Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen

BWV 248/3 // Weihnachtsoratorium

für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Traversflöte I+II, Oboe I+II, Trompete I–III, Pauke, Streicher und Basso continuo

Unverkennbar höfischen Glanz strahlt die für den III. Christtag 1734 konzipierte dritte Kantate des Weihnachtsoratoriums aus. Ist ihr umrahmender Tuttichor «Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen» doch einer zum Geburtstag der Königin Maria Josepha bestimmten weltlichen Kantate entlehnt, während das zarte Duett «Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen» der für den Kurprinzen Friedrich Christian geschriebenen moralischen Kantate BWV 213 entstammt. Die Begegnung Marias mit den gen Bethlehem eilenden Hirten hat Bach hingegen so intensiv angesprochen, dass er seine zunächst für Traversflöte und Streicher geplante Vertonung des Textes «Schliesse, mein Herze, dies selige Wunder» durch ein tiefempfundenes Trio aus Alt, Violine und Continuo ersetzte.

Video

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Werkeinführung
Reflexion

Akteure

Solisten

Sopran
Monika Mauch

Alt/Altus
Terry Wey

Tenor
Daniel Johannsen

Bass
Dominik Wörner

Chor

Sopran
Linda Loosli, Noëmi Sohn Nad, Alexa Vogel, Anna Walker, Maria Weber, Mirjam Wernli

Alt
Lisa Weiss, Francisca Näf, Damaris Rickhaus, Sarah Widmer

Tenor
Marcel Fässler, Manuel Gerber, Tobias Mäthger, Nicolas Savoy

Bass
Jean-Christophe Groffe, Valentin Parli, Philippe Rayot, Oliver Rudin, Will Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Claire Foltzer, Elisabeth Kohler, Marita Seeger, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Matthias Jäggi, Olivia Schenkel

Violoncello
Martin Zeller, Hristo Kouzmanov

Violone
Guisella Massa

Trompete
Patrick Henrichs, Peter Hasel, Klaus Pfeiffer

Pauke
Martin Homann

Oboe
Amy Power, Kerstin Kramp

Traversflöte
Claire Genewein, Tomoko Mukoyama

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Stefan Sonderegger

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
20.12.2019

Aufnahmeort
Trogen (AR) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler, Nikolaus Matthes

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen (Schweiz)

 

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Zum Werk

Textdichter

Erstmalige Aufführung
27. Dezember 1734, Leipzig

Textdichter
Christian Friedrich Henrici (Picander) und Lutherbibel

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Das Weihnachtsoratorium ist theologisch-musikalische Weltliteratur, ein über volle sechs Feiertage verteiltes Musiktheater. Nach der Kantate I mit ihrer Hauptbühne im Stall von Bethlehem (und im Hintergrund die politische Weltbühne des Römerreiches) wendet sich mit Kantate II der Blick auf die Nebenbühne mit den Hirten auf dem Felde und den Engeln darüber. Die heutige Kantate des dritten Weihnachtstages bringt die Bewegung der Hirten zur Hauptbühne: ihr Jubel über das Königskind in der Krippe. Danach folgen als Akte IV und V die Beschneidung im Tempel sowie das kosmische Zeichen: der Stern und die Weisen. Schliesslich zeigt Epiphanias als Kantate VI die Gefährdung des Kindes und die Ankunft der drei Weisen. Vor diesem Gesamtrahmen wird deutlich: Die Weihnachtskantate III ist geprägt von der Bewegung und dem Jubel der Hirten, welche das Königskind in der Krippe finden. Unverkennbar höfischen Glanz strahlt die für den III. Christtag 1734 konzipierte dritte Kantate des Weihnachtsoratoriums aus, ist ihr umrahmender Tuttichor «Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen» doch einer zum Geburtstag der Königin Maria Josepha bestimmten weltlichen Kantate entlehnt, während das zarte Duett «Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen» der für den Kurprinzen Friedrich Christian geschriebenen moralischen Kantate «Laßt uns sorgen, lasst uns wachen» (BWV 213) entstammt. Die Begegnung Marias mit den gen Bethlehem eilenden Hirten hat Bach hingegen so intensiv angesprochen, dass er seine zunächst für Traversflöte und Streicher geplante Vertonung des Textes «Schliesse, mein Herze, dies selige Wunder» durch ein tiefempfundenes Trio aus Alt, Violine und Continuo ersetzte. Dass Bach mit dieser Musik zum heute längst abgeschafften III. Weihnachtstag allerdings seine in Kantate I und II aufscheinende Idee aufgab, jeweils Schlusschoräle mit deutenden Instrumentalzwischenspielen zu schreiben, steht offenbar für jene künstlerisch freie Inkonsequenz, die Bachs zyklische Ansätze auch sonst zuweilen prägt.

