Wie schön leuchtet der Morgenstern

BWV 001 // zum Fest Mariae Verkündigung

für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Corno I+II, Oboe da cacc. I+II, Streicher und Continuo

Besonders erlesen ist die Besetzung der Kantate «Wie schön leuchtet der Morgenstern». Da sie 1851 den ersten Band der gerade ins Leben gerufenen Bach-Gesamtausgabe eröffnete, erhielt sie später die Nummer 1 des BWV. Mit dieser Kantate beendete Bach zum Festtag Mariae Verkündigung 1725 seinen im Sommer 1724 begonnenen Choraljahrgang. Neben vier Singstimmen und den obligatorischen Streichern verlangt sie mit zwei konzertierenden Violinen, zwei Oboen da caccia sowie zwei Hörnern gleich drei Paare seltener Soloinstrumente. Das Heranziehen der Blechbläser könnte dabei einem für dieses feierliche Lied naheliegenden Besetzungstopos entsprechen – hatte doch auch Bachs Amtsvorgänger Johann Kuhnau eine «Morgenstern»-Kantate mit zwei obligaten Hörnern komponiert.

J.S. Bach-Stiftung Kantate BWV 1

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Werkeinführung
Reflexion

Lutzogramm zur Werkeinführung

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Akteure

Solisten

Sopran
Eva Oltivànyi

Tenor
Makoto Sakurada

Bass
Manuel Walser

Chor

Sopran
Mirjam Berli, Susanne Frei, Guro Hjemli, Noëmi Sohn, Noëmi Tran-Rediger

Alt/Altus
Antonia Frey, Olivia Heiniger, Damaris Nussbaumer, Lea Scherer

Tenor
Marcel Fässler, Clemens Flämig, Nicolas Savoy

Bass
Philippe Rayot, Oliver Rudin, William Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Plamena Nikitassova, Martin Korrodi, Christoph Rudolf, Ildiko Sajgo, Olivia Schenkel, Fanny Tschanz, Livia Wiersich

Viola
Susanna Hefti, Martina Bischof

Violoncello
Maya Amrein

Violone
Iris Finkbeiner

Fagott
Susann Landert

Corno
Olivier Picon, Ella Vala Armansdottir

Orgel
Norbert Zeilberger

Cembalo
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Karl Graf, Rudolf Lutz

Reflexion

Referent
Elisabeth Bronfen

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
26.03.2010

Aufnahmeort
Trogen

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Textdichter Nr. 1, 6
Philipp Nicolai, 1599

Textdichter Nr. 2-5
unbekannter Bearbeiter

Erste Aufführung
Fest Mariae Verkündigung,
25. März 1725

Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk

Der repräsentative Eingangschor macht von der reichhaltigen Besetzung zugleich wirkungsvoll wie sensibel Gebrauch. Auf der Basis eines wiegenden 12/8-Metrums sorgen die Soloviolinen als klingende Sinnbilder des funkelnden Morgensternes für einen dezidiert sanften und verspielten Einstieg. Sie intonieren dabei ein vom Beginn der ersten Choralzeile inspiriertes tänzerisches Motiv, das den Verlauf des Satzes allenthalben prägt. Dabei beschränken sich die einzelnen Instrumentengruppen keineswegs auf ihr jeweils idiomatisches Material, sondern lassen die verschiedenen musikalischen Bestandteile kontinuierlich durch das gesamte Orchester wandern: So erklingen etwa die typischen Haltetöne der Hörner zuerst in den Streichern. In diesen beweglichen Klangraum arbeitet dann Bach in der für seine Choralkantaten typischen Weise die Liedzeilen ein, wobei die dem Sopran anvertraute Melodie von besonders phantasievoll gehaltenen Vorimitationen der Unterstimmen begleitet wird. Das auffällige textliche Scharnier der Strophe bei den Worten «Lieblich, freundlich» provoziert auch einen Wechsel der musikalischen Faktur. Der zunächst akkordische Satz geht in hymnische Aufstiegsfiguren über, die die abschliessende Zeile «hoch und sehr prächtig erhaben» augenfällig nachzeichnen.

