Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben

BWV 248/6 // Weihnachtsoratorium

Kantate zum Dreikönigsfest, für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe und Oboe d’amore I+II, Trompete I-III, Pauke, Streicher und Basso continuo

Die für den Epiphaniastag 1735 entstandene Kantate VI des Weihnachtsoratoriums verkörpert in sich alle Qualitäten dieses Meisterzyklus des reifen Leipziger Bach. Ein trompetenglänzender Eingangschor, dessen Themenkopf in aufsteigender Folge die markanten Intervalle Quart, Quint und Sext befestigt, wird von zwei empfindsamen Arien und dem verinnerlichten Choralsatz «Ich steh an deiner Krippen» abgelöst, der die Evangelienlesung von den anbetenden Weisen aus dem Morgenland anrührend ins Heute transferiert. Die Kantate wird dann von einem raren vierstimmigen Rezitativ sowie dem figurierten Choral «Nun seid ihr wohl gerochen (= gerächt)» abgeschlossen, dessen kämpferische Fröhlichkeit der befreienden Aussicht entspringt, dass das «menschliche Geschlecht» nunmehr unverrückbar «bei Gott seine Stelle» habe.

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Werkeinführung
Reflexion

Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Ruby Hughes

Alt/Altus
Alexandra Rawohl

Tenor
Daniel Johannsen

Bass
Tobias Wicky

Chor

Sopran
Lia Andres, Jessica Jans, Noëmi Sohn Nad, Noëmi Tran-Rediger, Maria Weber, Mirjam Wernli

Alt
Roland Faust, Antonia Frey, Lea Pfister-Scherer, Alexandra Rawohl, Lisa Weiss

Tenor
Clemens Flämig, Christian Rathgeber, Sören Richter, Walter Siegel

Bass
Johannes Hill, Fabrice Hayoz, Daniel Pérez, Philippe Rayot

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Elisabeth Kohler, Olivia Schenkel, Marita Seeger, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Martina Zimmermann

Violoncello
Martin Zeller, Bettina Messerschmidt

Violone
Markus Bernhard

Trompete
Jaroslav Roucek, Karel Mnuk, Josef Sadilek

Pauke
Georg Tausch

Oboe
Andreas Helm, Thomas Meraner

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Antonio Loprieno

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
17.01.2020

Aufnahmeort
Trogen (AR) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen (Schweiz)

 

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Zum Werk

Textdichter

Erstmalige Aufführung
6. Januar 1735, Leipzig

Textdichter
Christian Friedrich Henrici (Picander),
Paul Gerhardt (Nr. 59), Georg Werner (Nr. 64)

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Epiphanias handelt vom letzten Akt des Weihnachtsfestes, von der Huldigung der drei Weisen aus dem Morgenland, von ihren Geschenken für das Christkind – aber auch von dessen Gefährdung. Denn König Herodes fürchtet um seine Macht. Das Matthäusevangelium erzählt knapp von der Gefahr, der Bewahrung und Rettung des königlichen Kindes. Daher die triumphierenden Noten dieser abschliessenden Kantate VI des Weihnachtsoratoriums. Sie verkörpert in sich alle Qualitäten dieses Meisterzyklus des reifen Leipziger Bach; dass auch in diesem Fall eine bisher nicht identifizierte (weltliche?) Parodievorlage umgearbeitet wurde, tritt hinter der musikalischen Qualität und punktgenauen Sprachhöhe der Neufassung vollkommen zurück. Ein trompetenglänzender Eingangschor wird von zwei empfindsamen Arien und einem verinnerlichten Choralsatz «Ich steh an deiner Krippen» abgelöst, der die Evangelienlesung von den anbetenden Weisen aus dem Morgenland anrührend ins Heute transferiert. Die Kantate wird dann von einem raren vierstimmigen Rezitativ sowie dem figurierten Choral «Nun seid ihr wohl gerochen» abgeschlossen, dessen kämpferische Fröhlichkei der befreienden Aussicht entspringt, dass das «menschliche Geschlecht» nunmehr unverrückbar «bei Gott seine Stelle» habe.

54. Chor

Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben,
so gib, daß wir im festen Glauben
nach deiner Macht und Hülfe sehn!
Wir wollen dir allein vertrauen,
so können wir den scharfen Klauen
des Feindes unversehrt entgehn.

