Schauet doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei

BWV 046 // zum 10. Sonntag nach Trinitatis

für Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Flauto dolce I+II, Oboe da caccia I+II, Tromba da tirarsi, Streicher und Basso continuo Szenische Intervention über den Kantatentext: Giovanni Netzer (Text), Samuel Streiff (Bürgermeister), Martin Ostermeier (Prophet)

Das Evangelium zu diesem Sonntag, Lukas 19, 41–48, berichtet, wie Jesus die Zerstörung Jerusalems voraussagt und wie er den Tempel reinigt. Der unbekannte Textdichter geht vom ersten Teil aus, wo es heisst, Jesus habe über die Stadt geweint und gesagt: «Wenn doch an diesem Tag auch du erkenntest, was zum Frieden führt.» Er schildert drastisch das schreckliche Gericht und ermahnt das unbussfertige Volk. Bachs 1723 in Leip­zig entstandene Vertonung bewegt sich dementsprechend in ihrer aparten Instrumentierung und ihrem sensiblen Tonfall zwischen Klage, Strafandrohung und Vergebungszusage.

J.S. Bach-Stiftung Kantate BWV 46

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Alt/Altus
Markus Forster

Tenor
Thomas Hobbs

Bass
Matthias Helm

Chor

Sopran
Lia Andres, Lena Kiepenheuer, Susanne Seitter, Julia Schiwowa, Alexa Vogel

Alt/Altus
Katharina Jud, Liliana Lafranchi, Francisca Näf, Alexandra Rawohl, Lea Scherer

Tenor
Manuel Gerber, Christian Rathgeber, Sören Richter, Nicolas Savoy

Bass
Fabrice Hayoz, Grégoire May, Daniel Pérez, Tobias Wicky, William Wood

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Plamena Nikitassova, Lenka Torgersen, Peter Barczi, Eva Borhi, Christine Baumann, Claire Foltzer

Viola
Martina Bischof, Sarah Krone

Violoncello
Maya Amrein, Bernadette Köbele

Violone
Iris Finkbeiner

Tromba, Tromba da tirarsi
Patrick Henrichs

Flauto dolce
Annina Stahlberger, Teresa Hackel

Oboe da caccia
Carin van Heerden, Anabel Röser

Fagott
Susann Landert

Orgel
Nicola Cumer

Cembalo
Jörg Andreas Bötticher

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Karl Graf, Michael Maul, Rudolf Lutz

Reflexion

Referent
Giovanni Netzer, Martin Ostermeier, Samuel Streiff

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
18.03.2016

Aufnahmeort
Trogen AR (Schweiz) // Evangelische Kirche

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Textdichter Nr. 1
Klagelieder 1, 12

Textdichter Nr. 2-5
unbekannter Verfasser

Textdichter Nr. 6
Matthäus Meyfart, 1633

Erste Aufführung
nicht bekannt

Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk

Der zum 10. Sonntag nach Trinitatis am 1. Au­gust 1723 erstaufgeführten Kantate BWV 46 liegt jener Evangelientext nach Lukas 19, 41–48 zugrunde, der Jesus die Wechsler aus dem Tempel vertreiben und die neuerliche Vernich­tung Jerusalems ankündigen lässt. So ergibt sich eine Beziehung zu den Klageliedern Je­remias, die im Zuge der ersten Zerstörung der Stadt durch die Babylonier im 6. Jahrhundert v.C. entstanden und bereits altkirchlich christologisch umgedeutet wurden.

