Lobe den Herrn, meine Seele

BWV 069a // zum 12. Sonntag nach Trinitatis

für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Flauto, Oboe d’amore, Oboe I-III, Tromba I-III, Pauke, Streicher und Basso continuo

Der klassische Psalmvers von Lob und Gottesgüte hat Bach in seinem Leipziger Antrittssommer 1723 zu einer besonders schwungvollen und prächtigen Komposition inspiriert. Der von einem reichen Orchesterapparat getragene weiträumighymnische Eingangschor wird dabei von kantablen und eleganten Binnensätzen abgelöst, die dem gewiss staunenden Publikum die Ambition und Klangkunst des neuen Thomaskantors als eines buchstäblich nach den Sternen greifenden Meisters der «tausend Zungen» in eindrücklicher Weise vorstellten.

J.S. Bach-Stiftung Kantate BWV 69

Video

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Werkeinführung
Reflexion

Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Mirjam Berli

Alt/Altus
Alex Potter

Tenor
Raphael Höhn

Bass
Dominik Wörner

Chor

Sopran
Lia Andres, Susanne Seitter, Noëmi Tran-Rediger, Anna Walker, Maria Weber

Alt/Altus
Jan Börner, Antonia Frey, Lea Pfister Scherer, Alexandra Rawohl, Damaris Rickhaus

Tenor
Clemens Flämig, Raphael Höhn, Christian Rathgeber, Nicolas Savoy

Bass
Daniel Pérez, Philippe Rayot, Oliver Rudin, Tobias Wicky, William Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Claire Foltzer, Elisabeth Kohler, Marita Seeger, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Matthias Jäggi, Martina Zimmermann

Violoncello
Martin Zeller, Hristo Kouzmanov

Violone
Markus Bernhard

Oboe
Katharina Arfken, Philipp Wagner, Natalia Herden

Fagott
Susann Landert

Trompete/Tromba
Lukas Gothszalk, Bruno Fernandes, Alexander Samawicz

Flauto dolce
Annina Stahlberger

Timpani/Pauke
Reto Baumann

Orgel
Nicola Cumer

Cembalo
Thomas Leininger

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Karl Graf, Rudolf Lutz

Reflexion

Referent
Rita Famos

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
25.08.2017

Aufnahmeort
Trogen AR (Schweiz) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Textdichter
Johann Oswald Knauer, 1720/21

Textdichter Nr. 1
Psalm 103, 2

Textdichter Nr. 6
Samuel Rodigast, 1675

Erste Aufführung
15. August 1723

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Grundlage des Kantatentextes ist eine zehn Sätze umfassende Dichtung des für den Sachsen-Gothai’schen Hof arbeitenden Johann Oswald Knauer. Ein unbekannter Dichter hat daraus die drei ersten und die drei letzten drei Sätze übernommen und bearbeitet. Die Kantate nimmt deutlich Bezug auf das Evangelium dieses Trinitatis-Sonntages, den Bericht von der Heilung eines Taubstummen, Markus 7, 31– 37. Bach hat später noch mehrmals auf diese Kantate zurückgegriffen und sie für die Ratswahl 1748 zur späteren Fassung (BWV 69) umgearbeitet.

1. Chor

»Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht,
was er dir Gutes getan hat.«

1. Chor
Mit dem bekannten Vers aus Psalm 103 erklingt das Thema der Kantate. Bach entwirft dafür eine mit Trompeten und Pauken, drei Oboen und Fagott, Streichern sowie Vokal­ensemble vierchörig disponierte Satzanlage, die ein weiträumiges Konzertieren mit opulentem Klangfarbenspiel ermöglicht. Der schwingende Dreiertakt verleiht dem musikalischen Gestus und Textvortrag dabei einen besonderen Drive. Auch die virtuosen Koloraturen der Singstimmen sprechen für den hohen Anspruch, den Bach in seinem ersten Leipziger Kantoratsjahr an sich selbst, die Ausführenden und die Zuhörer stellte. Die Ausgestaltung des Satzzentrums als Doppelfuge mit gut wahrnehmbarer Reihung von zunächst zwei Einzeldurchführungen mit nachfolgender Kombination beider Themen kann sogar als eine Art klin­gende Einführung in den Kontrapunkt aufgefasst werden, mit der Bach das Publikum an seine komplexe Denkweise heranzuführen trachtete.

