Nun danket alle Gott

BWV 192 // zum Reformationstag

für Sopran und Bass, Vokalensemble, Streicher, Traversflöte I+II, Oboe I+II und Basso continuo

Die wahrscheinlich 1730 ohne erhaltene Zweckbestimmung komponierte Kantate «Nun danket alle Gott» ist ein Nachzügler zu Bachs Choraljahrgang von 1724/25. Unter Verzicht auf gedichtete Texte auf das bekannte Kirchenlied von Martin Rinckardt (1636) konzentriert, entstand das Werk möglicherweise für die Schlosskapelle des Herzogs von Sachsen-Weissenfels, dem Bach seit 1729 nebenher als Titularkapellmeister diente. Die beiden umrahmenden Tutti-Sätze heben als prachtvoll-bewegliche Festchöre den Lob- und Dankcharakter hervor, der durch die Traversflöten und Oboen eine mehr lichte als triumphierende Färbung erhält. Da auch das dazwischen eingefügte Sopran-Bass-Duett einen bei aller Entschlossenheit zart leuchtenden Grundzug ausbildet, ist neben dem Trinitatis- oder Kirchweihfest sowie dem Reformationstag auch eine Trauung als Entstehungsanlass diskutiert worden. Weil der Tenorpart im originalen Stimmenmaterial fehlt, sind Aufführungen der ausserordentlich reizvollen Kantate stets auf Rekonstruktionen angewiesen.

J.S. Bach-Stiftung Kantate BWV 192

Video

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Miriam Feuersinger

Bass
Manuel Walser

Chor

Sopran
Jessica Jans, Susanne Seitter, Noëmi Sohn Nad, Noëmi Tran-Rediger, Anna Walker, Mirjam Wernli

Alt
Antonia Frey, Tobias Knaus, Lea Pfister-Scherer, Alexandra Rawohl, Lisa Weiss

Tenor
Zacharie Fogal, Manuel Gerber, Raphael Höhn, Sören Richter

Bass
Fabrice Hayoz, Grégoire May, Retus Pfister, Philippe Rayot, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Elisabeth Kohler, Olivia Schenkel, Aliza Vicente, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Claire Foltzer, Matthias Jäggi

Violoncello
Martin Zeller, Bettina Messerschmidt

Violone
Markus Bernhard

Traversflöte
Tomoko Mukoyama Herzig, Rebekka Brunner

Oboe
Katharina Arfken, Clara Espinosa Encinas

Fagott
Susann Landert

Orgel
Nicola Cumer

Cembalo
Thomas Leininger

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter, Thomas Leininger

Reflexion

Referent
Abt Urban Federer

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
23.04.2021

Aufnahmeort
St. Gallen (Schweiz) // Olma-Halle 2.0

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erstmalige Aufführung
4. Juni 1730 – Schlosskirche Sangerhausen

Textdichter
Martin Rinckart

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Dankbarkeit gehört zur Matrix des christlichen Glaubens: Abendmahl auf Griechisch heisst Eucharistía (Danksagung), für Luther ist sie «das Herz des Evangeliums», die Ethik im reformierten Heidelberger Katechismus ist «Von der Dankbarkeit» überschrieben. Die wahrscheinlich 1730 ohne überlieferte Zweckbestimmung komponierte Kantate «Nun danket alle Gott» steht ganz im Zeichen dieses Gedankens und ist zugleich eine Fortschreibung von Bachs Choraljahrgang von 1724/25. Ohne frei gedichtete Texte auf das Kirchenlied von Martin Rinckart (1636) konzentriert, entstand das Werk möglicherweise für die Hofkapelle des Herzogs von Sachsen-Weissenfels, dem Bach seit 1729 nebenher als Titularkapellmeister diente. Immerhin weiss man, dass «Nun danket alle Gott» bei Trauungen, beim Neujahrstag und beim Reformationsfest gesungen wurde. Insofern ist eine Aufführung am Reformationstag 1730 nicht unwahrscheinlich; die Darbietung einer textgleichen Komposition in der Weissenfelser Nebenresidenz Sangerhausen am Trinitatisfest dieses Jahres verweist auf eine weitere mögliche Zweckbindung dieser vielseitig einsetzbaren Kirchenmusik. Weil der Tenorpart im originalen Stimmenmaterial fehlt und keine Partitur erhalten ist, sind Aufführungen der Kantate stets auf Rekonstruktionen angewiesen, die sich allerdings auf gewisse strukturelle und kontrapunktische Notwendigkeiten stützen können. Während in der Praxis lange Zeit die auch in die Neue Bach-Ausgabe eingegangene Ergänzung Alfred Dürrs herangezogen wurde, haben wir uns für eine an der Bach’schen Vokalstimmführung orientierte neuere Annäherung Detlev Schultens entschieden.

