Messe G-Dur

BWV 236 //

für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe I + II, Streicher und Basso continuo

Die auf 1738 zu datierende Messe G-Dur beginnt mit einer motettischen Chorfuge mit begleitenden Instrumenten, deren kantable Bögen den eifernden Vorlagentext «Siehe zu, dass deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» (BWV 179/1) rasch vergessen machen. Das aus der Reformationskantate «Gott der Herr ist Sonn und Schild» übernommene Gloria entwickelt ohne deren dröhnende Hörner eine federnde Leichtigkeit, die sich im strahlenden Bass-Gratias sowie dem als verinnerlichtes Sopran-Alt-Duett mit markantem Violinunisono angelegten «Domine Deus» fortsetzt. Das nach e-Moll gerückte «Quoniam» lebt von verhalten in den Raum hineinfragenden Oboengesten, denen sich der Tenor mit feierlicher Anbetung anschmiegt. Dem aus der Kantate «Wer Dank opfert, der preiset mich» BWV 17/1 übernommenen Cum sancto spiritu hat Bach eine geheimnisvoll verlangsamte Einleitung vorangestellt, die seine genaue Kenntnis des zeitgenössischen Messen- Repertoires verrät.

Video

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
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Akteure

Solisten

Sopran
Lia Andres

Alt/Altus
Alex Potter

Tenor
Werner Güra

Bass
Matthias Helm

Chor

Sopran
Lia Andres, Maria Deger, Noëmi Sohn Nad, Noëmi Tran-Rediger, Alexa Vogel, Ulla Westvik

Alt
Laura Binggeli, Antonia Frey, Stefan Kahle, Lea Pfister-Scherer, Lisa Weiss

Tenor
Manuel Gerber, Klemens Mölkner, Christian Rathgeber, Sören Richter

Bass
Daniel Pérez, Philippe Rayot, Julian Redlin, Peter Strömberg, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Eva Borhi, Lenka Torgersen, Peter Barczi, Christine Baumann, Petra Melicharek, Dorothee Mühleisen, Ildikó Sajgó, Judith von der Goltz, Cecilie Valtrova

Viola
Sonoko Asabuki, Matthias Jäggi, Rafael Roth

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Markus Bernhard

Oboe
Philipp Wagner, Andreas Helm

Fagott
Gabriele Gombi

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referent
Frank Jehle

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
16.09.2022

Aufnahmeort
St. Gallen // Kathedrale

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

So wie Martin Luther im Gegensatz zu anderen Reformatoren generell die altkirchlichen Liturgien eher neu interpretierte als umstürzte, war auch die Kirchenmusik des orthodox-lutherischen Leipzig der Bach-Zeit durch zahlreiche Kontinuitäten mit der vorreformatorischen Epoche verbunden. Dies galt auch für die lateinische Sprache, die neben zahlreichen Introitus-Motetten zur Eröffnung des Gottesdienstes sowie dem gelegentlich in der Vesper musizierten Magnificat vor allem in Form einzelner zu höheren Festtagen dargebotener Teile des Messordinariums präsent blieb. Die überlieferten Agenden gewährten zudem Spielraum zur Kombination lateinischer Versionen und Intonationen mit deutschen Liedern wie «Allein Gott in der Höh sei Ehr». Während die Darbietung einer vollständigen musikalischen Missa einschliesslich des Credo in St. Thomas und St. Nikolai nicht üblich war und Bachs berühmte h-Moll-Messe deshalb in jedem Fall auf einen auswärtigen Anlass zurückging, finden sich in Bachs überliefertem Oeuvre sowie in den rekonstruierbaren Beständen seiner aus Werken deutscher und italienischer Komponisten zusammengesetzten Notenbibliothek etliche Sanctus-Vertonungen sowie Kyrie-Gloria-Paare (sogenannte Missae breves), die er für seine liturgische Praxis benötigte. Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei jene vier Kyrie-Gloria-Messen ein, die Bach in den späteren 1730erJahren zusammenstellte, wobei er weitgehend auf neubearbeitete Sätze aus deutschen Leipziger Kirchenkantaten sowie eine bereits in Weimar komponierte Kyrie-Vertonung zurückgriff. Bach optierte dabei für eine Gliederung aus einem gewichtigen mehrteiligen Kyrie-Tutti sowie einem in aus zwei umrahmenden Chorsätzen sowie drei eingeschlossenen Arien bestehenden Gloria, was den vier Messen einschliesslich der auf 1738 datierbaren Missa in G BWV 236 trotz ihrer heterogenen Vorlagen ein geschlossenes Gepräge verleiht.