54. Chor

Die Kantate V erzählte bereits, wie die drei Weisen sich bei Herodes nach dem «neugeborenen König» erkundigen, wie dieser erschrickt, um seinen Thron bangt und nach Christus forschen lässt: Die Gefährdung des Kindes ist offensichtlich. Und deshalb beginnt die Kantate VI mit einem kämpferischen Akzent: mit dem Eröffnungschor «Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben», der zugleich ein Gebet ist: Gott möge festen Glauben geben, denn allein dadurch könne man den «scharfen Klauen» des Feindes entgehn. Der zuerst von der Solotrompete vorgetragene Themenkopf befestigt in aufsteigender Folge die markanten Intervalle Quart, Quint und Sext; mit seiner gelassenen Majestät und dem wirkungsvoll vorgezogenen Da-capo-Choreinsatz gehört dieser Eingangschor zu Bachs einleuchtendsten Tuttiensembles.

55. Rezitativ (Evangelist: Tenor; Herodes: Bass)

Evangelist:
«Da berief Herodes die Weisen heimlich
und erlernet mit Fleiß von ihnen, wenn der
Stern erschienen wäre? Und weiset sie gen
Bethlehem und sprach:
Herodes:
Ziehet hin und forschet fleißig nach dem
Kindlein, und wenn ihrs findet, sagt mirs
wieder, daß ich auch komme und es anbete.»

55. Rezitativ (Evangelist: Tenor; Herodes: Bass)

Das Rezitativ setzt dort ein (Mat. 2, 7–8), wo Herodes auf die Frage nach dem neugeborenen Königskind die Weisen auffordert, nach diesem zu suchen und ihm dann zu berichten, aber eben durchaus nicht, um es «anzubeten». Bachs Vertonung entlarvt diese Hinterlist des Königs.

56. Rezitativ — Sopran

Du Falscher, suche nur den Herrn zu fällen,
nimm alle falsche List,
dem Heiland nachzustellen;
der, dessen Kraft kein Mensch ermißt,
bleibt doch in sichrer Hand.
Dein Herz, dein falsches Herz ist schon,
nebst aller seiner List, des Höchsten Sohn,
den du zu stürzen suchst, sehr wohl bekannt.

56. Rezitativ — Sopran

Eine reine Sopranstimme kommentiert mit klaren Worten die Verlogenheit und Feindseligkeit des Herodes, aber sie beruhigt zugleich: Dessen falsches Herz und seine finsteren Absichten seien schon erkannt. Der hinzugefügte Streichersatz hebt die wie mit einem Strahlenkranz umgebene Sopranpartie wirkungsvoll von Herodes‘ Verschlagenheit ab und unterstützt die deutende Färbung einzelner Schlüsselworte («falsche List»).

57. Arie — Sopran

Nur ein Wink von seinen Händen
stürzt ohnmächtger Menschen Macht.
Hier wird alle Kraft verlacht!
Spricht der Höchste nur ein Wort,
seiner Feinde Stolz zu enden,
o, so müssen sich sofort
Sterblicher Gedanken wenden.

57. Arie — Sopran

Tänzerisch und leicht weitet die Sopranarie die Perspektive und stellt die Verhältnisse klar: «Nur ein Wink» des Höchsten vereitle und verlache der «ohnmächtgen Menschen Macht» – und «nur ein Wort» Gottes beende und wende die Gedanken sterblicher Menschen. Der von verschiedenen barocken Tanzformen inspirierte Satz verbirgt hinter seinem flüssigen Duktus rhythmische Finessen und elegische Akzente.

58. Rezitativ (Evangelist: Tenor)

«Als sie nun den König gehöret hatten, zogen
sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenlande
gesehen hatten, ging für ihnen hin,
bis daß er kam und stund oben über, da das
Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden
sie hoch erfreuet und gingen in das Haus und
funden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter,
und fielen nieder und beteten es an und täten
ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold,
Weihrauch und Myrrhen.»

58. Rezitativ (Evangelist: Tenor)

Das in all seiner Schlichtheit besonders strahlende Tenorrezitativ (Mat. 2, 9–11) berichtet von der Auffindung und Anbetung des Kindes durch die drei Weisen; sie fallen vor ihm nieder und bringen ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen zum Geschenk.

59. Choral

Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesulein, mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin! es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin,
und laß dirs wohlgefallen!