1. Chor
Versus 1

Nun danket alle Gott
mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut
an uns und allen Enden,
der uns von Mutterleib
und Kindesbeinen an
unzählig viel zugut
und noch jetzund getan.

1. Chor
Versus 1

Das bekannte Lied des Kirchenmusikers und lutherischen Pfarrers Martin Rinckart (1586– 1649) entstand um 1630 herum. Es handelt sich bei der ersten (und zweiten) Strophe um eine singbar gemachte Nachdichtung (Parodie) des Segensgebetes aus dem apokryphen Buch Jesus Sirach (Kap. 50, 22), zum Teil wörtlich aus der Lutherübersetzung übernommen. Schön ist die ergänzende Verdeutlichung des Dankes «mit Herzen, Mund und Händen», womit die innere Haltung, die bewusst machende Versprachlichung und die Umsetzung im Leben angesprochen sind, alles dies in einem weiten Zeithorizont («von Mutterleib und Kindesbeinen an» bis heute). Bach mobilisiert für diesen freudigen Danktext eine federnde Orchestermusik, die dank der Oboen und Traversflöten einen mehr lichten als triumphierenden Charakter erhält. Seine Choralbehandlung ist gegenüber den Modellen von 1724/25 nochmals freier und reichhaltiger, was sich etwa an der Einfassung des eigentlichen Zeilendurchlaufs mit bewegten Unterstimmen und gedehntem Sopran-Cantus-firmus durch einen gestischen Tuttiblock zu Beginn sowie am Ende zeigt. Zudem ist die kontrapunktische Führung der Chorstimmen von bemerkenswerter Stringenz und Souveränität.

2. Arie — Sopran, Bass
Versus 2

Der ewig reiche Gott
woll uns bei unserm Leben
ein immer fröhlich Herz
und edlen Frieden geben
und uns in seiner Gnad
erhalten fort und fort
und uns aus aller Not
erlösen hier und dort.

2. Arie — Sopran, Bass
Versus 2

Die zweite Strophe – auch sie teilweise in wörtlicher Anlehnung an den Luthertext aus dem Buch Jesus Sirach (Kap. 50, 23–24) – hat zur Vermutung geführt, dass «und edlen Frieden geben» eine Datierung des Liedes aufs Ende des Dreissigjährigen Krieges nahelege, Quellenfunde widerlegen das allerdings. Wenn schon, so ist eine Publikation zum 100-Jahr-Jubiläum der «Confessio Augustana» wahrscheinlich, die vom 23. bis 27. Juni 1630 gefeiert wurde. Da der Erstdruck des Liedes 1636 erfolgte, wäre auch eine Beziehung auf den in Rinckarts sächsischer Heimat hoffnungsvoll begrüssten Frieden von Prag 1635 denkbar. Das Sopran-Bass-Duett kombiniert eine leichtfüssige und nahezu tänzerisch-galante Orchestermotivik einschliesslich der auffällig hervorgehobenen Oberstimme mit einem kernigen Auftritt der Singstimmen, die in ihrem inspirierten Detailreichtum an Bachs Weimarer Kantaten erinnern.

3. Chor
Versus 3

Lob, Ehr und Preis sei Gott,
dem Vater und dem Sohne
und dem, der beiden gleich
im hohen Himmelsthrone,
dem dreieinigen Gott,
als der ursprünglich war
und ist und bleiben wird

3. Chor
Versus 3

Rinckarts Lied und die Kantate schliessen mit einer Doxologie, einem Lobpreis auf den dreieinigen Gott Vater, Sohn und Geist, letzterer wird umschrieben als der, «der beiden gleich» ist, sowie einer Formel, die alle drei Zeitdimensionen und die Ewigkeit umfasst. Somit rundet sich dieser schlichte, eindrückliche Liedund Kantatentext zur Trias Dank, Bitte, Lobpreis. Bach wählt für den Beschluss der Kantate den beschwingten 12⁄8-Rhythmus einer Giga, in den sich die emsig tänzelnden Singstimmen organisch einfügen. Im Wechsel von Vokalensemble und Orchester ergeben sich reizvolle konzertante Klangwechsel.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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