Jesus nahm zu sich die Zwölfe

BWV 022 // zu Estomihi

für Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe, Streicher und Continuo

«NB. Dies ist das Probestück in Leipzig» – mit dieser Bemerkung hielt einer der Leipziger Notenkopisten Johann Sebastian Bachs auf einer Abschrift der Kantate «Jesus nahm zu sich die Zwölfe» BWV 22 fest, dass es sich dabei um dessen Bewerbungsmusik um das Thomaskantorat gehandelt hatte. Dabei war die Berufung des Köthener Kapellmeisters Bach keineswegs so selbstverständlich gewesen, wie es der heutige Nachruhm des Meisters nahelegt. Vielmehr war nach dem Tod des Kantors Johann Kuhnau am 5. Juni 1722 zunächst der in Leipzig seit Studententagen bestens vernetzte Georg Philipp Telemann erste Wahl gewesen. Es bedurfte erst der Absage dieses bereits gewählten Kandidaten, bevor es zu einer echten Ausschreibung kam, in der mit dem Darmstädter Johann Christoph Graupner sowie mit Bach auswärtige Anwärter dominierten. Beide erhielten die Chance, einen Gottesdienst mit zwei Kantaten auszugestalten. Bach wurde dabei der Sonntag Estomihi (7. Februar 1723) zugewiesen, wobei er seine Kompositionen – neben der Predigtkantate BWV 22 wurde als Abendmahlsmusik «Du wahrer Gott und Davids Sohn» BWV 23 dargeboten – weitgehend noch in Köthen vorbereiten konnte.

J.S. Bach-Stiftung Kantate BWV 22

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Werkeinführung
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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Alt/Altus
Markus Forster

Tenor
Johannes Kaleschke

Bass
Ekkehard Abele

Chor

Sopran
Susanne Frei, Guro Hjemli, Noëmi Tran-Rediger, Alexa Vogel

Alt/Altus
Jan Börner, Antonia Frey, Olivia Heiniger, Lea Scherer

Tenor
Marcel Fässler, Clemens Flämig, Nicolas Savoy

Bass
Fabrice Hayoz, Valentin Parli, Philippe Rayot

Orchester

Leitung & Cembalo
Rudolf Lutz

Violine
John Holloway (special Guest), Renate Steinmann

Viola
Susanna Hefti

Violoncello
Martin Zeller

Violone
Iris Finkbeiner

Oboe
Stefanie Haegele

Fagott
Dorothy Mosher

Orgel
Norbert Zeilberger

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Karl Graf, Rudolf Lutz

Reflexion

Referent
Ingrid Grave

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
19.02.2010

Aufnahmeort
Trogen

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Textdichter Nr. 1
Zitat aus Lukas 18

Textdichter Nr. 2-4
Unbekannt

Textdichter Nr. 5
Elisabeth Creutziger, 1524

Erste Aufführung
Sonntag Estomihi,
7. Februar 1723

Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk

Was macht nun «Jesus nahm zu sich die Zwölfe» zu einem geeigneten «Probestück» und welche Vision einer «wohlbestallten Kirchenmusik» (Johann Sebastian Bach 1730) stellte der in Leipzig noch wenig bekannte Bach damit zur Diskussion?

Zunächst entschied er sich für eine knapp, aber farbig gehaltene Komposition, in der kein Satz dem anderen gleicht. Auf eine Tuttieröffnung mit Soloepisoden folgen eine Altarie mit obligater Oboe, ein von Streichern begleitetes Bass-Accompagnato, eine tänzerische Tenorarie mit Violinen und Viola sowie ein Schlusschoral mit eigenständigem Orchestersatz. Trotz fasslicher Form und Melodik ist nichts schematisch angelegt – selbst das auskomponierte Da-capo der Arien weist bemerkenswerte Eigenheiten auf.