Entsprechend tragisch gibt sich der Eingangschor. Elegische Bögen der im Wechsel kreisenden Blockflöten lassen über in Zwei­erbindungen ächzenden Streichern an ein Stillleben in Tönen denken. Der fallende Moll­dreiklang des Choreinsatzes evoziert geneig­te Häupter und Tränenbäche, die auf den harmonisch akzentuierten «Schmerz» zu­laufen. Die mit der zweiten Durchführung hinzutretenden Bläserstimmen eines Corno da tirarsi und zweier Oboen da caccia verlei­hen einem Satzgebilde verstörenden Ernst, das wie ein düsterer Morgen auf dem noch rauchenden Trümmerfeld wirkt, zu dessen peinigender Betrachtung man unerbittlich gezwungen wird («Schauet doch und sehet!»). Den dichten Klagegesang durchdringen die Flöten mit derart penetranter Schärfe, dass man das Ende des ersten Satzteils mit seiner breiten Kadenz und erniedrigten Einfär­bung förmlich herbeisehnt. Die attacca be­ginnende Fuge arbeitet mit einer bildhaften Themengestalt harter Sprünge und ausge­sponnener Seufzer («Denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht»). Über dem gehetzt jagenden Continuo ergeben sich heulende Zusammenklänge der Chorstimmen, die das nach und nach aufregistrierte Orchester bis zu obligaten Einsätzen der Blockflöten stei­gert – ein grausiges Vanitas­-Bild, das in ei­nen brutal harten Durschluss mündet. Dass Bach den langsamen ersten Abschnitt 1733 für das «Qui tollis peccata mundi» seiner Dresdener Frühfassung der h­-Moll-­Messe heranzog, passt semantisch gut und spricht für sein bei dieser Kompilation massgeben­des Qualitätsbewusstsein. Dabei verlieh er dem Satz mit dem Wechsel von Block-­ zu Traversflöten sowie dem Verzicht auf die mitlaufenden Bläser mehr höfische Eleganz und Durchsichtigkeit; aufgrund des Attacca­ Übergangs aus dem «Domine Deus» entfiel das Vorspiel.

Das Tenorrezitativ setzt diesen Duktus mit einer stoisch durch die Tonarten geführten Circulatio-Figur der Blockflöten fort. Der edle Klageton und die schimmernden Streicherklänge lassen den Accompagnato-Satz wie ein Tombeau wirken. Dabei wird nun die verursachende Schuld benannt: Schlimmer als die äusserliche Zerstörung sind der Verlust der göttlichen Huld und die in der Nichtachtung seines Bussrufes manifeste Lästerung Christi. Der verschmähte Gott bricht deshalb den Stab und kehrt damit auch sprachlich zum Alten Bund zurück.

Entsprechend entfaltet die Bassarie eine düstere Szenerie des richtenden Strafens, deren halsbrecherisch schwere Tromba-Partie gar nicht schön klingen will, sondern mit dem erniedrigten Zielklang der Fanfare und den grausigen Koloraturen unumschränkte Macht und baldige Verdammnis ankündigt. Der als polternder Prophet auftretende Sänger greift die von Punktierungen und Repetitionen des Orchesters nachgezeichnete Gewitterstimmung auf. Die «überhäuften Sünden» des Mittelteils rufen in Bachs Vertonung eine fast körperliche Abscheu hervor – dass der neue Thomaskantor erst kurz zuvor versichert hatte, keine opernartig affektreizende Musik zu schreiben, kann man angesichts dieses musiktheologischen Verismo kaum glauben.

Das Rezitativ Nummer 4 lässt trotz der sanfteren Altlage im eifernden Drohgestus nicht nach. Geht es doch keineswegs nur um das biblische Jerusalem, nein, jeder, der sich nicht bessert und seine Sündenlast noch vergrössert, wird ebenso schrecklich umkommen… Mit der Altarie kehren die Blockflöten zurück, setzen nun aber mit dem kindlich-naiven Vertrauen auf eine hellere klangliche Semantik. Da Jesu Gnade stärker als die alttestamentarische Gesetzesmacht ist, will er «auch bei der Strafe der Frommen Schild und Beistand sein» – was dadurch unterstrichen wird, dass an die Stelle des Basso continuo eine den Oboen da caccia übertragene hochliegende Bassetto-Stimme getreten ist. Was im System der barocken musikalischen Rhetorik sonst den Verlust jeden Haltes bedeutet, meint hier die Freiheit von lastender Schuld. Die spröde Strenge des Satzes betont dabei den Ernst der Situation – hier geht es nicht um unverbindliche Sonntagsreden, sondern um eine Begnadigung unter dem bereits aufgerichteten Galgen. Die durchsichtige Faktur und lakonisch-formelhafte Motivik des Satzes lassen selbst dies als vorläufig erscheinen – der Delinquent wird eher auf freien Fuss gesetzt denn dauerhaft rehabilitiert.