59. Choral

Mit dem Weihnachtschoral von Paul Gerhardt «Ich steh an deiner Krippen hier» antwortet die Gemeinde auf dieses geistliche Geschehen: «Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben.» Bachs nur zehntaktiger Liedsatz gehört dank seiner lichten G-Tonalität und seiner sanften Durchgänge zu den herzerwärmenden Höhepunkten des Weihnachtsrepertoires.

60. Rezitativ (Evangelist: Tenor)

«Und Gott befahl ihnen im Traum, daß sie
sich nicht sollten wieder zu Herodes
lenken, und zogen durch einen andern
Weg wieder in ihr Land.»

60. Rezitativ (Evangelist: Tenor)

Nun berichtet das Tenorrezitativ (Mat. 2, 12) vom Eingreifen Gottes zum Schutz des Kindes, denn im Traum erfolgt der Befehl an die Weisen, einen anderen Rückweg zu nehmen, um das Kind nicht an Herodes zu verraten.

61. Rezitativ (Tenor)

So geht! Genug, mein Schatz geht nicht von hier,
er bleibet da bei mir,
ich will ihn auch nicht von mir lassen.
Sein Arm wird mich aus Lieb
mit sanftmutsvollem Trieb
und größter Zärtlichkeit umfassen;
er soll mein Bräutigam verbleiben,
ich will ihm Brust und Herz verschreiben.
Ich weiß gewiß, er liebet mich,
mein Herz liebt ihn auch inniglich
und wird ihn ewig ehren.
Was könnte mich nun für ein Feind
bei solchem Glück versehren!
Du, Jesu, bist und bleibst mein Freund;
und werd ich ängstlich zu dir flehn:
Herr, hilf!, so laß mich Hülfe sehn!

61. Rezitativ (Tenor)

Beschwingt folgt nun der Kommentar: Die Weisen mögen gehen, denn der Schatz «bleibet da bei mir», als zärtlichen Bräutigam werde er ihn umfassen, ein veritables geistliches Liebeslied; Brust und Herz wolle er Jesus verschreiben: «Du, Jesu, bist und bleibst mein Freund.» Die zwischen Wiegenlied und Spiritualität oszillierenden Oboen d’amore betten den durchaus dramatischen Satz in eine Aura der liebenden Geborgenheit ein.

62. Arie — Tenor

Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken;
was könnt ihr mir für Furcht erwecken?
Mein Schatz, mein Hort ist hier bei mir.
Ihr mögt euch noch so grimmig stellen,
droht nur, mich ganz und gar zu fällen,
doch seht! mein Heiland wohnet hier.

62. Arie — Tenor

Zuversichtlich nimmt der Tenor in seiner Arie den kämpferischen Ton des Anfangs in einer Art tänzerischem
Triumph auf: Vor diesen Feinden gebe es weder Schrecken noch Furcht, denn sein Schatz und Hort sei bei ihm: «Mein Heiland wohnet hier.» Die Arie führt die Holzbläserbesetzung des Rezitativs fort und setzt so dem kraftvollen Textduktus eine warme Klanglichkeit zur Seite, die über den Ausgang des Streites keinen Zweifel aufkommen lässt.

63. Rezitativ — Sopran, Alt, Tenor, Bass

Was will der Höllen Schrecken nun?
Was will uns Welt und Sünde tun,
da wir in Jesu Händen ruhn?

63. Rezitativ — Sopran, Alt, Tenor, Bass

Die Bestätigung erfolgt – von allen vier Stimmen gesungen – in einem kurzen, zarten Rezitativ: «Was will der Höllen Schrecken nun?», was könne «Welt und Sünde» tun, «da wir in Jesu Händen ruhn»? Mit der bei Bach ungewöhnlichen Quartettbesetzung wird ein zuvor aufgespartes Kunstmittel eingesetzt, das die Allgemeingültigkeit der Zusage betont. Der fragende Rezitativschluss fordert eine machtvolle Abschlussgeste auch musikalisch heraus: Bach versteht es einmal mehr, den bodenständigen Gemeindechoral in ein hochbarockes Dramenkonzept zu integrieren.

64. Choral

Nun seid ihr wohl gerochen
an eurer Feinde Schar,
denn Christus hat zerbrochen,
was euch zuwider war.
Tod, Teufel, Sünd und Hölle
sind ganz und gar geschwächt;
bei Gott hat seine Stelle
das menschliche Geschlecht.