24. Chor

Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen,
laß dir die matten Gesänge gefallen,
wenn dich dein Zion mit Psalmen erhöht!
Höre der Herzen frohlockendes Preisen,
wenn wir dir itzo die Ehrfurcht erweisen,
weil unsre Wohlfahrt befestiget steht!

24. Chor

Der Eingangschor ist eine strahlende Königshuldigung, die aus Psalmenzitaten zusammengesetzt ist: Ps. 8, Ps. 119, Ps. 34 und 147, Ps. 95, Ps. 102, Ps. 106. Bach setzt diese Vorlage so um, dass zweimal auf ein wuchtiges Orchesterritornell mit Pauken und Trompeten eine Vokalstrecke folgt, in der die Unterstimmen zunächst fugiert mit unterschiedlichen Texten einsetzen, bevor Sopran und Ensembletutti den Abschnitt wirkungsvoll abrunden. In der Parodievorlage BWV 213 hatten hier noch die ordinären sächsischen Linden als edle Zedern zu Ehren der Königin geblüht.

25. Rezitativ (Evangelist: Tenor)

Und da die Engel von ihnen gen Himmel
fuhren, sprachen die Hirten untereinander:

25. Rezitativ – Tenor

Der Evangelist setzt mit dem Text aus dem Weihnachtsevangelium Lukas 2,15 a dort ein, wo die Hirten nach der glanzvollen Offenbarung zu reden beginnen.

26. Chor

Die Hirten:
Lasset uns nun gehen gen Bethlehem
und die Geschichte sehen, die da geschehen
ist, die uns der Herr kundgetan hat.

26. Chor

Jetzt kommt Bewegung auf: Man hört den Hirtenchor (Lukas 2,15 b) und deren Entschluss, nach Bethlehem zu gehen und das vom Engel Verkündete sich anzusehen. Für die ältere Vermutung, Bach habe diesem gestischen Chorsatz einen Turbachor seiner verschollenen Markuspassion unterlegt, fehlen bisher Belege.

27. Rezitativ — Bass

Er hat sein Volk getröst‘,
er hat sein Israel erlöst,
die Hülf aus Zion hergesendet
und unser Leid geendet.
Seht, Hirten, dies hat er getan;
geht, dieses trefft ihr an!

27. Rezitativ – Bass

Das Bassrezitativ bringt eine prägnante, kurzgefasste bibeltheologische Erklärung, was die Geburt des Messias bedeutet (mit Jes. 40, 44, 49 und Ps. 14, 53, 126), nämlich Trost und Erlösung. Die Mitwirkung zweier obligater Traversflöten verleiht diesem Rezitativ wie vielen Sätzen der Kantate einen betont eleganten Beiklang.

28. Choral

Dies hat er alles uns getan,
sein groß Lieb zu zeigen an;
des freu sich alle Christenheit
und dank ihm des in Ewigkeit.
Kyrieleis!

28. Choral

Mit Bedacht und Innigkeit antwortet der Choral nun auf das Geschehen aus der Sicht der Gemeinde, mitHilfe biblischer Texte werden die Motive benannt: Liebe, Lob und Dank (1. Joh. 3, 1, Luk. 2, 10).

29. Arie Duett — Sopran, Bass

Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen
tröstet uns und macht uns frei.
Deine holde Gunst und Liebe,
deine wundersamen Triebe
machen deine Vatertreu
wieder neu.