Der fahle Wirbel, den die Blockflöten über den streicherbegleiteten Zeilendurchlauf des Schlusschorals legen, ist erneut Abbild der Vergänglichkeit. Während die gefestigte Erdenschwere des Singchores Vertrauen und Zuversicht äussert, öffnet sich hier ein Fenster in einen «im Hui verschwindenden» Schicksalslauf, der im Hauch der hohen Flöten fast noch gespenstischer erscheint als im Gerichtsschall der Tromba.

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

1. Chor

«Schauet doch und sehet, ob
irgendein Schmerz sei wie
mein Schmerz, der mich troffen hat.
Denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht
am Tage seines grimmigen Zorns.»

1. Chor

Der Chor eröffnet die Kantate mit einem Zitat aus den Klageliedern. Die Worte beziehen sich auf den Bericht von der Zerstörung Jerusalems im 52. Kapitel des Buches Jeremia. Bach entwirft für die gewichtigen Sätze des Bibeldictums eine zweiteilige, stark kontrastierende Form. Der getragene erste Abschnitt entfaltet unter dem musikalischen Tränenregen und Glockenläuten der Blockflöten und Streicher ein Bild der sich stetig verdichtenden Reue und Verzweiflung. Ein für alle Zeiten gültiges Klagelied der Überlebenden von Krieg und Zerstörung, das Bach dennoch bereits in der Dresdener Frühfassung der h-Moll-Messe von 1733 zum verinnerlichten «Qui tollis peccata mundi» umarbeitete. Dem folgt eine von den Instrumenten gestützte grimmige Chorfuge (un poco allegro), die mit ihren harten Abwärtssprüngen und absinkenden Seufzern der Unerbittlichkeit des göttlichen Zorns entspricht. Die teils eigenständig geführte Unisono-Stimme der beiden Blockflöten verleiht dem Satz einen eigentümlich durchdringenden Charakter.

2. Rezitativ (Tenor)

So klage, du zerstörte Gottesstadt,
du armer Stein- und Aschenhaufen!
Laß ganze Bäche Tränen laufen,
weil dich betroffen hat
ein unersetzlicher Verlust
der allerhöchsten Huld,
so du entbehren mußt
durch deine Schuld.
Du wurdest wie Gomorra zugerichtet,
wiewohl nicht gar vernichtet.
O besser wärest du in Grund zerstört,
als daß man Christi Feind jetzt in dir lästern hört.
Du achtest Jesu Tränen nicht,
so achte nun des Eifers Wasserwogen,
die du selbst über dich gezogen,
da Gott, nach viel Geduld,
den Stab zum Urteil bricht.

2. Rezitativ

Die Stadt soll klagen über das eingetroffene Unheil, welches sie selber verschuldet hat. Sodom und «Gomorra» werden zum Vergleich herangezogen. Dass man jetzt auch Feinde Christi lästern hört, wiegt besonders schwer. Mit seiner Kombination aus Streicherteppich, Bläsereinwürfen, Singstimme und Continuostütze gehört der Satz zu Bachs besonders reich ausgestatteten Accompagnato-Rezitativen. Die obligaten Blockflöten werden der barocken Tradition entsprechend als klingende Symbole der Vergänglichkeit eingesetzt; dem Tenor ist eine von redenden Pausen, exaltierten Klagegesten und bildhaften Figuren (Tränenbäche; Kreuzführung auf «Geduld») durchsetzte Partie übertragen.