2. Rezitativ (Sopran)

Wie groß ist Gottes Güte doch!
Er bracht uns an das Licht,
und er erhält uns noch!
Wo findet man nur eine Kreatur,
der es an Unterhalt gebricht?
Betrachte doch, mein Geist,
der Allmacht unverdeckte Spur,
die auch im Kleinen sich recht groß erweist.
Ach! möcht es mir, o Höchster, doch gelingen,
ein würdig Danklied dir zu bringen!
Doch, sollt es mir hierbei an Kräften fehlen,
so will ich doch, Herr, deinen Ruhm erzählen.

2. Rezitativ
Die beiden ersten Zeilen sind wohl Johann Mentzers Lied von 1703 entnommen: «O dass ich tausend Zungen hätte und einen tausendfachen Mund.» Um alle Guttaten Gottes verdanken zu können, wäre wohl eine tausendfache Stimme nötig.

3. Arie (Tenor)

Meine Seele,
auf! erzähle,
was dir Gott erwiesen hat.
Rühme seine Wundertat,
laß, dem Höchsten zu gefallen,
ihm ein frohes Danklied schallen.

3. Arie
Der glaubende Mensch will das, was er von Gott an Hilfe erfahren hat, nicht für sich behalten, sondern erzählen. Auf diese Weise sollen Gottes Wundertaten gerühmt werden. Nach den rauschenden Klängen des Eingangschores setzt Bach hier mit Blockflöte, Oboe da caccia, Tenor und Continuo plus Fagott intimere Akzente. Der warme Holzbläserklang hebt im Gegensatz zum vorangegangenen repräsentativen Gotteslob der gesamten Stadtgemeinde das freudige Gebet der einzelnen gläubigen Seele hervor. Im Verein mit dem 9∕8-Takt erzeugt er einen pastoralen Gestus der Geborgenheit und Zuversicht.

4. Rezitativ (Alt)

Der Herr hat große Ding an uns getan;
denn er versorget und erhält,
beschützet und regiert die Welt;
er tut mehr, als man sagen kann.
Jedoch, nur eines zu gedenken:
Was könnt uns Gott wohl bessers schenken,
als daß er unsrer Obrigkeit
den Geist der Weisheit gibet,
die denn zu jeder Zeit
das Böse straft, das Gute liebet?
Ja, der bei Tag und Nacht
vor unsre Wohlfahrt wacht.
Laßt uns dafür den Höchsten preisen;
auf, ruft ihn an,
daß er sich auch noch fernerhin
so gnädig woll’ erweisen.
Was unserm Lande schaden kann,
wirst du, o Höchster, von uns wenden
und uns erwünschte Hülfe senden.
Ja, ja, du wirst in Kreuz und Nöten
uns züchtigen, jedoch nicht töten.

4. Rezitativ
Die Gedanken der Arie werden noch weitergeführt. Der Glaubende ist gar nicht in der Lage, alles zu erzählen und gebührend zu rühmen, wofür er zu danken hat. Der Dichter vergleicht sich mit dem Taubstummen, dem Jesu Wort «ephatha» (tu dich auf) Gehör und Sprache verliehen hat. Daher die Bitte, dass auch zu ihm dieses Wort gesprochen würde, damit sein Mund «voll Dankens» werde, was Bach zu einer emphatischen Schlusskoloratur inspirierte.

5. Arie (Bass)

Mein Erlöser und Erhalter,
nimm mich stets in Hut und Wacht!
Steh mir bei in Kreuz und Leiden,
alsdenn singt mein Mund mit Freuden,
Gott hat alles wohl gemacht.

5. Arie
Die Bitte an den Erlöser um seine «Hut und Wacht» in allen Lebenslagen schliesst mit der Schlussbemerkung aus dem Bericht von der Heilung des Taubstummen: «Und sie erstaunten im höchsten Mass und sprachen: ‹Er hat alles wohlgemacht, und die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.›» Wieder wechselt Bach die Klangfarben – zu den Streichern tritt eine Oboe d’amore, und im gespannten h-Moll setzt der Bass zu einer pathetischen Bitte um den stetigen Schutz des Höchsten an. Der zwischen Menuett und Sarabande changieren­de Tanzcharakter verleiht dem Satz eine Art höfischen Ernst, der eindringlich abbildende und glaubensgewisse Gesangsgesten freisetzt («Kreuz und Leiden», «Freuden», «alles wohlgemacht»).

