Wer da gläubet und getauft wird

BWV 037 // zu Himmelfahrt

für Sopran, Alt, Tenor und Bass, Vokalensemble, Oboe d’amore I+II, Streicher und Basso continuo

Die 1724 komponierte Himmelfahrtskantate BWV 37 schlägt gegenüber anderen Musiken zu diesem Festanlass verhaltenere Töne an, die jedoch die Verheissung der abschliessenden Zusagen Jesu besonders gut zur Wirkung bringen. Dementsprechend sind beginnend mit dem Eingangschor ihre Sätze rhetorisch sehr plastisch ausgearbeitet. Die Betonung des individuellen Bekenntnisses macht die zentrale Platzierung des verzierten Choralduetts «Herr Gott Vater, mein starker Held» zu einer ungewöhnlichen, aber schlüssigen Entscheidung. Es ist insofern weniger der unerreichbare Heiland, sondern der allen zugängliche Glaube, der in der Bassarie hörbar Flügel verleiht und so neues Leben verspricht – eine von Bach schnörkellos und doch unnachahmlich einladend vertonte Botschaft.

Video

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Lutzogramm zur Werkeinführung

Manuskript von Rudolf Lutz zur Werkeinführung
Download (PDF)

Akteure

Solisten

Tenor
Bernhard Berchtold

Bass
Matthias Helm

Chor

Sopran
Lia Andres, Simone Schwark, Susanne Seitter, Noëmi Sohn Nad, Stephanie Pfeffer, Jennifer Ribeiro Rudin

Alt
Antonia Frey, Francisca Näf, Lea Pfister-Scherer, Jan Thomer, Sarah Widmer

Tenor
Marcel Fässler, Manuel Gerber, Tobias Mäthger, Sören Richter

Bass
Jean-Christophe Groffe, Valentin Parli, Daniel Pérez, Philippe Rayot, Tobias Wicky

Orchester

Leitung
Rudolf Lutz

Violine
Lenka Torgersen, Ildikó Sajgó, Christine Baumann, Petra Melicharek, Dorothee Mühleisen, Judith von der Goltz

Viola
Martina Bischof, Matthias Jäggi, Sarah Mühlethaler

Violoncello
Maya Amrein, Daniel Rosin

Violone
Markus Bernhard

Oboe d’amore
Katharina Arfken, Ingo Müller

Fagott
Giovanni Battista Graziadio

Cembalo
Thomas Leininger

Orgel
Nicola Cumer

Musikal. Leitung & Dirigent

Rudolf Lutz

Werkeinführung

Mitwirkende
Rudolf Lutz, Pfr. Niklaus Peter

Reflexion

Referentin
Heidi Eisenhut

Aufnahme & Bearbeitung

Aufnahmedatum
21.05.2021

Aufnahmeort
St. Gallen (Schweiz) // Olma-Halle 2.0

Tonmeister
Stefan Ritzenthaler

Regie
Meinrad Keel

Produktionsleitung
Johannes Widmer

Produktion
GALLUS MEDIA AG, Schweiz

Produzentin
J.S. Bach-Stiftung, St. Gallen, Schweiz

Zum Werk

Textdichter

Erstmalige Aufführung
18. Mai 1724, Leipzig

Textdichter
Markus 16,16 (Satz 1); Philipp Nicolai (Satz 3); Johann Kolrose (Satz 6); Unbekannt (Sätze 2, 4, 5)

Text des Werks und musikalisch-theologische Anmerkungen

1. Chor

«Wer da gläubet und getauft wird, der wird selig werden.»

 

1. Chor

Für den Eingangschor hat der unbekannte Librettist aus dem Evangelium des Himmelfahrtstages (Markus 16, 14–20, das den Missions- und Taufbefehl sowie die Himmelfahrt umfasst) nur den einen Vers 16 ausgewählt, welcher der ganzen Kantate den Namen und ihr Thema gibt. Der Himmelfahrtsbericht des Markustextes wie auch jener der Epistel (Apostelgeschichte 1, 1–11) werden in der Kantate nicht aufgenommen. Bachs elegant fliessende Spruchvertonung kombiniert eine markante Eröffnungsgeste mit Quartaufsprung mit einem sanft herabsinkenden Motiv, sodass sowohl die strenge Forderung als auch die Süssigkeit des Evangeliums pr.sent sind. Später tritt eine aus der Instrumentaleinleitung übernommene Motivvariante hinzu, deren raschen Tonrepetitionen man den Motivkern des Liedes «Dies sind die heilgen zehn Gebot» und damit die für Luther so wichtige Einbeziehung des alttestamentarischen Gesetzes in die christliche Verkündigung ablauschen könnte.

2. Arie — Tenor

Der Glaube ist das Pfand der Liebe,
die Jesus für die Seinen hegt.
Drum hat er bloß aus Liebestriebe,
da er ins Lebensbuch mich schriebe,
mir dieses Kleinod beigelegt.