3. Arie (Bass)

Dein Wetter zog sich auf von weiten,
doch dessen Strahl bricht endlich ein
und muß dir unerträglich sein,
da überhäufte Sünden
der Rache Blitz entzünden
und dir den Untergang bereiten.
Dein Wetter zog sich auf von weiten,
doch dessen Strahl bricht endlich ein.

3. Arie

Das Gericht Gottes wird mit einem Gewitter verglichen, das von ferne aufzieht und dann plötzlich mit Blitzen einschlägt. Bach schreibt seiner wuchtig-prophetischen Basspartie eine von Trommelbässen, martialischen Dreiklangsfanfaren und einer halsbrecherisch schweren Trompetenpartie geprägte Gerichtsmusik auf den Leib, die durch eigenwillige Fortschreitungen und den verminderten Spitzenton des Fanfarenaufstiegs zugleich einen dunkel-drohenden und verhangenen Charakter aufweist.

4. Rezitativ (Alt)

Doch bildet euch, o Sünder, ja nicht ein,
es sei Jerusalem allein
vor andern Sünden voll gewesen!
Man kann bereits von euch dies Urteil lesen:
Weil ihr euch nicht bessert
und täglich die Sünden vergrößert,
so müsset ihr alle so schrecklich umkommen.

4. Rezitativ

Nun folgt die Nutzanwendung. Niemand soll sich einbilden, die damalige Stadt sei besonders sündhaft gewesen. Der Dichter verweist auf den Bericht aus Lukas 13: Gegen die Vermutung, die von Pilatus ermordeten Galiläer oder die beim Einsturz eines Turmes umgekommenen Männer seien vielleicht besonders schlimme Sünder gewesen, antwortete Jesus: «Wenn ihr nicht Busse tut, werdet ihr alle auf gleiche Weise umkommen.»

5. Arie (Alt)

Doch Jesus will auch bei der Strafe
der Frommen Schild und Beistand sein,
er sammlet sie als seine Schafe,
als seine Küchlein liebreich ein.
Wenn Wetter der Rache die Sünder belohnen,
hilft er, daß Fromme sicher wohnen.

5. Arie

Mit biblischen Bildern schildert der Dichter, wie Jesus die Frommen auch in Zeiten des Gerichts «sicher wohnen» lässt. Die ungewöhnliche Besetzung mit zwei Blockflöten und zwei unisono geführten Oboen da caccia beschwört nicht von ungefähr einen «Passionston» herauf. Der Verzicht auf eine tiefe grundierende Continuostimme, der sonst häufig den Verlust aller haltgebenden Ordnung verkörpert, symbolisiert hier allerdings im Zusammenspiel mit der zugleich fahlen wie lichten Aura der Flöten vermutlich den Zustand der heilbringenden und hörbar wärmenden Gnade selbst im Moment tiefster Verzweiflung und Schuld.

6. Choral

O grosser Gott von Treu,
weil vor dir niemand gilt
als dein Sohn Jesus Christ,
der deinen Zorn gestillt,
so sieh doch an die Wunden sein,
sein Marter, Angst und schwere Pein;
um seinetwillen schone,
uns nicht nach Sünden lohne

6. Choral

Die letzte Strophe des neunstrophigen Liedes «O grosser Gott von Macht» von Matthäus Meyfart singt von der Treue Gottes. Geltung vor Gott hat nur sein Sohn Jesus Christus. Gläubige Menschen können sich auf Gottes Treue ebenso verlassen wie auf die Passion Jesu. Bach bleibt seinem doppelbödigen Auslegungskonzept auch in diesem Schlusschoral treu: Die langsamen Tremoli der Streicher und die haltlos flirrenden Zwischenspiele der Blockflöten illustrieren das Zittern des Sünders vor dem Gericht, während die kernige Choralmelodie mit ihrem langausgehaltenen Schlusston und die Hinzufügung einer hochliegenden Holzbläserebene die Dimension der liebenden Zuwendung Jesu und das feste Vertrauen darauf verkörpern.

