Der Himmel lacht! Die Erde jubilieret

BWV 031 // zum 1. Osterfesttag

für Sopran, Tenor und Bass, Vokalensemble, Trompete I–III, Pauke, Oboe, Taille, Streicher und Basso continuo

Die 1715 in Weimar komponierte und von Bach später mehrfach neu eingerichtete Osterkantate BWV 31 steht auf charakteristische Weise zwischen den Zeiten und Stilen. Ihre fünfstimmige Chor- und Ensemblebesetzung, die Dominanz prägnanter Continuoformeln und ihre ebenso kompakten wie auch im Tempo kontrastreichen Satzanlagen wurzeln im geistlichen Concertieren des 17. Jahrhunderts und im Orgelstil von Bachs Jugend. Zugleich eignet ihr eine kantable Opulenz, die auf Bachs Leipziger Kantaten vorausweist. Mit dem massiven Eingangsunisono der eröffnenden Sonata verleiht Bach dem Auferstehungsgeschehen heraldischen Glanz, dem sich die befreit jubelnden Vokalstimmen anschliessen. Berührender Höhepunkt ist die oboenbegleitete Sopranarie «Letzte Stunde, brich herein», deren inwendiger Glanz von der obligaten Trompete des Schlusschorals transzendiert wird – als würde Bach als der personifizierte «Gott der Musik» den verwandelten Adamskindern höchstselbst «die Himmelstür auftun».

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Julia Doyle

Tenor
Florian Sievers

Bass
Stephan MacLeod

Chor

Sopran
Lia Andres, Maria Deger, Stephanie Pfeffer, Simone Schwark, Susanne Seitter, Noëmi Sohn Nad, Noëmi Tran-Rediger, Alexa Vogel, Anna Walker

Alt
Anne Bierwirth, Nanora Büttiker, Antonia Frey, Francisca Näf, Lea Pfister-Scherer

Tenor
Zacharie Fogal, Achim Glatz, Tiago Oliveira, Christian Rathgeber

Bass
Jean-Christophe Groffe, Fabrice Hayoz, Serafin Heusser, Philippe Rayot, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Renate Steinmann, Monika Baer, Claire Foltzer, Elisabeth Kohler, Olivia Schenkel, Petra Melicharek, Salome Zimmermann

Viola
Susanna Hefti, Matthias Jäggi, Stella Mahrenholz

Violoncello
Martin Zeller, Magdalena Reisser

Violone
Guisella Massa

Oboe
Katharina Arfken

Trompete
Lukasz Gothszalk, Matthew Sadler, Alexander Samawicz

Pauke
Inez Ellmann

Fagott
Susann Landert

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Christine Blanken

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
28.04.2022

Aufnahmeort
Trogen (AR) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erste Aufführung
21. April 1715, Weimar

Textdichter
Salomo Franck (Sätze 2–8); Nikolaus Herman (Satz 9)

Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk

Die 1715 in Weimar komponierte und von Bach später mehrfach neu eingerichtete Osterkantate BWV 31 steht auf charakteristische Weise zwischen den Zeiten und Stilen. Der Text ist – inklusive des dort vorgeschlagenen Schlusschorals «So fahr ich hin zu Jesus Christ» von Nikolaus Herman (1560) – dem «Evangelischen Andachts-Opfer» (1715) des Weimarer Hofdichters Salomo Franck entnommen, der ja für Bachs dortige Kantaten vielfach anregende Vorlagen lieferte. Die fünfstimmige Chor- und Ensemblebesetzung, die Dominanz prägnanter Continuoformeln und ihre ebenso kompakten wie auch im Tempo kontrastreichen Satzanlagen wurzeln im geistlichen Concertieren des 17. Jahrhunderts und im Orgelstil von Bachs Jugend. Zugleich eignet ihr eine kantable Opulenz, die auf Bachs Leipziger Kantaten vorausweist. Mit dem kraftvollen Auftritt der eröffnenden Sonata verleiht Bach dem Auferstehungsgeschehen heraldischen Glanz, dem sich die befreit jubelnden Vokalstimmen anschliessen. Berührender Höhepunkt ist die oboenbegleitete Sopranarie «Letzte Stunde, brich herein», deren inwendiger Glanz von der obligaten Trompete des Schlusschorals transzendiert wird – als würde Bach als der personifizierte «Gott der Musik» den verwandelten Adamskindern höchstselbst «die Himmelstür auftun». Bachs bereits meisterliche und dennoch unverkennbar gattungsfrische Komposition verleiht Francks komplexer Sprachtheologie eine Satz für Satz einleuchtende Prägnanz, in der auch die Freude des langjährigen Hoforganisten an seiner neuen kirchenmusikalischen Aufgabe greifbar wird.