29. Arie Duett – Sopran, Bass

Für ein Gebet geradezu tänzerisch und beschwingt singen Sopran und Bass im Duett, was eine ganz persönliche Aneignung und Deutung darstellt: Gottes Erbarmen tröstet und befreit, mit seiner Liebe erneuert er seine Treue. Die von zwei Oboen d’amore umhüllte sehr konsonante Duettanlage ergab sich organisch aus dem Text der zweisamkeitsbetonten Parodievorlage («Ich bin deine, du bist meine»).

30. Rezitativ (Evangelist: Tenor)

Und sie kamen eilend und funden beide,
Mariam und Joseph,
dazu das Kind in der Krippe liegen.
Da sie es aber gesehen hatten,
breiteten sie das Wort aus,
welches zu ihnen von diesem Kind gesaget war.
Und alle, für die es vor kam,
wunderten sich der Rede,
die ihnen die Hirten gesaget hatten.
Maria aber behielt alle diese Worte
und bewegte sie in ihrem Herzen.

30. Rezitativ – Tenor

Das Tenorrezitativ bringt mit dem Bibeltext Lukas 2, 16–19 den inhaltlichen Höhepunkt der Kantate: Die Hirten finden das Kind in der Krippe – und sie sind es, welche die Botschaft, die alle in Staunen versetzt, weitersagen. Maria aber bewegt diese Worte in ihrem Herzen.

31. Arie — Alt

Schließe, mein Herze, dies selige Wunder
fest in deinem Glauben ein!
Lasse dies Wunder,
die göttlichen Werke,
immer zur Stärke
deines schwachen Glaubens sein!

31. Arie – Alt

Warm und zart nun die meditative Arie, in der die Altstimme sich – und das heisst auch: der Gemeinde – empfiehlt, dieses Wunder fest ins Herz zu schliessen, eine Art Herzensfrömmigkeit zur Stärkung des schwachen Glaubens. Bach müssen Text und Szenerie so angesprochen haben, dass er seine ursprüngliche Idee einer Parodiebearbeitung verwarf und stattdessen eine verinnerlicht strahlende neue Komposition mit Solovioline entwarf.

32. Rezitativ — Alt

Ja, ja, mein Herz soll es bewahren,
was es an dieser holden Zeit
zu seiner Seligkeit
für sicheren Beweis erfahren.

32. Rezitativ – Alt

Das Altrezitativ bestätigt den zuvor nahegelegten Entschluss gleich selbst, die seligmachende Botschaft im Herzen zu bewahren.

33. Choral

Ich will dich mit Fleiß bewahren,
ich will dir
leben hier,
dir will ich abfahren,
mit dir will ich endlich schweben
voller Freud
ohne Zeit
dort im andern Leben.

33. Choral

Im Choral nun die persönlich formulierte Antwort, was die Weihnachtsbotschaft für alle Gläubigen ethisch bedeuten soll: nicht nur «bewahren»-«erfahren» wie im Rezitativ, sondern jetzt «bewahren» und (dem weltlichen Leben) «abfahren», um dann zu «schweben» – voller Freud, ohne Zeit – im «andern Leben» – eine Vorwegnahme eines erlösten Lebens.

34. Rezitativ (Evangelist: Tenor)

Und die Hirten kehrten wieder um,
preiseten und lobten Gott um alles,
das sie gesehen und gehöret hatten,
wie denn zu ihnen gesaget war.

34. Rezitativ – Tenor

Der Evangelientext von Lukas 2,20 beschliesst diesen Teil der Weihnachtsgeschichte: Die Hirten kehren zurück voll Lobpreis und Dankbarkeit für das, was sie gesehen und gehört haben.

35. Choral

Seid froh dieweil,
dass euer Heil
ist hie ein Gott und auch ein Mensch
geboren,
der, welcher ist
der Herr und Christ
in Davids Stadt, von vielen auserkoren.

Chorus I ab initio repetatur et claudatur
(Wiederholung Eingangschor)

Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen,
laß dir die matten Gesänge gefallen,
wenn dich dein Zion mit Psalmen erhöht!
Höre der Herzen frohlockendes Preisen,
wenn wir dir itzo die Ehrfurcht erweisen,
weil unsre Wohlfahrt befestiget steht!