Auf diesen Satz von himmlischer Länge und Ruhe folgt ein ebenso verzücktes Rezitativ, das textlich die Brücke von der Verkündigung zum weihnachtlichen Geschehen schlägt. Die anschliessende Arie stellt über einem gezupften Bass der Sopranstimme ein ungewöhnlich apartes Soloregister gegenüber. Die elegant fliessende Partie erhält durch die dunkle und warme Klangfarbe der Oboe da caccia einen verinnerlichten Charakter, der die Leitidee des Textes perfekt in Klang übersetzt-die «himmlischen göttlichen Flammen» lodern gebändigt allein in der Brust des Gläubigen.

Nach der freudig-abgeklärten Musik des Bassrezitativs wirkt die Tenorarie im menuettartigen 12/8-Takt wie der Finalsatz eines Doppelkonzerts für zwei Violinen und Orchester. Dass im Text ausdrücklich vom «Ton der Saiten» die Rede ist, mag Bach zu dieser reinen Streicherbesetzung motiviert haben. Der Tenor agiert in diesem Kontext weniger als herausgehobener Solist denn als dritte konzertierende Stimme. Doch vermag er sich im ausgedehnten Mittelteil, der nicht zufällig vom Lobopfer des «Gesangs» spricht, stärker in den Vordergrund zu spielen.

Im Schlusschoral, der sechsten Strophe von Philipp Nicolais berühmtem Lied aus dem Jahr 1599, treten die beiden Hörner nochmals auf den Plan. Während das Corno I den Sopran verdoppelt, schmettert das zweite Horn dazu eine prachtvolle Gegenstimme, die für einen jubelnden Ausklang der Kantate sorgt.

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Choralkantate nach dem Lied «Wie schön leuchtet der Morgenstern», dessen Text und Melodie von Philipp Nicolai stammen. Es ist ein Lied inniger Jesusliebe und hat seine Wurzeln im alttestamentlichen Hohelied und in der mittelalterlichen Mystik. Nicolai hat es in einer Pestzeit gedichtet und als Trostlied in der Sammlung «Freuden-Spiegel des ewigen Lebens» veröffentlicht. Den Morgenstern lässt Bach in den Figurationen von zwei Soloviolinen glitzern, die über einem mit Streichern und Bläsern (2 Hörner, 2 Oboi da caccia) festlich besetzten Orchester aufleuchten.

1. Chor

Wie schön leuchtet der Morgenstern
voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn,
die süsse Wurzel Jesse.
Du Sohn David aus Jakobs Stamm,
mein König und mein Bräutigam,
hast mir mein Herz besessen,
lieblich, freundlich,
schön und herrlich, gross und ehrlich,
reich von Gaben,
hoch und sehr prächtig erhaben.

1. Chor
Die erste, wörtlich übernommene Strophe des Chorals zitiert das Jesuswort aus Offenbarung 22, 16: «Ich bin der Wurzelspross und das Geschlecht Davids, der glänzende Morgenstern.» Jesus ist gemäss dem von Matthäus und Lukas überlieferten Stammbaum ein Nachkomme des Königs David. Jesse (=Isai) ist der Vater Davids. Die Choralmelodie erklingt zeilenweise im Sopran und 1.Horn und findet in den anderen Stimmen immer wieder einen Widerschein. Der Grundcharakter ist jubelnde Pracht und adventliche Freude.

2. Rezitativ (Tenor)

Du wahrer Gottes und Marien Sohn,
du König derer Auserwählten,
wie süss ist uns dies Lebenswort,

nach dem die ersten Väter schon
so Jahr’ als Tage zählten,
das Gabriel mit Freuden dort
in Bethlehem verheissen;
o Süssigkeit, o Himmelbrot,
das weder Grab, Gefahr noch Tod
aus unsern Herzen reissen!