Reflexion

Giovanni Netzer

«Trost ist alles»

Einführung
Die Welt wird bedroht. Fanatische Terrormilizen verkünden das Ende der westlichen Zivilisation. Kriegsherde werden zum Spielplatz der Weltmächte. Klimaexperten warnen vor dem globalen Kollaps. Die Prophetie hat Hochkonjunktur und spielt viele Rollen. Manchmal erscheint sie elegant als Wirtschaftsprognose. Manchmal spielt sie den Klimaforscher. Die Beschwörung der Endzeit ist nicht neu. Die Bibel benennt unzählige Propheten, die mit Schreckensbildern zur Umkehr drängen. Erfolg ist ihnen selten beschieden. In der «szenischen Intervention» zur Kantate BWV 46 «Schauet doch und sehet, ob irgendein Schmerz sei» treffen ein moderner Bürgermeister und ein störrischer Konzertbesucher aufeinander. Sie verkörpern archetypische Urbilder. Im Bürgermeister spiegelt sich der alttestamentarische König, im Konzertbesucher der archaische Prophet mit seinen düsteren Bildwelten. Die Grundfrage bleibt: Wie begegnet der Mensch der Angst? Der alttestamentarische Prophet rät zur bedingungslosen Umkehr. J. S. Bach empfiehlt das Vertrauen in den Menschensohn, dessen Leid die Sünden tilgt. Wir behelfen uns mit gigantischen Sicherheitsmassnahmen und opfern dafür die Freiheit. Gibt es ein Heilmittel gegen den Tod?

Es spielen «Der Bürgermeister» (Samuel Streiff) und «Der Prophet» (Martin Ostermeier).

Der Bürgermeister (BM) betritt unmittelbar nach dem Ende des vorhergehenden Programmpunktes den Raum und wendet sich an das Publikum. Der Prophet (PR) sitzt in den Zuschauerreihen.

Der Bürgermeister (BM)
Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Jakob Müller. Ich bin der Bürgermeister dieser Stadt. Ich muss Sie bitten, den Raum ruhig und rasch zu verlassen. Meine Behörde hat Hinweise auf einen Terroranschlag erhalten. In einem Kirchengebäude der Stadt wird ein Attentat verübt werden. Wir können nicht genau sagen, um welches Gotteshaus es sich handelt. Der Stadtrat hat daher beschlossen, sämtliche Kirchenräume sofort zu evakuieren. Ich möchte Sie bitten, den Raum wohlgeordnet und schnell zu verlassen. Vor dem Eingang stehen Kleinbusse und Taxis bereit, die Sie nach Hause fahren, falls Sie nicht mit Ihrem Privatauto angereist sind. Die U-Bahn bleibt bis auf weiteres geschlossen. Der Krisenstab hält diese Massnahmen für notwendig. Darf ich Sie nun bitten, den Raum zu verlassen? Bitte vermeiden Sie jede Panik. Am besten beginnen wir mit den hintersten Reihen, damit an der Pforte kein Gedränge entsteht.

Der Prophet (PR) (steht auf)
Ich werde nicht gehen. Ich möchte das Konzert zu Ende hören.

BM
Das geht leider nicht, mein Herr. Darf ich Sie bitten, den Raum zu verlassen.

PR
Ich möchte das ganze Konzert hören. Ich habe Eintritt bezahlt.

BM
Ich verstehe Ihren Ärger. Leider ist die Stadtverwaltung nicht in der Lage, für den Ausfall aufzukommen. Da ist höhere Gewalt im Spiel.

PR
Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass hier eine Bombe einschlägt? (wendet sich ans Publikum) Hat jemand von Ihnen Sprengstoff dabei? Könnten Sie eventuell mit dem Anschlag bis zum Ende des Konzerts warten?

BM
Darf ich Sie bitten, derartige Scherze zu unterlassen?

PR
Wie viele Kirchen gibt es in dieser Stadt?