6. Choral

Es danke, Gott, und lobe dich
das Volk in guten Taten.
Das Land bringt Frucht und bessert sich,
dein Wort ist wohl geraten.
Uns segne Vater und der Sohn,
uns segne Gott der Heilge Geist,
dem alle Welt die Ehre tut,
für ihm sich fürchten allermeist;
und sprecht von Herzen: Amen!

6. Choral
Die sechste und letzte Strophe des Liedes von Samuel Rodigast nimmt den Schlusssatz der Arie nochmals auf und beschliesst vertrauensvoll die Kantate. Bach griff dafür auf einen Choralsatz aus seiner Weimarer Kantate «Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen» (BWV 12) von 1714 zurück, den er nach G-Dur transponierte und auf dessen instrumentale Zusatzstimme er verzichtete.

Reflexion

Rita Famos

Von der Kraft des Gotteslobes

Die Kantate «Lobe den Herrn meine Seele» (BWV 69a) gibt Grundsätzliches christlicher Spiritualität zu bedenken: Christen begründen ihr Leben nicht selbst. Sie verdanken es Gott, und diesem Umstand geben sie im Lob ihres Schöpfers Ausdruck. Glaube wird insbesondere durch Sprache tradiert. Es sind die Geschichten gelingenden Lebens, welche Christen Kraft zum Glauben und Leben geben.

«Diese Musik erhebt mich, durchglüht mich und steckt mich in ihrem optimistischen Tiefsinn an», sagt John Elliot Gardiner in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT zu Bachs Musik. Etwas von diesem Glühen und optimistischen Tiefsinn strahlt in der Kantate Lobe den Herrn meine Seele auf. Ich zumindest fühle mich jedes Mal, wenn ich sie höre, gestärkt, ermutigt aber auch getröstet. Die Musik spricht für sich, unabhängig vom Text und hat die Kraft, mich hineinzunehmen in einen Zustand der Dankbarkeit und der Zuversicht.
Aber auch wenn die Musik ohne Worte spricht, meint Gardiner an einem anderen Ort: «Wenn man nicht zumindest ansatzweise mit den religiösen Ideen vertraut ist, von denen diese Musik beseelt ist, können einem viele Nuancen entgehen.» In dieser Reflexion möchte ich einer dieser zentralen «religiösen Ideen» folgen. Sie liegt der Kantate zugrunde und lautet: Im Lob Gottes liegt eine lebensgestaltende Kraft.