In der Konzeption des Eingangssatzes umschiffte der Prüfling souverän die im Libretto verborgenen Fallstricke. Anstatt den gesamten Text als Tuttichor misszuverstehen, übertrug Bach den ersten Abschnitt einem solistischen Tenor, der mit einer Leseankündigung dem Bass als der für Christusworte angemessenen Stimmlage das Wort erteilt. Vorgeschaltet ist ein Streichervorspiel mit solistischer Oboe, deren Kopfmotiv die spätere Textphrase «Wir gehn hinauf gen Jerusalem» anklingen lässt. Dass Bach in der Zwölfzahl der Jünger exakt zwölf Sechzehntelschläge untergebracht hat, sei nur am Rande erwähnt. Abgelöst wird das Bass-Arioso von einer vierstimmigen Chorfuge, in die sich später die Instrumente einschalten. Dass Bach dabei zwischen Solovokalisten und verstärkenden Tuttisängern differenziert, kann als wichtiges Indiz für seine heute in der Fachwelt umstrittene chorische Besetzungsnorm gelten. Die vom Bibeltext beschriebene «Verwirrung» der Jünger wird durch abrupte Pausen sowie gehäufte Tritonus-Intervalle, den heftigsten Missklang der barocken Harmonik, angedeutet. Mit diesem einem Steigerungsprinzip folgenden Satzaufbau griff Bach gewiss nicht zufällig eine Form auf, wie sie in den Kantaten des ungleich populäreren Telemann vielfach vorexerziert wurde.

Auf den gewichtigen Kopfsatz folgt mit der Arie «Mein Jesu, ziehe mich nach dir» ein geschmeidiges Trio von Oboe, Alt und Continuo, mit dem Bach sich als seriöser Kirchenkomponist auszuweisen trachtete. Seine für das neue Amt unverzichtbare Meisterschaft in der Rezitativ-Komposition stellte er in «Mein Jesu, ziehe mich» ähnlich eindrucksvoll unter Beweis. Dank der hinzugefügten Streicherbegleitung, der weiten harmonischen Spannweite sowie der elastisch geführten Solostimme gelingt es ihm, jede Facette des Textes überzeugend nachzuzeichnen. Nach diesen ernsten Klängen schlägt das geschwinde Menuett der Arie «Mein alles in allem» volkstümlichere Töne an. Einen regelrechten «Ohrwurm» hat Bach mit dem Schlusschoral vorgelegt: Über einem munteren Bass intonieren Streicher und Oboe eine federnde Melodie, die trotz der durchgehenden Sechzehntelbewegung keineswegs unruhig, sondern überaus friedvoll klingt. So eingekleidet, erhält die inhaltsschwere Choralstrophe «Ertöt uns durch dein Güte, erweck uns durch dein Gnad» von Elisabeth Cruciger (1524) eine bemerkenswert zutrauliche Dimension.

Mit seinem «Probestück» von Estomihi 1723 setzte der Kandidat Bach – ohne sein überragendes Handwerk zu verleugnen – erkennbar auf melodische Eingängigkeit und formale Stringenz. Spätestens beim Hören seiner riesenhaften und in jeder Hinsicht experimentellen Antrittskantaten vom Sommer 1723 dürfte vielen Leipzigern dann aber klargeworden sein, dass der neue Kantor kompromisslos höchste Ansprüche verfolgte und sie insofern ein Stück weit hinters Licht geführt hatte.

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

Die Kantate nimmt Bezug auf den ersten Teil des Sonntagsevangeliums aus Lukas 18: Jesus offenbart den zwölf Jüngern, dass sich in Jerusalem seine Passion vollenden werde. Es handelt sich um eine der beiden Kantaten, mit denen sich Johann Sebastian Bach um die Kantorenstelle an der Thomaskirche in Leipzig beworben hatte.

1. [Arioso und Chor] (Tenor, Bass, Chor)

Jesus nahm zu sich die Zwölfe und sprach:
(Bass)
Sehet, wir gehn hinauf gen Jerusalem,
und es wird alles vollendet werden,
das geschrieben ist von des Menschen Sohn.
(Chor)
Sie aber vernahmen der keines und wussten
nicht, was das gesaget war.

1. Arioso und Chor
Das auf Tenor (Evangelist), Bass (Jesus) und Chor (Jünger) aufgeteilte Zitat aus dem Lukasevangelium spricht von der Leidensankündigung Jesu und vom Unverständnis der Jünger. Ein mehrfach wiederkehrender Orchesterteil (Ritornell) verbindet diese Teile.

2. Arie (Alt)

Mein Jesu, ziehe mich nach dir,
ich bin bereit, ich will von hier
und nach Jerusalem zu deinen Leiden gehn.
Wohl mir, wenn ich die Wichtigkeit
von dieser Leid- und Sterbenszeit
zu meinem Troste kann durchgehends
wohl verstehn!

2. Arie
Im Unterschied zu den Jüngern, welche die Ankündigung nicht verstehen, bittet der Dichter, Jesus auf seinem Leidensweg begleiten zu dürfen: die solistisch eingesetzte Oboe gibt diesem Bitten beredten Ausdruck.

