturgischen Bewegung in der Messe das Kyrie. Erst eine Bitte, eine Anrufung aus der Tiefe: «Herr, erbarme dich! Christus, erbarme dich! Herr, erbarme dich!» Dreimal erklingt dieser Ruf in griechischer Sprache. Und wer in orthodoxen Kirchen unterwegs ist, kennt ihn aus Bittgebeten, aus Litaneien, oft wiederholt: «Kyrie eleison, kyrie eleison, kyrie eleison!» Wo Menschen in Not sind und die Not ihrer Welt sehen, wo das menschliche Leben in einer Sackgasse ist, wo Krankheit und Tod es bedrohen, da ist es der Ruf aus der Tiefe, die Bitte an Gott oder an den auferstandenen Christus, der lebendig gegenwärtig geglaubt wird. «Erbarme dich meiner!», sagten Psalmbeter. «Herr, erbarme dich!», riefen Kranke Jesus zu. «Kyrie eleison!», singen die Chöre der Betenden aller Generationen. Ein Stossgebet, ein Bittgebet, ein Herzensgebet, ein Mantra. Nicht viele Worte, dreimal das Gleiche im Rhythmus des Atems. Ein Ausruf, der Atem und Freiheit schenkt.

Und so ist es auch am Anfang der Messe, des Gottesdienstes. Wenn wir eine Kirche betreten, zumal in einem so wundervollen Raum wie hier in der Sankt Galler Kathedrale, bringen wir vieles mit, an Lasten, an Sorgen, an inneren Stimmen. Und nun tut sich unter dem Gewölbe der Himmel auf, ein weiter Raum, aber kein leerer Raum. Es ist nicht die endlose Weite des Universums, sondern der Raum des menschenfreundlichen Gottes, der sich über uns wölbt. Da ist einer, der uns Bedrückte einlädt, uns entgegenkommt, sich mütterlich und väterlich erbarmt, weil er uns kennt, unser Leben, unsere Gedanken und Sorgen, unsere Conditio humana. «Herr, erbarme dich!» Ich atme aus und atme wieder ein. «Christus, erbarme dich!»

In der lutherischen Liturgie ist damit auch das Bekenntnis verbunden, dass wir Gottes Hilfe, sein Erbarmen brauchen, dass wir auch immer wieder schuldig werden und dass wir uns «nicht aus eigener Vernunft noch Kraft»[1] aufschwingen können zum freudigen Glauben und zum Loben. Und die Antwort, die der Liturg dann gibt – und ich bin lutherischer Pfarrer und habe das oft so Menschen zugesprochen –, die Antwort ist die Bekräftigung: Ja, Gott hat sich über euch erbarmt, er vergibt Schuld, er öffnet neues Leben da, wo unseres in der Sackgasse ist. Er öffnet einen weiten Raum. Und er öffnet den Mund, damit dieser dann wirklich loben kann. Erst dann können wir das Glorialied anstimmen: «Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade!» Gloria in excelsis Deo!

Und nun stehen wir vor diesem grandiosen Hymnus, der im 4. Jahrhundert aus älteren Bestandteilen komponiert wurde. Er ist gewachsen und hat doch eine erkennbare Struktur: zwei Teile, an Gott und an Christus gerichtet. Vorweg ein Bibelvers und am Ende ein trinitarischer Schluss.

Ich möchte mit dem ersten Hauptteil beginnen, der lobenden Anrede Gottes. Das sind Worte, die uns mitnehmen in ein tiefes Staunen und die uns in diesem Staunen hinausführen über unsere eigene Wirklichkeit. In Du-Form wird geredet, in kurzen Sätzen, im Rhythmus: «Laudamus te, benedicimus te, adoramus te, glorificamus te…» – «Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, wir rühmen dich und danken dir wegen deiner grossen Herrlichkeit.» Und dann folgen nur noch Anreden: «Herr, Gott, himmlischer König, Gott, Vater, Allmächtiger.» Ein Wort fügt sich im Rhythmus ans andere. Sie steigern sich, sie überschlagen sich, münden in Wort-Ekstase.

Aber darf man so reden? Darf man selbstgemachte Worte über Gott verwenden, selbstgemachte Hymnen singen? Privatpsalmen – psalmi idiotici? Sollte man sich nicht auf die biblischen Psalmen beschränken? Nicht nur bei Reformierten in den Niederlanden und Südafrika gab es diese Diskussion um Psalmlieder und freie Kirchenlieder. Auch schon in der frühen Kirche des dritten und vierten Jahrhunderts waren solche neu gedichteten Psalmen zeitweise umstritten. Und damit dieser beliebte Hymnus, das «Laudamus te…» oder seine griechische Fassung, nicht verboten wurde, hat man ihm ein Bibelwort vorangestellt, den Hymnus angelicus, den Engelsgesang aus der Weihnachtsgeschichte: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» – so heisst es im alten Luthertext, den Bach in seinem Weihnachtsoratorium vertont hat, oder korrekter nach dem ältesten griechischen und auch dem lateinischen Text: «den Menschen des Wohlgefallens», also den Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat.

Es geht letztlich nicht darum, dass wir uns wohl fühlen ‒ das auch! –, aber gedankt wird Gott dafür, dass er seinen Geschöpfen, dass er uns wohlgesonnen ist und wohltut. Konkret in der biblischen Geschichte: dass er in diese Welt und zu uns Menschen gekommen ist, in der Geburt Jesu, des Retters, in der Fleischwerdung des göttlichen Wortes, die zuerst von den Engeln besungen wird und dann auch von Menschen. «Gloria in excelsis Deo» (Ehre sei Gott in der Höhe) – und Friede auf Erden! Schalom – Eirene – Pax. Das sind Gottes Gedanken für seine Welt. Kontrastprogramm für eine Welt der Unterdrückung und des Unfriedens.