64. Choral

Als triumphaler Abschluss des ganzen Oratoriums: «Nun seid ihr wohl gerochen (= gerächt) an eurer Feinde Schar», die 4. Strophe des Weihnachtschorals von Georg Werner (1589–1643). Denn Christus habe «Tod, Teufel, Sünd und Hölle» geschwächt und überwunden. Und dann – grossartig – als Ziel der Menschwerdung Gottes die Formulierung: «Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht.» Der von einer verzierten Fanfare eröffnete Satz mobilisiert die ganze Pracht des trompetenglänzenden Ensembles und schlägt damit die Brücke zum Eingangschor dieser Kantate wie zum Oratorienbeginn. Bachs ausgreifende Ritornellbehandlung verleiht den Choralzeilen erhebliches Gewicht; in den trutzigen Orchesternachschlägen dieses geistlichen Freiheitsliedes wird die Überwindung der höllischen Widermacht ansteckend greifbar.

Reflexion

Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben // so gib, dass wir im festen Glauben // nach deiner Macht und Hülfe sehn! So fängt der Kantatentext des 6. Teils von Bachs Weihnachtsoratorium an, der Kantate zum Dreikönigsfest, deren Aufführung wir heute beiwohnen dürfen. Die Kantate endet mit einem Choral, der gleichsam die heilsgeschichtliche Perspektive des weihnachtlichen Mysteriums aufzeigt: Nun seid ihr wohl gerochen // an eurer Feinde Schar // Denn Christus hat zerbrochen // was euch zuwider war // Tod, Teufel, Sünd und Hölle // sind ganz und gar geschwächt // Bei Gott hat seine Stelle // das menschliche Geschlecht.

Diese zwei Passagen stellen den Rahmen für die Einbettung zweier prototypischer Eigenschaften des Menschen in eine ihn transzendierende Heilsgeschichte dar: einerseits der Glaube an eine äussere Macht, welche «die stolzen Feinde», d.h. den Tod, zu neutralisieren vermag – eine Macht, wofür wir das Kürzel «Gott» verwenden; andererseits das Wissen um die Ebenbildlichkeit des Menschen, um seine Stellung in Gottes Plan.

Glaube an Gott – oder ist es ein Wissen um ihn? Wissen um die besondere Stellung des Menschen – oder ist es ein Glaube daran? Der Abschluss der Weihnachtszeit mit dem Dreikönigsfest scheint geradezu prädestiniert, das komplexe Verhältnis zwischen diesen zwei Erkenntnisformen oder -modalitäten (Erkenntnis durch Wissen oder durch Glauben) zu verarbeiten. Und in kultureller Hinsicht fällt diese Verarbeitung sehr vielfältig aus: als Ätiologie zur Bestätigung der biblischen Prophezeiung in der evangelischen Erzählung von der Geburt Jesu, als theologisches Mysterium in der christlichen Exegese oder als Produkt künstlerischer Kreativität wie in Bachs Weihnachtsoratorium.

In meiner Reflexion werde ich argumentieren, dass die Ordnung der Zeit eine der eminentesten Kulturleistungen darstellt. Denn die Zeit ist beides: sowohl Natur wie die Gezeiten (englisch tide ist deutsch «Zeit») als auch Kultur wie jede Zeitrechnung. Denn als Menschen nehmen wir die natürliche Zeit nur in kulturell definierten Intervallen wahr. Stunden, Tage, Monate und Jahre gab es schon im Alten Orient, aber neben unseren äqualen Stunden gab es in der Antike auch temporale oder saisonale Stunden. Und bekanntlich fängt der jüdische – wie übrigens auch der altägyptische Tag – mit dem Sonnenuntergang, der christliche mit dem Sonnenaufgang an. Und ob der Jahresanfang mit der Erneuerung der Überschwemmung wie im alten Ägypten, des Frühlings wie im alten Rom (deshalb ist «April» der Monat, der das Jahr eröffnet) oder der Heilsgeschichte wie im christlichen «Advent» zusammenfällt, scheint eine Frage der jeweiligen Kultur zu sein.