3. Rezitativ (Bass)

Mein Jesu, ziehe mich, so werd ich laufen,
denn Fleisch und Blut verstehet ganz und gar
nebst deinen Jüngern nicht, was das gesaget
war.
Es sehnt sich nach der Welt und nach dem
grössten Haufen.
Sie wollen beiderseits, wenn du verkläret
bist,
zwar eine feste Burg auf Tabors Berge bauen;
hingegen Golgatha, so voller Leiden ist,
in deiner Niedrigkeit mit keinem Auge
schauen.
Ach! kreuzige bei mir in der verderbten Brust
zuvörderst diese Welt und die verbotne Lust,
so werd ich, was du sagst, vollkommen wohl
verstehen
und nach Jerusalem mit tausend Freuden
gehen.

3. Rezitativ
«Die Welt» will nicht einen leidenden, sondern einen triumphierenden Christus sehen; mit dem «Berg Tabor» wird auf die Erzählung von der Verklärung Jesu (Matthäus 17) angespielt. Der Dichter jedoch will auch am Leiden Jesu Anteil haben und dessen Sinn verstehen. Gesangliche Deklamation und die bewegten Begleitfiguren rücken dieses Bass-Rezitativ in die Nähe eines Arioso.

4. Arie (Tenor)

Mein alles in allem, mein ewiges Gut,
verbessre das Herze, verändre den Mut;
Schlag alles darnieder,
was dieser Entsagung des Fleisches zuwider!
Doch wenn ich nun geistlich ertötet da bin,
so ziehe mich nach dir in Friede dahin!

4. Arie
Der Dichter erweitert seinen Vorsatz mit der Bitte um ein starkes Herz und guten Mut, damit er den menschlichen Schwächen widerstehen könne und Christus ihn dereinst zu sich ziehen werde. Bach schreibt eine Art Tanzsatz und unterstreicht die Worte «Frieden» und «ewig» durch einen lang gehaltenen Ton des Sängers, während im Orchester die Bewegung weiterläuft.

5. Choral

Ertöt uns durch dein Güte,
erweck uns durch dein Gnad;
den alten Menschen kränke,
dass der neu’ leben mag wohl hie auf dieser Erden,
den Sinn und all Begehren
und G’danken hab’n zu dir.

5. Choral
Die letzte Strophe des Liedes «Herr Christ, der einig Gotts Sohn» von Elisabeth Creutziger, der ersten evangelischen Liederdichterin, bezieht sich auf Worte des Apostels Paulus (Römer 6), wonach in der Taufe «der alte Mensch» mit Christus begraben wurde und mit dem auferstandenen Christus zu einem neuen Leben auferweckt worden ist.

Reflexion

Sr. Ingrid Grave

«Dass der neue Mensch leben mag»

«Jesus nahm zu sich die Zwölfe» – die Hoffnung auf Nähe zum Zeitpunkt des Todes ist die Hoffnung auf Leben.

«Jesus nahm zu sich die Zwölfe», so lautet der Titel der Kantate dieses Abends und so beginnt auch ihr Text. Aufgezeichnet wurden die Worte vom Evangelisten Lukas. Wer sind die Zwölfe? Es sind jene Männer, die Jesus selbst aus dem grossen Kreis der Jünger und Jüngerinnen ausgewählt und in seine unmittelbare Nähe gezogen hatte. Nicht jetzt, kurz vor seinem Leiden, sondern schon früher. Diesen Männern seines Vertrauens traut er es zu, die bevorstehenden Schreckenstage durchstehen zu können. «Sehet, wir gehn hinauf gen Jerusalem, und es wird alles vollendet werden (…)». Doch sie verstanden nicht, «was da gesaget war.»
Denn wer will schon die nahende Katastrophe verstehen, die sich in verhüllter Weise ankündigt? In Jerusalem «wird alles vollendet werden, das geschrieben ist von des Menschen Sohn». Was stand denn geschrieben in den Heiligen Schriften? Ob die Zwölfe es so genau wussten? Wohl kaum! Zumindest konnten sie für sich den Zusammenhang nicht herstellen zwischen dem Geschriebenen und dem, was um sie herum vorging.
Was stand geschrieben, und was alles steht heute geschrieben? Für uns gedruckt und ausgedruckt auf unendlich viel Papier! Vor unseren Augen wird täglich ausgebreitet, was uns bedrohen könnte. Oder uns real bedroht! Nur zu gern lassen wir es da, wo es geschrieben steht! ungeachtet dessen gehen wir weiterhin verbissen, tapfer oder mit leicht versteckter Resignation auf unser Jerusalem zu! Oder gehen wir einfach, weil wir eh und je in diese Richtung gegangen sind?