2. Rezitativ
Das Rezitativ nimmt Gedanken aus der zweiten Liedstrophe und aus den Lesungen zum Festtag auf, nämlich die Verheissung des Messias an die «Väter» aus Jesaja 7 und die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel aus Lukas 1.

3. Arie (Sopran)

Erfüllet, ihr himmlischen, göttlichen Flammen,
die nach euch verlangende gläubige Brust!
Die Seelen empfinden die kräftigsten Triebe
der brünstigsten Liebe
und schmecken auf Erden die himmlische Lust.

3. Arie
Die in der dritten Liedstrophe erwähnte «Flamme deiner Liebe» ist das Stichwort, das in dieser Arie entfaltet wird. Schon auf Erden sollen die Menschen einen Vorgeschmack von der himmlischen Freude bekommen. In einer klanglich exquisiten Verbindung lässt Bach den Solosopran mit der Oboe da caccia duettieren.

4. Rezitativ (Bass)

Ein ird’scher Glanz, ein leiblich Licht
rührt meine Seele nicht;
ein Freudenschein ist mir von Gott entstanden,
denn ein vollkommnes Gut,
des Heilands Leib und Blut,
ist zur Erquickung da.
So muss uns ja
der überreiche Segen,
der uns von Ewigkeit bestimmt
und unser Glaube zu sich nimmt,
zum Dank und Preis bewegen.

4. Rezitativ
Dieses Rezitativ ist aus den Strophen vier und fünf geschöpft. Nicht um «irdischen Glanz» geht es, sondern um das Licht, welches von Gott kommt, und um die Gaben, mit denen Christus die Seinen erquickt. Das ist Anlass zu Lob und Dank.

5. Arie (Tenor)

Unser Mund und Ton der Saiten
sollen dir
für und für
Dank und Opfer zubereiten.
Herz und Sinnen sind erhoben,
lebenslang
mit Gesang,
grosser König, dich zu loben.

5. Arie
Mit der sechsten Strophe seines Liedes fordert Nicolai zum Lobgesang und Musizieren auf. Er schreibt: «Zwingt die Saiten in Cythara (d.h. stimmt die Saiten der Cythara) und lasst die süsse Musica ganz freudenreich erschallen.» Der Text legt dem Komponisten einen Streichersatz nahe, tänzerisch und froh, mit Echoeffekten und einem freudigen Wechselspiel zwischen dem Tutti und den beiden konzertierenden Violinen.

6. Choral

Wie bin ich doch so herzlich froh,
dass mein Schatz ist das A und O,
der Anfang und das Ende;
er wird mich doch zu seinem Preis
aufnehmen in das paradeis,
des klopf ich in die Hände.
Amen!
Amen!
Komm, du schöne Freudenkrone, bleib nicht lange,
deiner wart ich mit Verlangen.

6. Choral
Im Schlusschoral mit dem Blick voraus ins paradies bekommt das zweite Horn eine selbständige Stimme und unterstreicht Jenseitsverlangen und Herzensfröhlichkeit.

Reflexion

Elisabeth Bronfen

«Dämmerung der Seele»

Kulturphilosophische Reflexionen zur Kantate «Wie schön leuchtet der Morgenstern».