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

1. Sonata

1. Sonata

Mit drei Trompeten und Pauken sowie jeweils fünfstimmigen Streichern und Holzbläsern mobilisiert Bach zu diesem Hochfest eine die Möglichkeiten der Weimarer Hofmusik ausreizende Maximalbesetzung. Indem sich das dreichörige Konzertieren aus der einleitenden Unisono-Fanfare erst herausschält, wird das österliche Geschehen als neue Schöpfung und damit als Urgrund allen christlichen Lebens erkennbar.

2. Chor

Der Himmel lacht! Die Erde jubilieret
und was sie trägt in ihrem Schoß.
Der Schöpfer lebt! der Höchste triumphieret
und ist von Todesbanden los.
Der sich das Grab zur Ruh erlesen,
der Heiligste kann nicht verwesen.

2. Chor

Das Libretto für diese Osterkantate aus der Feder des Weimarer Hofpoeten Salomo Franck beginnt mit dem Lachen des Himmels und dem Jubel der Erde über die göttlich-österliche Überwindung des Todes und setzt auf ein starkes Wortbild: Gott (der Dreieinige) – der sich in Jesus «das Grab zur Ruh erlesen» – kann als «Heiligster» «nicht verwesen». Mit diesem abwechslungsreichen Chor bringen sich nun auch die Singstimmen inhaltlich erklärend («der Schöpfer lebt») in den Osterjubel ein, wobei zwischen den wuchtigen Rufen auch leichtfüssige Imitationen und Adagio-Momente ihren Raum bekommen.

3. Rezitativ — Bass

Erwünschter Tag! Sei, Seele, wieder froh!
Das A und O,
der erst und auch der letzte,
den unsre schwere Schuld
in Todeskerker setzte,
ist nun gerissen aus der Not!
Der Herr war tot,
und sieh, er lebet wieder!
Lebt unser Haupt, so leben auch die Glieder!
Der Herr hat in der Hand
des Todes und der Höllen Schlüssel!
Der sein Gewand
blutrot bespritzt in seinen bittern Leiden,
will heute sich mit Schmuck und Ehren kleiden.

3. Rezitativ

Franck bietet keine Paraphrase des Evangelientextes Mk. 16, 1–8, vielmehr legt er ein dichtes Netz von biblischen Bezügen, um das Ostergeschehen zu umschreiben: Christus als Anfänger und Vollender (Apk. 1, 11), als Gottesknecht (Jes. 53), der die Sünde trägt, Christus als Gestorbener und ewig Lebender, der den Todes- und Höllenschlüssel in der Hand hat (Apk. 1, 18), dessen blutbespritztes Gewand (Jes. 63) jetzt zum Ehren- und Festkleid wird (Ps. 8, 6) – eine symbolisch verdichtete Ostertheologie. Bachs beständige Tempowechsel und seine lebendige Handhabung barocker Affektformeln heben den Umschlag von Tod und Trauer in Leben und Freude fast überdeutlich hervor.

4. Arie — Bass

Fürst des Lebens, starker Streiter,
Fürst des Lebens, hochgelobter Gottessohn!
hebet dich des Kreuzes Leiter
auf den höchsten Ehrenthron?
Wird, was dich zuvor gebunden,
nun dein Schmuck und Edelstein?
Müssen deine Purpurwunden
deiner Klarheit Strahlen sein?

4. Arie

Die Bassarie spricht den Gottessohn direkt an, feiert ihn als Fürst des Lebens, als Kämpfer und ergänzt mit rhetorischen Fragen die leidensmystische Deutung des Geschehens: das Kreuz, ob es nicht zur Himmelsleiter, die Fesseln zum Schmuck, die Purpurwunden zu verklärenden Strahlen geworden seien? Von einem punktierten Fanfarenmotiv unablässig angetrieben, benötigt der Singbass nur diese Generalbassbegleitung, um sich als inspirierter Glaubensstreiter in Szene setzen zu können.