Danke…
Lobe den Herren meine Seele. Bereits der Titel der Kantate BWV 69a thematisiert das Gotteslob. Allerdings steht die Absicht, Gott zu loben, implizit hinter dem gesamten Werk Bachs. «Soli Deo Gloria» lesen wir unter jedem musikalischen Werk von Johann Sebastian Bach als persönliche Signatur. Egal, ob das Werk das Leiden, die Schuld, den Tod thematisiert oder rein instrumental ist. «Soli Deo Gloria – Allein zur Ehre Gottes» soll es dienen. Die Musik hat die Funktion, Gott zu loben und die Wunder des Lebens widerzuspiegeln, so die Grundüberzeugung, die schon der Reformator Martin Luther äusserte und die hinter dem Werk Bachs liegt. Bach drückt damit aus, dass er immer über sich hinausweisen will. Auf einen anderen Ursprung, auf eine andere, eine grössere Kraft. Und er drückt mit dem Kürzel «SDG» aus, dass sein kreatives Schaffen ihn verbindet mit der kreativen Schöpferkraft Gottes, die er als Urgrund unter allem Sein spürt.
Mit den uralten biblischen Worten muntert die Kantate BWV 69a uns Hörende auf, ins Gotteslob einzustimmen und Gott gegenüber unsere Dankbarkeit auszudrücken. Dabei ist die Dankbarkeit zunächst nicht gebunden an einen erkennbaren Grund. Es ist eine allgemeine Dankbarkeit dem Leben gegenüber.
Diese Dankbarkeit dem Sein und dem Wunder des Lebens gegenüber empfinden alle, egal ob religiös oder nicht religiös. Sie ergreift uns beispielsweise bei Naturerlebnissen: wenn der erste Sonnenstrahl am Morgen unser Gesicht streichelt, wenn die Gischt unsere Haut elektrisiert, wenn die klare Sternennacht unseren Blick ins Universum lenkt. Sie überwältigt uns bei der Geburt eines Kindes, die wir zwar biologisch erklären können, die uns aber dennoch in ein ehrfürchtiges Staunen versetzt. Wir werden dankbar, einfach weil wir da sind, weil wir an der Einmaligkeit des Lebens teilhaben dürfen.
Religiöse Menschen geben diesen Empfindungen eine Adresse. Sie drücken ihren Dank dem Schöpfergott gegenüber aus. Die Liturgien aller christlichen Konfessionen enthalten seit zwei Jahrtausenden das Element des Gotteslobes als festen Bestandteil. Unbesehen der ganz konkreten Lebenssituation, am Anfang des Tagzeitengebetes oder des Gottesdienstes wird der Blick weggewendet von der eigenen Existenz hin auf Gott. Der Mensch anerkennt vor seinem Schöpfer, dass er nicht aus eigner Kraft besteht, dass sein Leben ein unverdientes Geschenk ist. Die christlichen Gottesdienste haben dieses dankbare Sich-Hinwenden zum Ursprung des Seins institutionalisiert. Es ist dadurch eine Art geistliche Übung geworden, die sich rhythmisch ins Leben der praktizierenden Christinnen und Christen einnistet. Sich regelmässig bewusst zu werden, dass der Mensch sein Leben nicht selber begründet, gehört genuin zur christlichen Spiritualität.
Der einzelne Gläubige ist dabei sicher nicht immer in der Stimmung, sich diesem Gotteslob hinzugeben. Denn der natürliche Impuls des Menschen ist es eher, sich ständig die Gefahren, Risiken und Probleme vor Augen zu halten, um rechtzeitig Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Dieser Impuls ist sicher eine wichtige Strategie, die dem menschlichen Geschlecht seine Weiterentwicklung und sein Überleben sichert. Aber die christliche Liturgie setzt mit dem Gotteslob diesem ängstlichen Impuls eine Ergänzung an die Seite. Der Blick weg von den Gefahren und Problemen hin zu Gott und seiner kreativen, schöpferischen Kraft schafft eine gesunde Distanz und entlastende Demut: Nicht aus eigener Kraft allein muss der Mensch das Leben bewältigen oder gar die Welt verbessern. Da gibt es Gott, der die Welt erschaffen hat und dessen Schöpferkraft in allem Leben weiterwirkt. Das entlastet, das tröstet, das ermutigt. Dabei lässt sich der einzelne glaubende Mensch, wenn auch oft nicht in der Stimmung für Dankbarkeit, tragen und anstecken von der Gemeinschaft, welche die alten Gesänge und Gebete wiederholt.