Oder doch nicht? Es fällt nämlich auf, dass die verschiedenen Optionen immer mit einem spezifischen astronomischen Ereignis korrelieren: der ägyptische Anfang der Nilüberschwemmung gegen Ende des Sommers mit der erneuten Sichtbarkeit des Sternes Sirius nach 70 Tagen Unsichtbarkeit; der römische April mit dem Äquinoktium, der Tagundnachtgleiche; der christliche Advent mit der Zeit der Wintersonnenwende. Und es ist schliesslich ein natürliches Phänomen wie der Stern, den die morgenländischen Magier am Dreikönigsfest als Zeichen einer Zäsur in der Heilsgeschichte erkennen: Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging für ihnen hin, bis dass er kam und stund oben über, da das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreuet und gingen in das Haus und funden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und täten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen. Aber diese Auslegung des natürlichen Zeichens nimmt Herodes als Gefahr für seine Macht wahr: Und Gott befahl ihnen im Traum, dass sie sich nicht sollten wieder zu Herodes lenken, und zogen durch einen andern Weg wieder in ihr Land. Wir suchen Orientierung in einer Natur, die uns verbindet; wir finden sie in einer Kultur, die unsere menschlichen Wege trennt.

Aber warum ist es so? Lasst uns die Etymologie, die Herkunft der Sprache, im wahrsten Sinne zu Wort kommen. Das lateinische Wort cultura bedeutete ursprünglich «Pflege des Ackerbaus» (eine Bedeutung, die noch in unserer «Bodenkultur» widerhallt); Cicero übertrug die ursprünglich landwirtschaftliche Bedeutung des Wortes cultura auf die moralische Sphäre: cultura animi, «Seelenpflege». Und Kant wies schliesslich der «Kultur» jene semantischen Eigenschaften zu, die wir jetzt mit «Hochkultur» verbinden: Kultur als besonders gepflegte Form zivilisatorischer Schöpfung: Literatur, Kunst, Musik. Die Etymologie von Wörtern wie «Kultur» oder «Kult» ist die indoeuropäische Wurzel *kwel, die so viel wie «umdrehen, kreisförmig bewegen» bedeutet. Cultura war also deshalb die Pflege des Ackerbaus, weil der neolithische oder bronzezeitliche Bauer jährlich den Boden pflügte und die Erdschollen eggte, um den Acker neu zu besäen. In den germanischen Sprachen finden wir diese indoeuropäische Wurzel *kwel im englischen wheel, «Rad», das historisch dem deutschen Wort «Weile», also «Zeitspanne», entspricht. Die Zeit ist also das, was immer wiederkehrt, Kultur eine geordnete Periodisierung dieser Wiederkehr. Und «Kult» ist eigentlich auf die religiöse Praxis übertragene Kultur. Weil sie astronomisch verankert sind und immer wiederkehren, eignen sich deshalb Stationen der Heilsgeschichte wie Weihnachten ganz besonders für die kulturelle, künstlerische Kreativität. Sie bieten in kondensierter Form ein sinnstiftendes Narrativ für unser Leben.

Die kreisförmige sprachliche Konnotation der Begriffe «Zeit» und «Kultur» bedingt auch, dass Vergangenheit und Zukunft in der menschlichen Wahrnehmung, anders als in der herkömmlichen grafischen Darstellung, nicht linear, sondern sphärisch gegliedert sind. Werfen wir einen Blick auf die sprachliche Wiedergabe dieser Begrifflichkeit: Liegen Vergangenheit bzw. Zukunft vor uns oder hinter uns? Auf diese Frage hat der Mensch unterschiedliche, kulturell gestiftete Antworten gegeben. Für die alten Ägypter – das erkennt man am Gebrauch der jeweiligen Präpositionen «vor» und «nach» – lag die Vergangenheit vor uns (die Vorfahren sind diejenigen, die vor uns stehen, denen wir in die Augen schauen können), die Zukunft hingegen hinter uns (die Nachkommen sind diejenigen, die sich im Schlepptau befinden). Auch wir Deutschsprachige wissen selber nicht ganz genau, wie das mit der Positionierung von Vergangenheit und Zukunft bestellt ist, denn wir wollen in der Regel – anders als die alten Ägypter – die Vergangenheit hinter uns lassen und sind gespannt auf die Zukunft, die sich vor uns befindet. Aber warum denn sind unsere Vorfahren schon tot, während die Kinder, die nach der oben erwähnten sprachlichen Logik vor ihnen standen, als ihre Nachfolger oder Hinterbliebenen bezeichnet werden, was im Deutschen widersprüchlich erscheint, während das wiederum einem ägyptischen Theologen sehr eingeleuchtet hätte?