5. Rezitativ — Tenor

So stehe dann, du gottergebne Seele,
mit Christo geistlich auf!
Tritt an den neuen Lebenslauf!
Auf! von den toten Werken!
Laß, daß dein Heiland in dir lebt,
an deinem Leben merken!
Der Weinstock, der jetzt blüht,
trägt keine tote Reben!
Der Lebensbaum läßt seine Zweige leben!
Ein Christe flieht
ganz eilend von dem Grabe!
Er läßt den Stein,
er läßt das Tuch der Sünden dahinten
und will mit Christo lebend sein!

5. Rezitativ

Das Rezitativ wendet sich zum geistlich-ethischen Nachvollzug der gläubigen Seele: Mit Christus solle sie auch auferstehen, das neue Leben beginnen, alle Werkgerechtigkeit meiden, man solle merken, dass Christus in ihr lebe, und solle entsprechend Frucht bringen. Kurz: Ein Christ lasse den Tod hinter sich, er wolle mit Christus leben.

6. Arie — Tenor

Adam muß in uns verwesen,
soll der neue Mensch genesen,
der nach Gott geschaffen ist!
Du mußt geistlich auferstehen
und aus Sündengräbern gehen,
wenn du Christi Gliedmaß bist.

6. Arie

Mit barocker Drastik folgt die Moral: Der alte Mensch, Adam, müsse «verwesen», soll der «neue Mensch genesen», er müsse als Ebenbild «geistlich auferstehen», als Teil der Körperschaft Christi (der Kirche) «Sündengräber» verlassen. Die geigerisch munteren Zweierbindungen des Streicherritornells machen förmlich Mut und Lust, diese den Menschen nahezu überfordernde Wandlung als beflügelnde Lebensaufgabe anzugehen.

7. Rezitativ — Sopran

Weil dann das Haupt sein Glied
natürlich nach sich zieht,
so kann mich nichts von Jesu scheiden.
Muß ich mit Christo leiden,
so werd ich auch nach dieser Zeit
mit Christo wieder auferstehen
zur Ehr und Herrlichkeit
und Gott in meinem Fleische sehen!

7. Rezitativ

Das Sopranrezitativ verstärkt diese verinnerlichende Deutung der Passion und Auferstehung Jesu – das Mitleiden mit Jesus führe zur Mitauferstehung, zu Ehre und Herrlichkeit.

8. Arie — Sopran

Letzte Stunde, brich herein,
mir die Augen zuzudrücken!
Laß mich Jesu Freudenschein
und sein helles Licht erblicken!
Laß mich Engeln ähnlich sein!
Letzte Stunde, brich herein!

8. Arie

In der Arie wird die Aneignung zu einem Sterbelied, das von Gewissheit, Trost und Zuversicht zeugt: Die Zeile «Letzte Stunde, brich herein» wird am Schluss wiederholt. Nach all den auftrumpfenden Akkordbrechungen der Kantate gibt Bach hier im Gedenken an die eigene Todesstunde und unterstützt von einer in Leipzig der Oboe d‘amore übertragenen Solopartie zurückgenommener Demut Raum. Zusätzlichen Trost gewährt die wortlos hinzutretende Choralmelodie «Wenn mein Stündlein vorhanden ist» – als alle Sterblichen einschliessendes Gebet sinnhaft dem Unisono sämtlicher Streicher übertragen.

9. Choral

So fahr ich hin zu Jesu Christ,
mein Arm tu ich ausstrecken;
so schlaf ich ein und ruhe fein;
kein Mensch kann mich aufwecken
denn Jesus Christus, Gottes Sohn,
der wird die Himmelstür auftun,
mich führn zum ewgen Leben.

9. Choral

Abgeschlossen wird diese Osterkantate mit der letzten Strophe des Sterbeliedes «Wenn mein Stündlein vorhanden ist» von Nikolaus Herman, das von der Gewissheit getragen ist, dieser Schlaf werde durch die Himmelstüre zum ewigen Leben führen. Choralsatz und obligate Oberstimme ergänzen sich zu einem zugleich strahlenden wie verinnerlichten Beschluss.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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