2. Arie — Tenor

In der Tenorarie wird der Glaube als Pfand der Liebe Jesu zu den Seinen besungen und als Kleinod bezeichnet, das bei Einschreibung ins Buch des Lebens beigelegt werde. Dass die quellenmässig überlieferte Form als Duett nur von Tenor und Continuo nicht der Bach‘schen Konzeption entsprach, wurde bereits 1960 vom Herausgeber Alfred Dürr vermutet. Allzu lapidar wirken angesichts der ausgedehnten Ritornellpassagen die knappen Continuoformeln. Der energisch deklamierenden Singstimme tritt darum eine rekonstruierte Violinpartie zur Seite.

3. Choral — Duett: Sopran, Alt

Herr Gott Vater, mein starker Held!
du hast mich ewig vor der Welt
in deinem Sohn geliebet.
Dein Sohn hat mich ihm selbst vertraut,
er ist mein Schatz, ich bin sein’ Braut,
sehr hoch in ihm erfreuet.
Eia, eia!
Himmlisch Leben wird er geben mir dort oben;
ewig soll mein Herz ihn loben.

3. Choral — Duett: Sopran, Alt

Beim Sopran-/Alt-Duett handelt es sich um die integrale 5. Strophe des Liedes «Wie schön leuchtet der Morgenstern» von Philipp Nicolai aus dem Jahr 1599. Inhaltlich ist es ein Dankgebet in der Sprache der damaligen auf die Kirche und den Himmel bezogenen Liebesmystik. Die hymnisch verzierte Kanonanlage der beiden Singstimmen wird durch eine bewegliche Generalbassstimme begleitet, die die Kerntöne der Liedmelodie umspielt.

4. Rezitativ — Bass

Ihr Sterblichen, verlanget ihr
mit mir
das Antlitz Gottes anzuschauen?
So dürft ihr nicht auf gute Werke bauen;
denn ob sich wohl ein Christ
muß in den guten Werken üben,
weil es der ernste Wille Gottes ist,
so macht der Glaube doch allein,
daß wir vor Gott gerecht und selig sein.

4. Rezitativ — Bass

Das als Accompagnato ausgestaltete Bassrezitativ betont die paulinische und lutherische Lehre, dass Werke (und das heisst: fromme Übungen und gute Taten) nicht zur Rechtfertigung und zum Heil führen, dass sie dennoch für das Glaubensleben und die Ethik eine wichtige Rolle spielen.

5. Arie — Bass

Der Glaube schafft der Seele Flügel,
daß sie sich in den Himmel schwingt,
die Taufe ist das Gnadensiegel,
das uns den Segen Gottes bringt;
und daher heißt ein selger Christ,
wer gläubet und getaufet ist.

5. Arie — Bass

In der Bassarie wird die Thematik weitergeführt und mit Bildern und Sätzen der Tauftheologie vertieft: Der Glaube schaffe der Seele Flügel, die Taufe sei das «Gnadensiegel», und so wird der Leitsatz des Evangeliums aus Markus 16, 16 nochmals zusammengefasst. Das Schlüsselwort «Glaube» verbindet beide Arien der Kantate; der Duktus ist hier aber trotz reicherer Besetzung schroffer und im Wechsel knapper Tutti-Einwürfe und verzückter Fortspinnungen kämpferisch befreit. Die im Mittelteil textlich bereits geleistete Abrundung durch den neuerlichen Verweis auf Glauben und Taufe ermöglicht den Verzicht auf ein ausgedehntes Dacapo.

6. Choral

Den Glauben mir verleihe
an dein’ Sohn, Jesum Christ, mein Sünd mir auch
verzeihe allhier zu dieser Frist.
Du wirst mir nicht versagen, was du verheißen hast,
daß er mein Sünd tu tragen und lös mich von der Last.

6. Choral

Der abschliessende Choral fasst die tragende Gewissheit zusammen in einem Gebet, das der 4. Strophe des Liedes «Ich dank dir, lieber Herre» Johann Kolroses aus der Zeit um 1535 entspricht.

Quellenangaben

Alle Kantatentexte stammen aus «Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke», herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Serie I (Kantaten), Bd. 1–41, Kassel und Leipzig, 1954–2000.
Alle einführenden Texte zu den Werken, die Texte «Vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk» sowie die «musikalisch-theologische Anmerkungen» wurden von Anselm Hartinger und Pfr. Niklaus Peter sowie Pfr. Karl Graf verfasst unter Bezug auf die Referenzwerke: Hans-Joachim Schulze, «Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs», Leipzig, 2. Aufl. 2007; Alfred Dürr, «Johann Sebastian Bach. Die Kantaten», Kassel, 9. Aufl. 2009, und Martin Petzoldt, «Bach-Kommentar. Die geistlichen Kantaten», Stuttgart, Bd. 1, 2. Aufl. 2005 und Bd. 2, 1. Aufl. 2007.

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