Kyrie

1. Chor

Kyrie eleison,
Christe eleison,
Kyrie eleison.

Kyrie

Das Kyrie ist als motettische Chorfuge mit begleitenden Streichern und Oboen ausgearbeitet, wobei die weichen kantablen Bögen den eifernden Text der älteren Vorlage «Siehe zu, daß deine Gottesfurcht nicht Heuchelei sei» (BWV 179/1) rasch vergessen machen. Das in der Vorlage noch als zweiter Textgedanke «Und diene Gott nicht mit falschem Herzen» schroff abgesetzte zweite Thema erhält durch die Neutextierung als «Christe eleison» einen neuen Charakter, der die innere Einheit der drei Anrufungen und damit dieser Doppelfuge unterstreicht.

Gloria

2. Chor

Gloria in excelsis Deo
et in terra pax hominibus
bonae voluntatis.
Laudamus te,
benedicimus te,
adoramus te,
glorificamus te.

Gloria

Das aus der Reformationskantate «Gott der Herr ist Sonn und Schild» BWV 79 entwickelte Gloria entwickelt ohne deren dröhnende Hörner und Pauken federnde Leichtigkeit. Dass Bach auf das ausgedehnte Vorspiel zunächst verzichtet, rückt den zweistimmigen Vokaleinsatz in die Nähe einer an dieser Stelle traditionell zu erwartenden Intonation und profiliert die folgende Orchesterepisode als Gotteslob der Instrumente. Die Souveränität, mit der Bach seine Vorlage umgestaltet, macht deutlich, dass es ihm um die Neuaneignung und liturgische Nobilitierung eines kostbaren Materials und keineswegs um jene Arbeitserleichterung ging, die ihm die ältere Bachpublizistik noch unterstellte.

3. Arie — Bass

Gratias agimus tibi propter
magnam gloriam tuam.
Domine Deus, Rex coelestis,
Deus Pater omnipotens,
Domine Fili unigenite Jesu Christe.

Gratias

Bei der Verwandlung der Arie «Auf meine Zuversicht» (BWV 138/5) in das «Gratias agimus tibi» der Messe konnte Bach den Grundaffekt des vertrauenden Dankes und die Instrumentierung mit motivisch selbstbewusst agierenden Streichern beibehalten. Einmal mehr beeindruckt die Geschmeidigkeit, mit der Bach durch kleine Verschiebungen eine organische lateinische Deklamation sicherstellt.

4. Arie — Duett: Sopran und Alt

Domine Deus, Agnus Dei,
Filius Patris, qui tollis peccata mundi,
miserere nobis,
qui tollis peccata mundi,
suscipe deprecationem nostram.
Qui sedes ad dextram Patris,
miserere nobis.

Domine Fili

Das als verinnerlichtes Duett mit markantem Violinunisono angelegte «Domine Deus» entstand unter Austausch der tiefen Solostimme aus dem Sopran-Bass-Gebet «Gott, ach Gott, verlaß die Deinen nimmermehr» der Kantate BWV 79. Beginnend mit einem eingefügten Continuovorspiel hat Bach den Charakter des Satzes von kämpferischer Zuversicht in Richtung einer reflektierten Einfühlung in den heiligen Messetext objektiviert und damit die Intention der gesamten Werkreihe besonders gut hörbar gemacht.

5. Arie — Tenor

Quoniam tu solus sanctus,
tu solus Dominus,
tu solus altissimus Jesu Christe.

Qui tollis

Das nach e-Moll gerückte «Quoniam» hat in Bachs wagemutiger Neufassung kaum noch etwas mit dem anklagenden «Falscher Heuchler Ebenbild» der Vorlagenarie aus der Kantate BWV 179 gemein. Vielmehr sind die scharfen Streicherinterventionen verhalten in den Raum hinein fragenden Oboengesten gewichen, denen sich der Tenor mit feierlicher Anbetung anschmiegt.

6. Chor

Cum Sancto Spiritu
in gloria Dei Patris, amen.

Cum Sancto Spiritu

Dem aus der Kantate «Wer Dank opfert, der preiset mich» BWV 17 übernommenen «Cum Sancto Spiritu» hat Bach anstelle des ausgedehnten Orchestervorspiels eine geheimnisvoll verlangsamte Einleitung vorangestellt, die seine Kenntnis des zeitgenössischen katholischen Messen-Repertoires und seiner Vertonungstopoi verrät. Die in schweifenden Melismen vorangetriebene Chorfuge wird durch Tutti-Einwürfe immer wieder auf ihre Kernbotschaft zurückgeführt.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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