«Wie schön leuchtet der Morgenstern / voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, / die süsse Wurzel Jesse.» So beginnt die Bachkantate, zu der ich einige kulturphilosophische Reflexionen entwickeln möchte. Diese führen bewusst ein wenig vom biblisch-theologischen Denken weg, aber nicht zu weit, wie ich hoffe. Der Morgen, der von der Kantate gepriesen wird, bezieht sich auf die Verkündigung der Geburt Christi, stellt also einen Neuanfang dar, der mit der Einlösung einer Verheissung verknüpft ist. Somit leuchtet dieser Morgenstern einen Tag ein, der einem teleologischen Versprechen gleichkommt, der ersehnten Erlösung der Menschheit am Ende der Weltgeschichte. Meine eigene Arbeit darüber, wie die Nacht in der westlichen Kultur einen privilegierten Zeitraum für Grenzüberschreitungen darstellt, die im geistigen wie moralischen Sinn eine Verwandlung und zugleich Umwandlung bedeuten, knüpft in zwei Punkten an die Vorstellung eines verheissungsvollen Morgens an. Es bedarf der Nacht, damit man in einen Morgen schreiten kann; genauer, es bedarf einer spirituellen Umnachtung, damit der Morgenstern zum Sinnbild einer geistigen Dämmerung, eines Neuaufbruchs werden kann. Mit zunehmender Säkularisierung wird diese Vorstellung zwar von unserer westlichen Kultur vor dem Hintergrund der Heilsgeschichte gedacht, unser moderner Morgenstern rückt aber zugleich dessen vorgegebenes Ziel einer apokalyptischen Erlösung der Welt nicht mehr in den Vordergrund. Er leuchtet wesentlich individualisierter Geschichten eines neuen Tages ein.
Gleichzeitig ist bei der Refiguration, die die Vorstellung eines verheissungsvollen Tagesanbruches im westlichen Bildrepertoire erfahren hat, bedeutsam, dass die entscheidenden Stellen des Lebens- und Leidensweges Christi ihre Brisanz vor einem nächtlichen Hintergrund und der geistigen Dunkelheit erhalten, die diesem entspricht. In der Nacht zur Welt gekommen, verkörpert Christus ein von Gott bereitetes Licht, «zu erleuchten die Leiden, und zum Preis deines Volks» (Lukas 2, 32). An seine Anbetung sind nicht nur wiederholt Traumvisionen geknüpft. Auch die Passion Jesu Christi nutzt nächtliche Szenen, um das Versprechen einer Erlösung von Welt, die aus dem Opfer von Gottes Sohn entstehen wird, dramaturgisch zu untermalen: das Abendmahl, das Warten im Garten Gethsemane, die Kreuzabnahme und Grablegung, die Auferstehung. Als «andere Sonne» trägt Christus Licht in die irdische Nacht hinein, erhellt sowohl das Verzagen des Gläubigen wie den Verrat des Zweiflers. Vor allem in der Malerei wird immer wieder visuell hervorgehoben: Die Christusgestalt spendet wörtlich mit ihrem Leib ein Licht im Dunkeln, um mit diesem «anderen Licht» die Verführung, die von dämonischen Kräften ausgeht, zu entkräften. Vom Ende der Passionsgeschichte gedacht, lässt sich – und um diesen Punkt geht es mir – vom Morgenstern und dem Licht, mit dem dieser die Welt neu ausleuchtet, sagen: Dieser Stern greift ein geistiges Licht auf, welches bereits in der Nacht den Kampf zwischen guten und bösen Kräften ausgeleuchtet hat. Er führt dieses Licht fort, trägt es in einen neuen Tag hinüber.
Wie also erscheint im säkularisierten Denken der Moderne meine vorgeschlagene Denkfigur, dass es den Gegenzeitraum der Nacht braucht, damit die Morgendämmerung bedeutsam sein kann? Bei meiner Erkundung literarischer und visueller Nachtszenen bin ich auf einen gänzlich unerwarteten Fund gestossen. Dass die Nacht eine Bühne für erotische Exzesse, verbotene Abenteuer und gewaltsame Übergriffe stellt, wie überhaupt für alle Handlungen, die man dem Dämonischen zuschreiben will, liegt ebenso auf der Hand, wie der Umstand, dass die Nacht eine Freizeit darstellt und somit eine