Mit dem Wort aus der Weihnachtsgeschichte ist dem Hymnus ein Schlüssel vorangestellt. Wie ein Notenschlüssel vor der Musik. Der Rahmen für alles Folgende ist gesetzt. Und es ist erklärt, warum wir überhaupt selbst anfangen können, Gott zu loben: Weil er sich gezeigt hat in der Geschichte Jesu, in seinen Worten und Taten und in dem, was nach frühchristlicher Deutung das Wichtigste ist: in der Vergebung von Sünden, der Eröffnung neuen Lebens, darin, dass ich neu anfangen kann, auch da, wo mein Leben in der Sackgasse ist. Das Lob Gottes ist mehr als Staunen über das Erhabene. Es geht zurück auf einen Grund: Dieser Grund ist in der Geschichte Jesu Christi, in dem Gott sich als zugewandt gezeigt hat.

Darum wird im zweiten Teil des Hymnus Jesus Christus angeredet, wieder in einer Reihe von Prädikationen, die fast unmerklich von der Anrede Gottes in die Anrede Christi übergehen.

Hiess es vorher noch Deus Pater omnipotens (Gott, Vater, Allmächtiger), so geht es weiter mit Domine Fili unigenite (Herr, einziggezeugter Sohn), Jesus Christus, Herr, Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters. Der Lobpreis gilt nun Jesus Christus, dessen Ursprung nach dem Anfang des Johannesevangeliums in der Ewigkeit Gottes ist: «Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.»[2] Das ist kunstvolle Mythologie, die Himmel und Erde verbindet: Das Wort Gottes, das Fleisch wurde, hat seinen Ursprung nicht in menschlichem Wollen, auch nicht in einer wunderbaren Geburt. Der Logos ist vor aller Zeit aus dem Vater hervorgegangen. Er ist das Wort Gottes, das Wort der Zuwendung, der Liebe. Darum wird Jesus Christus mit Gott «gleich verherrlicht». Er ist kein zweiter Gott, sondern das Wort des einen Gottes, die Zusage, das ewige Ja.

Und darum wird Christus nun auf sein Handeln angesprochen: «Der du hinwegnimmst die Sünde der Welt, erbarme dich unser! Der du hinwegnimmst die Sünde der Welt, nimm an unser Flehen; der du sitzest zur Rechten des Vaters, erbarme dich unser!» Im Lobpreis ist Christus nicht ferne Vergangenheit, sondern Gegenwart, bei Gott für die Menschen da. Im Lobpreis ist der Himmel auf Erden präsent. Deshalb kommt in dem Hymnus hier – nur ganz kurz – auch eine Bitte vor: «Erbarme dich unser; nimm an unser Flehen!» – höre uns! Es ist Anrede an ein lebendiges Gegenüber.

Im Anschluss daran kommt ein dreifaches «solus» zur Sprache. Christus ist «allein der Heilige, allein der Herr, allein der Höchste» – er ist allein das Wort Gottes, in dem Gott zur Sprache kommt, er ist allein der, in dem Gott uns nahekommen will.

Solche Worte gewinnen dort Gewicht, wo der Glaube in Frage gestellt ist, wo andere Mächte ihm seinen Platz streitig machen wollen. In der Reformationszeit «solus Christus, sola fide, solo verbo» (allein Christus, allein durch den Glauben, allein durch das Wort). Oder auch in der Zeit des Nationalsozialismus, wo der Schweizer Theologe Karl Barth formulierte: «Jesus Christus … ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören … haben.»[3] Keine anderen Kriterien dürfen gelten. Nicht Christus und der Kaiser, Christus und das Volk, Christus und der Mammon. Nein: «Du allein bist der Heilige», in dem uns Gott nahekommt.

Und so mündet das Lob Christi in das trinitarische Lob «cum Sancto Spiritu in gloria Dei Patris». Am Ende steht wieder Gott, der «alles in allem» (1. Kor. 15, 28) ist. Von ihm geht die Bewegung des Heils aus, auf ihn geht die Bewegung des Lobs wieder zu. Alles in allem.

Es ist ein dichter Text, ein hochfliegender Text. Lange wurde das Gloria nur an besonders hohen Feiertagen gesungen, an Weihnachten und anderen Festen, und es durfte nur vom Bischof angestimmt werden. Erst seit dem hohen Mittelalter gehört es zum festen Messkanon. Vielleicht auch deshalb, weil nun die Ehre Gottes gegenüber der Ehre des Kaisers betont werden musste. Vielleicht steckt auch darin eine Wahrheit: Wer Gott ehrt und ihm dankt, der ist gegenüber menschlichen Ansprüchen frei, der kann den Kopf gerade halten und aufrecht stehen, denn die Mächte dieser Welt sind relativ, und der Friede ist über den Menschen seines Wohlgefallens ausgesprochen. Ich möchte das gelten lassen, für mich und für diese Welt. Und die alten Texte des Gotteslobs helfen dazu.

So lassen Sie uns noch einmal eintauchen in die Musik, die inständige Bitte um Gottes Erbarmen und das ekstatische Lob Gottes, das uns über unsere Wirklichkeit hinausführt, damit wir darin Frieden finden.

[1] So die Formulierung von Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus in der Erklärung zum dritten Glaubensartikel.
[2] Joh. 1, 1.
[3] Barmer Theologische Erklärung, 1. These.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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