Chorus I ab initio repetatur et claudatur
(Wiederholung Eingangschor)

Als kraftvolle Bestätigung des Ganzen ist der eingangs
gehörte Lobpreis nun auch als Schlusschor
zu hören: Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen!
Diese bei Bach seltene Rahmenwiederholung geht
auf den «Concerto-Aria»-Kantatentypus des 17. Jahrhunderts
zurück, der nun jedoch um alle Errungenschaften
der seinerzeit modernen opernnahen Kirchenmusik
bereichert ist.

Reflexion

Stefan Sonderegger

«Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen» – so lautet der Titel der heutigen Kantate. Richten wir den Blick gegen den Himmel, zur Decke dieser von 1779 bis 1782 erbauten Kirche, so wird uns vor Augen geführt, wer im Himmel herrscht. Das Deckengemälde, das Ihnen auf einem Blatt aus einem schönen Text von Frau Eisenhut vorliegt, zeigt Christus in einem Lichterkranz umringt von Menschengruppen aus vier Erdteilen: links oben Asien, gefolgt von Europa, Amerika und Afrika. In der rechten Hand hält Christus eine Schrift. Auf dieser steht: «Wendet euch zu mir, alle Ende der Erde, so wird euch geholfen werden, denn ich bin Gott und sonst keiner.» Das ist eine Aufforderung, die sich an alle Menschen der Erde richtet. Es ist ein christlicher Alleinherrschaftsanspruch.

Die Menschengruppen der vier Erdteile sind mit ihrer aufwändigen Kleidung und mit den beigefügten Symbolen der Macht wie beispielsweise der Krone als weltliche Regenten und Würdenträger zu erkennen. In der Gruppe Europas mit den acht Personen ist unten links Joseph II., von 1765 bis 1790 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, abgebildet. Der Kaiser ist der einzige Adlige in der europäischen Gruppe. Neben ihm fallen zwei Frauen auf. Sie sind mit ihrer Tracht als Appenzellerinnen zu erkennen. Bei der einen handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um die Mitstifterin dieses Bildes, um Ursula Wolf-Zellweger. Sie steht direkt hinter dem Kaiser, überragt die anderen und zeigt in selbstbewusster Gestik zum Herrscher des Himmels. Das Bildprogramm am Himmel der Trogener Kirche ist ein eindrückliches Abbild der Verhältnisse des 18. Jahrhunderts. Die Rollen sind klar zugeordnet: Herrscher im Himmel ist Christus, Herrscher auf Erden sind mit Gottes Segen politisch und wirtschaftlich Mächtige. – Mit einem Augenzwinkern gesprochen ein Gruppenbild der «leaders of the world», quasi ein G-20-Gipfel.
Sehr geehrte Damen und Herren, auch heute Abend sind die Rollen klar verteilt. Die Interpretation und Darbietung der Kantate ist beim Dirigenten und den Musikerinnen und Musikern in den besten Händen, die man sich vorstellen kann. Ich hingegen bin Historiker und spreche in dieser Rolle zu diesem Ort. Wie war dieses Dorf, das viele von Ihnen monatlich besuchen, zur Zeit, in der Bach seine Kantaten komponierte?
Mit dem Wort «Herrscher» im Kantatentitel steht das Verb «beherrschen» in Verbindung. Das Wort «beherrschen» ist mehrdeutig. Es reicht von jemanden beherrschen bis hin zu etwas beherrschen. Das sind grosse Unterschiede. Das erste meint Herrschaft und Macht ausüben über andere. Das zweite meint etwas können. Beide Bedeutungen passen bestens zu den herrschenden Verhältnissen im 18. Jahrhundert in Europa und ganz besonders in Trogen und damit zu meinen Ausführungen des heutigen Abends.