Befreiung aus den Zwängen des Alltagsgeschäfts. Was hingegen erst bei näherem Betrachten deutlich wird, ist, wie oft in literarischen Texten, die sich mit einem geistigen oder mit emotionalem Aufwachen im ethischen Sinn beschäftigen, dass die Nacht zur Bühne einer Selbstbefragung und Selbsthinterfragung wird. In der Nacht werden die Weichen gestellt, die zum einen bestimmen, wer in einen neuen Tag eintreten wird und wer in der Nacht – dem Wahnsinn, dem Tod – bleiben muss und zum anderen, wie der von einem Morgenstern ausgeleuchtete neue Tag verlaufen könnte. Deshalb nutzt der amerikanische Philosoph Stanley cavell auch die Morgendämmerung als Sinnbild für ein Wissen, welches in der Nacht gewonnen werden kann, beim Erwachen aber stückweise wieder vergessen werden muss. Dämmerung heisst auf Englisch «morning» und ist somit klanggleich mit dem Begriff für Trauer – «mourning». Daraus ergibt sich für Cavell das Diktum: Der Erwerb von Wissen führt über eine Trauer um all das, was man von sich streifen muss, um einen seelischen Neuanfang zu erlangen, einem Neustart gleich in einen Morgen. Anders formuliert: Löst man sich von lieb gewonnenen Eigenschaften und Obsessionen, die deshalb als nächtlich zu bezeichnen sind, weil sie einer (wenn auch verständlichen) Verblendung gleichkommen, ist dieser Schritt als eine Dämmerung der Seele im emphatischen Sinn zu verstehen.
Diesen Gedankengang findet man in der frühen Neuzeit von Shakespeare dramaturgisch umgesetzt, lässt er seine Liebenden doch vom Morgenstern beleuchtet am Rand des Feenwaldes aufwachen. Die Wirrnisse der vergangenen Sommernacht können sie nur noch schimärenhaft erinnern. Dennoch haben diese dazu beigetragen, dass die richtigen Liebenden wieder zueinandergefunden haben. Am Höhepunkt der Moderne, in Arthur Schnitzlers «Traumnovelle», ist der Morgenstern am Ende der Nacht bereits um einiges düsterer. Nach langem Herumirren auf den nächtlichen Strassen Wiens, die ihn von hysterischen Töchtern und syphiliskranken Prostituierten zu einer geheimen Orgie und schliesslich ins Leichenhaus geführt haben, kehrt Fridolin zu seiner Frau ins eheliche Bett zurück und beichtet ihr endlich alles. Während der Morgenstern durch die Vorhänge des Schlafgemachs sein Licht wirft, beugt der verzweifelte Gatte sich zu den grossen hellen Augen Albertines, «in denen jetzt auch der Morgen aufzugehen schien». Die Verheissung, die sie ihm verkündet, ist eine ernüchternde. Man könne, erklärt sie dem verzweifelten Fridolin «dem Schicksal dankbar sein, (…), dass wir aus allen Abenteuern heil davongekommen sind – aus den wirklichen und aus den geträumten». Dem fügt sie die Versicherung hinzu, «nun sind wir wohl erwacht … für lange», doch bevor Fridolin das Wort «für immer» hinzufügen kann, beschränkt sie selber das Licht des Morgensterns: «Niemals in die Zukunft fragen.»
Im Verlauf der säkularisierten Moderne wird, so hatte ich schon angedeutet, der teleologische Strahl des Morgensterns geschwächt. Nicht in der wortgetreuen Erfüllung einer Prophezeiung, sondern in einer radikal unbestimmten, offenen Zukunft liegt die Hoffnung dieser Dämmerung. So lautet denn der letzte Satz von Schnitzlers Novelle: «So lagen die beiden schweigend (…), bis es wie jeden Morgen um sieben Uhr an die Zimmertür klopfte, und (…) mit einem sieghaften Lichtstrahl durch den Vorhangspalt und einem hellen Kinderlachen von nebenan der neue Tag begann.» Ernüchternd und begeisternd zugleich ist diese bürgerlich-moderne Umschrift des biblischen Gedankens. Diese Figuren – Stellvertreter für uns – benötigen eine Reise ans Ende der Nacht, um zu jener Erkenntnis zu kommen, die ihnen erlauben wird, ihr Leben zu ändern. Losgelöst von den Bezügen des Alltags können sie sich neu denken. Der Morgenstern, der ihr Erwachen einleuchtet, ist somit nicht nur Sinnbild dafür, dass sie aus allen Traumnovellen aufwachen können. Egal wie dringlich die Erfahrung dieses anderen Wissens auch sein mag, man muss – und das ist ebenso entscheidend – am Ende der Nacht angelangt, aufwachen. Dieser moderne Morgenstern ist Sinnbild einer Notwendigkeit, wenn auch nicht ganz so teleologisch gedacht wie der aus Bachs Kantate.