Weil wir sinnstiftende Zeitzyklen – wie die allweihnachtlich wiederkehrende Geburt des Heilands zeitgleich mit dem Anfang des astronomischen Jahres oder seine österliche Auferstehung zeitgleich mit der landwirtschaftlichen Erwachung der Erde aus dem Wintertod – als Jubiläen zu feiern pflegen. Das Feiern eines Jubiläums wird nämlich nicht von einer objektiven, auf die Rekonstruktion vergangener Ereignisse fokussierten Geschichte, sondern von einer subjektiven Erzählung untermauert, die dieser Geschichte einen Sinn verleiht und diesen Sinn im Hinblick auf künftiges gemeinschaftliches Handeln mobilisiert. Jubiläen und religiöse Feste stehen also nicht im Zeichen einer historischen Erinnerung, sondern im Zeichen des kulturellen Gedächtnisses. Und anders als Erinnerung ist Gedächtnis nicht punktuell, sondern eben zyklisch; nicht linear, sondern sphärisch; es spricht nicht eine Ideologie, sondern eine Identität an; es appelliert nicht an gesellschaftliche Konventionen, sondern an gemeinschaftliche Gefühle. Ein institutionelles oder kultisches Jubiläum, egal wie lange die «Weile», die Zeitspanne ist, die uns vom realen oder vermeintlichen, zu feiernden Ereignis trennt, dient nicht zur Abrufung der Vergangenheit, sondern zur Vorbereitung auf die Zukunft. Ein Jubiläum, ob institutioneller Natur wie das 550-Jahr-Jubiläum der Universität Basel oder theologischer Natur wie das Weihnachtsfest, stellt also eine prototypische Verschmelzung von geschichtlichem Wissen und erzählerischem Glauben dar. Das Feiern eines Jubiläums rückt die gemeinschaftliche Identität ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Die lange (und langweilige) Geschichte, die uns von der Geburt von Jesus von Nazareth im Jahr 7 (oder 4) vor unserer Zeitrechnung trennt, ist etwas für Profis: Neutestamentler, Historiker, Altertumswissenschaftler. Die dichte (und kurzweilige) Weihnachtserzählung, die seit 2000 Jahren tradiert und gefeiert wird, ist hingegen etwas für uns alle.

Wenn man als Historiker die kulturelle Verarbeitung religiöser Bekenntnisse untersucht, so drängt sich die Feststellung auf, dass im Laufe der Jahrtausende die menschliche Suche nach jener Verortung im Gottesplan, die im Choral angesprochen wird, zwei Formen angenommen hat und immer noch annimmt: Gott nähert man sich entweder durch das Bild oder durch das Wort. Und Musik ist beides – weshalb es auch keine Religion gibt, die auf geregelte Rezitation, Klang oder Gesang verzichtet. Eine Kantate wie J. S. Bachs Weihnachtsoratorium ist Hochkultur, weil all diese Ausdrucksformen religiöser Suche darin ihren Platz finden. Bilder – auch jene, die musikalisch evoziert werden – sind besser geeignet für die Darstellung von Dingen oder Sachverhalten, die wir Menschen als nahe empfinden – Neurowissenschaftler benutzen dafür das englische Adjektiv proximal; das Bild ist ein optimaler Kanal, um Emotionen zu erzeugen oder um Erzählungen zu vergegenwärtigen. Hingegen eignen sich Worte besser für die Beschreibung dessen, was wir durch unsere Vernunft begreifen wollen – was nicht proximal, sondern distal ist; das Wort ist ein besseres Werkzeug für einen Zugang zur Sphäre des Göttlichen, der auch unsere Vernunft mobilisiert. Als Menschen brauchen wir eigentlich beides: Wir brauchen ein (reales oder mentales) Bild von etwas (ein Gemälde, ein Musikstück, ein physischer Gegenstand), um dieses Etwas in unsere emotionale Nähe zu rücken; aber wir brauchen das Wort, um zu verstehen, wovon wir überhaupt reden. Wir wollen ein Bild von etwas bekommen, bevor wir uns einen Reim auf etwas machen.