Vor fast zwei Jahrtausenden geschrieben, hineingehoben in meine Zeit, in unsere Zeit, gewinnt das biblische Wort eine Aktualität, eine Lebendigkeit, die mir, die uns ans Lebendige geht. Wir sind schon mittendrin! Dem Bibelwort folgt ein Text, der in Sprache und Stil uns Heutigen nicht mehr über die Lippen will. Der unbekannte Dichter nimmt auf, was als Bibelwort geschrieben steht und zieht seinerseits diese Worte in sein eigenes Leben hinein. Er weiss – anders als die Zwölfe – was in Jerusalem geschehen wird, oder genauer, was dort vor Zeiten geschehen ist. Ihm ist bewusst: Genau so wie die Zwölf kann ich am Wesentlichen vorbeisehen, weil ich mich fürchte zu verstehen, «was da gesaget war». Und nicht nur, weil ich mich fürchte, sondern auch, weil ich mich möglicherweise dem ganzen Geschehen verweigere – es ist zu schrecklich!
Die Forderung und Herausforderung besteht darin, mit diesem Jesus ins Leiden hineinzugehen. Doch es gilt hier, sich dem Text mit Achtsamkeit zuzuneigen: Jesus hat nicht gefordert. Seine Worte sind eher eine verhalten ausgedrückte Erwartung oder Bitte: Lasst mich nicht allein in meiner Erniedrigung. Die engsten Vertrauten Jesu hören es mit ihren Ohren, aber die Worte fallen nicht hinunter in ihre Herzen.
«Mein Jesu, ziehe mich (…)», betet nun der unbekannte Dichter der ersten Kantatenstrophen. Mit anderen Worten: Berühre mein Herz! Nur wo das Herz angerührt ist, wächst die Kraft der Treue zu einem Menschen, der durchs Leiden gehen muss. Dann «werd ich laufen» für diesen Menschen, mit diesem Menschen – hin zum Ort seines Leidens.
Wenn mein «Fleisch und Blut» sich sträubt, eigenes und anderer Leiden als Realität verstehen und annehmen zu lernen, dann, Jesus, ziehe mich heraus aus dem «grössten Haufen»! Ich sehe ihn vor mir, diesen «Haufen», diesen «grössten», allgemeinen. Es ist bequem, mit ihm zu laufen. Im allgemeinen Trend hat Leiden weder Sinn noch Wert. Glücklich ist, wer verdrängen kann, was elend macht, um sich «eine feste Burg auf Tabors Berge (zu) bauen».