BM
Geschätzte 140 sakrale Gebäude, die Pfarrzentren einberechnet.

PR
Die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags liegt also unter einem Prozent. Das Risiko nehme ich auf mich. Ich bleibe. Die Musiker sollen weiterspielen. Bitte.

BM
Diese Verantwortung kann ich nicht übernehmen. Sie müssen gehen.

PR
Ich bleibe. Sie haben keine Verantwortung für mein Leben. Sie haben es mir nicht gegeben. Sie werden es mir nicht nehmen. Ich bleibe und höre mir das Konzert an.

BM (überlegt)
Die Stadt wird Ihnen den Eintritt erstatten. Ausnahmsweise. Natürlich auch allen anderen Konzertbesuchern.

PR
Die Stadt erstattet mir den Konzertbesuch mit meinen Steuergeldern? Ich zahle also zweimal Eintritt für die halbe Musik? Diesen Irrsinn werde ich nicht unterstützen. Ich bleibe.

BM
Mein Herr, ich werde Sie entfernen lassen müssen. Im Interesse aller Anwesenden bitte ich Sie ein letztes Mal. Gehen Sie freiwillig.

PR
Ich habe keine Angst. Ich bleibe. Und alle anderen Besucher bleiben auch. Keiner rührt sich, wie Sie sehen.

BM
Dann wird die Polizei den Raum evakuieren.

PR
Sie meinen stürmen? Können Sie ein so grosses Polizei-Aufgebot rechtfertigen?

BM
Die Sicherheit der Einwohner ist oberstes Gebot. Ich werde den Saal räumen lassen.
(greift zum Telefon)

PR
Und dann? Wenn der Saal geräumt ist und alle brav zu Hause sitzen? Was dann? Wird die Ausgangssperre verhängt? Für zwei Tage? Für zwei Wochen?

BM
Wenn die Sicherheit es verlangt: Ja.

PR
Das ist dann erst der Anfang. Die Stadt wird ihre Sicherheitsmassnahmen verstärken. Es wird Patrouillen in den U-Bahnhöfen geben. Clubeingänge werden doppelt besetzt. Durchtrainierte Logenschliesser werden die Theater bewachen. In der einen Hand das Theaterprogramm. In der anderen die Pistole. Die Flughäfen wird man zu Festungen ausbauen. Die Flugpreise werden steigen. Konzernchefs werden weiterhin reisen. Die Armen bleiben zu Hause. Wie wollen Sie die Stadt schützen? Die Bankenviertel? Die Regierungsgebäude? Die Synagogen? Die Asylantenheime? Hat nicht soeben der Stadtrat eine neue Sparrunde angekündigt und die Polizeistärke dezimiert?

BM
Sicherheit hat oberste Priorität. Notfalls müssen die Steuern erhöht werden. Um Leib und Leben zu retten.

PR
Alle Steuern?

BM
Alle Steuern.

PR
Die Vermögenden werden den Wohnsitz wechseln. Aufs Land ziehen und sich eigenes Sicherheitspersonal leisten.

BM
Das ist nicht nötig. Es gibt ja bereits ständige Patrouillen und Beamte in Zivil, die …

PR
… die rund um die Uhr die Villenviertel im Süden bewachen. Das ist Personal, das von Schulen und Asylantenheimen abgezogen wurde.

BM
Es gilt, die Gefährdung realistisch einzuschätzen. Notfalls muss die Armee helfen. Dafür ist sie ja da. Die Armee kann gewisse Stadtviertel schützen.

PR
Sie ghettoisieren die Stadt. In den Armenvierteln darf man stehlen und morden. In der Innenstadt regiert das Militär. Die reichen Vororte werden eingezäunt. Selbst die Millionärskinder spielen nicht mehr im Garten.

BM
Ich fordere Sie ein letztes Mal auf zu gehen. Ich tue nur meine Pflicht.

PR
Ich bleibe.

BM
Wir werden Sie entfernen lassen.

PR
Mit Polizeigewalt?

BM
Mit Polizeigewalt.