Zuerst zum Thema jemanden beherrschen im Sinne von Herrschaft und Macht ausüben:
Trogen war im 18. Jahrhundert ein Machtzentrum. Dabei denke ich nicht nur an die Landsgemeinde, die hier stattfand. Heute wird die Landsgemeinde oft angeführt, wenn es darum geht, die lange Tradition der Macht des Volkes im Gebiet der heutigen Schweiz zu erklären. Dafür die Landsgemeinde ins Feld zu führen, ist aus historischer Warte allerdings verfehlt; diese wird in puncto Volksherrschaft total überschätzt. Die Landsgemeinde gab den Stimmbürgern ausser der Eidesleistung und der Wahl der Landesbeamten nämlich kaum Kompetenzen. Der Entscheid über neue Gesetze lag damals nicht in den Händen der Landsgemeinde, sondern bei den Räten. Diese Behörden übten die Macht aus und erliessen alljährlich Gesetze, die von den Kirchenkanzeln verkündet wurden. Im absolutistischen Ancien Régime herrschten wie überall in Europa auch in den Landsgemeindeorten die Regenten. Sie erliessen Verordnungen über jeden Lebensbereich, so beispielsweise über das Spielen und Tanzen, das Rauchen, das Verhalten der ledigen Töchter und über den Kirchenbesuch, der obligatorisch war und die Kirchen sonntags noch füllte. Ruedi Lutz und mit ihm alle Organistinnen und Organisten sowie Pfarrpersonen wären womöglich dankbar, wenn es das Gesetz noch geben würde, in welchem die Obrigkeit befahl: «Der Gesang der Psalmen und geistlicher Lieder soll von Mann- und Weibspersonen in den Kirchen mit lauter Stimme gesungen werden. Die Jüngern, so in Wirtshäusern und anderswo singen und in den Kirchen schweigen, sollen von Pfarrherren und Vorgesetzten ermahnt werden, in den Kirchen auch zu singen, im widrigen Fall bei 5 Pfund Busse.» Antrags- und Vortragsrechte der Bevölkerung an der Landsgemeinde gab es nicht. In der Zeit von 1600 bis 1730 hatte die Obrigkeit keine einzige Sachfrage aus eigenem Entschluss vor die Landsgemeinde gebracht. Die wenigen Sachentscheide der Landsgemeinde mussten durch Tumulte von der Bevölkerung erzwungen werden.
Von einer «Landsgemeindedemokratie» kann übrigens nicht nur im Appenzellerland, sondern in der ganzen Eidgenossenschaft bis ins 19. Jahrhundert kaum gesprochen werden, viel eher von einer «Landsgemeindearistokratie». Was damit gemeint ist, wird klar, wenn man die Liste jener Herren betrachtet, welche die wichtigsten politischen Funktionen besetzten. Viele politische Ämter befanden sich über Generationen hinweg in den Händen einer schmalen Führungsgruppe, deren Mitglieder nicht als Bauern oder Weber tätig waren, sondern als international vernetzte Kaufleute zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Elite gehörten und das Sagen hatten. Als Beispiel führe ich nebst den Zellweger die Ausserrhoder Handelsfamilien Tanner und Wetter an; den Einheimischen unter Ihnen sind sie ein Begriff. In den 200 Jahren zwischen der Landteilung in Reformiert-Ausserrhoden und Katholisch-Innerrhoden von 1597 bis zur Französischen Revolution haben die Tanner während 67 Jahren einen Landammann gestellt, die Wetter während 48 Jahren und die Zellweger während 74 Jahren. Dabei muss man bedenken, dass sich diese Familien teils untereinander verheirateten und damit politische Macht sozusagen kumulierten. Rechnet man weitere höhere Ämter dazu, dann waren die Trogener Zellweger sogar während fast 200 Jahren ununterbrochen an der politischen Führung des Landes beteiligt. Diese starke Stellung der Zellweger hat sich, wie wir noch sehen werden, auf Trogen positiv ausgewirkt.