Warum? Weil Wissen allein uns nicht zu überzeugen, nicht emotional zu bewegen vermag. Wissen allein ist kalt. Um verinnerlicht zu werden, muss Wissen – erst recht wissenschaftlich fundiertes Wissen – in warmen Glauben umgemodelt werden. Glaube gibt Wissen sozusagen ein Bild – womit wir wieder bei jener Pendelbewegung in bildliche Richtung wären, die eintritt, wenn das Wort geistlos zu werden droht. Wir leben besser, wenn wir hoffen und nach dem Geist streben, als wenn wir unsere Hoffnung aufgegeben haben.

Glaube und Wissen befruchten sich gegenseitig. Glauben gewinnen wir durch Wissen, durch immer tiefere Beschäftigung mit dem Wort. Aber die Suche nach Wissen wird selbst von Glauben getrieben, denn nur durch Neugier und Vertrauen in die Möglichkeit der Wissensaneignung lässt sich fragmentarisches Wissen erweitern. Aber Vertrauen ist alles andere als blinde Aufopferung, sondern steht an der Drehscheibe von Wissen und Glauben. Die Fähigkeit zu vertrauen ist ein Zeichen der Gnade Gottes. Umso gravierender unser Versagen, unsere «Sünde», wenn wir Vertrauen enttäuschen – ob das Vertrauen eines Menschen oder das Vertrauen Gottes. Ich meine, dass auch nach dem Aufkommen und sogar dem scheinbaren Ende einer Ära der aufklärerischen Rationalität und der Deutungshoheit der Wissenschaft in der Erklärung der Welt der Glaube unser Wissen befruchten und erweitern wird. Erst recht in unserem überhitzten, postrationalen Zeitalter brauchen wir den festen Glauben, um den der Chor Gott ersucht, um zwischen dem prägnanten Bild und dem Deep Fake, zwischen dem weisen Wort und der Fake News zu unterscheiden.

Der heutige Kantatentext zeigt es: Unser Wissen um das empirische Zeichen ist objektiv, unsere Deutung des Zeichens setzt ein Glaubensbekenntnis voraus. Da jedoch Vergangenheit und Zukunft nicht linear, sondern sphärisch gegliedert sind und die scharfe Trennung zwischen ihnen im Jubiläum aufgehoben ist, ist es – bei allem gebotenen Respekt, der einem einmaligen Denker wie Jürgen Habermas gebührt – irreführend, die zwei Begriffe in eine historische Sequenz zu kleiden, wie er es in seinem letzten monumentalen Werk (Auch eine Geschichte der Philosophie) tut, als ob die Geschichte westlichen Denkens eine stete Verabschiedung vom Glauben hin zum Wissen belegen würde. Dem ist offensichtlich nicht so: Mag der institutionalisierte Glaube der christlichen Kirchen zurzeit eine Krise erleben, so bedeutet dies keineswegs, dass der feste Glaube als Prämisse für die Aneignung von Wissen abhandengekommen ist. Weiterhin bedingt das Wissen um etwas den Glauben daran, und weiterhin erzeugt dessen Infragestellung wiederum neues Wissen. Das heisst: Kein Wissen ohne Glauben, kein Glaube ohne Wissen. Keine sinnvolle Erinnerung ohne gemeinschaftliches Gedächtnis. Allweihnachtlich gedenkt die christliche Welt der Geburt von Jesus als eines transformativen Ereignisses der Heilsgeschichte. Und gedenken heisst nichts anderes, als nach vorne zu erinnern: aus einem kulturell verarbeiteten, sinnstiftenden Augenblick in der Vergangenheit Hoffnung auf eine Wiederkehr zu schöpfen.

Diese Erinnerung an unsere Zukunft, die dem Weihnachtsfest eingeschrieben ist, ist somit ein Pfeiler des Christentums als Religion der Hoffnung. Lieben kann man auch, indem man sich nach hinten wendet und sehnt – nach einer verloren gegangenen Liebe, nach einem verstorbenen Verwandten; glauben kann man auch an Vergangenes – das kann ich als Ägyptologe aus eigener Erfahrung beweisen, weil ich felsenfest glaube, dass meine Rekonstruktion des Vokalismus der ägyptischen Sprache die einzig richtige und jene meines Kollegen falsch ist. Aber wenn man hofft, kann man sich nur an die Zukunft erinnern und sich auf deren Wiederkehr vorbereiten. Das ist ein grosses Geschenk, das uns der allmächtige Gott überreicht hat, ein kleiner Hinweis auf unsere feste Stellung in seinem grossen Plan.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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