PR
Gewalt, um Gewalt zu verhindern?

BM
In Ihrem Interesse.

PR
Gewalt liegt nicht in meinem Interesse.

BM
Sehen Sie denn nicht, dass Sie das Leben der anderen Gäste gefährden? Mit Ihrer Sturheit? Sie setzen Menschenleben aufs Spiel.

PR
Bin ich jetzt der Attentäter?

BM (schweigt)

PR
Im Ernst. Bin ich die Bedrohung?

BM
In gewissem Sinne, ja.

PR
Dann müssen Sie mich wegschaffen lassen. Nein, Sie müssen mich erschiessen. Um die anderen zu retten.

BM
Nichts dergleichen werde ich tun. Kein Beamter wird auf Sie schiessen.

PR
Aber wie wollen Sie denn die Sicherheit gewährleisten? Wenn ich das Leben anderer gefährde, dürfen Sie mich erschiessen.

BM
Ich werde jetzt gehen. Sie können bleiben. Den anderen Gästen empfehle ich dringend, meinem Beispiel zu folgen. (will gehen)

PR
Sie werden die Stadt verlieren.

BM
Wie meinen Sie das? Wie meinen Sie das? Meine Umfragewerte sind gut. Wir werden die Wahlen gewinnen.

PR
Ich rede nicht von Politik. Ich rede von Untergang. Sie werden die Stadt an die Angst verlieren. Demnächst. Die Armenviertel im Norden werden sich erheben, weil sie nicht mehr willens sind, den Polizeischutz für die Reichen zu bezahlen. Es wird Einbrüche geben. Die Polizei wird aufrüsten. Die Armee auch. Irgendwann werden Sie in die Menge schiessen. Zuerst aus Versehen. Dann aus Notwehr. Man wird Banken stürmen, Geld abheben, es wieder unter die Matratzen legen. Beim ersten Stromausfall werden die Kaufhäuser geplündert. Die Polizei wird nicht eingreifen, weil die Polizisten sich fürchten. Und weil sie selber hungern.

BM
Was soll diese Schwarzmalerei? Wem glauben Sie damit zu dienen?

PR
Quacksalber werden auftreten. Falsche Propheten, die Unheil verkünden und dadurch das Unheil herbeiführen.

BM
Sie sprechen von sich selbst. Sie sind ein solcher Prophet.

PR
Ich bin kein Prophet. Ich habe Geschichte studiert. Alles wiederholt sich. Früher oder später. Alles geht unter, irgendwann.

BM
Wie kann man mit einer solchen Einstellung leben? Wie soll eine Gesellschaft an ihre Zukunft glauben, wenn die Zukunft nur Zerstörung verheisst?

PR
Die Zukunft ist Zerstörung. Das ist das Prinzip der Schöpfung. Leben heisst Sterben. Der Tod macht das Leben aus. Angst bringt nichts.

BM
Sie sind ein Zyniker.

PR
Nein, ich trauere vorsorglich. Aber ich fürchte mich nicht. Die Stadt wird untergehen. Jede Stadt ist bislang untergegangen.

BM
Dieses Gespräch bringt uns nicht weiter. Ich gehe jetzt.

PR
Der Kapitän verlässt das sinkende Schiff. Als erster. Gut!

BM
Ich gehe lediglich mit dem guten Beispiel voran. (will gehen)

PR
Müsste die Bombe nicht längst detoniert sein?

BM
Ich gehe jetzt. Definitiv. Aber verraten sie mir eines: Was wollen Sie erreichen mit diesem ganzen Theater?

PR
Ich möchte einfach die Musik hören. Ist das beste Mittel gegen die Angst. Sie sollten bleiben.

BM
Sie sind verrückt.

PR
Nein. Nicht verrückt. Trostbedürftig. Trost ist alles.

BM
Ich gehe.

PR
Ich bleibe.

BM
Sie werden sterben. Sie alle hier werden sterben.

PR
Sie nicht?

 

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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