Zum zweiten Thema, zu beherrschen im Sinne von etwas beherrschen:
Politische Regenten waren nicht nur in Trogen, sondern in ganz Europa oft auch wirtschaftliche «Regierer». Was ist damit gemeint? «Regierer» war der früher gebräuchliche Begriff für die bevollmächtigten Teilhaber an den international agierenden Textilhandelsfirmen. Sie regierten die Geschäfte, indem sie als Chefs an ihr Personal Anweisungen erteilten. Der Weg zu dieser wirtschaftlichen Spitze war allerdings hart. Die wichtigste Voraussetzung dazu war nimmermüder Fleiss. Das bedeutete permanentes Rechnen, Buch führen, Briefe schreiben, Anweisungen erteilen sowie Informationen über Preise und den Markt einholen. Besonders das Rechnen und Buchführen unterschied sich deutlich von heute. Die Währungen waren im Vergleich zum heutigen Euro-Zeitalter viel unterschiedlicher. Dutzende Münzsorten aus allen Teilen Europas waren auch in Trogen parallel zueinander erlaubt und mussten zueinander umgerechnet werden. Diese Rechnerei war bereits kompliziert genug. Sie wurde aber noch komplizierter, weil es vorkommen konnte, dass von einem Tag auf den anderen Münzsorten verboten wurden, weil Münzfälscher am Werk gewesen waren.
Eine weitere Voraussetzung für erfolgreiche wirtschaftliche «Regierer» war Weltgewandtheit; das bedeutete, fremde Sprachen zu lernen, hier vor allem Französisch, denn Frankreich war für die Ostschweiz der wichtigste Markt. Bildungsreisen und Auslandjahre waren Voraussetzung, um an die Spitze zu gelangen. Vom Basler Kaufmannsnachwuchs beispielsweise ist bekannt, dass er ein Jahr lang von Basel über Leipzig, Dresden, Prag, nach Berlin, Hannover, Lübeck, Amsterdam, Antwerpen, Paris, Lyon, Genf zurück in die Heimat reiste. Bereits als Jugendlicher wurde man buchstäblich ins kalte Wasser geworfen: Einem erst 17-jährigen Zellweger wurde 1785 die Leitung der Filiale in Lyon anvertraut. Wer nebst fachlicher Kompetenz nicht zusätzlich über eine dicke Haut und grosses Selbstvertrauen verfügte, hatte einen schweren Stand. Schon von den Teilhabern der im Mittelalter grössten und bekanntesten Textilhandelsfirma Süddeutschlands, der Grossen Ravensburger Gesellschaft, heisst es, sie hätten keine Konkurrenten auf der Welt gefürchtet, obschon diese wie Rotten hungriger Hunde auf jede Gelegenheit warteten, sich gegenseitig zu zerfleischen.
Eine weitere Voraussetzung für Erfolg war eine funktionierende und schnelle Kommunikation über weite Distanzen. Das war eine enorme Herausforderung in einer Zeit ohne Telefon und E-Mail. Der Brief war damals die schnellste Kommunikationsmöglichkeit in Handelsnetzen, das heisst im Falle der Zellweger vor allem im Dreieck von Trogen, Lyon und Genua. Die Geschäftskorrespondenz der Kaufleute Zellweger in Trogen umfasst laut Maya Zellweger, die in ihrer noch nicht publizierten Doktorarbeit ihrem Geschlecht nachgeht, rund 39 000 Kopien von Geschäftsbriefen an ungefähr 3800 Geschäftspartner an über 500 Orten. Von der Zentrale in Trogen aus wurde wöchentlich, in der Regel am Montag, ein Brief an die Geschäftsniederlassung in Lyon, dem Zentrum des Verkaufs, sowie später auch nach Genua versandt. Diese Briefe mussten von den dortigen Filialen mit der gleichen Regelmässigkeit beantwortet werden. Diese regelmässige Korrespondenz legt das Geschäftsmodell offen. Dieses bestand nicht aus einem Engroshandel mit der Bewirtschaftung eines umfangreichen Warenlagers, wie man erwarten würde, sondern es wurden auf konkrete Bestellung bei den Ostschweizer Heimweberfamilien Tücher eingekauft. Blieb der wöchentliche Brief einmal aus, was höchst selten der Fall war, wurde man in Trogen nervös. Denn ohne Informationen aus Lyon über den Verkauf und die Bezahlungen der Waren mit Wechseln, die in Bankhäusern in Augsburg oder St.Gallen eingelöst wurden, waren die Handelshäuser Zellweger in Trogen im Einkauf hilflos, ja geradezu blind. Dasselbe galt für den Einkauf in Genua. Baumwolle aus dem globalen Handel wurde in der italienischen Hafenmetropole auf konkret vorliegende Bestellungen von Kunden in der Ostschweiz eingekauft. Diese Bestellungen einzuholen, war Sache der Zentrale in Trogen. Einkauf, Verkauf und Bezahlung der Ware waren in einer extremen Kurzfristigkeit miteinander verknüpft. Stockte es an einem dieser drei Punkte, drohte im Extremfall der Konkurs. Erfolg und Misserfolg konnten sich schnell abwechseln. Kredite, Krisen und Konkurse gehörten zum Alltag. Nicht zu vergessen ist dabei, dass davon nicht nur die Kaufleute betroffen waren, sondern auch ein Grossteil der Bevölkerung. Denn Textilhandelsherren waren die wichtigsten Arbeitgeber, am Stofffaden hing das Schicksal tausender Weberfamilien der ganzen Region.