… und erzähle!
Nun gehen aber sowohl der Kantatentext wie auch der ihm zugrundeliegende Psalmtext einen Schritt weiter. «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.» Diese Aufmunterung zur dankbaren Erinnerung nimmt die Tenorarie auf, indem sie singend auch gleich die Methode des Erinnerns bekannt gibt: «Meine Seele, auf, erzähle!»
Im Erzählen der Geschichten, in denen Leben gelungen ist, liegt eine grosse Kraft. Die biblische Tradition ist narrativ. Sie überliefert viele Geschichten, in denen von Generation zu Generation weitererzählt wird, wie Menschen mit Gottes Beistand das Leben gemeistert haben. Und die biblische Tradition fordert uns auf, es als Individuen der Gemeinschaft gleich zu tun: Erzähle von den Geschichten, in denen Du das Leben gemeistert hast. Vergiss nicht, all das Gute, das Dir bereits widerfahren ist.
Victor Frankl, der jüdische Arzt und Psychotherapeut, Begründer der Logotherapie, schildert in seinem bekannten Werk «…und trotzdem Ja zum Leben sagen» seine Erlebnisse und Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz während des Zweiten Weltkriegs. Eindrücklich hat sich in meiner Erinnerung eine Erzählung eingeprägt: Frankl berichtet von einem Tag, an dem er und seine Leidensgenossen bereits sehr niedergeschlagen sind, als plötzlich auch noch der Strom ausfällt. Hoffnungslos und völlig entkräftet liegen die Gefolterten auf ihren Pritschen in der finsteren Baracke. Da wurde Frankl vom Blockältesten aufgefordert zu den Mitgefangenen zu reden. Und obwohl ihm nicht danach zu Mute war, erhob er seine Stimme. Er sprach von der Ungewissheit der Zukunft. «Aber», so fährt Frankl fort, «ich sprach nicht nur von der Zukunft und von dem Dunkel, in das sie gehüllt war, und von der Gegenwart mit all ihren Leiden, sondern ich sprach auch von der Vergangenheit – von all ihren Freuden und dem Licht, das sie noch in die Finsternis unserer Tage spendete. Ich zitierte den Dichter, der da sagt: ‹Was Du erlebt, kann keine Macht der Welt dir rauben.› Was wir in der Fülle unseres vergangenen Lebens, in dessen Erlebnisfülle verwirklicht haben, diesen inneren Reichtum kann uns nichts und niemand nehmen. Aber nicht nur, was wir erlebt, das, was wir getan, das, was wir Grosses je gedacht, und das, was wir gelitten (…) all das haben wir hereingerettet in die Wirklichkeit, ein für alle mal. Und mag es auch vergangen sein – eben in der Vergangenheit ist es für alle Ewigkeit gesichert! Denn Vergangen sein ist auch noch eine Art von Sein, ja, vielleicht die sicherste.»
Frankl spricht dann weiter von der Möglichkeit, jede Situation, das Leben mit Sinn zu erfüllen und schildert zum Schluss die Wirkung seines, wie er meint, bescheidenen Versuchs, die Mitgefangenen aufzumuntern. «Bald flammte die elektrische Birne an einem Balken unserer Baracke wieder auf, und ich sah die Elendsgestalten meiner Kameraden, die nun mit Tränen in den Augen zu meinem Platz heranhumpelten, um – sich zu bedanken…»
Diese unvergessliche Schilderung eines Tages in Auschwitz zeugt von der Kraft die im erinnernden Erzählen von hellen Momenten im Leben steckt. Das Erzählen von kraftvollen Augenblicken nimmt den Menschen heraus aus der lähmenden Gegenwart und versetzt ihn in den Augenblick, in dem er Lebendigkeit und Lebenskraft verspürte, in dem er Leben gestaltete, in dem er Freude empfand. Das Erzählen holt die Energie, die in diesen Momenten steckt, in die Gegenwart und führt den Menschen aus der Trance, in die ihn die Sorgen, Ängste und Qualen verwickeln können, heraus. Menschen können sich durch Erzählen in Verbindung setzen mit ihren Möglichkeiten und dem Potenzial, das in ihnen steckt, obwohl es ihnen momentan nicht zur Verfügung steht.
Meistens geschieht dies nicht spontan. Die Probleme der Gegenwart stehen uns natürlicherweise näher als die Erfolgsgeschichten und Glücksmomente der Vergangenheit. Deshalb brauchen wir ab und zu einen Freund, eine Seelsorgerin oder Therapeuten, die uns behutsam an der Hand nehmen und hinführen zu den lichten Momenten in unserer Lebensgeschichte. Diese seelsorgliche Rolle kann auch die Kantate Lobe den Herrn, meine Seele übernehmen. Ihre kraftvolle Musik mit ihrer klaren Aufforderung erinnert uns daran, dankbar zu sein für das Wunder des Lebens, an dem wir teilhaben dürfen. Beim Lauschen der beschwingenden Klängen lassen wir uns einladen, gelungene Momente unseres Lebens dankbar zu vergegenwärtigen. Sollte das Leben uns auf die «rauhe Bahn» werfen, werden der Dank und die erzählende Erinnerung uns stärken.

Literatur
• John Eliot Gardiner, Bach – Musik für eine Himmelsburg, Hanser, München 2016
• John Eliot Gardiner, «Diese Musik durchglüht mich», Interview in: DIE ZEIT, 8. Dezember 2016
• Victor Frankl, «… und trotzdem Ja zum Leben sagen», Kösel, München 3. Auflage 2012

 

 

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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