Der biblische Berg Tabor ist der Inbegriff von Entrückung und Herausgenommensein aus Kümmernissen, Stress und Alltagsplage. Wenigstens so wurde es von Petrus, Jakobus und Johannes verstanden. Sie sind drei von den Zwölfen. Einst hatte Jesus sie beiseitegenommen und mit ihnen den Berg Tabor erstiegen (vgl. Matthäus 17, 1–9; Markus 9, 2–9; Lukas 9, 28–36). Jesus betete, und im Beten verwandelte sich sein Aussehen. Jesu Freunde erleben ihn in einem lichtvoll verklärten Zustand und sehen ihn im Gespräch mit den beiden längst verstorbenen Propheten Moses und Elia. Diese Erfahrung löst bei Petrus, Jakobus und Johannes eine Verwirrung aus, ein Schweben zwischen Ergriffenheit, Bewunderung und Furcht.
Petrus ist es, der sich als Erster zu fassen scheint: Hier will er bleiben, nicht mehr hinunter von diesem Berg. Er bringt sein Empfinden und sein Sehnen ins Wort: «Hier ist gut sein, hier wollen wir drei Hütten bauen.» – Doch dies bleibt ein Wunsch! Jesus selbst ist es, der mit den dreien vom Berg wieder hinuntersteigt. Zu jenem Zeitpunkt wissen sie noch nicht, wie ihr verehrter Meister einst enden wird, und welches Tal der Enttäuschungen und Niedergeschlagenheit sie dann zu durchschreiten haben.
Jetzt aber wenden sie ihre Füsse gen Jerusalem, vielleicht schon erfüllt mit ersten dumpfen Ahnungen, dass mit dem Tod Jesu auch sie dort all ihre Illusionen und Machtphantasien zu Grabe tragen müssen. Bis auf einen – so berichtet die Bibel – haben alle Männer seines Vertrauens ihren Meister Jesus im entscheidenden Augenblick im Stich gelassen und die Flucht ergriffen. Der Dichter der Bachkantate fleht geradezu um die Kraft der Treue. Er weiss zu gut, dass sein «Fleisch und Blut (…) Golgatha, (das) so voller Leiden ist, (…) mit keinem Auge schauen» will. Er bittet um «geistliche Ertötung». Was – um Gottes willen – soll oder muss in uns «ertötet» werden, damit wir das Heil erlangen? Tatsächlich ist Heil und Heilung hier nicht als eine Vertröstung auf ein Jenseits gemeint, unter dem sich der moderne Mensch je länger je weniger etwas vorzustellen vermag.
Mir scheint, bei der «geistlichen Ertötung» geht es um das, was wir verkopften Menschen engstirnig und eigensinnig in unsere Planungen pressen. Alles ist machbar, wenn transparente Planung und kompetente Beratung sich die Hand reichen. Der Kopf versteht es sogar, eine diesbezüglich drohende Krise auf lange Zeit auszublenden. So können wir über Jahre und Jahrzehnte an Golgatha vorbeileben, immer neu und anders auf der Flucht aus Jerusalem. Der Kopf mit seinem cleveren Geist erfindet und produziert fortlaufend raffinierte Tricks, Jerusalem zu umgehen. Hier muss etwas unterbunden, ja «ertötet» werden, damit Herz und Gemüt wieder zu uns sprechen dürfen. Die Verdrängung, das Nicht-wahrhaben-Wollen, muss «ertötet» werden – um Gottes willen. Denn Gott ist es, der im Grund und Abgrund unseres Herzens lebt. Die Mystik hat es immer schon gewusst. Wir hingegen wissen perfekt zu verdrängen, was aus unserer Herzenstiefe emporsteigen möchte: heilende und heilsame Intuition, die manchmal auch bitter schmecken kann.
Dieses «mein ewiges Gut», «mein alles in allem» heisst uns herauszutreten aus dem «grössten Haufen» und den individuellen Weg ins Leiden zu wagen. Das braucht Mut! Doch das «ewige Gut» in mir wird mich ausrüsten mit dem notwendigen Mut, mit Kraft und Treue. Die Frucht wird Friede sein und der Dichter deutet dies an: «So ziehe mich nach dir in Friede dahin!» Friede hatten die Zwölf in ihren Schlupflöchern wohl kaum, während ihr Meister – fern von ihnen – qualvoll und einsam am Kreuz verblutete.
Auch wenn jeder Mensch letztlich den eigenen Tod in seiner je eigenen Einsamkeit zu sterben hat, glaube ich, wird es mir Trost und Hilfe sein, wenn jemand da ist, der mir in diesen Stunden seine Nähe schenkt.
Der Text zum Schlusschoral der Kantate stammt aus der Feder einer Frau, der Kirchenlieddichterin Elisabeth Creutziger, die im 16. Jahrhundert gelebt hat. Dies mag ein Zufall sein. In den letzten Stunden seines Lebens standen einige Frauen, einige Jüngerinnen, in der Nähe des Kreuzes, an dem Jesus aufgehängt war. Das war wohl eher kein Zufall. Sie hatten offenbar verstanden, was geschrieben stand und «was da gesaget war». Aber vielleicht auch nicht! Sie waren einfach ihren Herzen gefolgt. Das Herz begibt sich – ohne viele Fragen – auf den Weg zu einem und mit einem Menschen, der ins Leiden geworfen ist.
«Erweck uns durch dein Gnad’», sagt Elisabeth Creutziger. Das – so meine ich – war bei den Frauen geschehen. Die Gnade hatte sie – wohl als heilsame Unruhe – am dritten Tag zu Jesu Grab getrieben. Das war frühmorgens, als es noch dunkel war und der «grösste Haufen» noch schlief. Was sie erleben, ist Verwandlung. Den Toten erleben sie als Lebendigen. Er spricht ihnen ein Wort des Friedens zu. Das Friedenswort, das «Fürchtet euch nicht», ist Heil und Heilung, es verwandelt ihre verwirrte und traumatisierte Psyche. «Den alten Menschen kränke, dass der neu’ leben mag (…)». Ihre Seelen waren gekränkt bis in den Tod, jetzt aber gehen die Frauen geheilt in ihr neues Leben – im Glauben an das Leben selbst.
«Dass der neu’ (Mensch) leben mag wohl hie auf dieser Erden», das  ist der Wunsch der Kantatendichterin des 16. Jahrhunderts. Der Mensch des 21. Jahrhunderts, wenn er seine tiefste Sehnsucht sprechen liesse, würde sich wohl kaum etwas anderes wünschen.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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