Um diese Doppelbewegung nochmals auf ein prägnantes Bild zu bringen, die dem Morgenstern eine Scharnierfunktion zuweist, möchte ich ein letztes Mal die Literatur bemühen und zwar eine Szene aus George Eliots grandiosem Gesellschaftsroman «Middlemarch». Dessen Heldin Dorothea, die sich gerne für eine moderne heilige Theresa hält, hat die Nacht in einem Zustand mystischen Haderns mit sich selber und ihrem Gott verbracht. Zuerst hatte sie, über die vermeintliche untreue ihres Geliebten verzweifelt, nochmals Bilder ihres Scheiterns vor ihrem inneren Auge aufgerufen. Eine Anklage der anderen mündete schliesslich in einer heilsamen Erkenntnis – und deshalb sei hier von jener nächtlichen Erleuchtung gesprochen –, die im moralischen wie geistigen Sinne die Weichen für den kommenden Tag stellt. Dorothea begreift, dass sie von ihren eigennützigen Interessen absehen muss, um ihre Welt adäquater einzuschätzen, und zwar in dem sie alle anderen, die ebenfalls an ihrer Lebenswelt beteiligt sind, mit einschliesst.
Im Sinne der Erleuchtung, die das Licht Christi in ein nächtliches seelisches Ringen einführt, stellt diese Selbstdistanz eine Erlösung aus ihrer seelischen Qual dar. Mit dieser durchaus personalisierten Verheissung schläft Eliots Heldin ein und wacht in der Dämmerung auf, mit der Frage auf den Lippen, wie sie handeln soll, jetzt, heute schon. In diesem morgendlichen Licht geht sie zum Fenster. Ihr Blick fällt auf eine moderne Heilige Familie: «Auf der Landstrasse war ein Mann mit einem Bündel auf dem Rücken und eine Frau, die ihren Säugling trug, auf dem Feld sah sie sich bewegende Gestalten – vielleicht der Schafhirt mit seinem Hund. Weit entfernt war am ausgespannten Himmel das perlmutterne Licht; und sie fühlte die Grösse der Welt und das mannigfache Erwachen der Menschen zu Arbeit und Erdulden. Sie selbst war ein Teil dieses willkürlichen, pulsierenden Lebens und konnte weder als blosse Zuschauerin von ihrem wohnlichen Zufluchtsort aus darauf hinblicken noch in selbstsüchtigem Jammer ihre Augen davor verschliessen.» Das Licht des Morgensterns, mit welchem eine in der Nacht gewonnene Erkenntnis in einen neuen Tag hinübergetragen werden kann, einen neuen Tag überhaupt erst ermöglicht, dieses Licht ergibt die adäquate Entsprechung für den noch gänzlich offenen Entschluss, zu handeln. Greift der begeisternde Morgenstern das Licht einer göttlichen Erleuchtung in der Nacht auf, so ist dieses schöne Leuchten auch das Licht, an dem jene, die in einen neuen Tag zu schreiten bereit sind, sich orientieren dürfen, auch wenn man weder weiss, wie dieses Handeln aussehen wird, noch die Konsequenzen dieser Verheissung berechnen kann. Man weiss lediglich, dass es einen Morgen gegeben hat und es nach jeder zukünftigen Nacht auch einen neuen Morgen geben wird.

 

 

Literatur
• Elisabeth Bronfen, Stanley Cavell. Zur Einführung, Hamburg 2009
• Elisabeth Bronfen, Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht, München 2008
• George Eliot, Middlemarch. Aus dem Englischen übersetzt von Ilse Leisi, Zürich 1962
• Arthur Schnitzler, Traumnovelle, in: Traumnovelle und andere Erzählungen, Frankfurt a. M. 1986

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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