Ich richte zum Schluss den Blick wieder zum Bild an der Kirchendecke. Dass sich die Stifterin des Deckengemäldes, Ursula Wolf-Zellweger, gleich hinter dem Kaiser darstellen liess, ist gewiss eine Inszenierung des hohen bürgerlichen Selbstbewusstseins. Aber das allein genügt nicht als Erklärung. Es entspricht einer seit Jahrhunderten bestehenden Tradition, dass Stifter mit ihrem Beispiel öffentlich sichtbar für Kultur, Gemeinsinn und wie in unserem Fall für christliche Werte einstanden. Der Bruder der in unserem Gemälde abgebildeten Stifterin Ursula Wolf-Zellweger, der spätere Landammann Jacob Zellweger-Wetter, hätte sich gut auch in dieses Gruppenbild der «leaders of the world» einreihen können. Er hatte nämlich den Bau der Kirche stark mitfinanziert. Als Vertreter des europäischen Handelskapitalismus stand er an der Spitze der appenzellischen Textilhandelshäuser. Sein Handelsgebiet erstreckte sich von Malta bis Moskau, vereinzelte Geschäftsbeziehungen bestanden zu den spanischen Kolonien in Amerika und nach Indien. Dieser reiche Kosmopolit Jacob Zellweger besass Handelshäuser in Lyon, in Genua und in Trogen. Die bürgerlichen Palazzi in Trogen sind inspiriert von der Architektur Genuas. Genua wird «Genova la superba» genannt, die «Stolze». Von dieser stolzen kulturellen Grandezza ist dank der Verknüpfung von globalem Handel mit regionaler Produktion in der Ostschweiz einiges nach Trogen transferiert worden.
Die Trogener Zellweger waren nicht nur Unternehmer und Arbeitgeber für Tausende, sondern sie haben uns mit dieser Kirche einen der bedeutendsten reformierten Sakralbauten der Schweiz und mit der von den Palazzi umsäumten Piazza ein Dorfbild von nationaler Bedeutung hinterlassen. Sie setzten als Stifter Geld für die Öffentlichkeit ein. Sie finanzierten Institutionen der Bildung und des Sozialen. Damit war diese Familie kein Einzelfall. Und sie wäre es auch in der heutigen Zeit nicht. Leadership in der Verbindung von Politik, Wirtschaft und Philanthropie hat gerade in Ausserrhoden eine lange Tradition. Das Kulturengagement, das wir heute Abend geniessen dürfen, bestätigt dies und reiht sich ein in diese über Jahrhunderte gewachsene und gelebte liberale Kultur. Dafür sei ganz herzlich gedankt.

Inspirationen verdanke ich Heidi Eisenhut, Gerhard Fouquet, Dorothee Guggenheimer, Thomas Fuchs, Marcel Mayer, Walter Schläpfer, Heinz Stamm und Maya Zellweger.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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